Pokémon Go

Am 10. Juli 2016 in spiel

Aufgeregt nähern meine Tochter und ich uns den hängenden Autos in Zement am Raschplatz, mitten in Hannover. Genau an dieser Stelle befindet sich nämlich eine virtuelle Arena im Spiel Pokémon Go und sie gehört in diesem Moment dem blauen Team. Noch. Entschlossen zücke ich das iPhone, um für unserer rotes Team die Arena zu übernehmen, als es genau in diesem Moment die Farbe wechselt. Plötzlich thront dort ein Tauboss mit einer Stärke von über 500. Es gehört dem gelben Team. Meine Tochter und ich haben auch ein Tauboss, allerdings nur mit einem Level von 400 und damit wohl kaum noch eine Chance. Ich echauffiere mich laut, was das denn jetzt soll, woraufhin ein junger Mann mit Smartphone in der Hand neben mir stehend hämisch lacht. Es ist offensichtlich der Besitzer des Tauboss mit der Stärke 500 und neuer Arena-Champion am Hannover Raschplatz. Er entfernt sich. Der Sack!

Wahrscheinlich hätte ich aber eh keinen Erfolg gehabt, den vieles funktioniert an Pokémon Go bisher noch mehr schlecht als recht. Wie stark das zu bewerten ist, sei angesichts eines noch nicht erfolgten offiziellen Starts hierzulande erst einmal dahingestellt. Irgendwann in diesen Tagen soll es aber soweit sein und bis dahin müssen noch viele Bugs behoben werden. Weil Pokémon Go aber weltweit eines der wohl meist erwarteten Spiele sein dürfte, da es erstens ein interessantes Konzept und zweitens das allererste Mal ist, dass sich Pokémon-Spiele nicht im natürlichen Habitat einer Nintendo-eigenen Spielkonsole tummeln, sind viele nicht mehr bereit noch länger zu warten.

Da sind Softstarts, also das schrittweise Freigeben eines Spiels in verschiedenen Ländern, um einen all zu großen Ansturm auf die Server zu verhindern, sicherlich gut gemeint, in der Realität allerdings bloß noch Wunschdenken. Denn auch ohne einen offiziellen Start hierzulande gibt es Möglichkeiten dieses Spiel zu installieren. Zum Beispiel über ein ausländisches iTunes-Konto oder ein frei zugängliches Entwickler-Paket der App für Android-Geräte. Kein Wunder also, dass das mit den Servern derzeit nur sporadisch und wenn, dann nur sehr schlecht funktioniert.

Wenn es aber funktioniert, macht zumindest das Sammeln der kleinen Monster großen Spaß. Das Konzept des Spiels vermischt die Idee des geistigen Vorgängers Ingress mit dem Charme der japanischen Taschenmonster. Kurz und knapp: Pokémon Go nutzt original Kartenmaterial, bestimmt via GPS unsere Position und setzt uns beim Wandern oder Spazierengehen gelegentlich mehr oder weniger seltene Pokémon in den Weg. Diese können wir mit einem Minispiel relativ leicht einfangen. Sie können unterschiedliche Attacken und Stärken aufweisen, dürfen mit den entsprechenden Mitteln von uns weiterentwickelt oder verstärkt werden und wir können sie in den eingangs erwähnten Arenen auf die Pokémon anderer Spieler ansetzen. Dabei repräsentieren wir eins von drei Teams: Rot, Gelb oder Blau. Das eigentliche Spiel ist noch viel komplexer und leider alles andere als intuitiv. Mittlerweile gibt es aber genug Anlaufstellen im Netz, um die Eigenarten und Möglichkeiten des Spiels nachzulesen.

Mal mehr und mal weniger markante Wegmarken bilden sogenannte Pokéstops oder eben Arenen mit einem nicht immer aktuellen, repräsentativen Foto. Pokéstops geben Resourcen wie Pokébälle, mit denen wir die kleinen Monster auffangen oder Heiltränke, mit denen wir sie nach verlorenen Kämpfen wieder aufpäppeln, frei. Witzig: Das Firmenschild meines Arbeitgebers ist eine Arena in Pokémon Go geworden. Direkt vor meinem Bürofenster bin ich seit einigen Tagen Zeuge, wie immer wieder Teenager mit dem Blick aufs Smartphone einen Stop vor eben diesem Schild auf ihrer Pilgerreise durch die Stadt einlegen. Pokémon Go wird, das ist jetzt schon klar, einen gewaltigen Eindruck hinterlassen.

Das eigentliche Ziel ist es natürlich, den Pokédex, also das Verzeichnis mit derzeit 150 Ur-Pokémon vollständig zu füllen. Und das macht richtig Spaß. Die vielen Abstürze und die holzige Kampf-Mechanik bei den, immerhin optionalen, Kämpfen in der Arena dagegen weniger. Aber: Der nicht von der Hand zuweisende, sehr positive Nebeneffekt der Monsterjagd ist eindeutig die frische Luft beim Zocken. Ein freiwilliger zweistündiger Spaziergang mit meiner Tochter, die normalerweise schon nach zehn Minuten unmissverständlich zu verstehen gibt, dass sie keine Lust mehr auf noch mehr Bewegung hat, spricht hier Bände. Ich bin gespannt, wie lange das anhält.

Einige Stunden nach unserer Niederlage am Hannover Raschplatz stehen meine Tochter und ich im verschlafenen Örtchen Osterwald vor einer Kirche. Nein, wir haben nicht urplötzlich zu irgendeinem Glauben gefunden, sondern sind wegen der virtuellen Arena dort, die sich genau auf den geografischen Koordinaten der Kirche befindet. Die Arena ist nur mäßig gut bewacht und wir lassen sogleich unser Tauboss auf ein Traumato los, dessen Kraftpunkte wir im darauffolgenden Kampf mühelos dezimieren. Besiegen lässt es sich aber dennoch nicht, weil die App genau in diesem Moment nicht mehr richtig läuft. Dann stürzt das Spiel ab. Naja, vielleicht beim nächsten Mal.