Unravel

Am 17. April 2016 in spiel

Der Graben zwischen Spielern und denen, die die Spiele vertreiben ist groß. Sehr groß. Im Falle von Electronic Arts erscheint er mir außerdem mit Schäferhunden, Nato-Draht und Selbstschussanlagen bestückt zu sein. Und immer, wenn man eine Lanze für EA bricht, machen sie Dinge wie Origin, Online-EA-Konto-Zwang oder sie verkünden großspurig alle Season-Pässe abzuschaffen, um dann das inhaltlich identische Premium-Modell einzuführen. Irgendwie fühle ich mich als Spieler da des öfteren verarscht. Da sind sie mittlerweile natürlich alle gleich, aber bei EA hatte ich in der Vergangenheit nicht das Gefühl, dass da irgendjemand oberhalb der Postabteilung überhaupt noch selbst Videospiele zockt. Das würde aber helfen.

Würde ich an Karma glaube, wäre ich mir sicher, dass Unravel ein Produkt dessen ist. Natürlich wäre das dann die Idee eines EA-Business-Kaspers gewesen, um deren Karmakonto für das nächste Battlefield Premium Super DLC Plus auszugleichen, aber hey: Man nimmt bei qualitativ guten Spielen, was man kriegt. Und Unravel ist großartig.

Es sieht so wunderschön aus, dass ich mich am liebsten in den skandinavischen Settings mit viel Holz und Natur verlieren möchte und nicht selten genau das tue. Dann steht der kleine Yarny, ein Geschöpf aus roter Wolle, bloß noch so da, weil ich diese wahnsinnig detailreiche Umgebung und die kleinen bis großen Tierchen, die in ihr herumwuseln bewundere, während mich die stimmungsvolle Musik so richtig schön einlullt.

Unravel ist aber mehr als eine hübsche Technik-Demo. Es ist gespickt mit Rätseln, die dank der ausgeklügelten und speziellen Spielmechanik, trotz langjähriger Spielerfahrung meinerseits, immer wieder zum Grübeln einladen. Yarnys Wollfaden ist nämlich stets an einer Stelle festgebunden und verliert von dort an mit jedem Schritt ins Level-Innere mehr und mehr seiner Wolle, bis er nur noch ein Garn-Skelett ist und deshalb nicht mehr weiter voran kommt. Deswegen muss ich jeden Schritt planen, um mit genügend Wolle auf dem Konto zum nächsten Knäuel zu gelangen, an dem sich Yarny dann wieder aufwickeln kann, um weiter voran zu kommen.

Zwischen den Knäulen, die auch als Rücksetzpunkte dienen, falls Yarny verunglückt, muss ich Hindernisse erklimmen, Puzzle lösen und darf optional nach versteckten Knöpfen suchen. Und immer wieder über die Umgebung, die tolle Physik des Spiels und die reizenden Animationen Yarnys staunen.

Dass mir diese bisher überaus positive Spielerfahrung (von einigen fieseren Sprungpassagen mal abgesehen) im letzten Drittel des Spiels noch durch irgendwas richtig kaputt gemacht werden könnte, mag ich derzeit nicht glauben. Ich freue mich jedenfalls schon richtig aufs Weiterspielen. Und irgendwie verspüre ich plötzlichen einen starken Drang, zu Ikea zu fahren. Hm.