The Casual Vacancy

Am 27. September 2013 unter buch

Never judge a book by it’s cover, sagt der Volksmund. Dieser Spruch stammt aus einer Zeit, als ausnahmslos alle Taschenbücher scheiße aussahen. Heute, wo vereinzelt begabte Menschen auch mal solche Cover gestalten, lebe ich getreu dem Motto Never judge a book by it’s cover unless there’s a vampire on it.

Und weil mir die Harry Potter Bücher von Frau Rowling so außerordentlich gut gefallen haben, gab ich auch The Casual Vacancy eine Chance. Obwohl das Cover nach Krimi aussah und ich keine Krimis mag. Ich habe auch vorher schon gelesen, dass Rowling da einen Krimi geschrieben hat. Die deutsche Übersetzung (Ein plötzlicher Todesfall, aber nein, ich habe es in Englisch gelesen) lässt ebenfalls kaum Zweifel zu. Positiv überrascht war ich, als mir dann bereits nach wenigen Seiten klar wurde, dass dies hier gar kein Krimi ist. Hui!

Aber was ist es denn dann? Und genau da wird es schwierig, denn in der ersten Hälfte ist dieses Buch vor allem eins: sehr gut geschrieben. Ansonsten passiert eigentlich nicht viel, aber genau das macht es so außergewöhnlich gut. The Casual Vacancy ist für Bücher ein bisschen das, was The Wire oder Treme für TV Serien sind. Zwei Handvoll sehr unterschiedlicher Charaktere gewähren Einblick in ihr Leben in der Gemeinde Pagford, deren gesellschaftliches Problem der soziale Brennpunkt am eigenen Stadtrand ist und für die der Tod eines Mitglieds des Gemeindevorstands eine Reihe unvorhergesehener Ereignisse initiiert. Und es muss gar nicht viel geschehen, damit man davon gefesselt wird.

Aber das Buch ist noch weit mehr. Dann, wenn sich die Gesamtsituation in der zweiten Hälfte langsam, aber stetig zuspitzt. Dann erkennt man, wie intelligent das Buch geschrieben ist und wie geschickt Rowling die Leben der Charaktere verbindet.

Wenn ich mir hier und jetzt etwas wünschen darf, dann ist es eine TV Serie zu The Casual Vacancy. Natürlich von den Menschen hinter The Wire und Treme. Das könnte wirklich sehr, sehr gut werden.

Ein Buch. In einem Blog über Filme und Videospiele. Never judge a blog by it’s cover, sage ich euch.


Dragon's Crown

Am 2. September 2013 unter spiel

Ich liebe Dragon’s Crown. Und ich hasse Dragon’s Crown. Zweimal um die ganze Welt. Ich liebe die liebevoll gepixelten Figuren, die so schön an Odin Sphere und an Muramasa erinnern und endlich, endlich da sind, wo sie hingehören. Auf einem System mit HD-Grafik. Ich liebe es, mit meiner Elfe, die ich liebevoll und in voller Erwartung von Peter Jacksons potentiellem Hobbit-Disaster schon einmal Tauriel getauft habe, bogenschiessend durch wunderschöne Landschaften zu laufen. Ich habe es geliebt, als sich bei Dragon’s Crown plötzlich und aus heiterem Himmel und in einem Anfall von englischem Humor die wohl wunderbarste Hommage an Monty Python abspielte. Ich liebe es, wenn mich Dragon’s Crown in der Freibeuter-Höhle an Pirates of the Dark Water, damals auf dem Super Nintendo, erinnert. Ich liebe es, zu viert durch Kerker zu streunen und Gegner in Grund und Boden zu brawlen.

Ich hasse es, wenn wir zu viert unterwegs sind und ich vor lauter Action, Gold, Magie, Blitzen, Feuer, Wasser, Sturm und anderen Spezialeffekten genau gar nichts mehr erkenne. Ich hasse es, dass dieses Spiel, das als Brawler mit Rollenspiel-Elementen bezeichnet wird, in Wahrheit ein Rollenspiel mit Brawler-Elementen ist. Ich hasse es, immer und immer wieder die selben Level zu spielen, um endlich den Erfahrungswert zu ergattern, der mir als in die Jahre gekommenem Spieler endlich den Hauch einer Chance gibt, die Bosse auf den B-Routen, dem zweiten und eigentlichen Abschnitt des Spiels, zu schlagen. Ich hasse es, wenn mich Dragon’s Crown für einen pubertierenden Dreizehnjährigen hält und mir überdimensionierte Ärsche und Titten am Fließband vor die Nase hält, die ich dann mit dem virtuellen Finger befummeln kann. Nicht mal Gôichi Suda und Shinji Ikami sind so blöd. Hoffe ich. Ach egal. Apropos Finger: Ich hasse den Finger. Wer baute denn bitte schön bei der Playstation 3 Version einen Curser in einen Brawler, der über den rechten Analogstick für die Schatzsuche benutzt werden muss? Hallo?! McFly? Jemand zuhause?! Da wäre es tatsächlich gewesen: das eine Feature, wo ein Move-Controller in der Hand eines zweiten Spielers wirklich mal Sinn gemacht hätte. Chance vertan. Der nächste bitte!

Liebe und Hass lagen für mich bei einem Videospiel selten so nahe beieinander. Es ist halt so verdammt hübsch, dieses Spiel. Selbst hässliche Menschen sehen hier zum Liebhaben aus. Da verzeiht man ihnen einiges. Wäre es doch bloß auch größer, sodass die zwei Handvoll Level, die ich so oft erneut besuchen muss, nicht so schnell langweilig werden würden. Schließlich soll ich das Spiel doch eigentlich mit allen sechs Klassen durchspielen. Sechs! Du liebe Güte. Die fünf Bücher und Figuren in Odin Sphere sättigten mich doch schon vor deren endgültigem Finale. Aber seht mal, wie die kleine Tinkerbell da besoffen in dem Bierkrug badet! Hach, ich liebe dieses Spiel.


Rurouni Kenshin

Am 7. August 2013 unter film

Nobuhiro Watsuki hat keine Eier. Ja, jetzt regt ihr euch auf. Ist aber meine Meinung. Genau wie viele andere Comic-Serien litt auch Rurouni Kenshin damals am Syndrom, kein Ende zu finden. Irgendwann war immer alles gleich und immer alles wieder da. Bis zu dem Punkt, als Nobuhiro Watsuki seine weibliche Hauptfigur hat sterben lassen. Ich war geschockt. Ich war sauer. Ich war … froh! Endlich würde mal einer aufs Ganze gehen und alles daran setzen, seine Serie nicht langsam eingehen zu lassen.

Ich wünschte mir, eine Hauptfigur in Blade of the Immortal, anfangs das Breaking Bad unter den Comics, hätte vor einer Ewigkeit Manji oder Rin sterben lassen und wäre nicht zum How I Met Your Mother unter den Comics geworden. It’s better to burn out, than to fade away, sprach Kurt Cobain, bevor er sich die Rübe runter schoss und seinem Zimmer mit Teilen seines Brägens einen neuen Anstrich verlieh. Zumindest in Bezug auf Serien hat er da echt Recht gehabt.

Aber dann, und jetzt wird es hart, fallen dem Herrn Nobuhiro über Nacht die Eier aus der Boxershorts und Kaoru steht in einer neuen Ausgabe von Rurouni Kenshin plötzlich wieder auf der Matte, wie Bobbie bei Dallas unter der Dusche. Was!? NEIN! Doch. Ich war noch mehr geschockt. Ich war noch wütender. Ich war richtig, richtig sauer. So, wie die Leute, die sich gerade darüber aufregen, dass ich nicht Manga sondern Comic sage. Kenshin war für mich gestorben. Bis vor ein paar Tagen.

Eine Realverfilmung des Stoffes? Ich denke sofort an Kamui. Auweia, war der mies. Aber ich habe mir Kenshin trotzdem angeschaut. Und er wird ganz sicher in meiner Liste der Lieblingsfilme 2013 zu finden sein. Einfach, weil er irgendwie alles richtig macht. Von der famos gespielten Naivität des Hauptdarstellers, über die großartigen und sehr dynamischen Kampfszenen, bis hin zum immer präsenten Overacting. Ja, das Overacting passt hier irgendwie perfekt und verleiht dem Film Charakter.

Irgendwie kann man dem Film nicht wirklich ernsthaft irgendetwas vorwerfen, weil er wie ein fröhliches Kind wirkt, das im Matsch spielt. Und dann zwischendurch das Lieblingskuscheltier verliert. Und dessen Hund währenddessen überfahren wird.

Ich mag auch den Vegetarier-Witz gegen Ende, bei dem ich vor Lachen fast an einem Hühnchenflügel erstickt wäre.

Meine letzten Jidaigeki- und Chambara-Filme waren von Yôji Yamada und natürlich ist Rurouni Kenshin davon so weit entfernt, wie Satô Takerus (Kenshin) Klasse von der eines Toshiro Mifunes, aber darum geht es bei diesem Film auch gar nicht. Und das hilft.



The Assassination Of Jesse James By The Coward Robert Ford

Am 16. Juni 2013 unter film

Wir haben The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford von Andrew Dominik nachgeholt und fragen uns jetzt, warum dieser Film nicht viel öfter in höchsten Tönen gelobt wird? Dank Brad Pitt gab es die nötige Medienpräsenz zum Release. Aber Pitt zieht offensichtlich nur im Genre der Massentauglichkeit. Das ist bei Dominiks Killing Them Softly so und war auch schon bei Jesse James der Fall. Hinzu kommt dann noch die Länge des Films. Fast drei Stunden. Da bekommt so mancher Zuschauer, der die neuen Medien auf YouTube eigentlich via Durchklicken konsumiert, bereits beim Anblick der Zahl zittrige Augenlider.

Und ein Western? Tarrantino kann das oder besser: Der darf das. Nein, einen Western macht außerhalb elitärer Kreise von Kult-Regie-Assen niemand mehr, wenn er danach gerne noch einen weiteren Film machen würde. Das erklärt wohl auch die Masse an Produzenten im Vorspann, die einem das ungute Gefühl geben, Andrew Dominik sei in Hollywood mehrere Monate mit dem Klingelbeutel und auf Knien von Tür zu Tür gekrochen, um das Geld für dieses Projekt zusammen zubekommen.

Aber wisst ihr was? Wenn dem so war, dann hat es sich gelohnt. Denn dieser Film ist nicht etwa eine Hommage an das Genre. Er will sogar nicht der dreckige Spaghetti-Streifen sein. Dieser Film spielt in einer Liga mit Eastwoods Unforgiven und True Grit von den Coens. Er ist lediglich ein Western, weil er Mitte des 19. Jahrhunderts in Amerika spielt. Er fühlt sich aber selten wie einer an.

Stattdessen sind da Bilder, die im Zusammenspiel mit Nick Caves Musik eine Mischung von beängstigender und fast schon hypnotisierender Atmosphäre schaffen. Da ist Casey Affleck, der mir mit Stimme, Texas-Dialekt und einem Gesichtsausdruck, irgendwo zwischen Unsicherheit und Wahnsinn, beinahe stetig einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Und da ist das Finale. Ein Finale, dessen Ausgang zwar von Anfang an klar ist, dessen handwerklich und künstlerische Ausführung von Kamera, Musik, Pitt, Affleck und der Smartbomb des Filmgeschäfts, Sam Rockwell, so gut gelungen ist, dass man die ganze Zeit über gebannt an den Schirm gefesselt dasitzt.

Da ist es schon ein bisschen schade, dass der Schnitt am logischen Schlusspunkt des Films vorbei rauscht, wie ein ungebremster Zug durchs Auenland. Und auch die Charakterentwicklung im Epilog wirkt hastig und nachgereicht. Aber das macht nichts, denn bis dahin wurde großartiges Kino präsentiert. In seiner Art eigen. Das ist gut. Das mag ich.