Hotline Miami

Am 6. Februar 2014 in spiel

Ich pflege Spiele auch immer zu spielen, wenn ich sie kaufe. Einen Pile of Shame habe ich so gut wie gar nicht. Manchmal kaufe ich Spiele, die mir leider gar nicht gefallen. Dann wird es blöd, weil ich trotzdem versuche sie zu spielen, in der Hoffnung, der Funke springt irgendwann doch noch über. Wenn mir ein Spiel einmal zu schwer ist, lege ich es weg und versuche es ein paar Wochen später noch einmal. Ein anderer Tag, ein anderes Befinden reicht manchmal schon aus, um ein Spiel ganz anders anzugehen.

Hotline Miame war so ein Spiel. Keine Sonne habe ich dort gesehen. Null. Im Gegenteil: Ich war nach ein paar Stunden so angepisst, dass ich das Spiel wieder von der Festplatte der Playstation 3 löschte. Und das, obwohl ich sonst alles an dem Spiel mochte: die klassische Top-Down-Ansicht, die Sprites, das 80er-Setting und der ein bisschen an Drive angelehnte Soundtrack. Hammer. Eine Spur zu brutal für mich, aber trotzdem sehr gut.

Jetzt, Monate später und nach einem erneuten Aufgreifen, spielte ich es gestern nach ein paar Tagen durch. Und ich gebe zu: Ich liebe es! Das Problem war, dass ich einfach nicht wusste, wie man es richtig spielt. Meinem Gemüt entsprechend riss ich Türen auf und pumpte Blei in die Zimmer des Spiels. Beim erneuten Anspielen vor einigen Tagen besann ich mich dagegen auf eine Technik, die meine Frau aus dem FF beherrscht und zur Vollendung gemeistert hat: Die Hasenfuß-Taktik. Gelernt sie zu nutzen, hat sie diese bei Gothic. Sie funktioniert auch bei Hotline Miami perfekt.

Das Grundprinzip der Hasenfuß-Taktik: Den Gegner aus der Distanz ausspionieren und dann ebenfalls aus der Distanz anzugreifen. Aber nur einen nach dem anderen! Bei Hotline Miami sah das bei mir wie folgt aus: Ich erledigte einen Gegner in einer Gruppe aus der Distanz und verzog mich zurück in einen leeren Raum, wartete, bis sich alle wieder gruppierten und wiederholte die Prozedur. So löste ich fast alle schwierigen Stellen und hatte damit mehr Spaß, als mich den manchmal zu willkürlich agierenden Gegnern direkt zu stellen und mir mit ihnen ein “Tür-Duell” zu liefern.

Spaß gemacht hat es trotzdem. Weil Hotline Miami diese Momente hat. Wenn es mir zum Beispiel eine Uzi in einem sehr langen Foyer in die Hand legt, mit der ich dann wie Sorter im Film “Revolver” einfach in den Raum hineinschieße, ohne das ich überhaupt sehe, wohin. Wenn dann ein paar Sekunden später zwei, dreimal der Bonus für erledigte Wachen aufpoppt, ist dieses wohlige Action-Film-Gefühl da. Diese Stellen sind bei Hotline Miami wie Belohnungen für scheinbar endlose Strapazen, die der Spieler erleiden muss.

Was bei der Hasenfuß-Taktik auf der Strecke bleibt ist die Punktzahl. Ich hasse Bewertungen in Videospielen. Bis heute habe ich es zum Beispiel nicht geschafft, in Gungrave auf der Playstation 2, einmal in allen Kategorien eine volle Punktzahl zu bekommen. Obwohl ich es sicher an die fünfzigmal durchgespielt habe. Bescheuert. Bei Hotline Miami wird natürlich, genau wie bei Gungrave, die Zeit mit in die Bewertung einbezogen. Find’ ich doof. Ich will doch gar nicht hetzen und auf Zeit kann ich es doch auch spielen, ohne sonst dafür eine schlechte Note zu bekommen. Ich nehme es ohne weiteres hin, nicht die Bestnote zu bekommen, wenn ich als Hasenfuß daherkomme, nicht aber, weil ich mir Zeit lasse, mich an Details in der Umgebung ergötze und einfach das Spiel genießen will.

Egal. Ich sagte ja bereits, ich liebe Hotline Miami dennoch. Und ich freue mich jetzt auch auf den zweiten Teil, obwohl ich mir tief in meinem Herzen wünschte, es würde ein Squad-Shooter mit Online-Multiplayer in diesem Setting werden. Wäre das schön!

Spring Breakers

Am 19. Januar 2014 in film

In den nächsten Tagen und Wochen werde ich an dieser Stelle im Netz immer mal wieder älteren Stoff besprechen. Es ist diese Jahreszeit, in der ich Dinge nachhole, die ich im letzten Jahr verpasst habe. Dinge, die eventuell auch noch in eine meiner Bestenlisten des Jahres gehört hätten.

Spring Breakers zum Beispiel. Der ist von Harmony Korine, der uns damals schon mit dem Drehbuch zu Larry Clarks Kids überraschte und uns dann mit Gummo von hinten links eins übergebraten hat. Der Typ hat ein goldenes Händchen. Und das beweist er hier erneut.

Spring Breakers ist grell, laut und verdammt unmoralisch. Spring Breakers traut sich, Figuren, die er aufbaut, mittendrin abzusägen. Im Gegenzug macht Spring Breakers scheinbar leere Hüllen zu Hauptfiguren. Spring Breakers zeigt einen Spring Break Trip, der ordentlich schief läuft und ist nicht zu feige, sich davon in keinster Weise zu distanzieren. Spring Breakers ist auch verdammt schön. Sozusagen die hübsche Schwester vom kleinen, hässlichen Gummo. Spring Breakers ist der Spring Break des vergangenen Kinojahrs.

Spring Breakers ist James Franco. Ich bin ein James Franco Fan, ja. Ich mag Schauspieler, die alles spielen können und sich vor allem nicht zu schade sind, das auch zu tun. Spring Breakers ist Musik von Britney Spears und die kleine Sensation daran ist, dass das in diesem Fall keine Katastrophe ist.

Spring Breakers ist in meinen Augen einfach ein gnadenlos guter Film. Ihr solltet ihn alle anschauen. Aber ihr werdet ihn nicht alle gnadenlos gut finden.

Bei Nacht und Nebel

Am 12. Januar 2014 in prosa spiel

Unsere Tochter liebt Minecraft. Sie ist sechs und erfährt den friedlichen Kreativ-Modus wie Lego, aber mit unendlich vielen Steinen. Ihr echtes Lego hat sie von ihrem Bruder und von mir geerbt und das ist nach zwei Generationen schon recht ordentlich angewachsen. Für ganze Wälder, Berge und geräumige Häuser reicht es aber dann doch nicht. Minecraft kennt diese Grenze nicht und so baut sie dort Häuser am Meer, im Schnee, auf Bergen und sogar auf Bäumen. Letzteres ist ihr aktuelles Projekt und es zeigt architektonisch bereits gewaltige Fortschritte im Vergleich zu ihrem ersten Haus. Es gibt zwei Etagen, moderne Verglasung und sogar ein Sprungbrett ins angrenzende Meer. Ein Traumhaus in den Kronen eines kleinen Dschungels. Nicht schlecht.

Zusammen entdecken wir irgendwann die Möglichkeit Lebewesen in der Welt zu erschaffen. Nur wenige Minuten später wimmelt es von Katzen. Es ist mir mittlerweile nicht mehr möglich, irgendeines ihrer Häuser zu betreten und nicht von mindestens drei Katzen angeschaut und anmiaut zu werden.

Dann bringe ich eine fatale Idee ins Spiel: Ich schlage ihr vor, weitere, nicht vom Spiel im Zuge der Weltkarte generierte Dorfbewohner zu erschaffen. Ich erkläre ihr, dass es doch bestimmt witzig ist, wenn in ihrer Welt noch andere Menschen umherlaufen. Sie überlegt kurz und ruft dann sechs Dorfbewohner ins virtuelle Leben.

Nach anfänglicher Verunsicherung wuseln diese relativ zügig in einen nahgelegenen Wohnkomplex, den meine Tochter gebaut hat. Sie scheinen sich dort auch gleich sehr wohl zu fühlen, besetzen das gesamte Gebäude und lassen sich auch nicht von den Katzen stören. Ich bin beeindruckt. Das ist das, was ich mir damals von den Urzeitkrebsen versprochen hatte. Ich lache. Meine Tochter nicht.

Sie findet die Idee im Nachhinein nicht besonders gut, möchte die fremden Menschen nicht in ihrem Haus haben und zieht sich genervt in ihr Baumhaus zurück. Sie macht mir unmissverständlich klar, dass das mein Schaffen war. Offensichtlich spürt sie wegen mir eine starke Erschütterung der Macht in ihrer Welt. Verdammt. Ich verspreche ihr, das wieder in Ordnung zu bringen. Irgendwie. Morgen, sage ich, sei ihre Welt bestimmt wieder wie vorher. Ohne die Dorfbewohner.

Es ist Abend und unsere Tochter liegt im Bett, während ich schnell noch einmal ihre Welt in Minecraft betrete. Dort ist es finstere Nacht. Im friedlichen Modus gibt es eigentlich keine Monster, die nachts heraus kommen und eine Bedrohung für die Dorfbewohner darstellen. Heute Nacht schon.

Ich verlasse das Baumhaus über den Balkon, erhebe mich in die Luft und fliege über den Dschungel zum nahegelegenen Gebäude, in dem sich die Dorfbewohner niedergelassen haben. Ich lande und checke die Lage. In meiner Hand ein funkelndes, diamantenes Schwert.

Hinter der ersten Tür blicke ich dem ersten von ihnen ins Gesicht und erschlage ihn. Ich gehe von Tür zu Tür und verrichte mein dämonisches Werk. Zwei erwische ich in einer großen gläsernen Halle, die meine Tochter für die schöne Aussicht gebaut hat. Die beiden halten Händchen. Natürlich. Als wollte das Spiel alle Geschütze auffahren, seine virtuellen Bewohner vor mir zu retten, indem es an meine Vernunft appelliert. Sorry, aber ich bin nur ein verzweifelter Vater. Den letzten habe ich draußen vor der großen Glaswand auf der Flucht erschlagen, nachdem er mit ansehen musste, was vorher mit dem Pärchen passierte. Spätestens jetzt sollte unsere Tochter wieder eine Erschütterung der Macht spüren. Ich lausche in Richtung Kinderzimmer. Ruhe. Im Spiel fliege ich zurück ins Baumhaus, wo ich das Gefühl habe, dass mich alle Katzen schockiert anblicken. Ich verlasse die Welt.

Es gab in jüngster Zeit seitens der Entwickler so viele Versuche, bei Spielern von Videospielen durch unmoralisches Handeln Unbehagen herbeizurufen. Keines hat mich so an einer Tat zweifeln lassen, wie Minecraft es heute bei mir tat. Und alles nur für ein zufriedenes Lächeln meiner Tochter.

Kleines, solltest du das hier irgendwann einmal lesen: Das mysteriöse Verschwinden der Dorfbewohner in deiner Minecraft Welt sollte damit aufgeklärt sein. Sorry.

Only Lovers Left ALive

Am 4. Januar 2014 in film

Ganze drei Tage ist das neue Jahr jung und ich sitze schon wieder im Kino. Nicht einmal zehn Minuten läuft der Film und ich bin schon hin und weg. Ganz ehrlich: Wie soll dieses Jahr noch irgendein Film eine bessere Eingangsszene haben, als die von Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive” mit der Musik von SQÜRLs Funnel of Love. Ich weiß es nicht.

Jim Jarmusch dreht einen Vampirfilm. Klar. Allein die Vorstellung ist so verdammt abwegig, dass ich wirklich keine Ahnung hatte, was mich da erwarten sollte. Und das, was ich sah, übertraf alles. Jarmusch hält seinen lakonischen Stil, tritt mit Links der Twilight Saga kräftig in den Arsch, zieht die Nachtgestalten mit Rechts wieder mehr in Richtung Anne Rice und zeigt sie dabei auch noch erstaunlich glaubwürdig. Die typische Aura, mit der Jarmusch seine Figuren umgibt ist dabei so dermaßen passend, dass ich im Nachhinein sogar Tom Waits in Down By Law einen Vampir abnehmen würde.

Wahrscheinlich aber keinen ganz so guten, wie Tom Hiddleston hier einer ist. Ihr glaubt ja gar nicht, wie toll es für mich ist, diesen Menschen als Dämon und ohne den total peinlichen Loki-Helm zu sehen. Tilda Swinton an seiner Seite sieht dabei schon ungeschminkt aus wie ein Blutsauger und verursachte bei mir mit Make-Up stellenweise echt eine Gänsehaut. In den zahlreichen Kompositionen aus grandiosem Soundtrack und wunderschöner Bildgewalt wirkten beide dann fast schon hypnotisierend auf mich als Betrachter.

Ich glaube, ich habe die ganze Zeit mit einem irren Grinsen im Kino gehockt und kann froh sein, dass das im Dunkeln keiner mitbekommen hat. Mann, Mann. Keine Woche alt das neue Jahr und ich überlege wirklich, ob ich hier schon einen Film des Jahres für mich gesehen habe. Kommt mir bekannt vor. Aus 2013 mit Zero Dark Thirty. Läuft gut.

Eine Warnung: Ich musste mir „Only Lovers Stay Alive” ausnahmsweise in Deutsch anschauen. Seit “Story of Ricky” hab ich wohl keine so schlechte Synchronisierung mehr gehört. Allen voran die deutsche Stimme von Tilda Swinton ist schlicht körperverletzend. Tut euch das lieber nicht an.

Aint Them Bodies Saints

Am 23. Dezember 2013 in

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  • film

Casey Affleck geht immer. Casey Affleck mit texanischem Akzent sowieso. Das hat er in „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford” bewiesen und das macht er bei „Ain’t Them Bodies Saints” noch einmal klar. Letzterer ist zwar nur halb so lang, aber nicht weniger lakonisch.

Ich mag solche Filme, wo eigentlich nichts passiert, ich aber dennoch gefesselt bin. Genau das trifft hier zu, denn irgendwie passiert bei „Ain’t Them Bodies Saints” wenig bis gar nichts, aber die Spannung und Atmosphäre wird dennoch konstant von der ersten bis zur letzten Minute aufrecht gehalten. Auch, obwohl eigentlich schon von Anfang an klar ist, was am Ende passieren wird.

Da sitze ich als Zuschauer dann so da und muss mich eigentlich nur noch fragen, wie cineastisch wunderbar und dabei stets handwerklich, das wohl umgesetzt sein wird. Von einer Handvoll talentierter Schauspieler vor wunderschönen Bildern und mit einem Soundtrack, der mir unter die Haut fährt. Damit habe ich absolut kein Problem. Ich mag das.

Ich möchte fast sagen, dass „Ain’t Them Bodies Saints” in seiner Liga der perfekte Film ist. Es ist mir bloß nicht ganz klar, wo diese Liga spielt und wie gut die besucht ist. Der normale Kinozuschauer mit klarem Hang zur Unterhaltung wird hier, wenn überhaupt, sicher wenig begeistert sein. Der Arthouse-Kinofreund hingegen könnte fast schon wieder über zuviel Normalität klagen.

Dieses Gefühl kenne ich doch irgendwo her! Richtig. Ich möchte hier mal ganz leise den Namen Terrence Malick erwähnen. Dessen “Badlands” hier bestimmt geistiger Vater gewesen ist. Zumindest in Sachen Stil und Cinematografie. Und ja, ich traue David Lowery zu, dass er es vielleicht ist, der den alten Malick Stil auch in Zukunft zurück auf die Leinwand bringen kann. Nagelt mich ruhig darauf fest. Ich bin ja Optimist.