Dom Hemingway

Am 28. Juli 2014 unter film oberlippenbarthouse

Eigentlich ist alles, was in diesem Film nach den ersten fünf Minuten passiert irrelevant. Wegen eben dieser fünf Minuten. Die fucking fünf Minuten in Jude Laws (Film-)Leben schlechthin. Diese sind vornehmlich dem Schwanz seines Alter Egos Dom Hemingway gewidmet. Und mir war da schon klar, dass es mir scheiß egal sein würde, wie der Film weitergeht. Er hatte da diesen Schalter umgelegt, der mich nur noch grinsen ließ.

So ein bisschen hatte ich nach der großartigen ersten Hälfte des Films dann aber doch das Gefühl, dass da irgendwer immer dann auf die Bremse trat, wenn der Film damit drohte wieder krasser abzudriften. Das blöde daran: Zu Laws Rolle passt eigentlich nur “krass”. Das fühlt sich irgendwann in etwa so an, als würde der Regisseur mit einem tollwütigen Dobermann (Jude Law) Gassi gehen.

Bis das geschieht, ist Dom Hemingway einer dieser Typen, über den sich andere Typen in Filmen von Guy Ritchie und Matthew Vaughn krasse Geschichten erzählen, die dann in überzeichneten Retrospektiven eingespielt werden. Die heißen Bullet Tooth Tony, Boris the Blade oder eben Dom Hemingway. Dom Hemingway hätte die Geschichte hinter einer solchen Geschichte werden können.

Am Ende gewinnt dann aber weder Dom Hemingway noch der Zuschauer wirklich, weil der Film zwanghaft versucht, sich irgendwo in der Mitte einzupendeln, um es doch noch allen recht zu machen. Na toll.


Valiant Hearts: The Great War

Am 19. Juli 2014 unter spiel

UbiArt ist mein neues Lieblingswort in der Videospiel-Industrie. Es steht für wunderschöne, zweidimensionale Animationen aus dem Hause Ubisoft. Rayman Origins, Rayman Legends und zuletzt Child of Light sind die Wunschkinder dieser tollen Beziehung. Allesamt wunderschön, intelligent und sehr unterhaltsam. Bei Valiant Hearts geht es jetzt thematisch allerdings erstmals etwas ernster zu. Es teilt sich das Thema mit den Journalen und Nachrichtensendungen dieser Tage: Der Erste Weltkrieg, dessen Jahrestag sich Ende diesen Monats zum hundertsten Mal jährt.

Krieg ist eigentlich ein sehr heikles Thema. Wäre da nicht die Videospiel-Industrie, die die letzten zwanzig Jahre damit verbracht hat, das Thema Krieg in unseren Köpfen einmal komplett zu desensibilisieren. Der Erste Weltkrieg ist seltener Teil dieser Behandlung gewesen. Das wird auch Valiant Hearts (zum Glück) nicht ändern. Denn es ist kein gängiges Kriegsspiel. Hier kann ich niemanden wissentlich töten. Viel mehr erfahre ich die Leiden des Krieges an der eigenen virtuellen Person.

Als der deutsche Karl, der zu Kriegsbeginn von seiner Familie in Frankreich getrennt wird, diene ich als Soldat auf der deutschen Seite. Emile, seinen französischen Schwiegervater und ebenfalls eingezogen, bewege ich auf der französische Seite. Mit Anna, einer Sanitäterin mache ich mich auf die Suche nach ihrem von den Deutschen entführten Vater und mit Freddy, dem Amerikaner und meinem persönlichen Liebling, mime ich den Mann fürs Grobe.

Die Pfade dieser Figuren kreuzen sich im Laufe der Geschichte mehrmals und oft teilen sie sich dabei einen treuen Freund: Ein für den Einsatz an der Front ausgebildeter Schäferhund, der für mich Sammler-Gut ausbuddelt und hin und wieder auch mal Teil eines Rätsels Lösung ist. Diese Rätsel sind gerade so anspruchsvoll, dass ich sie trotz akuten Schlafmangels und mit tatkräftiger Unterstützung meiner Frau allesamt ohne Hilfe des Systems lösen kann. Das mag für Hardcore-Adventure Klicker zu wenig sein, passt mir aber sehr, sehr gut.

Valiant Hearts ist am besten als eine Mischung aus Point’n’Click Adventure und Interactive Drama zu beschreiben. Auf Objekt- und Spielmechaniken basierende Rätsel lösen sich ab mit Geschicklichkeitsaufgaben. Moment! Bitte kommen Sie zurück! Das klingt schlimmer als es ist. Genauer gesagt machen diese kleinen, oft nahtlos in den Spielablauf integrierten Minispiele einen Heidenspaß und viele von ihnen wären als eigenständige App auf Mobilsystemen locker noch ihr Geld wert.

Optisch ist Valiant Hearts schlicht Zucker. Akustisch auch. Wie ein zu einem belgischen Comic gewordener Jean-Pierre Jeunet Film präsentiert sich das Spiel und das wirklich einzige, was ich diesem negatives vorwerfen könnte, ist der knuffige Grafikstil, der auf der einen Seite zwar aussieht, wie ein Metal Slug bereits nach drei Teilen hätte aussehen sollen, auf der anderen Seite aber deutlich zu knuffig für das traurige Kriegsthema an sich ist. Metal Slug sollten wir nicht ernst nehmen, Valiant Hearts schon. Das fällt mir, obwohl ich mir der Tragik des Krieges und der Einzelschicksale im Spiel deutlich bewusst bin, angesichts dieser Präsentation merklich schwer.

Das heißt aber nicht, dass ich mir wirklich eine andere Optik gewünscht hätte. Dafür fiel mir im Laufe des Spiels viel zu oft die Kinnlade ob der Bildgewalt herunter. Zeppeline, Panzer und anderes Kriegsgerät sehen hier einfach gnadenlos toll aus. Vielmehr wünschte ich mir für das nächste UbiArt Projekt diese wunderschöne Grafik und Spielmechanik mit einem etwas fröhlicheren Thema. Schlicht, weil es für mich besser zusammenpasst. Trotzdem ist Valiant Hearts ein großartiges Spiel, dass ihr alle spielen solltet. Alle!

Ich hole mir derweil noch die fehlenden Trophäen. Das hat dieses tolle Spiel einfach verdient.


Under The Skin

Am 18. Juli 2014 unter film

Puh! Da ist er wieder, dieser eine Film. Der, der so gar nicht wie alle anderen Filme sein will. Der lieber gegen den Strom schwimmt. In diesem Falle übrigens rückwärts, im Wintermantel und ohne Hose. Sprich: „Under the Skin” ist anders. Da lacht der Nicolas Winding Refn in der letzten Reihe und verweist räuspernd auf seine von vielen ungeliebten Kinder Valhalla Rising und Only God Forgives. Da hat er recht. Under the Skin” von Jonathan Glazer reiht sich da nahtlos ein. Das bedeutet, er ist anstrengend, er ist verwirrend und er polarisiert, wo er nur kann. Das mag zickig sein, ist meiner Meinung nach aber auch nötig. Das Gleichgewicht der Macht und so.

Scarlett Johansson spielt etwas nicht Irdisches. Soviel ist klar, obwohl das auch wieder nicht klar ist. Denn solche Dinge werde nicht etwa groß und breit erklärt. Fakt ist, dass Johansson im Film sehr glaubwürdig ein Wesen spielt, das versucht, die Bewohner der Erde zu verstehen. Und diese zu Kniften für die Kollegen zu verarbeit.

Der Film vermittelt mit seiner Bildgewalt eine Ahnung, wie es sich für Fremde auf unserem Planeten anfühlen muss. Und warum die eigentlich gleich wieder umkehren würden, hätte sie nicht Hunger und längst keine eigenen Ressourcen mehr. Mal ist der Film dabei langatmig banal, mal maximal bizarr und mitunter auch mal erschreckend brutal. Oder er drängt uns hilflos in die Ecke, wenn Scarlett Johansson und der von Neurofibromatose stark entstellte Debütant Adam Pearson in unseren Köpfen mit unseren Gefühlen jonglieren als wären sie kleine Bälle. Und nebenbei wurde vieles auch noch mit versteckter Kamera gefilmt, was vor zwei Jahren glatt ein Internet-Meme hervorbrachte, weil niemand wusste, dass Johansson in Character war.

Es ist schwer zu verstehen, warum ich diesen Film mag. Auch für mich. Aber ich tue es. Irgendwie liegt es wohl daran, dass so wenig erklärt wird, aber dennoch vieles davon verständlich ist. Die Bildersprache dieses Werkes macht so manchen Dialog unnötig und das ist, wie ich finde, eine ganz, ganz große Kunst. Mit einer Empfehlung tue ich mich dennoch schwer, denn “Under the Skin” ist schon sehr, sehr speziell.


The Signal

Am 15. Juli 2014 unter film

Kurz und knapp zitiere ich an dieser Stelle einmal einen Freund:

Es gibt keine schlechten Focus Features Filme.

Diese Tradition wird auch mit The Signal fortgesetzt. Mehr braucht ihr nicht zu wissen. Weil ich auch nicht mehr wusste und der Film dann eine tolle Überraschung für mich war. Wie bitte? Ihr habt schon den Trailer gesehen? Na dann gebe ich euch noch einen leckeres Cocktail-Rezept für einen guten Filmabend mit auf den Weg:

  • ein Teil M. Night Shyamalan (gut abgehangen, nicht zu frisch!)
  • zwei Teile Shane Carruth (ganz fein gemahlen!)

Alles gut umrühren und auf Eis servieren. Lasst es euch schmecken!


Snowpiercer

Am 13. Juli 2014 unter film

Die folgenden Worte kommen von einem, der den Comic Le Transperceneige leider nie gelesen hat. Vielleicht ändert sich das ja noch. Jetzt, nachdem ich Bong Joon-hos Interpretation des Stoffes gesehen habe. Wenn ihr also wissen wollt, ob Snowpiercer respektvoll mit seiner Vorlage umgeht, müsst ihr woanders lesen gehen.

Eines gleich vorweg: Wir haben die US-Fassung von Snowpiercer gesehen, die derzeit für 7 Dollar über den US-iTunes Store geschaut werden kann. Gerüchten zufolge haben die Weinsteins hier die Schere angelegt und der koreanischen Nebenrolle Kang-ho Song die englische Sprache in den Mund gelegt. Nun, diesbezüglich glaube ich nach der Sichtung diesem Artikel auf Slashfilm, der besagt, das es nur eine weltweite Schnittfassung gibt. Denn zum einen ist der Film gegen Ende gefühlt zwanzig Minuten zu lang und zum anderen spricht Kang-ho Song wirklich nur koreanisch mit Untertiteln. Alles gut. Kommen wir zum wichtigen Teil:

Meine Fresse, ist Snowpiercer ein Brett!

Ich habe ja mit einigem gerechnet, aber das hier übertraf meine Erwartungen bei weitem. Chris Evans mag ich seit London ja eigentlich sehr, muss aber immer weggucken, wenn der das Captain America Kostüm anhat. Bei Snowpiercer ist er Curtis und macht seine Sache gut. Vor allem, weil er den anderen nicht im Weg steht. Zum lang gezogenen Ende hin, das für koranische Kino-Verhältnisse aber immer noch als Zeitraffer durchgehen würde, leiht er sich viel zu oft das Gesicht von Kollege LaBeouf und ich wünschte mir ein-, zweimal, der olle Til Schweiger würde mal auf einen Besuch vorbeikommen.

Davon ab macht Snowpiercer aber so vieles so richtig. Die Stimmung in der Zwei-Klassengesellschaft in einem Zug nach dem Ende der Welt ist so herrlich abstrakt und teilweise surreal dargestellt, dass man meinen könnte, Marc Caro wäre wieder aus der Schockstarre erwacht. Ist er aber nicht (Also Herr Bong, schnappen Sie ihn sich und machen Sie bitte als nächstes eine Verfilmung von (http://en.wikipedia.org/wiki/Railsea) China Miévilles Railsea). Danke schön!). Tilda Swintons, im ersten Moment eigenartige Rolle trägt ebenfalls viel zur seltsamen, aber eben auch sehr passenden Stimmung in der Zugwelt bei. Ihre Darstellung der Mason ist erneut eine Höchstleistung und ein weiterer Beitrag zum Phänomen Swinton, das wir vielleicht erst irgendwann in ein paar Jahren vollständig begreifen. Ich freue mich darauf.

Das großartigste an Snowpiercer: Niemand muss jetzt noch einen Bioshock Film machen.

Ja. Weil mir dieser Zug und seine von Drogen geblendete Gesellschaft auf den Pfaden eines Utopias die ganze Zeit über wie die fiktive Stadt Rapture vorkam. Ein zum Scheitern verurteiltes offizielles Filmprojekt zum Thema wird also nicht mehr gebraucht. Lesen Sie den letzten Satz bitte laut und machen dazu die Handbewegung des alten Ben Kenobi.

Nach eineinhalb Stunden rasanter Action zieht Bong dann, bildlich gesprochen, die Notbremse und der Film nimmt danach auch nie mehr richtig Fahrt auf. Es gilt dann Tempo 30. Vielleicht ist es angesichts des dann folgenden Twists ein Vorteil, den Comic nicht gelesen zu haben. Über die letzten Minuten des Films kann man sich streiten. Ich glaube, das ist eine Art Virus, den man sich einfängt, wenn man als internationaler Regisseur nach Hollywood geht. Immerhin hat Bong Joon-ho da nur eine leichte Erkältung und nicht eine ausgewachsene Grippe, wie etwa Roland Emmerich.

Den Film gibt es, wie eingangs erwähnt, derzeit im US iTunes Store zu leihen und zu kaufen. Leider gezoomt und angeschnitten auf 16:9. Das ist unnötig und vielleicht ein Grund, auf die deutsche Blu-ray im September zu warten. Dann solltet ihr aber spätestens zuschlagen.