Tote Namen

Am 18. Juli 2008 in prosa

Er wachte auf.
Unsicher blickte er um sich. Bewegen konnte er sich nicht. Es musste morgens sein. Es war bestimmt morgens. Ein kalter Morgen. Er hatte schon eine Menge beschissener Morgen erlebt. Einige mit Kater, einige mit einer Grippe und einige ohne eine richtige Nacht davor. Das hier war bedeutend beschissener.
Er wartete auf sein Leben. Das Leben, das jeden Moment vor seinem inneren Auge vorbeischnellen müsste und ihm mit gedrückter Bildsuchlauftaste noch einmal die schönen und harten Zeiten, die süßen und bitteren Erfahrungen, die glücklichen und traurigen Momente ins Gedächtnis rufen würde. Einen Teufel tat es. Nicht einmal ein Licht war da. Er hatte nie Angst vor dem Tod, hatte sich schon früh damit abgefunden und sich oft überlegt, wie es wohl sein würde. Man erzählte sich von grellem Licht, von umhüllender Wärme und eben von dem Leben, das wie ein Film noch einmal abgespielt wird. Aber nichts … scheiße kalt war es und er wurde einfach nur müde. Ihm fielen die Augen zu, wie bei einem Sekundenschlaf oder kurz vor dem Wirken einer heftigen Narkose. Er kannte das Gefühl von seiner Blinddarm OP. Verdammter Mist, dachte er bei sich. Da denkt man sein ganzes Leben darüber nach, was einen Tolles erwartet wenn man stirbt, und dann fühlt es sich an wie eine beschissene Blinddarm OP.
Er war ein wenig sauer, was man ihm kaum verübeln konnte. Nicht nur wegen des enttäuschenden Gefühls. Es lag auch ein bisschen an der Kugel in seinem Kopf. So richtig gesessen hatte die anscheinend nicht, sonst würde er sich jetzt nicht so über den anstehenden Tod ärgern.
Gedacht war die Kugel wohl dem Lindern der Leiden, die ihm eine andere Kugel in seinem Bein zufügte. Als man ihm anbot, seine Leiden zu vermindern, hatte er sich das ein wenig anders vorgestellt. Etwas positiver eben. Mit einer Kugel im Bein vor dem örtlichen Krankenhaus rausgeschmissen werden oder so etwas in der Art. Wie naiv, dachte er bei sich.
Scheiße kalt war es und nun konnte er seine Augen kaum noch aufhalten. Mit einem gewaltigen Zucken rüttelte er sich wach. Nein, dachte er bei sich. Nein, noch nicht. Wenn er jetzt einfach nicht ans Sterben denken würde, wenn er sich einfach noch ein Weilchen zusammenreißen würde, dann könnte vielleicht Hilfe herbeieilen. Mit nur ein wenig Glück vielleicht. Er war immer ein Glückspilz. Der glückliche Zufall war stets sein Begleiter. Wo ist der Rotzbengel, wenn man ihn braucht!?
Vielleicht könnte er es ja sogar selbst schaffen. Er würde sich mit letzter Kraft, aber nicht mit allerletzter, auf die Seite werfen und durch die Tür zum Gang hinaus robben. Da gäbe es vielleicht irgendwo ein Telefon. Er würde den Leuten beschreiben wie es um ihn steht, eben recht aussichtslos, und wo er sich aufhielt. Ein gewiefter Polizist würde vielleicht sogar den Standort des Telefons ausfindig machen können. Dann würde man einen Notarztwagen bestellen, und glücklicherweise kannte er sogar seine Blutgruppe, sodass auch die nötigen Blutkonserven da wären. Man würde ihn künstlich beatmen, ihn in eine warme Decke hüllen, noch im Krankenwagen seine Wunden behandeln und ihn dann im Krankenhaus operieren. Er würde dann irgendwann aufwachen und über diesen ganzen Alptraum lachen.
Er wachte auf.
Beim Anblick der riesigen Pfütze Blut fragte er sich, ob er wirklich jemals soviel davon in seinem Körper hatte. Wo sollte das überall gewesen sein. Irre.
Er schlief ein.

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