The Hateful 8

Am 2. Februar 2016 in film noir

Quentin Tarantino lädt zu einer Runde Cluedo in der Abgeschiedenheit einer verschneiten Berghütte. Und zwar mit einem Dialogfilm, wie ihn sich nur ein abgebrühter Indie-Regisseur seines Formats leisten kann. Lange Szenen, lange Unterhaltungen, wenig Schauplätze.

Der Motor sind eineinhalb Stunden Dialoge und Monologe, die mir zu keiner Minute langweilig wurden und denen ich gerne noch eine weitere Stunde hätte zuhören können. Das liegt in erster Linie am hervorragendem Ensemble dieses Kammerspiels. Über allem und ganz oben auf der Spitze seiner Karriere thront Samuel L. Jackson, der mir schon lange nicht mehr so gut in einer Rolle gefallen hat. Tim Roth spielt daneben überraschend glaubwürdig den Christoph Waltz und Michael Madsen bloß wieder den Michael Madsen.

Das Drumherum wirkt tatsächlich wie die Western-Variante von John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt, nur halt ohne Ding, dafür aber ebenfalls mit Kurt Russel, tonnenweise Schnee, miesem Wetter und zwei Handvoll Typen, die sich gegenseitig keinen Meter über den Weg trauen.

Bis zur Hälfte des Films malte ich mir noch aus, wie großartig es sei, wenn das hier der erste Tarantino-Film wäre, in dem einfach mal niemand stirbt. Relativ kurze Zeit später wurde ich abrupt aus diesem sehr vielversprechenden, zugegebener Weise aber auch naiven Gedanken wieder herausgerissen.

Mit einer völlig übertriebenen Darstellung stumpfer Gewalt, die für den Film leider mindestens so überflüssig ist wie Michael Madsen. Fast habe ich das Gefühl, dass sich der Meister hier vor der Art Zuschauer verneigen möchte, die er mit seinem Kino über die Jahre so mühevoll großgezogen und desensibilisiert hat, während sie ihn zu einer Kultfigur erhoben. Vielleicht ist das hier die finale Prüfung: Lachen Menschen im Kino auch dann noch lauthals, wenn auf der Bühne eimerweise Blut gekotzt wird? Spoiler: Ja, tun sie.

Eine witzige Beobachtung zu dieser These: Als ich Reservoir Dogs in den Neunzigern im Zuge einer Harvey Keitel-Filmreihe im Kino sah, verließen gut ein halbes Dutzend Zuschauer den Saal, als Kirk Baltz das Ohr abgeschnitten wurde. Jetzt, zwanzig Jahre später in der Vorstellung von The Hateful 8, verließen in den ersten eineinhalb Stunden wieder gut ein halbes Dutzend Zuschauer den Saal. Vielleicht weil bis dahin immer noch kein Ohr abgeschnitten wurde. Faszinierend!

Trotz allem ist The Hateful 8, mit über den Tellerrand gerichtetem Blick, wieder ein komplett anderer Film des Regisseurs, der sich vielleicht noch am ehesten tatsächlich noch mit Reservoir Dogs vergleichen lässt. Acht derart unterschiedliche, aber allesamt unkonventionelle Werke sind eine verdammt große Leistung und ein beachtliches Lebenswerk. Das muss man auch als nicht so großer Fan anerkennen.

Ich sage euch, was ich mache: Zum Erscheinen des Films on demand, werde ich ihn mir noch einmal und zwar in schwarzweiß anschauen! Ich bin mir sicher, das kompensiert den pubertären Einsatz von Kunstblut und ich wette, es schadet diesem Film kein Stück.

Es ist doch möglich, bei modernen TV-Geräten die Farbe herauszudrehen oder etwa nicht?