In Your Eyes

Am 27. April 2014 in film

Joss Whedon und das Team um „In Your Eyes” leisten Pionierarbeit: Die Indie-Produktion umgeht den klassischen Vertrieb komplett und debütiert (nach einem kurzen Auftritt auf dem Tribeca Film Festival) auf Vimeos On-Demand Service. Für fünf Dollar kann sich jeder, egal, wo er sich auf der Welt befindet, den Film für 72 Stunden „ausleihen”. Geschaut werden kann er in Browsern oder über die Vimeo Apps. Also auch über Konsolen oder Apple TVs. Das ist das Film-Utopia, welches ich schon lange ersehne. Deswegen ist der Film für mich auch nur zweitrangig und mit folgendem Satz eigentlich schon ausreichend rezensiert:

In Your Eyes ist eine romantische Komödie. Das sollte reichen, um zu wissen, ob man ihn sehen will oder nicht.

Die durchaus interessante Interpretation von Schizophrenie kann man sich bedenkenlos anschauen und ich wünsche mir, dass das auch viele tun, damit demnächst mehr Filme diesen noch ungewöhnlichen Weg der Distribution gehen. Einzig einen Schwung Untertitel könnte diese ansonsten vorbildliche Aktion noch vertragen, um global noch einmal besser dazustehen. Also los, gebt Joss Whedon und Vimeo die 5 Dollar und seid Teil dieser längst überfälligen Revolution. Dort.

Metal Gear Solid V: Ground Zeroes

Am 18. April 2014 in spiel

In einer idealen Welt bin ich gerade als “Big Boss” alias Kiefer „24” Sutherland an meinem Einsatzort angekommen. Hui! Ich jage meine Spielfigur durch Büsche, vorbei an Wachleuten, die in der gleißenden Sonne ihre Pfade abwandern. Ich spioniere unbemerkt aus schattigen Ecken heraus meine Ziele aus. Zwei Ex-Marines, die sich keine Freunde beim Militär gemacht haben. Sie sind bis an die Zähne bewaffnet und von Leibwächtern umgeben. Ich treibe sie auseinander, indem ich mit leeren Magazinen Geräusche mache und schalte sie leise und gezielt einen nach dem anderen mit Spocks Würgegriff aus. Mit zwei schallgedämpften Schuss aus meinem Scharfschützen-Gewehr erledige ich den Auftrag, verschwinde unbemerkt in Richtung Klippen und lasse mich mit dem Hubschrauber von Kollege Morpho evakuieren. Big Boss ist trotz seines bescheuerten Codenamens ein Profi. Ich bin ein Profi!

In der realen Welt geht mein Plan genau bis zum zweiten, feindlichen Soldaten auf. Der entdeckt den ersten, den ich gerade, leider nicht fachmännisch genug, entsorgt habe. Es gibt ein Blutbad, aus dem mein hastig umherirrender Big Boss gerade noch so herauskommt. Ich lasse ihn die nächsten Wachen sicherheitshalber aus der Distanz erschießen. Uncool, aber wirkungsvoll. Und gar nicht so einfach, denn ein Scharfschützen-Gewehr habe ich noch gar nicht freigespielt. Irgendwo explodiert etwas Großes, woraufhin auch noch der letzte Gegner auf der Karte aufgescheucht ist. Die Basis verrät mir über Codec, dass ich mich jetzt sputen sollte, will ich mein Ziel noch erreichen. Big Boss rennt. Ich hetze ihn gnadenlos über die halbe Karte in Richtung Ziel. Das hat mittlerweile gemerkt, dass etwas nicht stimmt und ist bereits auf der Flucht. Ich lasse Big Boss in einen gepanzerten Wagen einsteigen und Gas geben. Aus Anschleichen ist Überfahren geworden. Aus Spocks Würgegriff wurden 35 Millimeter Geschosse aus dem Bordgeschütz des Panzerwagens. Das Chaos ist perfekt. Ein Kugel trifft den Jeep des flüchtenden Ex-Marines. Beide gehen in Flammen auf. Und Big Boss läuft wieder. Läuft, als wäre der Teufel hinter ihm her. Kugeln zischen links und rechts vorbei, bis er endlich die Klippen erreicht, von wo ich ihm einen Helikopter rufe. Aus dessen Inneren schieße ich noch ein paar Abschiedssalven in die aufgebrachte Menge am Boden. Stealth ist was anderes.

Aber die Missionen bei Metal Gear Solid V Ground Zeroes soll ich immer wieder spielen, immer mehr freispielen und mit der Zeit immer besser werden. Das rechtfertigt die 20 Euro, die ich für die Playstation 3 Fassung gezahlt habe durchaus. Auch, wenn die Fox Engine dort bei extremer Action auf dem Zahnfleisch über Sandpapier läuft.

Dieser leichte Anflug von GTA-Mach-was-du-willst steht Metal Gear aber richtig gut!

Die Karte des Spiels, die als Grundlage für alle Missionen dient, ist der neue Spielplatz im Metal Gear Universum. Fahrzeuge, schweres Geschütz und fast 30(!) positionierte Gegner laden dazu ein, verschiede Lösungswege auszuprobieren. Das endet nicht immer solide oder gar konventionell, aber oft durchaus interessant. Außerdem wurde Metal Gear endlich stromlinienförmiger gemacht. Big Boss lässt sich angenehmer steuern, die Kommunikation über das Codec stört nicht mehr den Spielablauf, sondern ist direkt in die Spielmechanik integriert und vorsichtige Aufklärungsarbeit wird mit dauerhafter Markierung eines Wachposten belohnt.

Am Ende einer Mission wird ausgewertet. Warum mir da eine der besten Spielerfahrungen in einem Schleichspiel mit Strafpunkten kaputt gemacht wurde, weil ich mit 80 Minuten (ich habe sorgfältig alles und jeden ausspioniert) weit über der offensichtlich noch zu belohnenden Zeit lag, weiß wohl nur Hideo Kojima selbst. In einem Schleich-Spiel sollte ich mir immer soviel Zeit lassen dürfen wie ich mag, denn je länger eine Mission dauert, desto besser ist die Spielerfahrung. Bei Ground Zeroes muss ich mich abhetzen, um dafür dann mit guten Waffen belohnt zu werden und das ist schade.

Das ist ein schwerwiegender Punkt für mich, aber dennoch: Ground Zeroes macht Lust auf mehr. Bis zum Hauptspiel muss ich aber noch an der Form meines Big Boss arbeiten. Der ist noch nicht so ganz auf dem Dampfer. Das letzte Metal Gear Solid ist mit Teil Drei für mich aber auch schon etwas länger her.

Walkman

Am 7. April 2014 in ansage

Es gibt einen Menschen in Hannover, der gehört zum Stadtbild dazu. Ich kenne ihn seit über 15 Jahren, allerdings nur vom Sehen und weiß nicht einmal, wie er heißt. Sein Markenzeichen: Zerfledderte Kopfhörer und ein vollaufgedrehter 80er Jahre Sony Walkman. Und ein zufriedenes Gesicht, das voller Freude strahlt.

Gestern habe ich ihn auch gesehen. Seit fünfzehn Jahren das erste Mal mit leiser Musik auf den Ohren. Und ohne Lachen. Dafür aber mit einem nachdenklichen, ja fast schon traurigen Gesicht. Wenn etwas über so lange Zeit immer gleich ist und sich plötzlich ändert, wirkt das seltsam. Fast schon wie ein Omen. Wäre mein Leben ein Coen Film und ich Steve Buscemi, wäre ich spätestens jetzt nervös.

Ich dachte, ihr solltet das wissen.

47 Ronin

Am 3. April 2014 in film

Keanu Reeves zeigt wieder Präsenz. Zur Freude der beleidigten Menge aber nicht als Neo. Die hat trotzdem nichts zu feiern, denn auch 47 Ronin fiel beim Kinovolk gnadenlos durch. Die eigensinnige Interpretation des berühmten Ereignisses um 47 Gefolgsleute, die ihren unrechtmäßig zum Selbstmord verurteilten Herrn rächen wollen, lässt sich so gar nicht in gängige Schubladen einordnen.

47 Ronin orientiert sich am Mainstream-Kino des New Japanese Cinema, und eines muss ich dem Film vorweg zugestehen: Das macht er ganz gut. Völlig ab davon, ob man mit diesem Kino nun etwas anfangen kann oder nicht. Entgegen meiner Vermutung wird das Schlüsselereignis nicht in der ersten Viertelstunde abgehandelt. Der Film lässt sich Zeit, Reeves Rolle als Nicht-Japaner in einer intoleranten Gesellschaft auszumalen. 47 Ronin ist kein Remake des Filmklassikers von Hiroshi Inagaki aus dem Jahre 1962. Er versetzt die Handlung in ein fiktives Japan und greift bei der Wahl seiner Fabelwesen nicht wie üblich auf den großzügigen Katalog zahlloser Shikigami und Yôkai der japanischen Mythologie zurück, sondern setzt auf eigene Kreationen. Meistens. Ob ein Voldemort-gleicher Tengu nun Respektlosigkeit oder eher Ahnungslosigkeit ist, wage ich hier nicht zu entscheiden und stempele es schlicht als eigenwillig ab.

Den größten Fehler, den 47 Ronin macht, ist der, dass er alle seine japanischen Schauspieler in Englisch sprechen lässt. So wirkt nicht etwa Keanu Reeves als Halbblut mitten in Japan deplatziert, sondern alle japanischen Schauspieler, die gebrochen ausgerechnet die Sprache derer sprechen, die ihre Figuren im Film so verachteten. Das fällt für jemanden, der Filme eh nur in Deutsch synchronisiert anschaut kaum ins Gewicht, für die kleine, unbeugsame Minderheit, die dem Original-Ton frönt ist es allerdings eine Zumutung.

Wie schon der hoffentlich letzte Wolverine wird auch dieser Film hauptsächlich vom Talent Hiroyuki Sanadas getragen. Dessen Darstellung des Ôishi, Anführer der 47 Ronin, ist gewohnt makellos und macht beim Zuschauen richtig Spaß. Eigentlich hat mir der Rest des Films ebenfalls viel Spaß gemacht. Er ist natürlich, wie eingangs erwähnt, zugänglicher, wenn man mit dem Neuen Japanischen Kino und dessen massentauglicher Sparte eh schon umgehen kann. Er wäre sogar ganz großartig, wenn alle hätten japanisch sprechen dürfen. Der miese Trailer, der einfach den gesamten Film im Zeitraffer zeigt, die schlechte PR, die den tätowierten Holländer mit einer Minute Bildschirmzeit zum Mysterium auf den Filmplakaten erhebt. Nur zwei Dinge, die nicht unbedingt auf eine reibungslose Produktion hinweisen. Ich hoffe trotzdem, dass es nicht das letzte Werk des Teams um Debütant Carl Rinsch ist.