Upstream Color

Am 8. Mai 2013 in film

Shane Carruths Primer war ein kleines aber schweres Meisterwerk. Ich mag es, wenn Filme in meinem Kopf Schleifen drehen. Bei Primer endete das mit einem Seemanns-Knoten und einer Woche Grübeln und Nachdenken über das Gesehene. Ein wertvolles Gut, das nur wenig Filme zu vermitteln vermögen. Upstream Color, Carruths aktuelles und in Sachen Cinematographie weit fortgeschritteneres Werk, gibt sich gar nicht erst mit Knoten ab, weil man dafür ja überhaupt erstmal die losen Enden erkennen müsste.

Die einzige Möglichkeit für mich, mir einen Reim aus dieser großartigen Komposition aus wunderschönen Bildern und bohrendem Soundtrack zu machen, war loszulassen. Meine Kombinationsgabe stand temporär auf Off und mein restliches Gehirn stand auf Input. Nur so war es mir möglich den Film im Nachhinein als Ganzes zu begreifen. Und ihn zu lieben. Das ist alles andere als einfach, denn die Grundvoraussetzungen, einen Film zu lieben, zum Beispiel durch seine liebenswerten oder tiefgründigen Figuren, sind hier gar nicht erst gegeben. Keinem der Charaktere kann ich auch nur einen Millimeter hinter die Fassade schauen. Sie sind flach, blass und grau. Aber sie passen sich dem Gesamtbild des Films dadurch perfekt an.

Die Tatsache, dass mein Kopf bereit war, das alles mit sich machen zu lassen und ich zu keiner Zeit die Flinte ins Korn werfen wollte, ist die eigentliche Errungenschaft des Films. Denn Upstream Colors Hauptthema, Symbiose, bezieht sich nicht nur auf die Handlung, sondern auch auf die Meta-Ebene, in der die Symbiose der Szenen der Schlüssel zum Verständnis ist.

Das bedeutet nicht, dass alle meine Fragen zur Handlung von Upstream Color beantwortet wären. Ganz im Gegenteil. Die Ungewissheit, in der mich dieses Werk zurücklässt ist aber eine, die gar nicht so sehr schmerzt. Vielmehr fühle ich mich in ihr geborgen, denke ich an die menschlichen Abgründe, die mein Kopfkino seit dem Anschauen stetig dazu interpretiert. Eigentlich will ich nämlich gar nicht wissen, zu was die Figuren hier noch alles in der Lage wären.

Menschliche Abgründe zu erkunden und den Zuschauer dann damit stehen zu lassen, scheint sich Carruth also auf seine Fahne als Filmemacher geschrieben zu haben und ich bin sehr, sehr gespannt, was mich diesbezüglich noch so alles erwartet. Eines steht aber jetzt schon fest: es wird höchstwahrscheinlich wieder so einzigartig, wie es Primer und Upstream Color sind. Ein Gewinn für das Medium Film, dieser Mann. Ein Gewinn.