Regen

Am 14. Oktober 2012 in prosa

Die Luft riecht wunderbar nach Regen. Es ist herrlich still. Ich blicke vom Boden hoch auf die Fensterfront auf dem Dach gegenüber. Meine Hände umklammern noch immer das Neuner-Eisen. So, wie sie es seit dem Tag an der Zugbrücke taten. Niemand von uns hat seine Waffen seitdem aus der Hand gelegt. Die Angst, mit leeren Händen überrascht zu werden, weicht nicht von unserer Seite. Ich hole aus, schlag zu. Die Glasfront auf dem Dach gegenüber zerbricht mit lautem Scheppern. Bingo.

Unten auf der Straße fangen die Untoten an zu schreien. Ich umklammere das Eisen fester. Ich muss an den Dicken denken. Das Letzte, was er fest umklammert hat, war das Handgelenk des weinenden Mädchens, dass wir in einem Lagerhaus gefunden haben. Eine Hexe. Seine Hand umklammert wahrscheinlich immer noch ihr Handgelenk. Den Rest haben wir zusammen mit seinen persönlichen Sachen vergraben. Niemand von uns schläft seitdem. Die Angst hält uns wacher als jeder Kaffee.

Ich lege mir einen neuen Ball zurecht. Leuchtend rot. Mag ich. Zwei Scheiben sind in der Glasfront gegenüber noch unversehrt. Ich hole aus, ein Schrei dringt aus der Häuserschlucht zu mir herauf - ich zucke zusammen, schlage daneben. Ich hasse das. Nicht mein Tag heute. Ich greife in den Eimer mit den Golfbällen und muss zu meiner Enttäuschung feststellen, dass nur noch ein Ball da ist. Ein Ball, zwei Scheiben. Fuck! Gibt’s beim Golf einen Split?

Hinter mir fliegt die Tür zum Dach auf. Oh, Gott. Die Studentin. Sie fuchtelt aufgeregt mit dem Brecheisen vor meinem Gesicht herum. Sie mag nicht, wenn ich auf dem Dach Golf spiele. Neid, sag ich. Mit dem Brecheisen kann man eben keine Bälle auf Scheiben schießen. Pech gehabt, Kleine.

Moment, an ihrem Brecheisen hängen Hautfetzen. Ich tausche mein genervtes Gesicht gegen das fragende. Ein Blick in ihrs genügt. Zombies! Unser Versteck ist aufgeflogen. Die Treppe, schnell. Wir stürmen das Treppenhaus runter in den Gemeinschaftsraum. Überall liegen erschlagene Untote. Fuck! Das Fenster! Sie haben anscheinend die Bretter am Fenster in der Küchenecke durchbrochen. Verdammte Mistviecher! Meine beiden Mitstreiter packen eilig ihre Sachen. Ich umklammere mein Neuner-Eisen. Alles, was ich brauche. Wir rennen hinaus auf die Straße.

Das Haus gegenüber scheint unversehrt, sagt die Studentin. Bis auf die Scheiben der Glasfront auf dem Dach, denke ich bei mir. Gut einhundert Meter, schätze ich. Wir laufen los. Die Tür. Wir laufen zur Tür. Zirka zwei Dutzend Zombies sammeln sich hinter uns im alten Verschlag. Die Tür. Wir laufen weiter zur Tür. 50 Meter rechts davon stapelt sich alter Müll. Die beiden laufen zur Tür. Ich laufe zum Müll. Sie drehen sich zu mir um, schauen mich verwundert an. Ich erreiche den Müll und muss grinsen.

Vor mir aus dem Müllberg erhebt sich ein faulender Untoter. Ich stehe wie angewurzelt da. Drehe mich zur Tür um und blicke in zwei Fragezeichen. Mein Neuner-Eisen erhebt sich in die Luft und fällt. Der poröse Schädel gibt ohne großen Widerstand nach. Gehirn fliegt mir ins Gesicht. Ich wische mir die Augen trocken und und blicke runter zum Abfall. Ich bücke mich und hebe den leuchtend roten Golfball auf, drehe mich um, winke meinen Begleitern und stoße zu ihnen.

Sie ist außer sich vor Wut. Neid, denke ich bei mir. Ein Golfschläger ohne Golfball ist eben auch nur ein Brecheisen. Wir verbarrikadieren die Tür. Ich denke, ich gehe jetzt Golf spielen.