Snowpiercer

Am 13. Juli 2014 in film

Die folgenden Worte kommen von einem, der den Comic Le Transperceneige leider nie gelesen hat. Vielleicht ändert sich das ja noch. Jetzt, nachdem ich Bong Joon-hos Interpretation des Stoffes gesehen habe. Wenn ihr also wissen wollt, ob Snowpiercer respektvoll mit seiner Vorlage umgeht, müsst ihr woanders lesen gehen.

Eines gleich vorweg: Wir haben die US-Fassung von Snowpiercer gesehen, die derzeit für 7 Dollar über den US-iTunes Store geschaut werden kann. Gerüchten zufolge haben die Weinsteins hier die Schere angelegt und der koreanischen Nebenrolle Kang-ho Song die englische Sprache in den Mund gelegt. Nun, diesbezüglich glaube ich nach der Sichtung diesem Artikel auf Slashfilm, der besagt, das es nur eine weltweite Schnittfassung gibt. Denn zum einen ist der Film gegen Ende gefühlt zwanzig Minuten zu lang und zum anderen spricht Kang-ho Song wirklich nur koreanisch mit Untertiteln. Alles gut. Kommen wir zum wichtigen Teil:

Meine Fresse, ist Snowpiercer ein Brett!

Ich habe ja mit einigem gerechnet, aber das hier übertraf meine Erwartungen bei weitem. Chris Evans mag ich seit London ja eigentlich sehr, muss aber immer weggucken, wenn der das Captain America Kostüm anhat. Bei Snowpiercer ist er Curtis und macht seine Sache gut. Vor allem, weil er den anderen nicht im Weg steht. Zum lang gezogenen Ende hin, das für koranische Kino-Verhältnisse aber immer noch als Zeitraffer durchgehen würde, leiht er sich viel zu oft das Gesicht von Kollege LaBeouf und ich wünschte mir ein-, zweimal, der olle Til Schweiger würde mal auf einen Besuch vorbeikommen.

Davon ab macht Snowpiercer aber so vieles so richtig. Die Stimmung in der Zwei-Klassengesellschaft in einem Zug nach dem Ende der Welt ist so herrlich abstrakt und teilweise surreal dargestellt, dass man meinen könnte, Marc Caro wäre wieder aus der Schockstarre erwacht. Ist er aber nicht (Also Herr Bong, schnappen Sie ihn sich und machen Sie bitte als nächstes eine Verfilmung von (http://en.wikipedia.org/wiki/Railsea) China Miévilles Railsea). Danke schön!). Tilda Swintons, im ersten Moment eigenartige Rolle trägt ebenfalls viel zur seltsamen, aber eben auch sehr passenden Stimmung in der Zugwelt bei. Ihre Darstellung der Mason ist erneut eine Höchstleistung und ein weiterer Beitrag zum Phänomen Swinton, das wir vielleicht erst irgendwann in ein paar Jahren vollständig begreifen. Ich freue mich darauf.

Das großartigste an Snowpiercer: Niemand muss jetzt noch einen Bioshock Film machen.

Ja. Weil mir dieser Zug und seine von Drogen geblendete Gesellschaft auf den Pfaden eines Utopias die ganze Zeit über wie die fiktive Stadt Rapture vorkam. Ein zum Scheitern verurteiltes offizielles Filmprojekt zum Thema wird also nicht mehr gebraucht. Lesen Sie den letzten Satz bitte laut und machen dazu die Handbewegung des alten Ben Kenobi.

Nach eineinhalb Stunden rasanter Action zieht Bong dann, bildlich gesprochen, die Notbremse und der Film nimmt danach auch nie mehr richtig Fahrt auf. Es gilt dann Tempo 30. Vielleicht ist es angesichts des dann folgenden Twists ein Vorteil, den Comic nicht gelesen zu haben. Über die letzten Minuten des Films kann man sich streiten. Ich glaube, das ist eine Art Virus, den man sich einfängt, wenn man als internationaler Regisseur nach Hollywood geht. Immerhin hat Bong Joon-ho da nur eine leichte Erkältung und nicht eine ausgewachsene Grippe, wie etwa Roland Emmerich.

Den Film gibt es, wie eingangs erwähnt, derzeit im US iTunes Store zu leihen und zu kaufen. Leider gezoomt und angeschnitten auf 16:9. Das ist unnötig und vielleicht ein Grund, auf die deutsche Blu-ray im September zu warten. Dann solltet ihr aber spätestens zuschlagen.