Shadow of the Colossus

Am 6. Februar 2009 unter spiel

Wie bitte? Da preise ich seit Jahren bei Freunden, Verwandten und in diversen Internetforen das Spiel Shadow of the Colossus als eines meiner absoluten Favoriten an und dann habe ich dazu nie eine Rezension verfasst? Das soll sich hiermit ändern. Denn wie auch ich mich im Jahre 2005 auf der Games Convention beim ersten Anblick der Demo zum Spiel, ob der technischen Defizite verschreckt aus dem Staub gemacht habe, geht es mit Sicherheit auch vielen anderen Spielern. Ein Fehler, sage ich. Ein Fehler.

Der junge Wander reitet mit seiner verstorbenen Liebsten im Arm zielstrebig ins verfluchte Land. Nicht ohne Grund, denn er plant seine leblose Begleiterin mit Hilfe höherer Kräfte, die scheinbar immer noch in der Gegend am Werke sind, wieder zum Leben zu erwecken. Zum Unbehagen eines Priesters, der Wander mit einer Handvoll bewaffneter Männer verfolgt. Der Junge jedoch hat einen großen Vorsprung und erreicht den zentralgelegenen Tempel, lange vor seinen Verfolgern. Hier weckt er mit einem magischen Schwert das Mysterium Dormin, das mit düsterer Stimme zu Wander spricht. Es verspricht ihm, seine Begleiterin wieder zum Leben zu erwecken, wenn er für ihn sechzehn Kolosse im verfluchten Land aufspürt und zur Strecke bringt. Wander gehorcht blind und macht sich mit seinem treuen Pferd Argo und dem magischen Schwert auf die Suche nach den Giganten. Und beginnt sich auf seinem Feldzug immer stärker zu verändern.

Es ist eine Schande, dass dieses Spiel für die Playstation 2 erschienen ist. Die ist nämlich hoffnungslos mit dem Titel überfordert. Die wackelige Kamera und die verwaschene Steuerung, die einen zeitweise fast in den Wahnsinn treiben, wären nicht halb so schlimm, würde das Spiel eine konstante und vor allem höhere Bildrate halten können. Schade, denn das Spielerlebnis, das all diejenigen erleben dürfen, die sich trotz dieser Probleme auf den Titel einlassen, ist einmalig, bezaubernd und kolossal. Der Spieler reitet durch ein riesiges offenes Land, das neben den erwähnten sechzehn versteckten Kolossen nur wenig Leben aufweisen kann. Kleinere Vögel und Adler, Eidechsen, hier und dort mal eine Schildkröte. Und trotzdem wirkt sie lebendiger als so manche andere virtuelle Welt. Das liegt vor allem an dem beklemmenden Gefühl der Isolation. Gebrochen wird die Ruhe und die endlosen Weiten immer dann, wenn der Spieler einen Koloss aufgespürt hat. Dann legt sich das Orchester so richtig ins Zeug und das Spiel lädt zum Kampf David gegen Goliath. Jeder der überwiegend hochhausgroßen Kolosse muss mit einer anderen Strategie zu erst einmal bestiegen werden. Mal ist es nötig vom Pferd aus an ein Bein zu springen, manchmal muss zuerst einmal eine Schwachstelle mit Pfeil und Bogen getroffen werden, damit sich eine Möglichkeit des Aufstiegs ergibt. Ab und an ist man auch gezwungen zu schwimmen oder die Umgebung einzusetzen, um sein Ziel zu erreichen. Auf dem mystischen Wesen angekommen, gilt es zu klettern, zu balancieren oder sich im richtigen Moment einfach festzuklammern und abzuwarten. Am besten ohne herunterzufallen, denn sonst beginnt der schwierige Aufstieg von vorne. Das Ziel der Kletterparty: mysteriöse Male auf dem Fell der Giganten. Nur dort kann ihnen Wander mit seinem Schwert kostbare Lebensenergie nehmen. Und dann kommt etwas ins Spiel, was Spieler so gar nicht gewohnt sind. Der erlegte Koloss bricht in Zeitlupe und zu emotional geladener Musik zusammen und während man bei anderen Spielen nach dem Besiegen eines Bosses oftmals vor allem Stolz verspürt ist es hier Mitleid. Der Spieler beginnt sich beim Anblick der sterbenden Kreaturen und der immer dunkler werdenden Gestalt Wanders zu fragen, ob er wirklich das richtige tut. Wander aber kennt nur ein Ziel: die Wiederbelebung des Mädchens, das derweil leblos im Tempel liegt. Und dafür tut er alles. Wie der Spieler.

Der Spielablauf ist einfach und schnell erklärt. Das Gefühl, das einem beim Spielen vermittelt wird, nicht. Egal ob man nur die Landschaft erkundet, auf Bäume oder verlassene Bauwerke klettert, Eidechsen zur Steigerung der Ausdauer jagt oder einen der Giganten zur Strecke bringt: Shadow of the Colossus ist anders als andere Spiele. Großartiger. Für die Hardware der Playstation 2 mag das Spiel Schwerstarbeit sein, für den Spieler, sofern er mit den technischen Defiziten leben kann, ist es ein unvergleichliches Erlebnis. Auch wenn er am Ende ein klein wenig enttäuscht wird. Denn über die eigentlichen Stars im Spiel, die Kolosse, erfährt man auch nach dem Durchspielen nichts. Sie bleiben in den Gedanken des Spielers die mysteriösen Giganten aus einer unbekannten Vergangenheit, die ruhelos das verfluchte Land durchstreifen.


Prince of Persia

Am 2. Januar 2009 unter spiel

2014 habe ich diesen Teil ein weiteres Mal durchgespielt. Die Rezension dazu findet ihr hier.

3D Jump’n’Runs gehen meist immer einher mit Frust. Sei es die Kameraperspektive bei gewagten Sprüngen oder ein Steuerungsdefizit, oft scheitern sie an der Technik des Spiels und weniger am Können des Spielers. 2008 kamen zwei Spiele auf den Markt, die das Genre mal ganz anders angegangen sind. Und es auf diese Weise gerettet haben: Mirror’s Edge von Dice und Ubisoft Montreals Prince of Persia. Ersteres setzt dabei auf die Egoperspektive. Letzteres auf ein minimiertes Kontrollschema, das den Spieler die Spielfigur intuitiv und aus dem Gefühl heraus steuern lässt. Beide Spiele nutzen als Basis eine klar strukturierte Welt in der der Spieler auf Anhieb erkennt, was er zu tun hat. Und so darf man sich auf ein ausserordentliches Abenteuer als namenloser Prinz freuen, bei dem es entgegen der weitläufigen Meinung genauso möglich ist abzustürzen, wie bei jedem anderen Vertreter des Genres auch. Nur mit weniger Frust.

Der Prinz verliert in einem Sandsturm seinen treuen, mit Gold beladenen Esel Farah. Benannt nach der Prinzessin vergangener Prince of Persia Spiele bekommt der Spieler hier schon eine Ahnung vom vorzüglich geratenen und nicht zu kurzgekommenen Humor des Spiels. Bei seiner Suche nach dem Lasttier trifft er auf die schöne Elika, die ihm auf der Flucht vor ihrem Vater in einen nahegelegenen Tempel begleitet. Dort erkennt der Prinz, in welch apokalyptisches Schlamassel er geraten ist. Der Kampf zwischen Gut und Böse im Zoroastrismus ist voll entbrannt, denn Ahriman, der dunkle Dämon hat sich Elikas Vater bemächtigt, um sich ein für alle Mal aus den Klauen des gutartigen Gottes Ohrmazds befreien zu können. Nun liegt es natürlich an euch, dies zu verhindern. Dazu sucht ihr zusammen mit Elika fruchtbare Oasen des Lichts in der ansonsten verdunkelten, kalten Welt rund um den Tempel. Diese Oasen kann Elika zu neuem Leben erwecken und so das Land Stück für Stück wieder grün und fruchtbar machen. Und damit den Weg des Helden in diesen Regionen sicherer. Denn mit der dunklen Seite verschwinden rund um die Oasen auch die Fallen und Gegner und überall verteilt im Landschaftsbild liegen Lichtsamen, die es zu sammeln gilt. Die sind der Schlüssel zu der Macht Ohrmazds und zum endgültigen Sieg über das Böse.

Die wunderschön gestaltete offene Welt basiert auf simplen Regeln. An waagerechten oder senkrechten Kratzspuren an der Wand kann der Prinz allen physikalischen Gesetzen zum Trotz entlang laufen. Säulen können angesprungen werden, um sich an ihnen auf und ab zu bewegen oder sich in vier Richtung von ihnen abzustoßen. Ringe in der Wand verlängern einen Wandlauf oder lassen den Prinzen höher gelegene Plattformen erreichen. An Stangen in der Wand kann geschwungen werden, ein Gefälle lädt zur Rutschpartie ein. Grüne Ranken an den Wänden können zum Klettern benutzt werden. Hinzu kommen vier verschiedene Arten runder Platten, die die Macht des Gottes Ohrmazd symbolisieren. Eine grüne Platte lässt den Helden wie einen wilden Stier an Wänden hochlaufen, Blau und Rot katapultieren, beziehungsweise schwingen ihn zu abgelegenen Stellen. Bei Gelb hebt er ab und der Spieler muss im Flug dafür sorgen, dass sich der Prinz und Elika nicht den Kopf an Hindernissen stoßen. Fertig ist der Baukasten für die Welt des neuen Prince of Persia.

Um mit ihr interagieren zu können sind wenige Befehle nötig. Die A-Taste kontrolliert die Beine des Prinzen, lässt ihn springen und in eine bestimmte Richtung an der Wand entlang laufen. Die B-Taste entspricht der mit einem Eisenhandschuh bestückten Kletterhand und lässt ihn nach Ringen in der Wand greifen. Y ruft Elika auf den Plan. Aus dem Stand heraus erweist sie sich mit ihrem Lichtzauber als nützliches Navigationssystem auf dem Weg zur nächsten Oase. In der Luft reicht sie dem Spieler die Hand zum klassischen Doppelsprung auf Distanz oder greift bei Kämpfen mit ihrer Magie den Gegner an. Diese wenigen aber imposanten Kämpfe nutzen auch sonst die selbe Steuerungsgrundlage. So kann der Prinz hier mit der A-Taste eine Ausweich-Akrobatik ausführen oder den Gegner mit der B-Taste greifen und werfen. Zusätzlich nutzt er mit Hilfe der X-Taste sein Schwert. In der richtigen Abfolge kombiniert lassen sich recht eindrucksvolle Attacken ausführen und an der richtigen Stelle in der Arena positioniert, lassen sich Kämpfe auch vorzeitig beenden, indem Gegener an Abgründe oder Wände gedrängt werden woraufhin kleine Minispiele mit Tasten, die im richtigen Moment wie auf dem Schirm abgebildet gedrückt werden müssen und über den Ausgang des Duells entscheiden. Wichtigstes Manöver im Kampf ist allerdings das Blocken mit dem rechten Trigger. Mit dem richtigen Timing eingesetzt, bietet es eine einladende Angriffsfläche für all die genannten Techniken.

Jeder Punkt auf der Karte besteht bei Prince of Persia aus zwei Spielabschnitten. Zuerst gilt es immer zu der Oase zu gelangen und diese zu erwecken. Das erfordert Kletter- und Sprunggeschick sowie das Lösen einiger Hebel- und Schalterrätsel. Danach macht man sich daran, die Lichtsamen in der geheilten Region zu sammeln. Mit Hilfe der Samen ist es möglich, Elika mit einer neuen Magie Ohrmazds auszustatten und die oben angesprochenen Platten der Macht nacheinander zu aktivieren. Diese sind nötig, um in den vier Gebieten weiterzukommen und letztendlich den Weg zu den Wächtern zu finden um diese endgültig zu zerschlagen.

Und das alles ohne Frust? Weitgehend. Denn die Entwickler haben das klassische Game Over einfach abgeschafft. Stürzt der Prinz einmal ab, fängt ihn Elika in letzter Minute und teleportiert ihn an die Stelle, an der er das letzte Mal festen Boden unter den Füßen hatte. Das gab es vorher auch schon, wirkt im Zusammenspiel mit der klar definierten Welt und der darauf ausgelegten Steuerung wie aus einem Guss und ist zukunftsweisend für optimalen Spielfluss. Auch während der Kämpfe eilen Elikas heilende Hände dem Prinzen im Ernstfall zur Hilfe. Wird dieser nämlich von einem Gegner bezwungen, päppelt ihn Elika an Ort und Stelle wieder auf. Im Gegenzug bekommt hier der Gegner allerdings ebenfalls verlorene Energie zurück. So gestaltet sich das Spiel weitgehend frustfrei, ohne dass man dabei als Spieler das Gefühl hat, man müsse sich nicht anstrengen. Bei einigen Flug- und Katapultmanövern im späteren Verlauf des Spiels wird der Geduldsfaden dann aber teilweise doch arg strapaziert. Dann nämlich, wenn man kurz vor deren Ende einen Fehler macht und dann die gesamte Sequenz noch einmal von vorne beginnen muss. So ganz entgegen des vorangegangenen Spielgefühls eines ununterbrochenen Spielflusses.

Prince of Persia ist laufen, klettern und springen in Reinkultur. Das bietet es in Perfektion. Wer damit nichts anfangen kann oder will, wird an dem Spiel kaum Gefallen finden. Alle anderen bekommen einen aussergewöhnlichen Titel, an dem man sich so schnell nicht satt sieht. Die verbreiteten Vorwürfe mit denen das Spiel leben muss, erweisen sich schnell als übereilt verurteilt und als schlicht und ergreifend nicht wahr. Mit Shadow of the Colossus wird wohl auch in Zukunft jedes Spiel verglichen werden, dass irgendwie Bauten beinhaltet, die hundertfach so groß sind, wie der eigene Held und die Parallelen zu Ico minimieren sich zu der Tatsache, dass unsere eigenständige nicht auf den Mund gefallene Begleiterin, der wir in keinsterweise bei den Kletterpartien behilflich sein müssen, ebenfalls eine Frau in Weiß ist. Das gelinde gesagt nüchtern dargestellte Heilen der Oasen mit den kolossalen Effekten der Heilung der Regionen in Ôkami zu vergleichen ist beinahe schon Frevel. Und zu guter Letzt ist Elika kein Trumpf, den man ausspielen kann, wenn man eine Stelle nicht schafft, sie ist einfach eine kunstvoll dargestellte virtuelle Personifizierung des klassischen Rücksetzpunktes.

Prince of Persia ist ein anders. Vom Spielgefühl bis hin zum aussergewöhnlichen Ende stimmt hier einfach alles und weist auf eine neue Art Spiel hin. Eine Art, die ich gerne gewillt bin wieder zu spielen. Nur beim Titel selbst will sich die Freude auf erneutes Durchspielen nicht wirklich einstellen. Wie schon bei Assassin’s Creed aus dem selben Studio wird auf diesen Wunsch nicht mal ansatzweise eingegangen, obwohl sich dort bereits die Spielergemeinde lauthals darüber beschwert hat. So bleibt als Motivation für einen zweiten Durchgang nur der Versuch, das Spiel mit eingeschränktem Einsatz Elikas, also unter hundert Mal abstürzen und heilen, zu meistern oder es in unter zwölf Stunden zu schaffen. Letzteres wäre aber interessanter, könnte man es voll ausgestattet versuchen ohne wieder die lästigen Lichtsamen für die nötigen Kräfte aufsammeln zu müssen.

Ein Tipp am Ende: schaltet nach zwei Stunden das Tutorial in den Bildschirmoptionen einfach ab, sonst sagt euch das Spiel bis zum Endboss, was ihr wie und wann zu tun habt und das kann nerven.


ICO

Am 16. Dezember 2008 unter spiel

Während ich die Tage nervös auf ein Paket mit Prince of Persia für die Xbox 360 aus dem europäischen Umland wartete, zog es mich zurück an die gute alte Playstation 2. Wenn ich schon nicht mit der göttlichen Elika durch die Lande ziehen kann, dann wenigstens ein weiteres Mal mit der schüchternen, aber nicht weniger bezaubernden Yorda aus Fumito Uedas Meisterwerk ICO. Und siehe da. Der Zahn der Zeit hat das Spiel ehrfürchtig verschont.

Als Opfergabe wird der Held des Spiels, ein kleiner gehörnter Junge namens Ico, in Ketten durch einen dichten Wald in eine riesige Festung gebracht. Doch das Schicksal meint es gut mit ihm und kaum das die Wachen und Priester sich wieder auf den Heimweg gemacht haben, zerbricht der steinerner Sarg, in dem er eigentlich auf seinen Tod warten sollte. Und so macht sich der Spieler auf, einen Weg aus dem gewaltigen Gefängnis heraus zu finden. An seiner Seite die geheimnisvolle Yorda, die schon kurz nach Spielbeginn von ihm befreit werden muss. Aufgrund der Sprachdiskrepanz verständigen sich beide nur mit Gesten und Lauten, oder sie halten sich beim Laufen an den Händen. Der Ausweg aus dem Schloss ist mit allerlei Schiebe- und Schalterrätseln gespickt und die beiden tun gut daran, diese mit vereinten Kräften zu lösen.

Wenn Ico und Yorda als winzige Figuren über steinerne Brücken laufen, dunkle Ruinen emporklettern und über grasgrüne Wiesen wandern, allesamt gewaltig in ihrem Ausmass, ergibt das ein Spielgefühl, das man in dieser Form selten bis gar nicht bei anderen Spielen erleben durfte. Abwechselnd wird der Spieler von der Schönheit der Umgebung in Trance versetzt, um nach dem nächsten Schritt oder der nächsten Tür von der schier überwältigenden Größe des Terrains und dem daraus entstehendem Gefühl der Hilflosigkeit erschlagen zu werden. Die Rätsel in ICO sind nicht übermässig schwer. Sich auf diese trotz der gewaltigen Dimensionen zu konzentrieren ist die eigentliche Herausforderung. Und der Beschützerinstinkt gegenüber der kleinen Yorda. Es überkommt einen Unbehagen, sobald man sie zurücklassen muss, um einen unwegsamen Pfad einzuschlagen. Und nicht ohne Grund. All zu oft hallt in solchen Situationen ihr Schrei durch die Gänge und Ico muss so schnell wie möglich wieder zu ihr zurück, um sie von herannahenden Schatten zu retten. Diese wollen sie in dunkle Portale ziehen, aus denen ihr der Spieler schnellstens wieder heraushelfen sollte, will er ein klassisches Game Over vermeiden. Diese Auseinandersetzungen mit den Gestalten des Bösen sind in ihrer Quantität gemässigt, bilden aber vor allem Anfangs eine hohe Herausforderung. Mit einem Stock oder einem Schwert gilt es die extrem widerstandsfähigen Schattenwesen zu bearbeiten, während man Yorda, das Objekt der schattigen Begierde, nicht aus den Augen lassen darf und sie notfalls auch aus den Klauen der Entführer befreien muss. Die düstere musikalische Untermalung im Spiel trägt ihr übriges zu der Atmosphäre bei und dringt immer nur dann in unser Ohr, wenn sich der Spieler fürchten oder über etwas staunen soll. Ansonsten hört man nur das Rauschen der Wellen, die sich an den Füßen der Festung brechen und die Möven, die am Himmel ihre Kreise ziehen oder in geschlossenen Räumen ab und an aufgeregt mit den Flügeln schlagen.

ICO ist wie anfangs bereits angedeutet sehr gut gealtert. Es gibt immer noch kein wirklich vergleichbares Spiel und deshalb tut man gut daran, es ab und an mal wieder in die Konsole zu legen. Selbst die anfangs sehr nervigen Kämpfe gegen die Schattenwesen sind nach ein wenig Übung gut zu meistern und vom Spieler zu kontrollieren. Lediglich die gefixten Beobachtungswinkel rauben einem nach wie vor an manchen Stellen den letzten Nerv. Da hilft auch leider die unheilvoll übersensible Zoom-Funktion nicht. Und dennoch blickt man am Ende auf eine wunderschöne Zeit mit dem Spiel zurück und ist um eine wertvolle Spielerfahrung reicher.


Tote Namen

Am 18. Juli 2008 unter prosa

Von Torsten Hartmann.
Erschienen 2008.
Epub, Mobi und PDF Download unter gitbook.com/book/donswelt/tote-namen.

Er wachte auf.
Unsicher blickte er um sich. Bewegen konnte er sich nicht. Es musste morgens sein. Es war bestimmt morgens. Ein kalter Morgen. Er hatte schon eine Menge beschissener Morgen erlebt. Einige mit Kater, einige mit einer Grippe und einige ohne eine richtige Nacht davor. Das hier war bedeutend beschissener.
Er wartete auf sein Leben. Das Leben, das jeden Moment vor seinem inneren Auge vorbeischnellen müsste und ihm mit gedrückter Bildsuchlauftaste noch einmal die schönen und harten Zeiten, die süßen und bitteren Erfahrungen, die glücklichen und traurigen Momente ins Gedächtnis rufen würde. Einen Teufel tat es. Nicht einmal ein Licht war da. Er hatte nie Angst vor dem Tod, hatte sich schon früh damit abgefunden und sich oft überlegt, wie es wohl sein würde. Man erzählte sich von grellem Licht, von umhüllender Wärme und eben von dem Leben, das wie ein Film noch einmal abgespielt wird. Aber nichts … scheiße kalt war es und er wurde einfach nur müde. Ihm fielen die Augen zu, wie bei einem Sekundenschlaf oder kurz vor dem Wirken einer heftigen Narkose. Er kannte das Gefühl von seiner Blinddarm OP. Verdammter Mist, dachte er bei sich. Da denkt man sein ganzes Leben darüber nach, was einen Tolles erwartet wenn man stirbt, und dann fühlt es sich an wie eine beschissene Blinddarm OP.
Er war ein wenig sauer, was man ihm kaum verübeln konnte. Nicht nur wegen des enttäuschenden Gefühls. Es lag auch ein bisschen an der Kugel in seinem Kopf. So richtig gesessen hatte die anscheinend nicht, sonst würde er sich jetzt nicht so über den anstehenden Tod ärgern.
Gedacht war die Kugel wohl dem Lindern der Leiden, die ihm eine andere Kugel in seinem Bein zufügte. Als man ihm anbot, seine Leiden zu vermindern, hatte er sich das ein wenig anders vorgestellt. Etwas positiver eben. Mit einer Kugel im Bein vor dem örtlichen Krankenhaus rausgeschmissen werden oder so etwas in der Art. Wie naiv, dachte er bei sich.
Scheiße kalt war es und nun konnte er seine Augen kaum noch aufhalten. Mit einem gewaltigen Zucken rüttelte er sich wach. Nein, dachte er bei sich. Nein, noch nicht. Wenn er jetzt einfach nicht ans Sterben denken würde, wenn er sich einfach noch ein Weilchen zusammenreißen würde, dann könnte vielleicht Hilfe herbeieilen. Mit nur ein wenig Glück vielleicht. Er war immer ein Glückspilz. Der glückliche Zufall war stets sein Begleiter. Wo ist der Rotzbengel, wenn man ihn braucht!?
Vielleicht könnte er es ja sogar selbst schaffen. Er würde sich mit letzter Kraft, aber nicht mit allerletzter, auf die Seite werfen und durch die Tür zum Gang hinaus robben. Da gäbe es vielleicht irgendwo ein Telefon. Er würde den Leuten beschreiben wie es um ihn steht, eben recht aussichtslos, und wo er sich aufhielt. Ein gewiefter Polizist würde vielleicht sogar den Standort des Telefons ausfindig machen können. Dann würde man einen Notarztwagen bestellen, und glücklicherweise kannte er sogar seine Blutgruppe, sodass auch die nötigen Blutkonserven da wären. Man würde ihn künstlich beatmen, ihn in eine warme Decke hüllen, noch im Krankenwagen seine Wunden behandeln und ihn dann im Krankenhaus operieren. Er würde dann irgendwann aufwachen und über diesen ganzen Alptraum lachen.
Er wachte auf.
Beim Anblick der riesigen Pfütze Blut fragte er sich, ob er wirklich jemals soviel davon in seinem Körper hatte. Wo sollte das überall gewesen sein. Irre.
Er schlief ein.

Raphael & Benoit

Eine Kneipe. Dunkel. Nur vereinzelt traf Licht auf die sich im Raum befindlichen Gäste. Hinter der Theke versuchte der Wirt, ein hochgewachsener Mann mit Halbglatze, verzweifelt im Wettstreit mit der staubigen Luft des Etablissements, seine zahllosen Gläser mit einem Geschirrtuch zum Glänzen zu bringen. Vergebens.
Direkt vor ihm an der Bar saßen drei Männer. Nur zwei davon kannten sich. Einer von ihnen trug eine Sportjacke, eine Brille, hatte wüstes Haar und fuchtelte aufgeregt mit den Händen. Der andere, bekleidet mit einem Flanellhemd über einem weißen Longsleeve und kurzgeschorenen Haaren, schüttelte unentwegt über seinem Glas Bier den Kopf und winkte bei jeder Bewegung seines Kumpels ab. Sie unterhielten sich offensichtlich angeregt.
Der dritte Mann, übergewichtig mit aufgequollenem Gesicht und einer sehr schäbigen Lederjacke bekleidet, starrte leer wie sein Glas auf den Tresen.
Das zwei der drei Männer in den nächsten zehn Minuten eines gewaltsamen Todes sterben würden, wusste nur der Tod selbst. Der saß auch in der Kneipe, in einer der dunklen Ecken, allerdings für niemanden sichtbar. Ein Glas Bier hatte er natürlich auch nicht.
»Benoit, mein Freund … das klappt nur im Film«, sagte der Kurzhaarige und hatte immer noch nicht aufgehört abzuwinken. »Ne … das hat nix mit Hollywood zu tun«, entgegnete Benoit. »Das ist wissenschaftlich erwiesen. Das ist die Macht des Wortes!«
Der Kurzhaarige blickte zu ihm hoch. »Die Macht des Wo …«, mit einem ungläubigen Gesicht schluckte er sein Bier hinunter. »Sag mal, wie viel hast du schon getrunken?«
»Zu wenig«, entgegnete Benoit. »Ich kann noch gucken«. Er winkte in Richtung der Theke, wo der Wirt das frisch bearbeitete staubige Glas mit einer fließenden Bewegung vom Handtuch entfernte und es, unter den Blicken der Zuschauer, so glaubte er zumindest, auf den Millimeter genau zentriert unter den Zapfhahn positionierte. Und als ob diese artistische Eleganz nicht schon am Rand des Möglichen kratzte, untermalte er das alles noch mit einem besänftigenden Nicken in Benoits Richtung. Ein Meister seines Faches.
Der Kurzhaarige setzte wieder an: »Zu viel. Du hast auf jeden Fall schon zu viel getrunken, wenn du glaubst, du könntest einen bewaffneten Irren, der dir eine Pistole an die Schläfe hält, mit einem Gespräch unter vier Augen dazu bringen, mit dir auf ein Bier in die nächste Kneipe zu gehen.«
»Von Bier und Kneipe war nicht die Rede, Raphael«. Freudig nahm er das frisch gezapfte Getränk des Wirts entgegen und holte erneut aus. »Was ich meinte war, dass du mit einem Dialog tief im Inneren eines verzweifelten Menschen positive Energie wecken kannst. Positive Energie, die ihn von seinen offensichtlich unüberlegten Handlungen abbringen kann.« »Wie viel positive Energie mag einem wohl durch den Kopf gehen, während man im Begriff ist, jemandem mit einem Revolver das Hirn aus dem Schädel zu blasen?«, entgegnete Raphael sarkastisch.
Sein Kumpel Benoit verkrampfte etwas und schluckte jedes der sich im Anschlag befindlichen Gegenargumente herunter. Ein »Okay« zwang sich letztendlich zwischen den zusammengepressten Lippen hindurch. »Was würdest du also tun, wenn jemand eine Pistole auf dich richten würde?«
Raphael erhob den Zeigefinger als eine Art Aufforderung zur Konzentration und nahm dabei einen kurzen Schluck von seinem Bier. »Ich …« er schluckte, um den Satz beenden zu können. »Ich würde gar nix tun.«
Sein Kollege blickte ihn mit dem leersten Gesicht an, das ihm zur Verfügung stand.
»Ich würde gar nichts tun, denn ich bin vorbereitet.«
Benoit musste sich nicht mehr anstrengen, das leere Gesicht zu halten. »Vorbereitet?« entgegnete er. »Vorbereitet auf was?« Raphael nahm einen erneuten Schluck aus seinem Glas, ließ es zurück auf den Tresen sinken und sagte schließlich: »Auf den Tod.«
In einer Ecke des Raums regte sich etwas, allerdings für niemanden sichtbar. Der Tod blickte kurz auf, wie ein altersschwacher Mann auf einer Parkbank, nur um sofort wieder in totale Regungslosigkeit zu verfallen.
»Den …«, Benoit wandte den Blick von seinem Freund ab und schaute geradeaus auf die Flaschenwand hinter der Bar. »Du bist …«. So ganz ohne Probleme ließ sich der Satz nicht bilden. »… auf den Tod … vorbereitet?« Er unterstrich die Satzteile jeweils mit einem Nicken, blickte hinunter auf sein Glas und fügte ein »Aha« hinzu.
»Ja. Man kann sich auf alles mögliche vorbereiten. Auch auf den Tod«, erklärte Raphael. »Und das ist das einzige, was überhaupt Sinn macht.« Auch sein Blick war jetzt geradeaus auf die Flaschenwand hinter der Bar gerichtet. »Diese Idee, jemanden vollzuquatschen, wenn man von diesem mit einer Waffe bedroht wird, das ist totaler Quatsch.«
Benoit hatte vorerst resigniert, und er war gespannt, wie sich Raphaels offensichtlich esoterische Erklärung noch entwickeln würde. Nur deshalb ließ er ihn weiter ausreden.
»Ich meine …« fing dieser an, »Jemand ist im Begriff dich umzubringen und dazu bedarf es schon so etwas wie das Einverständnis seines Gewissens. Das lief alles bereits vorher ab. Der Typ hat wahrscheinlich was weiß ich für eine kranke Scheiße erlebt, bevor er sich dazu entschieden hat, seine ganze Wut abzulassen, indem er irgendeinem armen Schlucker das verdammte Gehirn aus dem Schädel pustet. Es auf dem Boden vor sich verteilt. Das ist seiner Meinung nach vielleicht die letzte Möglichkeit, so was wie Gerechtigkeit für sich selbst zu finden. Und dann hält dir der kranke Typ die Knarre an den Schädel und braucht genau eine Sekunde, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich meine … der muss nicht aufpassen, dass das ganze fünf oder zehn Minuten dauert, weil er in einem Film mitspielt und irgendein beschissener Hollywood-Regisseur ihn bekniet, das ganze so dramatisch wie möglich wirken zu lassen, nur damit der Film möglichst abendfüllend und spannend wird.« Beide blickten sich regungslos an.
»Der Typ ist irre. Handelt im Wahn. Hat sie nicht alle beisammen. Warum um alles in der Welt sollte er dir in diesem Moment zuhören?«
»Weil sich tief in seinem Inneren, im Unterbewusstsein, ein ganz kleiner Knopf befindet.« entgegnete Benoit und warf eine kurze aber dramaturgisch gut gesetzte Pause ein.
Sie passte gut zu Raphaels Gesicht.
»Eigentlich gibt es dort ganz viele Knöpfe. Da gibt es einen, auf dem steht Essen & Trinken, auf einem steht Schlafen, ein anderer heißt ganz ordinär Kacken. Ganz unten in der letzten Reihe, neben den Knöpfen Panik und dem mit dem zusätzlichen roten Rahmen Super Gau, gibt es einen anderen ganz, ganz wichtigen Knopf, und auf dem steht in großen Buchstaben: Habe ich mir das eigentlich wirklich alles gut überlegt und weiß ich wirklich, was ich hier tue?«
»Muss ein ziemlich großer Knopf sein, oder hat den nur einer ganz klein beschriftet?« Sarkasmus war eine von Raphaels Stärken.
Benoit ließ sich nicht beirren. »Und diesen Knopf, sozusagen der wichtigste Knopf in einem System hunderter, ach was sage ich, tausender wichtiger und weniger wichtiger Knöpfe, den erreicht man nur mit weise gewählten Worten. Und sollte es dir gelingen, diese Worte zu wählen, dann schwöre ich dir, drückst du den Knopf so zielstrebig und kraftvoll wie ein italienischer Taxifahrer die Hupe in seinem Seat … BAMM!!!« Benoits Schrei wurde von einem lauten Knallen, das er mit seinem Handballen auf der Theke erzeugte, unterstrichen. »Und dann wird tief im Inneren der entscheidende Befehl initiiert: Stopp! Alle Systeme anhalten! Time Out! Jemand macht einen Fehler! Alle Energie auf einen Punkt umleiten! Auf das Gewissen. Alle verfügbaren Kräfte konzentrieren sich auf eine Frage: Habe ich mir das auch gut überlegt?« Benoit nickte zufrieden. »Und das ist der Moment, in dem die Mauer bröckelt. Der Moment, in dem vom Angreifer eine Verteidigungslücke zu erkennen ist. Das offene Fenster der bis an die Zähne bewaffneten Burg, das eine ahnungslose Magd am Vorabend geöffnet hat, weil irgend so ein fetter Monarch wieder mal hinter einen Vorhang gepisst und danach noch einen fahren lassen hat.« Benoits Zeigefinger streckte sich in Raphaels Gesicht und unterstrich so das große Finale seiner Geschichte. Er nahm den Finger runter und fügte hinzu: »Würde sie jemals wieder ihres Lebens froh, wenn sie wüsste, dass ihre empfindliche Nase am Fall der Burg schuld war, hm?«
Raphaels Gesichtsausdruck wurde extrem leer und er ertappte sich dabei, kurz einen Gedanken daran verschwendet zu haben, ob es auf Burgen, zu Zeiten als diese noch regelmäßig angegriffen wurden, keine Toiletten gab. Und war Seat nicht eine spanische Automarke?
»Natürlich müssen die Worte, die dann folgen, also sozusagen die brennenden Pfeile, die durch das offene Fenster fliegen - du weißt schon, wegen der Magd - gute Worte sein. Du musst genau ins Schwarze treffen … sein Gewissen wachrütteln!« Raphael war sich ziemlich sicher, dass Fiat eine italienische Automarke war und Seat nicht. Und dass es das Plumpsklo schon ziemlich lange gab, und es wahrscheinlich einfach zu kalt war, und man deshalb ab und an hinter den Vorhang gepisst hatte. Außerdem war ja auch Krieg und die Burg wurde belagert. Da ging man wohl nicht einfach so im Hof kacken. Er nickte zufrieden in sich selbst hinein, bevor er bemerkte, dass der Alkohol ihn schon ziemlich hart am Kragen zu fassen bekommen hatte, und zumindest seine Gedanken recht arg hin- und herschüttelte. Er wollte gerade zu einem verbalen Gegenschlag ausholen, wollte Benoit ins Gesicht sagen, wie dämlich seine Beispiele waren, wollte ihm ein für alle mal erklären, warum das alles Blödsinn sei, dass er keine Ahnung von Autos habe und dass er eindeutig zu oft ins Kino ginge. Er holte bereits Luft für das erste Wort, hatte allerdings noch keine Ahnung, wie es lauten würde und hatte zu dem Zeitpunkt bereits wieder vergessen, was er Benoit sagen wollte, wo er zu oft hingehen würde. Er brauchte das erste Wort, das er noch immer nicht gefunden hatte, auch gar nicht weiterzusuchen, denn seine Gedanken wurden durch ein seltsames Jammern und Schluchzen jäh gestört.
Raphael und Benoit blickten sich verwundert an, um dann zur Quelle des Wimmerns hinüberzuschauen.
Der dicke Mann mit der schäbigen Lederjacke, der die ganze Zeit regungslos neben ihnen an der Bar saß, ließ den Kopf tief hängen und weinte. Er zog seine Nase hoch und schwieg einige Sekunden, bevor er sein Wimmern wieder aufnahm. Es verwandelte sich kaum merklich in ein leises Kichern. Eigentlich hatte der Mann nicht wirklich Grund zum Lachen. Fünf Stunden vor seinem Heulanfall in der Bar nahm sein bisheriges Leben ein vorläufiges Ende. Vorläufig bedeutete in diesem Fall, dass der Tod bereits auf ihn aufmerksam wurde und sich auf den Weg machte. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
Dem Tod war es relativ egal, er stand über den Dingen. Auch die Tragödie, die dem Mann mit dem aufgedunsenen Gesicht wiederfuhr, berührte ihn nicht. Was das angeht, war er relativ abgestumpft. Auch wusste er, dass er schon oft bei der Familie des Mannes war und dennoch vermochte er im Moment keinen Gedanken daran zu verschwenden. Er war eben einer von vielen, deren Frau oder Kinder der Tod im Laufe seiner Dienstzeit abgeholt hatte. Die Sache mit der Frau des Mannes war gerade fünf Stunden her. Es berührte ihn nicht. Hatte ihn nie berührt. Bei keinem seiner Klienten.
Der Mann lachte jetzt etwas lauter. Der Barmann und die Gäste blickten mit fragenden Blicken zu ihm hinüber. Nach einiger Zeit hörte er auf zu lachen und blieb stumm sitzen, den Kopf immer noch nach unten hängend, den Blick zu Boden gerichtet. Benoit wollte etwas sagen, doch bevor er auch nur überlegen konnte, was es genau sein sollte, riss der übergewichtige Mann den Kopf hoch, hob den Arm aus seinem Schoß und richtete eine Pistole mitten in Benoits Gesicht.
Raphael stolperte rückwärts von seinem Barhocker, landete hart auf dem Rücken und rutschte mit schmerz- und angstverzerrtem Gesicht über den Boden. Der Wirt duckte sich hinter der Bar und stammelte mit geschlossenen Augen ein Gebet.
Benoit blickte einige Sekunden starr in den Lauf der Pistole. Er konnte die Struktur des Metalls erkennen. Strukturen eines Ringes, der ein tiefes schwarzes Loch beherbergte. Würde man die Kugel sehen, dachte er bei sich. Würde man es am Zittern des Laufs erkennen, wenn der Mann abdrückte? Er fasste sich und sah dem lachenden Schützen ins Gesicht. Dann wurde es ruhig. Er sah die Burgmauer. Hoch und massiv aus grauem, mit Moos bewachsenem Stein. Ein dreckiges grau-grün, das der Rüstung eines alten, gestählten und erfahrenen Ritters glich. Die Zinnen, die der Mauer mit ihren Katapulten, Bogenschützen und Kesseln voll siedenden Öls ein bedrohliches Antlitz verliehen, ragten in den Himmel hinein. Überall brannten Feuer. Feuer von Fackeln, brennende Pfeile und brennende Katapultgeschosse. Sein Blick raste entlang der Mauer, entlang an Hunderten von bewaffneten Männern, die das Gesicht des untersetzten, lachenden Mannes trugen. Er blickte an jedem Einzelnen im Flug vorbei. Schneller, immer schneller trug ihn die Vision um die Burgmauern herum, so lange bis er eine atemberaubende Geschwindigkeit erreicht hatte. Urplötzlich stoppte die Fahrt und er erblickte das Fenster. Jenes offene Fenster in der Burgmauer, in dem Licht brannte. Benoit spannte den Bogen mit dem brennenden Pfeil, öffnete den Mund und sagte »Hören Sie …«
Ein Schuss hallte durch die Kneipe, gefolgt von erdrückender Stille.
Es war totenstill. Keiner im Raum rührte sich. Bis auf Benoit, dessen lebloser Körper auf den Boden sackte. Raphael hielt den Atem an. Der Wirt presste Augen und Lippen zusammen. Tränen der Angst rannen ihm die Wangen hinunter.
Der Tod hob den Kopf. Er stand auf und schlurfte gemächlich in Richtung Theke. Seine Schritte erzeugten dumpfe Geräusche, die niemand hörte und donnernde Beben, die niemand spürte. Er blickte hinüber zu dem am Boden liegenden, zitternden Raphael. Der wollte seine Lippen zusammenpressen, aber es gelang ihm nicht, so sehr zitterte sein Körper. Tränen rannen ihm aus den Augen über den Mund und die Nase. Er wimmerte. Er wimmerte immer lauter.
Der Tod blieb kurz stehen, als er Raphael erreichte, blickte auf ihn hinab und beobachtete ihn einige Sekunden eindringlich. Dann wandte er sich ab, schritt weiter auf den toten Benoit zu und deutete dabei ein missachtendes Kopfschütteln an. Er blickte hinunter auf den leblosen Körper, dessen Kopf ein großes blutiges Loch barg. Es berührte ihn nicht. Es durfte ihn nicht berühren. Neben ihm kicherte es wieder.
Benoits Mörder steckte sich die Waffe tief in den Mund und drückte ein weiteres Mal ab.

Nikola der Peiniger

Das leise Summen des Fahrstuhls bohrte sich wie ein kleiner Bohrer tief hinein in Jojos Kopf. “Maximal vier Personen” las er auf dem kleinen polierten Schild über den Bedienelementen. Vier Personen, dachte er bei sich. Pah … mit Brutus hier mache ich sicher gerade mindestens sechs Personen aus. Vorsichtig, ohne sich zu bewegen, blickte er zu seinem riesigen Begleiter hinüber. Der starrte regungslos geradeaus, so wie er es eigentlich immer tat.
Brutus der Sanfte nannten sie ihn in der Organisation. Eigentlich hieß er Bruno, aber seit er den Job seines Vaters nach dessen tragisch Unfall übernommen hatte, nannten ihn alle Brutus.
Jojo war sich sicher, das Brutus mindestens siebzig der achtzig Grad im Fahrstuhl ausmachte. Er wischte sich mit der Hand den Schweiß aus dem Gesicht. Er war nervös. Er fragte sich selbst, ob er sich Gedanken machen müsste. Immerhin wurde er zur Tür zitiert. Die Tür.
Es gab lediglich zwei Möglichkeiten, wenn man zur Tür zitiert wurde: Möglichkeit Eins bestand darin, dass man jemanden abholen musste, der hinter der Tür behandelt wurde. Gegenwehr brauchte man dabei nicht zu befürchten und die Hauptaufgabe bei dieser Aktion war dann eigentlich immer der Transport und das Verschwindenlassen einer Leiche.
Möglichkeit Zwei war, man wurde die Leiche.
Verdammt ja, er war nervös. Sehr nervös. Sollte er Brutus den Sanften ansprechen? Einfach cool tun und fragen, wer der arme Schlucker sei, den sie abholen sollten? Sollte er … Jojo zuckte zusammen, als der Fahrstuhl mit einem lauten Klingeln in der Zieletage ankam. Er blickte schnell hinüber zu seinem Begleiter und setzte ein verwundertes, gequältes Lächeln auf. Der starrte weiter auf die Tür und rührte sich nicht. Die Fahrstuhlkabine öffnete sich und der dicke Bodyguard schritt hinaus auf den Flur.
Ein heller Flur. Weiße Wände, hellgrauer Boden. Kein Teppich. An der Decke waren Industrielampen angebracht, deren grelles Licht in seinen Augen brannte. Er hielt sich die Hand zum Schutz vor das Gesicht und trat dann ebenfalls hinaus auf den Flur, bemüht Brutus einzuholen.
Sie folgten einem langen Gang und Jojo wunderte sich über das leise Summen, das immer noch in seinem Kopf zu vernehmen war. Allem Anschein nach kam es jetzt von der Beleuchtung über ihm. Er wurde wieder nervöser. Hinter einer Kurve im Gang erblickte er sie, über den massigen Schultern Brutus: die Tür. Noch gut fünfzehn Meter trennten ihn von ihr, doch sie kam bedrohlich schnell näher. Seine Beine wurden schwach, alles um ihn herum schien sich zu verlangsamen. Er atmete schwer und Schweiß ergoss sich aus seinen Poren. Es ist nur eine verdammte Tür und das hier ist nur ein verdammt normaler Job, dachte er bei sich. Reiß dich zusammen. Er biss sich mit den Schneidezähnen auf die Lippe und presste die Augenlider zusammen. Sie erreichten die Tür. Sie war gut einen Meter breit und offensichtlich gut gepanzert. Einen Griff suchte man vergebens. Es gab lediglich einen Knauf und kein sichtbares Schloss. Keine Ahnung, wie man sie von außen aufkriegen soll, dachte Jojo bei sich. Er hatte gehört, dass die Tür schalldicht war. Man könne angeblich nichts von dem hören, was dem Patienten hinter der Tür angetan wurde. Man könne nur dasitzen, sagte man ihm. Auf der Bank vor der Tür an der Wand dasitzen und abwarten, bis man an der Reihe war und sich um das kümmern musste, was von der Behandlung übrig geblieben war. Die Bank an der Wand vor der Tür. Er hatte sie gar nicht beachtet, so viel Platz nahm die Tür in seinem Kopf ein. Er hatte auch nicht wahrgenommen, dass Brutus bereits seinen 160 Kilo Hintern auf ihr niedergelassen hatte. Das graugestrichene Holz ächzte unter ihm, als zähle es jedes einzelne seiner Kilos.
Was solls, dachte Jojo und er richtete ein »Was nun?« an den sitzenden Riesen.
»Warten.« war die knappe Antwort, die er bekam. »Warten.« wiederholte sich Brutus. »Du setzt dich besser hin, es kann lange dauern.«
Hinter der Tür war es ruhig. Von innen konnte man erkennen, dass die Tür ebenfalls nur einen Knauf und ebenfalls kein Schloss hatte. Sie gehörte zu einem Raum, der wie der Flur komplett hell gestrichen war. In der Mitte befanden sich zwei kleine Metallstühle. Sonst waren keine Möbel zu sehen. Auf einem der Stühle saß eine bis auf eine graue, verschwitzte Shorts komplett nackte Gestalt, deren Hände auf dem Rücken gefesselt waren. Über dem Kopf hing eine Plastiktüte. Die Person, männlich, atmete laut und schwer. Vor ihr auf dem zweiten Stuhl saß ein Mann, dessen Alter man sehr schwer deuten konnte. Mitte Vierzig war wohl eine gute Schätzung. Sein kräftiges schwarzes Brillengestell ruhte optimal auf einer recht großen Nase und er machte einen leicht grübelnden Gesichtsausdruck. Er hob die Augenbrauen und strich sich mit der Hand über die Halbglatze. Seine Blicke wanderten durch den Raum. Hinter ihm, jeweils links und rechts von der Tür standen zwei dicke Bodyguards. Die Organisation bevorzugte offensichtlich Handlanger, die in Notfällen einfach nur irgendwem irgendeinen Weg irgendwohin versperren konnten. Auch sie rührten keinen Muskel. Sonst war keine weitere Person im Raum.
Der Mann mit der Halbglatze blickte zurück auf die Gestalt auf dem Stuhl. Die Plastiktüte ließ die Mundöffnung erahnen. Sie wurde rhythmisch an die Lippen des Patienten herangesogen und von ihnen weggepustet. Sie bewegten sich. Es war ein sehr leises Stöhnen zu vernehmen. Der Kopf unter der Tüte wollte offensichtlich etwas sagen.
»Ja, bitte?« entgegnete der Mann mit Halbglatze und Hornbrille. Er schlug seinem Gegenüber mit der flachen Hand von der Seite an den Kopf. Die Tüte machte ein matschiges Geräusch und das Stöhnen zog sich laut in die Länge. »Du hast eine beschissen undeutliche Aussprache. Hat dir das noch niemand gesagt?«
Das Stöhnen verhallte. Man vernahm schweres Atmen. Mit großer Anstrengung brachte der Gepeinigte lediglich unverständliche Töne heraus. Er erhob langsam den Kopf und richtete ihn in die ungefähre Richtung, in der er seinen Peiniger vermutete. »Obst und Gemüse aus der Türkei.« las dieser von der Tüte ab, die der Mann auf dem Stuhl über den Kopf gestülpt bekommen hatte. Offensichtlich handelte es sich hier um die Tüte eines türkischen Gemüsehändlers. »Wo ist denn hier ein türkischer Gemüsehändler?« fragte er die beiden Männer hinter ihm sichtlich interessiert und drehte den Kopf in Richtung Tür. Beide zuckten mit den Achseln. »Hm … würde mich mal interessieren. Ich bin ein richtiger Gemüse Fan. Wusstest du das?« Die Frage richtete sich wieder an den Mann auf dem Stuhl. Der war mittlerweile wieder verstummt, nachdem sein letzter Versuch sich zu verdeutlichen, ignoriert und unterbrochen worden war.
»Ich habe dich etwas gefragt!«
Die Gestalt schüttelte langsam den gesenkten Kopf.
»Beim Türken gibts doch nur Krautsalat, hm?« Er drehte sich wieder zu den beiden dicken Männern um. Keiner von beiden wusste, was es an besonderem Gemüse in der Türkei gab, beiden war aber klar, dass es wohl mehr sein musste als ordinärer Krautsalat. Sie schwiegen.
»Nikola … ich bitte Sie, hören Sie …«, die klägliche Stimme des Gefangenen quoll dumpf durch die Tüte.
Nikola der Peiniger wandte den Blick verblüfft von den beiden fetten Leibwächtern ab. Er schlug seinem Gegenüber wieder mit der flachen Hand auf die Seite des Kopfes.
Da war wieder das matschige Geräusch. Die beiden Bodyguards verzogen schmerzhaft die Miene, ließen sich aber sonst nichts anmerken.
Die kurzzeitig verständliche Stimme verformte sich wieder zu einem gequälten Stöhnen.
Nikola schüttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf. »Wisst ihr? Ich habe hier echt keinen leichten Job. Der eine spricht enorm undeutlich und die beiden anderen sind stumm! Teufel noch mal!«
Vor der Tür wartete Jojo noch immer darauf, dass etwas passieren würde. Der Riese neben ihm hatte seit einer Viertelstunde nichts gesagt und starrte weiterhin regungslos an die Wand direkt gegenüber der Sitzbank. Wie macht er das nur, dachte Jojo bei sich. Er war jetzt viel lockerer und versuchte nicht an den Anblick zu denken, der sich ihm hinter der Tür offenbaren würde. Wie macht er das bloß? Seit er der Organisation vor drei Jahren beigetreten war und vom Boss persönlich seinen Spitznamen bekommen hatte, kannte er Brutus, und nicht einmal jetzt hatte der aus eigener Kraft versucht ein Gespräch zu starten. Er sagte nicht mal Guten Morgen, Guten Tag oder Hallo. Nicht mal dem Boss gab er die Hand. Er begrüßte ihn lediglich mit einem stummen Nicken, so wie es der Boss mit ihm tat. Würde ich dem Boss zunicken, dachte Jojo bei sich, würde ich wahrscheinlich eine Ohrfeige kassieren. Scheiß Typ. Jojo konnte ihn nicht leiden. Er konnte es nicht leiden, wie ein Stück Dreck behandelt zu werden, egal wie viel Geld man dafür bekam. Er konnte es nicht leiden, in der Organisation gefangen zu sein. Er war nicht mehr frei. Das war es, was ihn eigentlich am schwersten zu schaffen machte. Man verschrieb sich der Organisation, gab sich willenlos hin.
Jojo zuckte wieder zusammen, als er hinter der Tür ein leises, undefinierbares Geräusch vernahm. Er wurde wieder nervös. Ganz schalldicht war sie also nicht. Sein Körper verspannte sich von einer Sekunde zur nächsten zu einhundert Prozent. Angespannt lauschte er der summenden Stille. Da war ein Geräusch, das durch die Tür drang, dachte er bei sich. Was es wohl gewesen sein mag, fragte er sich. Er wusste, dass der Raum der Folter diente. Nicht etwa Folter um dem Delinquenten bestimmte Informationen zu entlocken. Die Menschen, die in diesen Raum geführt wurden, waren vom Boss zum Tode verurteilt worden. Zu qualvollem Tod. Vollstrecker dieser Urteile war Nikola der Peiniger. Ein Typ, der lediglich durch sein extrem normales Aussehen auffiel.
Jojo war ihm bereits ein paar Mal in der Organisation über den Weg gelaufen. Er begegnete ihm mit einer gewissen Ehrfurcht und Angst, wie die meisten es taten. Nikola allerdings beachtete ihn und alle anderen einfach gar nicht. Wahrscheinlich weil ihm klar war, dass einige von ihnen früher oder später auch hinter seiner Tür landen würden.
Eigentlich diente der Raum nur der Vollstreckung des Todesurteils. Aber wer erst einmal eine Stunde vor der Tür gewartet hatte, brauchte kein Abitur, um zu erkennen, dass Nikola der Peiniger seinen Beinamen nicht aufgrund eines übermaßes an Nächstenliebe bekommen hatte.
Jojo starrte gebannt auf die Tür. Kein Mucks war zu hören. Nur das Summen der Lichter. Eine Schweißperle rollte über seine Wange hinunter bis zur Spitze seines Kinns. Er verwischte sie mit der Hand. Da war ein Geräusch! Er spannte seinen ganzen Körper an und hob den Kopf in Richtung der Tür. Dann blickte er hinüber zu Brutus, der eingeschlafen war und anfing zu schnarchen.
Nikola betrachtete sein gefesseltes Gegenüber. Er spielte mit den Lippen, als würde er über irgendetwas grübeln. »Weißt du«, entfuhr es im schließlich in Richtung der armseligen, gefesselten Gestalt. »Es ist nicht einfach, der Peiniger genannt zu werden …« Er erhob den Zeigefinger, winkte damit ab und unterstrich die Geste zusätzlich mit einem Kopfschütteln. »Es wird einiges von einem abverlangt. Man hat gewisse Standards, denen man gerecht werden muss. Das verstehst du doch sicher?« Er griff hinter seinen Rücken unter sein Jackett, zog eine Waffe aus dem Gürtel und hielt diese einige Sekunden mit angewinkeltem Arm in die Luft. Die rechte Hand lud sie durch.
Die Person auf dem Stuhl zuckte zusammen.
Nikola winkte mit der Waffe im Takt hin und her. Dazu summte er mit geschlossenen Lippen eine simple Melodie. Er senkte die Waffe und betrachtete sie mit dem Blick eines Künstlers, der eine gerade fertig gestellte Skulptur bewertete. »Das Leben, mein Freund …«, sein Kopf nickte zustimmend. »Das Leben ist wie einer dieser koreanischen Filme«. Er machte eine kurze Pause. »Es hat seine Höhen und Tiefen und am Ende ist die Hauptperson tot«.
Die Gestalt bäumte sich nervös auf und riss den Kopf hin und her.
»Ich könnte dich einfach erschießen«, fuhr Nikola fort. »Schnell, effektiv, sauber.« Er blickte auf den Boden, wo sich bereits eine kleine Pfütze Blut angesammelt hatte. »Na ja…« fügte er hinzu, »… vergiss das mit der Sauberkeit, das bekommen wir jetzt nicht mehr hin. Hast ja schon eine ganz schöne Sauerei angerichtet. Ts,ts,ts.« Er hielt dem gefesselten Mann die Pistole dorthin, wo er ein Auge unter der Tüte vermutete. »Aber schnell wäre doch irgendwie langweilig, oder? Außerdem habe ich einen Ruf zu verlieren. Weißt du, was sich diese beiden Riesen hinter mir alles erzählen, wenn sie zusammen im Puff an der Bar sitzen und sich zwischen zwei Ficks mit teurem Champagner besaufen?« Er schnippte mit einer Geste in den Raum. »Hey, kennt ihr Nikola den Peiniger? Ich habe ihm letzte Woche bei der Arbeit zugesehen. Zog seine Knarre, schoss dem Typen in den Kopf und weg war er. Ging alles ganz schnell und der Typ hat nix gemerkt. Ein Profi, aber ein bisschen zu weich.« Er drehte sich mit einem leicht irren Blick zu den beiden Männern bei der Tür und fügte hinzu: »Er hat nicht mal gebohrt, Mami!« Dann brach er in schallendes Gelächter aus.
Die beiden Männer an der Tür rührten sich nicht. Nikola schlug sich mit beiden Händen leicht auf die Oberschenkel und verschluckte die Reste des Lachens mit einem leisen Schmatzen. »Ich hoffe, du verstehst meinen Standpunkt.« sagte er zu seinem Gefangenen und schoss ihm in das linke Bein.
Jojo blickte erschrocken auf, als er ein dumpfes sehr leises Geräusch hinter der Tür vernahm. Es hörte sich an wie ein Knall. Ein Knall! Er blickte hinüber zu Brutus. Der blickte mit einem Auge starr geradeaus, während das andere noch tief und fest schlief. Offensichtlich hatte auch er etwas gehört. »Wie oft hast du das hier schon gemacht?« Jojo setzte alles auf eine Karte. Wenn er sich jetzt nicht mit irgendwem unterhalten könnte, würde er noch durchdrehen, dachte er bei sich. »Hm?« Brutus blickte ihn fragend an.
»Jemanden abgeholt. Hier vor der Tür. Wie oft hast du das schon gemacht?«
Brutus blickte ihn lange von oben bis unten an. »Oft …« war alles was er herausbrachte.
Na super, dachte Jojo, so wird das nichts. Er stützte seinen Kopf auf seine Unterarme und blickte ebenfalls starr gegen die Wand. Er erkannte, dass es wohl sein Schicksal war, hier angespannt herumzusitzen, bis diese verdammte Tür endlich geöffnet werden würde. Was wohl gerade hinter der Tür geschah, dachte er bei sich. Welche grausamen Foltermethoden kamen wohl gerade zum Einsatz. Oder war der Patient eventuell schon tot und Nikola der Peiniger betrachtete zufrieden sein Werk? Wie viel Blut würde er wohl sehen, wenn sich die Tür öffnete. Oder wäre all das Blut am Ende vielleicht nicht mal das Schlimmste? Er hatte trotz seines jungen Alters schon einige Leichen gesehen, allerdings noch keine, die vor dem Tod gefoltert worden war. Jojo verabscheute Folter. Er glaubte zu wissen, dass er keine Probleme damit hätte, irgendwann mal jemandem eine Kugel in den Kopf zu jagen. Das war schnell, effektiv und sauber. Und irgendwie human. Er konnte es nicht verstehen, warum man jemanden unvorstellbare Qualen erleiden lassen wollte, der einem nichts getan hat. Ein kurzer Anfall des Hasses auf Nikola den Peiniger stieg in ihm auf. Ein Mensch war das nicht, dachte er bei sich. Der einzige Punkt, warum er Nikola nicht für den Teufel persönlich hielt, war die Tatsache, dass er für den Boss arbeitete. Der Teufel würde doch für niemanden arbeiten, oder? Vielleicht hatte der Teufel in der realen Welt nicht die Narrenfreiheit, die er in der Hölle genoss. Vielleicht hatte er ein Abkommen mit dem Boss! Der Teufel stellte seine Foltermethoden in den Dienst des großen Bosses und bekam dafür irgendeine verteufelte Gegenleistung. Aber was für eine Gegenleistung sollte das wohl sein?
Jojo ertappte sich dabei, wirre Gedanken zu verfolgen, was er immer tat, wenn er in einer unangenehmen Situation angespannt auf etwas wartete und sich dabei nur mit seinen Gedanken beschäftigen konnte. Verdammte Tür! Geh endlich auf, schrie es lautlos in seinem Kopf. Geh auf! Geh auf! Geh auf!
Brutus beobachtete ihn desinteressiert aus dem Augenwinkel, zog die Mundwinkel einen Hauch an und schloss seine Augen ein weiteres Mal.
Drinnen beobachtete Nikola den sich auf dem Stuhl hin- und herwindenden, leidenden Menschen, dessen Kopf nach hinten über die kurze Lehne hing und der undefinierbare gurgelnde Geräusche von sich gab. Nikola strich ihm von der nackten Schulter über das Schlüsselbein zur Brust, wo seine Finger auf einem silbernen Anhänger, der an einer Kette um den Hals des Mannes hing, inne hielten. Nikolas Daumen und Zeigefinger griffen nach dem Schmuckstück und zogen es an sein Gesicht heran bis die Kette zwischen dem wehrlosen Mann und Nikolas Hand straf gespannt war. Der rechteckige Anhänger wies einen verzierten Rahmen auf und barg einige asiatische Schriftzeichen. »Hm«, Nikola beäugte das kleine Plättchen argwöhnisch. »Ich kenne diese Art Schmuck. Man verschenkt ihn mit seinem Namen oder den Initialen an jemanden, den man liebt. Herrlich romantisch.« Er setzte ein blumiges Lächeln auf und blickte, wie in Gedanken, an die Decke. »Ich war leider nie so der romantische Typ«, er blickte wieder vor sich auf den gefesselten Mann. »Hab nie so ein Teil bekommen. Ich war auch noch nie so der wirklich beliebte Mensch.« Er holte kurz Luft, stieß einen gespielten Seufzer aus und tat so, als würde er etwas bereuen. »Ich frage mich, ob das hier ein Name ist, oder ob es dieser übliche Scheiß ist. So was wie ein chinesischer Ausdruck für langes Leben oder so.« Immer noch argwöhnisch betrachtete er den Anhänger von allen Seiten. »Könnte schon sein«, nickte er sich selbst zufrieden zu. »Funktioniert aber glaube ich nicht!«, fügte er an die gefesselte Person gerichtet hinzu und brach ein weiteres Mal in lautes Gelächter aus.
Der Kopf unter der Tüte unterbrach ihn mit unverständlichem Gurgeln.
Nikolas Lachen verstummte. »Versteht ihr, was er mir sagen will?« Er richtete die Frage an die beiden Männer an der Tür. Er wollte keine Antwort und bekam auch keine. Er stand auf, schob seinen Stuhl von sich, blickte an die Decke und holte langsam und tief Luft. Einige Sekunden geschah gar nichts. Man vernahm nur das rhythmische Stöhnen des Gepeinigten. Nikola blickt ihn an und wurde laut. »Ich gebe mir hier die größte Mühe, Konversation zu betreiben und du Stück Scheiße hängst wie ein Schluck Wasser in der Kurve auf diesem Stuhl rum, sülzt unverständliches Zeug vor dich hin und hast dabei nicht mal den Anstand mir ins Gesicht zu gucken!« Er hob sein Bein und trat mit seinen Fuß mit voller Kraft in die Schusswunde des Mannes. Ein Schrei ertönte und erfüllte den Raum. Ein Schrei, der dem Heulen eines Wolfes glich. Ein Schrei, der so ausgeprägt in seiner Emotion war, dass er die Zeit zu verlangsamen schien. Er verteilte sich im Raum wie Flüssigkeit in einem Glas. Er erreichte die Decke, quoll an den Wänden hinunter, füllte jede Ecke, jede Unebenheit, jeden noch so kleinen Spalt in den Wänden. Als der Raum vollkommen mit dem Schrei erfüllt war, hielt die Zeit inne.
Mitten im Raum, in seiner Bewegung eingefroren stand Nikola, der mit einem irren Grinsen auf sein Opfer blickte, die Brust angeschwollen vor Geilheit, beide Arme in die Luft erhoben, als hätte er das entscheidende Tor bei einem wichtigen Fußballspiel geschossen. Er triumphierte.
An der Tür verharrten eingefroren die beiden fetten Bodyguards, deren Gesichter sich vor Schmerzen verzerrt hatten. Schmerzen, die sie selbst nicht spürten. Es war kein physischer Schmerz. Es war Mitleid.
Mitleid gegenüber dem, was das Zentrum des schrecklichen Szenarios ausmachte: eine Gestalt - gefesselt, gepeinigt und dem Tode nahe, auf einem Stuhl hängend über einer Pfütze des eigenen Blutes schwebend, den Mund unter einer Plastiktüte über dem Kopf weit aufgerissen - die einen so erschreckenden Schrei von sich gab, dass selbst die Zeit vor Angst in ihrer Bewegung erstarrte.
Nikolas schreckliches Kunstwerk war vollbracht.
Draußen vernahm Jojo wieder ein Geräusch, aber dieses Mal riss er sich zusammen. Es würde keinen Sinn machen, wenn er sich wieder in einer Welt wirrer Gedanken verlor, dachte er bei sich. Er versuchte einfach cool zu bleiben. So cool, wie Brutus, der fette Riese neben ihm. Er fragte sich, wie viel Kilo ihm wohl fehlten, um in einer Situation wie dieser so verdammt ruhig zu bleiben. Aber es waren wohl bloß die Jahre der Erfahrung. Schon beim nächsten Mal wird das hier alles anders ablaufen, dachte er sich. Wenn er den grausigen Anblick dessen, was ihn erwartete erst einmal hinter sich gebracht hätte und der Job solide ausgeführt wäre, wäre das nächste Zusammentreffen mit der Tür wahrscheinlich nur noch halb so schlimm. Dann wäre er derjenige, der die erste Zeit noch mit Brutus zusammen und dann später mit einem jüngeren Organisationsneuling, wie er jetzt einer war, dort sitzen würde, und dann würde er Brutus den Sanften spielen. Den coolen Brutus.
Er blickte zu ihm hinüber und das erste Mal, seit sie das Gebäude betreten hatten, verirrte sich ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht.
Der Riese blickte ihn aus den Augenwinkeln an und verschränkte verduzt fragend die Augenbrauen.
Jojo wollte etwas sagen, doch in dem Augenblick machte die Tür ein lautes, klickendes Geräusch. Beide Augenpaare schnellten in ihre Richtung. Sie öffnete sich langsam, sehr langsam. Als wolle sie die Spannung absichtlich auf den absoluten Höhepunkt treiben und erst im letzten Moment das offenbaren, was sie an Grausamkeit verbarg. Sehr, sehr langsam.
Brutus der Sanfte stand sofort auf und wies Jojo mit einer Handbewegung an, sich als erster durch die Tür zu begeben. Der stand mit zitternden Knien auf und bewegte sich leicht gebückt auf sie zu. Er betrachtete den Stahl, der mindestens 20 Zentimeter dick war, dann verschloss er die Augen. Er versuchte seine Gedanken frei zu machen, wollte sich entspannen, aber es gelang ihm nicht. Mit einem weiteren lauten Klicken rastete der Mechanismus ein. Ruhe.
Jojo öffnete die Augen und blickte in das Gesicht Nikolas, der ihm gegenüber lächelnd im Raum stand. Ein weiterer Mann, beinahe so fett wie Brutus, stand neben ihm und starrte Jojo kalt ins Gesicht. Der Raum war weiß und hatte den selben grauen Boden wie der Flur. Es gab zwei Stühle. Ansonsten war er leer. Und sauber.
Nikola klatschte in die Hände, blickte sich im Raum um und dann wieder in Jojos Richtung. »Hast du eine Tüte mitgebracht, so wie man es dir aufgetragen hat?« fragte er ihn.
Jojo brauchte einige Sekunden bis er reagierte und griff dann unter seine Jacke, um eine Tüte mit der Aufschrift „Obst und Gemüse aus der Türkei” hervorzuholen.
»Schön.« sagte Nikola, drehte sich um und entging so den fragenden Blicken Jojos, dessen Nacken in diesem Augenblick von einem kalten, harten Gegenstand getroffen wurde. Um ihn herum wurde es dunkel. Verdammt dunkel.

Karnov und die Taube

Das Meer. Manche sagen, es bereite ihnen ein sonderbar schönes Gefühl, wenn man auf seine endlos scheinende Weite hinaus blickte. Als würde man dort hinein gehören. Wahrscheinlich ist irgendwo in unserer DNA ein winzig kleiner Punkt verankert, der so etwas wie Heimweh bekommt und ganz tief in unserem Unterbewusstsein auf uns einredet: wir schwammen mal da drin rum und haben die große Evolution in Gang gebracht. Damals, in der guten alten Zeit. Karnov das Kinn hasste das Meer. Auf Schiffen wurde ihm immer schlecht und schwimmen konnte er gerade gut genug, um sicher den nächstgelegenen festen Boden unter den Füßen zu erreichen. Und Evolution, so dachte er, würde man sich gegen Sonnenbrand auf die Haut reiben. Er war eben eher praktisch veranlagt. Man gab ihm einen soliden Auftrag und er führte ihn aus. Solide. Ohne Wenn und Aber. Normalerweise auch ohne Zweifel. Das war dieses Mal anders. Sein aktueller Job bereitete ihm Kopfschmerzen. Kopfschmerzen in Gegenden seines Kopfes, die er nicht mal kannte. Ein Mobiltelefon hatte man ihm gegeben. Ihm, einem Mann, der Türen lieber eintrat, anstatt sich mit dem komplexen System einer Türklinke auseinanderzusetzen. Gerade ihm, der die Fernbedienung seines Fernsehers mit zwei Händen bediente und der leidvoll erfuhr, dass man das TV-Gerät auch zerstören konnte, wenn man mit der Bedienung danach warf. Und jetzt stand er da. Mit einem Mobiltelefon in der Tasche und einem langen Gesicht. Früher, dachte er sich, früher hatte man seinen Auftrag von Angesicht zu Angesicht im Büro abgeholt. Hatte man eine Frage, konnte man diese stellen. Hatte man Bedenken, konnte man diese äußern. Aber so. Ausgerechnet ans Meer, dachte er und blickte etwas nervös durch die Gegend. Normalerweise war er nie nervös. Zumindest nicht so nervös wie er jetzt gerade war. Er wusste noch nicht, wie nervös er erst drei Stunden später sein sollte.

Drei Stunden später.

Ein Mercedes fuhr eine verlassene Landstraße entlang. Der Wagen war der einzige bewegliche Punkt in der friedlichen, ländlichen Umgebung. Abgesehen von dem Motor des Wagens war nur der Wind zu hören, der ab und an hart über die Wiesen und Felder strich. Hier gibts nicht mal beschissene Kühe dachte Karnov das Kinn bei sich und war dabei so nervös wie noch nie. Er lenkte den Wagen mit dem ausgestreckten rechten Arm. Der linke lag in seinem Schoss und die Hand hielt ein Mobiltelefon fest umklammert. Karnov blickte in regelmäßigen Abständen abwechselnd auf die Straße und auf das Display. Nichts. Keine Nachricht, keine Anruf. Teufel noch mal, war er nervös.
Neben ihm auf dem Beifahrersitz saß die Taube. Die Taube war ein Er. Alle nannten ihn die Taube, weil er taubstumm war. Wenn man ihn rufen würde, könnte er einen eh nicht hören, also ging es darum einen Namen zu finden, bei dem jeder gleich Bescheid wusste. Dafür reichte “die Taube” als Name allemal.
Die Taube sah abwechselnd auf Karnov, die Straße und in den hinteren Teil des Wagens. Dorthin hielt er auch den Lauf seines im Verhältnis viel zu großen Revolvers. Die Lippen der Taube bewegten sich zusammengepresst und formten seltsame Gesichtsausdrücke. So wie sie es immer taten, wenn er mit einer Waffe auf etwas, oder wie in diesem Fall, auf jemanden zielte.

Zweieinhalb Stunden früher.

Karnov blickte den Taubstummen böse und regungslos an. Die Taube stand etwas unruhig vor ihm, und hätte er die Möglichkeit gehabt zu sprechen, wüsste er jetzt trotzdem nicht, was er hätte sagen sollen.
»Na wenigstens bist du überhaupt noch aufgetaucht«, sagte Karnov, nicht sonderlich bemüht die Lippen so zu bewegen, das ein Taubstummer überhaupt die Chance gehabt hätte von ihnen abzulesen. »Immerhin etwas.« Er holte das Telefon aus der Innentasche seiner Jacke, betrachtete das Display und schüttelte den Kopf. »Scheiße, verdammte!«, murmelte er in sich hinein. »Und alles mit diesem verdammten Wasser hinter mir. Das ist einfach nicht mein Tag heute. Ich hätte verdammt noch mal im Bett bleiben sollen. Verdammte Scheiße!«
Die Taube blickte sich verlegen um, ging ein paar Schritte auf das Geländer des Hafenbeckens zu und lehnte sich dort in einer Position an, in der er hoffte, es einige Zeit aushalten zu können. Taub sein hatte seine Vorteile. Man musste niemandem ein Gespräch aufzwingen und brauchte sich für die erdrückende Stille um einen herum auch nicht zu schämen. Zweieinhalb Stunden später.
Ein Mercedes bietet viel Platz für vier erwachsene Personen. Wenn alle ein bisschen zusammenrücken, passen sogar fünf hinein und jeder hat trotzdem noch genug Armfreiheit. Derzeit befanden sich auch fünf Personen im Auto. Zuvorkommenderweise befanden sich zwei davon tot im Kofferraum.
Die dritte noch lebende Person neben Karnov und der Taube war eine Frau. Sie sah starr und mit leerem Blick zwischen den Köpfen von Fahrer und Beifahrer hindurch auf die Straße. Eine Asiatin, sehr schlank und beinahe zerbrechlich zierlich. Die Art von Frau, die neben diversen anderen Gefühlen auch den Beschützerinstinkt in einem aufrechten Mann weckte. Die Art von Mensch, die Karnov in normalen Situationen nicht zu doll anfassen wollte, damit er sie nicht aus Versehen kaputt machte. Diese Situation war nicht normal.
Das Blut unter ihrer Nase war geronnen und bildete eine rote Straße aus ihrem weißen Gesicht heraus, hinunter auf ihr makelloses Porzellandekolleté. Ein Kunstwerk der Gewalt hätte es Nikola der Peiniger genannt.
Für Karnov war es nur eine blutende, dumme Zeugin, die nur deshalb noch am Leben war, weil er noch keine Anweisungen erhalten hatte, was er mit ihr tun sollte. Abgenommen hatte bei der Nummer niemand, die ihm die Details zum Auftrag aus dem Hauptquartier per Textnachricht hat zukommen lassen. Also schrieb er zurück:

Komme später. Bin überraschend mit einer Frau unterwegs!

Besser gesagt, er ließ sie schreiben. Nachdem er es fünfzehn Minuten versucht hatte, gab er auf und schrieb den Satz auf einen Zettel, den er zusammen mit dem Mobiltelefon der Taube in die Hand gedrückt hatte.
Die Taube war beim Anblick des Zettels kurzzeitig irritiert, kombinierte aber recht schnell, als ihm der aufgebrachte Karnov das Telefon entriss und es ihm mit voller Wucht wieder in den Schoß schmiss.
Eine Antwort auf die Nachricht kam nicht.

Ungefähr zwei Stunden früher.

Karnov lehnte nun auch an dem Geländer des Hafenbeckens. Allerdings wesentlich uncooler als die Taube. Sein Mobiltelefon surrte zweimal und spielte eine Melodie, die jeden Dreizehnjährigen auf der Stelle vor Lachen hätte aufprusten lassen. Jeder dieser Dreizehnjährigen wäre allerdings auch sofort wieder verstummt, würde er erkennen, dass das Klingeln aus der Innentasche der Jacke von Karnov dem Kinn kam. Karnov hasste Dreizehnjährige. Er hasste auch alle, die jünger waren, und ältere konnte er sowieso nicht ab.
Wir treffen uns mit K1 im Club. Wir sehen uns dort am Hintereingang. Karnov las die Nachricht zweimal, einmal mit und einmal ohne dabei die Lippen zu bewegen. Er fingerte ein paarmal unsicher an den Tasten des Mobiltelefons herum, ließ es dann in seiner Tasche verschwinden und machte sich auf den Weg an der Taube vorbei zu seinem Wagen. Er murmelte diverse unschöne Flüche in sich hinein.
Die Taube hatte die Arme verschränkt und blickte tagträumend auf das Meer hinaus. Im nächsten Moment beschlich ihn beim Anblick der Wellen ein seltsames Gefühl. Ein Gefühl von Geborgenheit, das ihn beschwor hier am Meer zu bleiben. Er kannte dieses Gefühl nicht. Nicht weil er sich sonst überall unwohl fühlte. Er wurde eigentlich überall freundlich aufgenommen. So richtig unfreundlich war ihm gegenüber niemand eingestellt. Mal abgesehen von seinem Partner, Karnov dem Kinn. Aber der war nun mal so. Alle anderen waren nett zu ihm. Es hatte Vorteile in einer Organisation wie der, in der sie beschäftigt sind, nicht hören und nicht sprechen zu können. So machte man sich schnell Freunde. Oder zumindest keine Feinde. Er starrte weiter auf das Meer hinaus und bekam ein ungutes Gefühl es jetzt verlassen zu müssen. Er drehte seinen Kopf nach vorne, erkannte, dass Karnov bereits auf dem Weg zum Wagen war und hastete ihm eilig hinterher.

Der Club.

Die Taube blickte aufgeregt hin und her. Er schaute fragend in das Gesicht von Karnov, bevor er seinen Blick wieder in Richtung einer flüchtenden Gestalt wandte, die hastig hinter einer Ecke in der Gasse verschwand.
Karnov rieb sich genervt mit der linken Hand das Gesicht. Die Rechte hielt einen Revolver, den er ausgestreckt auf das versteinerte Gesicht eines Mannes Mitte Dreißig gerichtet hatte. Am Boden zwischen ihm und der Taube lag mit lang ausgestreckten Armen der regungslose Körper eines anderen Mannes. Wie der kurzzeitig vorher geflüchtete Mann war auch dieser komplett in schwarz gekleidet. Eine verchromte Pistole schimmerte ein, zwei Meter neben dem regungslosen Körper auf dem nassen Kopfsteinpflaster. Am Kopf des Mannes war eine üble Platzwunde zu erkennen und seine Nase war praktisch nicht mehr vorhanden. Er lag in einer recht großen Pfütze seines eigenen Blutes.
Karnov winkte den Blick der Taube vom geflüchteten zweiten Leibwächter weg und zeigte mit seiner linken Hand auf den ausblutenden Mann vor ihm auf dem Boden. Sofort schaute er wieder auf den versteinerten Mann, dem er seine Pistole ins Gesicht hielt. Er sah ihn mit kaltem Blick an. Beide rührten sich nicht.
Die Taube steckte den übergroßen Revolver in seinen Gürtel und begab sich zu dem am Boden liegenden Bodyguard. Er packte dessen Füße und begann, ihn über den nassen Boden in Richtung des Wagens zu ziehen.
Karnov blickte weiterhin in das Gesicht seines Auftrags. Anhand der Geräusche verfolgte er die Aktion der Taube. Endlich konnte er wieder ein seriöser Profi sein. Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen.
Auf halbem Weg zum Wagen fing der Körper des blutverschmierten Leibwächters wild an zu zucken, woraufhin die Taube seine Beine fallen ließ und mit einem Sprung zur Seite einen seiner Meinung nach angemessenen Sicherheitsabstand einnahm. Karnov verdrehte die Augen und holte hörbar tief Luft.
Der Taubstumme blickte herab auf den zuckenden Körper des Leibwächters. Schaumiger Speichel sprudelte aus dessen verschlossenem Mund. Offensichtlich waren die beiden Schläge mit dem Revolverkolben nicht ganz so effizient, wie er sich dies vorgestellt hatte. Er war ein bisschen verdutzt, dass der Typ überhaupt noch lebte. Er bückte sich hinunter zu dem Mann und überlegte wie er sein Opfer endgültig zum Schweigen bringen könnte, als er etwas angewidert zurückschreckte. Er wühlte in seiner Tasche und holte ein Stofftaschentuch hervor, das er auf dem Gesicht des zuckenden Leibwächters ausbreitete. Besser, dachte er bei sich, stand wieder auf und betrachtete sein seltsam anmutendes Werk regungslos. Das Taschentuch sog sich langsam mit dem Blut des Mannes voll, bis es fast vollständig rot war. Er kniete sich wieder zu ihm hinunter. Nach einigen Sekunden schlug er ihm erneut den Kolben des Revolvers ins Gesicht. Man konnte ein leises Quietschen vernehmen, bevor die Taube im Takt acht, neunmal auf das Gesicht des am Boden liegenden Mannes einschlug. Nach einiger Zeit kehrte Ruhe ein. Die Beine des Bodyguards zuckten nicht mehr. Sie sanken zur Seite. Die Taube stand auf, steckte den Revolver hinter sich in seinen Gürtel und zog den Leichnam in Richtung des Mercedes.
Karnov holte ein weiteres Mal tief Luft und verdrehte wieder die Augen. Ein Profi, dachte er bei sich. Ich bin ein Profi. Die Aktion, den Leichnam im Kofferraum des Mercedes zu verstauen, kostete die Taube stolze zehn Minuten und einen stark blutenden Daumen, den er sich beim Anheben und Ablegen der Leiche im Kofferraum zuzog, als sich besagter Finger in der Gürtelschnalle des Leibwächters einklemmte.
Wie vorgesehen, verschwand die Leiche letztendlich doch noch im geräumigen Kofferraum des Wagens. Der Taubstumme knallte sichtlich erleichtert die Tür über dem Leichnam zu, klatschte zweimal wie nach erfolgreich verrichteter Arbeit in die Hände und fror inmitten der Bewegung ein, als sich in diesem Moment die Hintertür des Clubs erneut öffnete und eine schlanke asiatische Frau Ende Zwanzig aus dem Inneren des Gebäudes heraustrat.
Als sie den Kopf hob und die beiden Killer bemerkte, froren ihre Bewegungen ebenfals ein. Sie blickte starr auf Karnovs Waffe, die ausgestreckt in das Gesicht des immer noch versteinerten Mannes ragte.
Die Taube schaute verdutzt über das Autodach hinweg auf die Tür.
Einige Sekunden bewegte sich niemand, bevor Karnov sich entschloss, die Situation auf seine Weise zu entschärfen. Ein Blitz erhellte die Gasse und ein lauter Schuss hallte durch die Nacht.

Im Auto.

Die Taube blickte mit der Zunge im Mundwinkel an der schlanken Asiatin herunter. Ihr Rock bedeckte gerade noch so die bleichen Knie. Sein Blick wechselte von ihren Beinen in ihr weißes, wunderhübsches Gesicht. Die zwei Linien geronnenen Blutes konnten sie nicht entstellen. Ihre Haut schien aus glänzendem Porzellan zu bestehen. Sie hatte sich scheinbar die größte Mühe gemacht, bei ihrem Date im Club alle Konkurrentinnen auszustechen. Den Ausgang des Abends hatte sie sich aber bestimmt anders vorgestellt, dachte die Taube bei sich.
Sie hatte sich noch keinen Millimeter gerührt. Seit sie den Club durch die Hintertür verlassen hatte, Karnov den Mann erschoss, ihr mit der Pistole ins Gesicht schlug und der Taubstumme sie auf den Rücksitz des Mercedes verladen hatte, bewegte sie sich kein Stück. Ihr Blick war leer und kalt. Nicht mal ein Anzeichen von Panik oder Angst. Leer und kalt. Die Taube war ein wenig beunruhigt. Normalerweise waren ihre Klienten beunruhigt. Viele schrieen vor Angst, so dass er sie bewusstlos schlagen musste. Einige rannten so schnell Hals über Kopf weg, dass er nicht mal genug Zeit hatte, seine Waffe zu ziehen. So wie der zweite Leibwächter, vorhin hinter dem Club. Der Zwischenfall nagte an ihm und er wusste, dass auch Karnov die Sache nicht unter den Tisch fallen lassen würde. Er wusste aber auch, dass er einen Bonus hatte. Ihm war klar, dass er nur der Assistent war. Karnov war der Boss bei diesem Einsatz und Karnov hatte die volle Verantwortung zu tragen. Er machte sich keine Sorgen um ein eventuelles Nachspiel im Büro. Sein Stolz war lediglich ein wenig verletzt.
Er blickte in die leeren Augen der Frau. Ihre Augen waren unglaublich schön, dachte er bei sich.

Zwanzig Minuten später.

Karnov das Kinn trommelte mit den Fingern der linken Hand nervös auf dem Lederlenkrad. Mit der rechten hielt er den Revolver in Richtung der Frau auf dem Rücksitz. Er blickte sie kalt an. Sie rührte sich immer noch nicht. Karnovs Trommeln verstummte. Der Wagen stand mit abgeschaltetem Motor am Straßenrand. Der Beifahrersitz war leer. Sie waren nur zu zweit im Auto. Der Umgebung allerdings kam es so vor, als wäre der Wagen leer. Es tat sich nichts. Alles war wie versteinert. Die Stille wurde abrupt zerrissen, als die Beifahrertür geöffnet wurde und die Taube in den Wagen stieg. Er bäumte sein Becken im Sitzen leicht nach oben, verschloss seinen Hosenstall und Gürtel, nahm den Revolver vom Armaturenbrett, steckte ihn wieder in die Hose und glätte sein Jacke. Mit einem Nicken signalisierte er Karnov, dass sein Geschäft soweit erledigt sei.
Der nahm ihn nicht wahr und starrte weiterhin in den hinteren Bereich des Wagens.
Der Taubstumme langte in seine Jackentasche und zog eine noch verschlossene Zigarettenschachtel hervor. Er öffnete sie und versuchte unbeholfen, eine der Zigaretten über dem Handballen herauszuschlagen. Vier waren noch in der Schachtel, der Rest lagt verteilt im Fußraum des Wagens. Es dauerte eine Weile, bis er alle eingesammelt hatte, dann drehte er sich herum und hielt die Schachtel seinem Partner Karnov unter die Nase.
Dessen Augen wanderten langsam in Richtung der Taube.
Nach ungefähr fünf Sekunden war dem klar, dass das wohl ein Nein war. Die Schachtel wanderte zurück, um sich dann der Frau zuzuwenden. Die Taube setzte sich etwas auf und brachte sich in eine angenehmere Position um auf den Rücksitz schauen zu können, winkte mit der Zigarettenschachtel und machte eine anbietende Geste.
Die Frau regte sich nicht.
Es vergingen etwa zehn lange Sekunden und der Taubstumme erkannte ein weiteres Mal ein Nein. Er zuckte mit den Schultern, setzte sich wieder gerade mit dem Blick nach vorn hin und drückte auf den Zigarettenanzünder.
Karnov atmete wieder tief durch und rollte die Augen. Mit seiner linken Hand griff er in seine Jackentasche, holte ein Feuerzeug hervor und reichte es ohne hinzusehen hinüber zur Taube. »Der ist kaputt.« brachte er genervt hervor.
Die Taube blickte verwundert vom Feuer zeug zum Zigarettenanzünder und zurück, entschied sich dann aber für das Feuerzeug und lächelte kurz. Das Handy in Karnovs Tasche blieb weiterhin stumm.

Eine Stunde später.

Die Taube hatte wieder den übergroßen Revolver in der Hand und zielte damit auf die Frau auf dem Rücksitz. Karnov fingerte an dem Mobiltelefon herum. Er hatte jetzt zum zweiten Mal versucht die Nummer zurückzurufen. Vergeblich. Zum Kotzen, dachte er bei sich. Was für ein beschissener Job. Warum musste der Typ auch eine Frau mitnehmen, dachte er. Die Taube hatte in der Zwischenzeit auf Kaugummi umgestellt. Tief in seinem Inneren war er ein Mensch, der gerne teilte und so hatte er wieder versucht Karnov und der Frau eines anzubieten. Wieder vergebens. Der Wagen stand immer noch am Wegrand und Karnov trommelte jetzt, wo auch die zweite Hand frei war, mit allen zehn Fingern auf dem Lenkrad herum. Er trommelte lauter, bis er zwei Fäuste ballte und wie ein Verrückter begann, auf das Lenkrad einzudreschen. »Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße noch mal!« schrie er, griff in seine Tasche nach dem Handy und tippte wie ein Berserker drauf herum. Er hatte in den letzten Stunden dazugelernt und so benötigte er diesmal nur noch eine Hand, um die Zeile Keine neuen Nachrichten zu lesen. Er schmiss das Handy in den Fußraum des Beifahrers. Er hatte ein für alle Mal die Schnauze voll von diesem Mistjob. Er würde jetzt den Wagen starten, in irgendein verdammtes abgelegenes Waldstück fahren, der verdammten Nutte eine Kugel in den Kopf jagen, und die Taube würde sie vergraben. Ja, so wird es jetzt gemacht, dachte er entschlossen bei sich. Karnov startete den Wagen. Der Motor surrte leise. Im Fußraum zwischen den Beinen der Taube surrte ebenfalls leise das Mobiltelefon. Er riss sich vom Lenkrad los und griff ohne Rücksicht auf die Taube nach dem Telefon in dessen Fußraum. Dieser erschrak und blickte ihn verdutzt an. Karnov nahm das Mobiltelefon, holte tief Luft, schloss die Augen und versuchte sich zu beruhigen. Dann fasste er sich, nahm das Handy fest in beide Hände und klickte sich vorsichtig durch das Menü zu den neuen Nachrichten. Die Taube wandte sich nun ganz von der Frau ab und blickte ihn erwartungsvoll an. Langsam aber sicher verging auch ihm, aufgrund der miesen Laune seines Partners, der Spaß an diesem Auftrag. Karnov las die Zeilen. Zweimal. Beide Male bewegten sich seine Lippen:

Frau? Wir dachten K1 wäre in Begleitung eines Mannes. “Setz” sie einfach irgendwo zum “Schlafen” ab!

Karnov blickte verdutzt auf das Display und versuchte die Nachricht zu analysieren. Da das Wort analysieren in seinem Wortschatz nicht vorkam, versuchte er die Nachricht nur zu verstehen. Er blickte auf. Die Taube folgte seinem Blick mit einem erdrückend großen Fragezeichen über dem Kopf. Dabei senkte er unachtsam die Waffe.
In diesem Moment rührte sich die Frau auf dem Rücksitz. Ihre Bewegung war blitzschnell und keiner der anwesenden Killer reagierte angemessen. Sie griff mit einer Hand unter ihren Rock. Riss sich etwas von ihrem Bein und streckte den Arm daraufhin mit einer erschreckend schnellen Bewegung in Richtung des Taubstummen aus. Dieser drehte sich langsam um und blickte in den Lauf einer Pistole, von der Panzerband mitsamt ein paar Hautfetzen herunterhing. Er öffnete den Mund. Die Frau drückte ab und mit einem lauten Knall verteilte sich das Gehirn der Taube im Vorderraum des Wagens über dem Armaturenbrett und auf der Windschutzscheibe. Karnov schreckte aus seinen überlegungen über die Nachricht des Telefons auf, duckte sich, öffnete blitzschnell die Tür und warf sich aus dem Wagen. Er zog seine Pistole und drückte sich im Sitzen an die Seitenwand des Mercedes. »Verdammte Scheiße«, flüsterte er. »Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt!« Er schlug seinen Hinterkopf mit jedem Verdammt gegen den Wagen. Er hörte wie die Hintertür auf der andere Seite des Wagens geöffnet wurde. Sein Kopf schreckte zur Seite, er lud die Waffe durch und blickte sich nach links und rechts um. Er holte tief Luft, atmete dreimal tief ein und aus. Dann warf er seinen Körper auf die Seite, blickte unter den Wagen und streckte die Waffe unter dem Auto in Richtung der anderen Seite aus. Nichts. Sie war noch im Auto, dachte er bei sich. Du kannst mich nicht verarschen, du Nutte! Er zog die Waffe an den Körper zurück, hielt sie mit beiden Händen fest an sich gepresst, sprang auf und feuerte drei Schüsse in das Innere des Wagens.
Scheiben zersprangen und tausend kleine Glassplitter verteilten sich im Wageninneren auf den Polstern des Rücksitzes. Leer. Der Innenraum war leer. Karnov blickte erst durch und dann über den Wagen hinweg auf die Wiese neben der Straße. Sie war flach und leer. Weit und breit war dort keine Menschenseele zu erkennen.
Klick machte es im Wagen, als der offenbar doch nicht ganz defekte Zigarettenanzünder aus seiner Fassung sprang. Karnov zuckte zusammen und zielte mit dem Revolver in Richtung der Armaturen. In diesem Moment berührte kaltes Metall seinen Nacken. Er öffnete den Mund und sprach ein Wort, das er irgendwann, irgendwo einmal gehört hatte: »Kunoichi!?« Ein Schuss zerriss ein weiteres Mal die Stille.
Moment, dachte Karnov kurz darauf bei sich. Die Wiese ist ja gar nicht leer. Da kommt ein alter Mann. Der sah nicht so aus, als wenn ihn irgend etwas kümmerte.

Benoit und das Meer

Benoit starrte aufs Meer hinaus. Meer? dachte er, blickte an sich herunter und bemerkte, dass er auf einer Bank saß. Einer Bank an einem Strand. Ein schöner Strand. Wie er hier hergekommen war, wusste er nicht. Versuche, sich an die letzten Stunden zu erinnern, schlugen fehl. Ein seltsames Gefühl, dachte er bei sich und trotzdem fühlte es sich an, als ob er hierher gehören würde. »Hallo!«, hörte er eine sanfte Stimme von rechts sagen. Benoit schreckte mit dem Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam. Zu seiner Rechten saß ein älterer, schwarzer Mann, der ihn freundlich anblickte. Benoit schaute an ihm hoch in sein Gesicht. Er schätzte ihn auf Ende Fünfzig. Der leicht trübe Blick wirkte auf eine seltsame Weise beruhigend. Er war zwar nicht wirklich nervös, aber falls er es denn werden würde, wüsste er genau, wohin er gucken müsste. Gut zu wissen, dachte er bei sich. »Hallo?«, wiederholte der Mann, lächelte und nickte Benoit, dieses Mal in der Hoffnung auf eine Reaktion, leicht zu. »Hi?«, bekam Benoit abgehackt heraus.
Der Mann war über die knappe Reaktion sichtlich erfreut und nickte ein weiteres Mal. »Schön, du bist nicht stumm.«
Benoit blickte ihn jetzt etwas verwirrt an. »Wo genau … bin ich denn hier?«, fragte er etwas verunsichert.
Der alte Mann blickte ihn rhetorisch fragend an und senkte den Kopf einen Hauch zur Seite. »An einem Strand?«
Beide starrten sich einige Sekunden an.
»Klar«, Benoit nickte einige Mal leicht in das jetzt etwas befremdlich erscheinende Gesicht des alten Mannes. »Klar«, sprach er leise zu sich selbst, als er sich wieder ab von dem Mann und hin zum Meer wandte.
»Schön, mal wieder mit jemandem sprechen zu können«, erwiderte der Mann. »Ich sitze schon ein, zwei ganze Leben hier und es ist Jahre her, dass ich mal wieder jemanden zum Unterhalten hatte.«
»Haben Sie hier …«, Benoit stockte und überlegte beim Reden, »Haben Sie hier am Strand ein Haus?«, fragte er und blickte über seine Schulter in die sandigen Dünen, um eventuell so etwas wie eine Ferienwohnung auszumachen. Auch um sich in der jetzt doch recht befremdlichen Situation zu beruhigen.
»Ein Haus?« fragte der alte Mann ungläubig. »Nein.« Er lachte. »Ich sitze eigentlich nur auf dieser Bank.« Er tätschelte die Bank mit seinen Händen, wie man es mit einem treuen Haustier tat. »Auf dieser schönen Bank«, fügte er hinzu.
Benoit blickte auf die Bank, dann zu dem Mann und wieder zurück in die Dünen. Nichts. Kein Haus, keine Straße, nicht mal ein Pfeiler, der daran erinnern würde, dass es hier je Menschen gegeben hatte. Lediglich eine Bank. Die Bank, das Meer und der Strand. Er resignierte und lehnte sich wieder zurück. »Aha.« war alles was er herausbekam.
»Vorhin waren bereits zwei Männer hier«, sagte der alte Mann. »Aber der eine war taubstumm und der andere war die ganze Zeit über am Fluchen.« Er schüttelte mit dem Kopf. »Keine guten Gesprächspartner. Nein.«
Benoit blickte sich am Strand um. »Wo sind sie denn hingegangen?«, fragte er.
»Hm?«
»Hingegangen. Die beiden Männer.«
»Oh … ich weiß es nicht.«
Benoit blickte ihn recht lange an. Nach einiger Zeit fing er sich und ließ seinen Gedanken freien Lauf. »Sie sagten, Sie sitzen hier schon ein, zwei ganze Leben lang rum und sehnen sich nach einem Gespräch. Dann kamen zwei Männer vorbei. Gut, der eine war taubstumm, aber der andere, mit dem hätten Sie sich doch unterhalten können.«
»Aber sie sind doch wieder weggegangen«, erwiderte der alte Mann, »Was hätte ich denn tun sollen?«
Benoit blickte an ihm herunter zu den Beinen des alten Mannes. Er begutachtete sie und fragte dann: »Sie können nicht mehr laufen, hm?«
Der alte Mann schaute ihn verdutzt an. »Hm? Oh … doch. Ich denke schon, dass ich das noch kann.«
»Warum sind Sie dann nicht einfach hinter den beiden Männern hergelaufen?«, fragte Benoit mit einem leicht genervten Unterton.
Nervosität machte sich auf dem Gesicht des Mannes breit. Er sah aus, als wollte er einen Gedankengang bilden, aber aus irgendeinem Grund gelang es ihm nicht. »Hinter …«. Er blickte hinunter auf den Sand. »Hinterher?«. Einige Sekunden versank er in Gedanken. »Ich … ich weiß nicht. Ist mir gar nicht in den Sinn gekommen.«
Benoit verharrte. Dann nickte er, während er den Blick nicht von dem Mann abwandte. »Verstehe.«
Etwa eine Stunde war seit dem Gespräch vergangen. Benoit, der sich immer noch nicht bewusst war, was um ihn herum geschah, starrte immer noch auf das Meer. Er saß immer noch mit dem alten Mann auf der Bank. Einige Gedanken über seine Situation hatten sich in der Zwischenzeit versucht zu formen. Aber irgendeine fremde Macht schien sie daran zu hindern, zu klaren Gedanken zu werden. Eine fremde Macht, die ihrerseits einen eigenen Gedanken mitbrachte und kontinuierlich versuchte, diesen in Benoits Geist zu pflanzen. Er blickte auf. Ein ganz kleines bisschen. »Ich bin tot, oder?«
Der alte Mann drehte sich zu ihm hin, lächelte und nickte leicht. »Ich schätze schon.«
»Wie …« Benoit versuchte sich an etwas zu erinnern. Vergebens. »Wie bin ich denn gestorben?«
»Sollte ich das wissen?» Der Mann zog die Augenbrauen hoch. »Ich könnte dir dieselbe Frage über mich stellen. Alles was ich weiß ist, dass ich seit Jahren, seit verdammt vielen Jahren, auf dieser Bank sitze und mich die ganze Zeit über nach einem Gespräch sehne.«
»So richtig unterhalten haben wir uns aber noch gar nicht.«
»Nein, das haben wir noch nicht.«
»Ich bin ein bisschen überfordert, glaube ich. Mit der Situation, verstehen Sie?«
»Ja, kein Problem.« Der alte Mann nickte aufs Meer hinaus. »Ich denke, ich habe Zeit.«
»Was …«, Benoit blickte unsicher zu Boden. »Was geschieht denn nun mit mir?«
»Ich weiß nicht. Du bleibst vielleicht mit mir auf dieser Bank sitzen?«
»Wie viele Jahre sagten Sie, sitzen Sie hier?«
»Ein, zwei Leben, denke ich.«
»Ein, zwei …«, Benoit rechnete im Kopf. Seine Augen bewegten sich. »Lang. Verdammt lang.« Er blickte den Mann an. »Darf ich hier eigentlich fluchen?«
Verdutzt schaute der Mann zu ihm rüber. Einen Moment später verstand er. »Du meinst wegen … ihm?«
Benoit erkannte die überzogene Geste und nickte. »Verstehe. Blöde Idee.«
»Hier interessiert es eigentlich niemanden was du sagst. Das glaube ich zumindest.«
Der mittlerweile vollständig resignierte Benoit blickte umher und dann wieder zurück zum alten Mann. »Wer kümmert sich denn jetzt um uns?«, er machte eine Geste der Verzweiflung. »Ich meine, irgendwer oder irgendwas muss uns doch jetzt erklären wie es weiter geht. All die Dinge, über die man sich als Lebender Gedanken gemacht hat. Der Himmel, die Hölle, das Nirwana, meinetwegen auch die Tafel des Odin. Verdammt! Irgendetwas schuldet einem das Leben doch, wenn man tot ist!«
»Kümmern?« der alte Mann blickte ungläubig zu seinem Nachbarn hinüber. »Hier kümmert sich niemand, schon gar nicht das Leben.« Er schlug sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel. »Ich denke, mein junger Freund, es wird Zeit, dir die Geschichte von Milan zu erzählen.«
»Milan?« Benoit glaubte jetzt völlig dem Surrealen zu erliegen. »Die Geschichte von Milan?«
Der alte Mann grinste ihn an. Dann erzählte er ihm ausführlich die Geschichte.
»Verstehe«, sagte Benoit, als der alte Mann mit seiner Erzählung fertig war. »Ziemlich verzwickt unsere Situation, wie es scheint.«
»Ja.« erwiderte der Mann. Er rieb sich mit einem leicht schmerzverzerrten Gesicht seine alternden Hände. »Und?«, fragte er nach einiger Zeit. »Wirst du den Strand entlang gehen?«
Benoit wandte sich wieder von ihm ab und blickte geradeaus auf das Meer. Er blickte auf die Sonne, die im Begriff war unterzugehen. Jeden Moment würde der glühende Ball mit seinem untersten Punkt den Horizont berühren und dann langsam ins Meer tauchen. Ohne das Zischen und den Rauch den man erwarten könnte. Dann würde es nicht mehr lange dauern und die Nacht wäre da. Benoit starrte noch einige Sekunden in Richtung Horizont bevor er antwortete. »Ich denke nicht.«
Der Mann wandte sich von Benoit ab, schaute ebenfalls auf das Meer hinaus und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Willkommen«, flüsterte er. »Willkommen an meinem Strand«.

Die Geschichte von Milan

Die Frau lehnte an einer Theke. Einer alten Theke. Eiche, rustikal, schäbig. Die Frau, weniger rustikal aber trotzdem schäbig, war ebenfalls alt. Ihre knochigen Beine waren lediglich von Haut bedeckt, die kein Fleisch zu beherbergen schien. Der Damenkasack fügte sich nahtlos in die Anhäufung schäbiger Objekte in der Umgebung ein. Sie bewegte sich nicht. Sie bewegte sich schon seit einer knappen halben Stunde nicht mehr. Zumindest nicht auffällig. Ab und an dehnte sich ihr alter Körper, aber diese Nuance durfte man nicht wirklich eine Bewegung nennen. Man konnte es nicht mal sehen. Aber hören. Wie Schmirgelpapier rieben ihre verkrusteten Ellenbogen dabei über die alte, rustikale Theke und verursachten ein kratzendes Geräusch. Der dünne Hals stützte mit letzter Kraft einen Kopf, der ein bisschen wie ein mit einem Nylonstrumpf überzogener Totenkopf aussah. Die Haare konnten sich nie richtig entscheiden, ob sie nun primär filzig, farblos, kaputt oder einfach nur schäbig wie der ganze Rest wirken wollten. Man könnte meinen, all das käme von einem bewegten, schweren Leben, das vom Schicksal bestimmt von einer Notlage in die nächste eilte und so über eine nicht enden wollende Zeit mit Narben der Verzweiflung versehen wurde. So sah das auch die alte Frau. Das Leben aber verstand sich nur selten mit dem Schicksal und trieb diese körperliche Entwicklung nur zu einem Zweck voran. Sie diente lediglich der Desensibilisierung, eine Art Schutzmaßnahme, um eventuelle Betrachter auf den schrecklichen Moment vorzubereiten, der sich ihnen darbot, wenn sie an der Frau hoch in ihr leidgeprägtes Gesicht blickten. Was es in diesen Momenten war, wonach das Gesicht der Frau schrie, wusste auch das Leben selbst nicht. Vielleicht war das der Grund, warum es sich jetzt, so kurz vor dem Ende der Frau, etwas beschämt von ihr abwandte, um sie fortan einfach auf sich allein gestellt im Stich zu lassen. Soll sich doch der Tod mit ihr rumschlagen, dachte sich das Leben. Wem es gelang, etwas genauer hinzusehen, vorbei an der Leere, der interpretierte den erbärmlichen Ausdruck in ihrem Gesicht ab und an als eine Art Schrei nach einer gehörigen Tracht Prügel. Eine gehörige Tracht Prügel durch eine Hand, so alt und so schäbig wie die Frau selbst.

Neben ihr, hinter der Theke, war diese Hand. Und sie gehörte Milan, ihrem Ehemann. Ihm gehörte auch die schäbige Theke und der Rest der Einrichtung. Zumindest glaubte er das. Milan bewegte sich ebenfalls nicht. Er blickte starr nach vorne, immer bemüht, nicht aus Versehen in die Richtung zu schauen, in der er seit nun gut Vierzig Jahren jeden Tag seine Frau an der Theke lehnen sah. Er bekam, wenn er dies doch tat, immer so eine Lust, ihr eine ordentliche Tracht Prügel zu verpassen. Nicht dass es ihm danach leid tat, aber es machte einfach nicht mehr soviel Spaß wie früher. Milan war nicht knochig. Ganz im Gegenteil. Er war kräftig. Und fett. Aus seinem verschwitzten weißen Unterhemd quollen behaarte Oberarme, die verschränkt vor seinem fetten Bauch ruhten. Sein aufgedunsenes Gesicht und die wenigen schmierigen Haarsträhnen, die sich noch auf seinem ansonsten kahlen roten Kopf befanden, strahlten vor allem eins aus: nichts. Hinter seinen glasigen Augen, tief im Inneren seines Schädels, wo irgendwann vor geraumer Zeit mal so etwas wie ein Gehirn untergebracht war, rührte sich ebenfalls nichts. Die bisher eigenständigste Leistung dieses Organs war es, den Pachtvertrag der Kneipe, die ursprünglich einmal dem Vater seines Besitzers gehörte, durch eine Unterschrift zu verlängern.
Ab und an, wenn man genau hinschaute, sofern man das überhaupt wollte, würde man bemerken, dass sich in den grauen Zellen die alten mit Spinnweben besetzten, eingerosteten Zahnräder doch den einen oder anderen Millimeter bewegten und die vergilbten Windungen seines Unterbewusstseins einen mikroskopisch kleinen neuronalen Reiz hervorbrachten, der Teilen des restlichen Körpers mit einem gequälten Seufzen mitteilte: einatmen. Ganz selten, vielleicht alle dreimal, war die Kernaussage des Reizes auch ausatmen. Milan atmete aus. Durch die Nase. Wie ein Stier. Nicht das er jemals einer war. Auch nicht, wenn er mal wieder seine Frau verprügelte, weil er irgendwie das Verlangen verspürte, nachdem er sie aus Versehen angeschaut hatte. Da sie sich schon nach dem zweiten Mal nicht mehr gewehrt hatte, war es gar nicht nötig, zu einem zu werden. Er atmete also aus. Schwer. Die Zahnräder kamen unter Krächzen und Seufzen zum Stehen. Mit einem einzigen Gedanken. Dem, sich hoffentlich nicht noch einmal bewegen zu müssen. Das hofften sie jetzt aber schon seit gut Sechzig Jahren und wenn imaginäre Zahnräder so etwas wie gesunden Menschenverstand hätten, dann hätten sie wohl schon vor Neunundfünfzigeinhalb Jahren damit aufgehört. Da sie so etwas aber nicht besaßen, hofften in diesem Moment einfach wieder unzählige der kleinen imaginären Rädchen auf die Erlösung durch den Tod.
Milan selbst war bereits tot. Nicht physisch gesehen. In dieser Hinsicht war sein Zustand lediglich extrem beschissen. In seiner Psyche allerdings, sofern es sie noch gab, bewegte sich eben genau gar nichts mehr. Besser gesagt, es hat sich auch nie etwas bewegt. Und das lag nicht mal an der schäbigen Frau. Oder an dem schäbigen Lokal, das in letzter Zeit nur hin und wieder mal von Individuen, die nach einer Möglichkeit zu telefonieren fragten, besucht wurde. Letzteres verstand Milan eh nicht. Er musste noch nie jemanden anrufen und ganz selten klingelte es mal in seinem Laden. Dann ging immer seine Frau ran und seufzte ein paar Mal in den Hörer. Das reichte für ihn, um zu verstehen, dass Telefonieren keine gute Tätigkeit war. Was es wirklich war, warum Milans Psyche so leer war wie die Flasche Schnaps an seinem Nachtschrank, war ihm unbekannt. Nicht dass er nach einem Grund gesucht hätte. Nein. Er starrte einfach den lieben langen Tag durch die Gegend und wunderte sich nicht einmal, dass er keinen Lebensinhalt hatte. Aus purer Langeweile besoff er sich in regelmäßigen Intervallen und verabreichte seiner schäbigen Frau hin und wieder eine ordentliche Tracht Prügel.
Wie auch in diesem Moment, als er in einem winzigen Augenblick einmal nicht aufgepasst hatte und in das heruntergekommene Gesicht der Frau blickte, die mit ihren flehenden Augen förmlich um die Schläge bettelte. Erfolgreich.
Wenn man sich jetzt fragt, was sich das Leben wohl dabei dachte, Milan keinen Inhalt seiner selbst gegeben zu haben, so muss man zugeben, dass die extreme Formung seiner Frau, hin zu einem bemitleidenswert abscheulichen Wesen, wohl die ganze Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt hatte. Nicht einmal an die übliche Alibilösung für Verlierertypen, der Suche nach dem Lebensinhalt auf eigene Faust, hatte auch nur irgendjemand der Verantwortlichen gedacht. Aber die Verantwortung war noch schlechter auf das Leben zu sprechen als das Schicksal und redete sich gerne mal mit letzterem raus. Jetzt, da das Leben die Frau mehr oder weniger dem Tod überlassen hatte, war es natürlich aufgefallen, dass da noch jemand die ganze Zeit hinter der Theke stand. Diesem verkorksten Etwas jedoch jetzt noch auf die Schnelle so etwas wie Lebensinhalt einzuhauchen, dazu bedarf es wohl eher der Wunder des übernatürlichen, dachte sich das Leben und legte auch die Akte Milans in die Ablage Tod. Seine harten Schläge klatschten dumpf, aber wirkungsvoll, in einem gleichmäßigen Takt in das schäbige Gesicht seiner Frau und das monotone Geräusch unterstrich die Szenerie wie die Pauken den Weg eines Sterbenden ins Licht.
Milan blickte herunter auf den leblosen Körper seiner Frau hinter der Theke. Er dachte daran, dass es jetzt vielleicht besser wäre, diesen Ort zu verlassen. Er zog die speckige Lederjacke über seine Schultern und über den wulstigen Rücken, öffnete eine Schublade in der Theke und nahm Wechselgeld heraus. Dabei fiel sein Blick auf einen Revolver, der seit Jahren an diesem Platz aufbewahrt, aber nie benutzt wurde. Einige Minuten lang blickte er starr auf die Waffe. Er dachte daran, dass es jetzt vielleicht Zeit für das große Finale wäre. Noch einige Minuten war sein Blick auf die Pistole gerichtet, dann nahm seine Hand die Waffe und seine müden Beine machten sich auf, das Lokal zu verlassen. Er dachte daran, noch einen trinken zu gehen. Ja. Als eine Art krönender Abschluss. Er schritt langsam, ganz langsam, in Richtung Tür.
In diesem Moment kroch eine Schabe an der äußersten Kante der Theke empor und vielleicht war schäbig im Zusammenhang mit Milan, seiner Frau und deren Hab und Gut doch nicht das richtige Adjektiv. Das Insekt wirkte im abscheulichen Gesamtbild der Szene wie eine wunderschöne, blühende Blume auf einer ansonsten trockenen und hoffnungslos verdorrten Wiese.

Ende?

Noch nicht ganz. Ich verstehe, wenn Ihnen jetzt nicht gerade nach Lachen zumute ist. All die toten Menschen, der Schmerz und die Gewalt. Furchtbar. Aber kein Grund erschöpft vor der Ignoranz des Lebens zu resignieren. Im nun folgenden letzten Kapitel stirbt garantiert niemand mehr. Versprochen!

Es war ruhig im Auto. Wie immer. Er bewegte sich nicht. Konnte sich nicht bewegen. Wie immer. Plötzlich presste ihn jemand mit Gewalt nach unten. Er wollte sich wehren, aber es war aussichtslos. Er konnte sich anstrengen, wie er wollte. Er hatte keine Chance. Er wollte laut schreien, aber es gelang ihm nicht … wie immer. Sein Gesicht berührte Metall. Kaltes Metall. Er wusste, es würde nicht so bleiben. Wie immer. Er war angespannt. Er wartete. Da! Da war sie wieder, die Hitze! Erst war es eine wohltuende Wärme, die sich sanft über seinen Wangen ausbreitete. Er spürte sie, die hinterhältige, wohltuende Wärme. Er wusste, es würde nicht so bleiben. Es wurde heißer. Er rang nach Luft. Es gelang ihm nicht. Wie immer. Die Wärme wandelte sich zu brennend heißer Hitze. Flammen, die scheinbar direkt aus der Hölle emporstiegen. Sein Gesicht rötete sich. Es roch verbrannt. Er verbrannte. Wie immer. Der Schmerz wurde unerträglich, er wollte schreien, was er nicht konnte. Er wollte davonrennen, was er nicht konnte. Er wollte sterben, was er nicht konnte. Es machte Klack. Jemand nahm den Zigarettenanzünder aus der Fassung und steckte sich eine Zigarette an. Der Zigarettenanzünder wollte weinen, aber er konnte nicht. Wie immer.
Die Frau führte die Zigarette an ihre Lippen und nahm einen ersten tiefen Zug. Sie blickte über den Mercedes auf die Wiese, pustete den Qualm in die Luft und verharrte einige Sekunden, bevor sie einen weiteren Zug nahm. Die Zigarette flog hinter ihr auf die Straße, wo der Wind die Funken des Aufpralls in die Luft wehte. Sie entfernte langsam, fast genüsslich die Reste des Panzerbands von ihren Beinen und verzog dabei keine Miene. Sie stieg an der Fahrerseite in den Wagen, entfernte dort Splitter von Glas und Reste von Gehirn, bevor sie sich setzte und hinter dem Lenkrad Platz nahm. Sie verstellte kritisch den Rückspiegel und steckte den Zigarettenanzünder zurück in seine Halterung. Der Motor sprang an und zerriss die Stille. Die rechte Hand am Steuer, versuchte die Frau mit der Linken das geronnene Blut unter ihrer Nase wegzukratzen. Kleine Schorfbrocken fielen auf ihre blassen Beine und wanderten von dort weiter in den Fußraum des Wagens. Sie blickte entschlossen nach vorne auf die Straße. Ihre mit Blut verschmierten Finger griffen in die Rocktasche. Eine silberne Kette kam zum Vorschein. Sie hielt sie fest in ihrer geballten Faust. Das kleine silberne Plättchen mit verziertem Rahmen blitzte in der Sonne. Sie drückte die Kette fest an ihre Brust, presste die Zähne aufeinander und schloss für einen kurzen Moment die Augen. In diesem kurzen Moment schien sie ihre Fassung um ein Haar zu verlieren. Ihre Augen öffneten sich. Das Auto gewann an Fahrt und nach wenigen Minuten verschwand es von der Bildfläche. Stille.

Ende.


Jason Stathurday: Revolver

Am 3. Juli 2008 unter film jasonstatham

Mit Lock, Stock and Two Smoking Barrels schuf Guy Ritchie sein eigenes kleines London-Untergrund-Gangsterkino. Mit Snatch perfektionierte er es. Dann kam Swept Away und Ritchie war erst einmal, nun ja, weggeschwemmt. Das hält bis heute an und schadete vor allem seinem großartigen Film Revolver aus dem Jahr 2005. Von der Masse sträflich unbeachtet, kam der Film erst in diesem Jahr in den USA in die Kinos. In Deutschland wartet man immer noch vergebens auf eine DVD. Eine Schande, denn das was Ritchie hier in Zusammenarbeit mit Luc Besson auf die Beine gestellt hat, ist ein in vielerlei Hinsicht unvergleichbares Filmerlebnis.

Übergreifendes Thema des Streifens ins eine ultimative Glücksspiel-Formel. Die Stärken des Films sind dabei einmal mehr die tollen Figuren. Der trockene Jake Green, der verstörte Macha oder der unscheinbare Killer Sorter. Sie alle bedienen sich Klischees, wirken im gewollt unnatürlichen Licht von Revolver aber wunderbar überzeichnet und eher wie Spielfiguren in einem Spiel. Das vermischt sich mit Ritchies Gespür für audiovisuelle Extravaganz. Wenn Jake Green zu verlangsamten Bildern mit rauer Stimme die ultimative Formel erklärt, wenn der Killer Sorter zur Mondschein Sonate sein Handwerk verrichtet oder wenn dynamische Schnitte einen Einbruch mit den Bildern eines Cartoons, der am Tatort im Fernsehen läuft, vermischen. Das alles fesselt ungemein. Und bevor er sich versieht, erkennt der Zuschauer, dass er selbst ebenfalls auf die Formel hereingefallen ist.

Bei meiner UK-DVD fehlt kurioserweise die Rolle der Mitwirkenden am Ende des Films. Anstelle derer starrte ich zu den Piano-Klängen der ersten Gnossienne minutenlang auf einen schwarzen Bildschirm. Interessant ist, dass mir das aufgrund des spannend inszenierten Endes erst nach drei Minuten aufgefallen ist.