Clark W. Griswold Weihnachtskarte

Am 3. Dezember 2017 unter ansage illustration

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Ich bin mittlerweile alt genug, dass ich spießige Traditionen wie etwa das Verschicken von Weihnachtskarten einfach so durchziehen dürfte. Natürlich nicht mit x-beliebigen Karten, die ach so tolle weihnachtliche Botschaften verbreiten wollen. Nein, es muss etwas sein, das die Besonderheit dieser Zeit und die religiöse Gewichtung dieser Tage respektvoll widerspiegelt. Daher habe ich mich hingesetzt und unseren Herrn und Erlöser Clark W. Griswold gepixelt. Auch um daran zu erinnern, was uns alle an Weihnachten in der Tiefe unseres Herzen verbindet: Chevy Chase und National Lampoon’s Christmas Vacation.


Marvel's The Punisher

Am 26. November 2017 unter serie

Jahrelang fristete Marvels Frank Castle alias der Punisher sein Dasein außerhalb der Comicbücher in eher dunklen Gefilden: Als Direct-to-video oder indiziertes Playstation 2 Spiel (gar nicht mal übel. Habe ich sogar durchgespielt). Mit dem Kurzfilm Dirty Laundry und dem großartigen Thomas Jane, der bereits 2004 in die Rolle Castles schlüpfte, erhielt der Bekenner zur gnadenlosen Selbstjustiz dann endlich die Aufmerksamkeit des Internets, die er verdient hat. Heute, im neuen Standard von Gewalt und Sexualität im Onlinefernsehen, empfanden Marvel und Netflix endlich, dass die Zeit für eine Serie rund um den Vigilante reif sei. Recht hatten sie.

Als Nebenfigur in der zweiten Staffel von Daredevil war er daraufhin verantwortlich dafür, dass Matt Murdock plötzlich als zurückhaltend dastand. Der hat mittlerweile andere Probleme und so spielt Marvel’s The Punisher in seiner ersten Staffel zwar schon irgendwo im Marvel Serien Universum, allerdings ohne die Wege der Defenders oder deren Widersacher zu kreuzen. Und das ist wahrscheinlich der Grund, warum The Punisher die erste Netflix Marvel-Serie ist, für die ich außerhalb eines Streaming-Dienstes Geld ausgegeben hätte. Keine Claire Tempel, keine Hand, lediglich ab und an mal eine Karen Page um irgendwie noch die Verbindung zum Marvel Serien Universum zu halten. Man will sich ja alle Türen offen halten.

In Daredevil durfte Frank Castle nur Antiheld und Gegenpol zu Matt Murdock sein. Wieviel Potential diese Beschneidung der Figur unterdrückt, wird erst jetzt in The Punisher klar. Die immer wieder aufkommenden Rückblicke an den Mord an seiner Familie bilden dabei die Basis seiner Persönlichkeit: Eine kaputte Tötungsmaschine, die stetig an den tragischsten Punkt ihres Lebens denkt, sobald ihre Augen geschlossen sind und die diese Gewalt reflektieren muss, wenn sie sie offen hält. Die Glanzmomente machen dabei die Momente aus, in denen seine Figur im Dialog mit potentiellen Mitstreitern steht. Momente, in denen er die Reflexion der Gewalt im Zaum halten muss. Im Schutz seines Kapuzenpullis kaschiert Jon Bernthal Castles Hilflosigkeit dann oft durch verbittertes Lachen, angestrengte Gleichgültigkeit oder Seufzern, so tief wie Schläge in die Magengrube. Jon Bernthal spielt die Rolle als Frank Castle schlicht perfekt.

Natürlich mit mal mehr und mal weniger ausgefallenen Methoden, um Widersacher aus dem Leben ins Jenseits zu befördern. Egal ob er sich dabei die gefühlt siebenundachtzigste Kugel einer klein- bis großkalibrigen Waffe einfängt oder den zweiundvierzigsten Schnitt durch ein taktisches Messer. Normalerweise gibt es in Marvel-Serien ja immer diesen einen Moment, in dem der Held völlig zerstört am Boden liegt, um dann von Claire Temple wieder zusammengeflickt zu werden. Der Punisher erlebt diesen Moment in gefühlt jeder Episode und Miss Temple ist wahrscheinlich nur deshalb nicht dabei, weil die Serie aufgrund ihrer ständigen Präsenz ihren Namen hätte tragen müssen: Marvel’s Claire Temple to the Rescue. Das Castle nur Stunden später, egal ob wieder verarztet oder nicht, schon wieder aus dem nächsten Fenster springt, in die nächste Höhle des Löwen läuft oder eine weitere Kugel mit den Zähnen fängt, würde mich bei jeder anderen Marvel-Figur tierisch nerven. Hier aber passt es zum stetig aufrecht gehaltenen Image der Maschine. Das rechtfertigt für mich dann auch die sehr übertriebene Gewalt. Ein Stilmittel auf das ich normalerweise sehr gut verzichten kann.

Dass jetzt ausgerechnet in einer Marvel-Serie über den Punisher auf Basis dessen fiktiver Biografie wildwestliche US-Waffengesetze und der Umgang der US-Regierung mit Kriegsveteranen thematisiert werden, wirkt angesichts des hohen Bodycounts natürlich erst einmal drei Nummern zu hoch. Ich rechne es Marvel aber trotzdem hoch an. Wenn dann am Ende nicht die Moralkeule zuschlägt, sondern nur eine weitere Kerbe in der geschundenen Seele Frank Castles entsteht, passt es auch wieder gut ins Konzept.

Mit all dem ist The Punisher über seine dreizehn Folgen gradewegs und in Akimbo-Position in den oberen Bereich meiner diesjährigen Serienfavoriten eingezogen. Gleich neben Marvel’s Legion.


Blade of the Immortal

Am 16. November 2017 unter film

Wochenlang saß ich mit gekreuzten Beinen da, starrte voller Vorfreude aus dem Fenster ins Nichts und versuchte mich nicht vor Aufregung einzupinkeln. Ich wartete gebannt auf Takashi Miikes einhundertsten Film. Und obwohl ich wahrscheinlich achtzig davon scheiße finde, fand ich die Idee witzig, dass ausgerechnet der hundertste Film von Miike vom Hundert-Mann-Killer Manji handeln wird.

Die Manga und Vorlage zur Realverfilmung um den geächteten Ronin, der mit Hilfe mysteriöser Blutwürmer in seinen Adern schier unsterblich ist und der von der Waise Rin angeheuert wird, um die Mörder ihrer Eltern zu töten, habe ich zu einer Zeit bestellt, als es sowas nur in Übersee zu kaufen gab. Entsprechend ewig dauerte es, bis sie endlich hierzulande im lokalen Comicladen zur Abholung bereit lagen. Im Falle von Blade of the Immortal mehr oder weniger zerstückelt, weil die Amerikaner lieber jede Seite ob der anderen Leserichtung des japanischen Originals aufwendig umgestalteten, als alles zu spiegeln, wie es zu dieser Zeit noch üblich war. Immerhin. Dann gab es endlich die deutschen Ausgaben. Wesentlich günstiger, ebenfalls nicht gespiegelt, weil hier, wie heute üblich, die Original-Leserichtung beibehalten wurde und somit auch nicht aufwendig umgestaltet. Dafür aber ohne das Swatiska auf Manjis Kimono. Nicht immer schön retuschiert, aber hierzulande eben auch nicht anders möglich.

Drei von vier Story-Bögen habe ich durchgehalten. Der Dritte trat bereits so arg auf der Stelle, dass logischer Schlusspunkt und Halbwertzeit weit überschritten wurden. Die guten ersten beiden Bögen dienten dem Film nun als Vorlage. Ohne nachzuschauen würde ich sagen, dass es sich dabei um mindestens zwölf Bücher von insgesamt dreißig handelt. In einem Film! Und genau da liegt der untote Hund begraben.

Jeder von Manjis Widersachern, egal ob Ittô-ryû, Mugai-ryû oder Sonstein-ryû, hätte das Zeug zum Antagonisten für einen Film oder eine Folge einer Serie gehabt. Aber eine viel zu große Auswahl aller in einem Film am Fließband zu zerhacken und dabei wie ein Elefant im Porzellanladen an jedem halbwegs dramaturgisch wichtigen Eckpunkt der Geschichte vorbeizuschrammen wirkt doch leider sehr grob und gehetzt.

Fan-Favoriten wie Magatsu Taito werden dabei für mich völlig unverständlich erst aufgebaut, um dann wie eine heiße Kartoffel wieder fallengelassen zu werden. Rins Charakterentwicklung findet zwei Stunden gar nicht und dann in einer einzigen Einhundertachtziggradwende statt. Nebencharaktere, die in der Vorlage nicht alle Nase lang jemanden umbringen wurden gleich komplett wegrationalisiert, um … genau noch mehr, mitunter unerträglich lange Kampfszenen und noch mehr Tote im Film unterzubringen. Bis es einem völlig egal ist, ob da gerade ein Arm, ein Bein oder beides durch die Luft wirbelt, weil man als Zuschauer bereits nach einer Stunde völlig abgestumpft ist.

Natürlich ist es völlig legitim aus einem Comic wie Blade of the Immortal einen Hack‘n‘Slay Chambara-Streifen zum Gehirnausstellen zu machen, aber dann finde ich sollte der Film halt 90 Minuten und nicht zweieinhalb Stunden dauern. So bleiben am Ende für mich nur die perfekten Kostüme, die beinahe eins zu eins dem Manga entnommen sind. Auch die Waffen von Manji, seinen Mitstreitern und die der Widersacher sind perfekt denen aus den Comics nachempfunden. Da tut es umso mehr weh, dass diesem Film jeglicher Anflug von Tiefgang fehlt.

Bestimmt werden Miikes einhundertzehnter und einhundertzwanzigster Film den Rest der Vorlage verarbeiten. Also 2018 und 2019, wenn ich mir seinen Output so anschaue. Da werde ich dann aber wohl passen.


Oure

Am 9. November 2017 unter spiel

Irgendwo in Sonys Pressekonferenz zur Paris Game Week 2017 gab es ein Segment über Oure. Ein kunstvolles kleines Spiel des Entwicklers Heavy Spectrum Games über ein Mädchen, das sich in einen Lindwurm verwandeln und so elegant durch die Lüfte segeln kann. Dann die Überraschung: Oure ist ab jetzt erhältlich. Warum sich bei der gleichermaßen seltsamen wie unterhaltenden Kultur selbstverherrlichender Zurschaustellung vor weltweitem Publikum nicht mal was aus den besten Zeiten des Genre-Meisters Apple abgucken?

Nun ja. Zum Beispiel weil fixe Deadlines bei Videospielen eher nicht dafür bekannt sind, bis ins kleinste Detail ausgereifte Produkte ans Tageslicht zu fördern. So wird dieser Marketing-Schachzug sicherlich nicht ganz unschuldig daran sein, dass mich die Kamera beim Bezwingen von Titanen in luftiger Höhe mitunter dermaßen zur Weißglut bringt, wie sie es zuletzt nur in Shadow of the Colossus geschafft hat. Dass die Synchronisierung der Protagonistin generisch und uninspiriert daherkommt (später sagt sie zum Glück gar nichts mehr), oder dass manche Aktionen, wie das stetige Drücken derselben Taste erforderlich sind, um emotionslose und atmosphärisch fade Story-Einspieler fortzusetzen sicherlich auch.

Diesen unnötigen Ungereimtheiten gegenüber steht eine großartige offene Welt, die lediglich aus Wolken mit sporadisch hinausragenden steinernen Inseln besteht und die einlädt, stundenlang in ihr als Drache herumzufliegen. Überall gilt es kleinere Rätsel oder Aufgaben zu lösen, um den Fortschritt voranzutreiben und Titanen zu beschwören. Diese wollen daraufhin zu epischer Musik mit mal mehr und mal weniger schwierigen Rätseln oder Geschicklichkeitsproben von mir befreit werden. Schaffe ich das, taucht Oure die eigene Welt in immer neues, faszinierend schönes Licht und Wetter, um so für die Abwechslung beim Erforschen der Wolkenlandschaft und dem Sammeln von Artefakten zu sorgen.

Die zum Gesichtspalmieren unverständliche Entscheidung, eine Steuerung, bei der mit dem linken Stick in die vier Himmelsrichtungen gelenkt und der Steig- beziehungsweise Sinkflug über die Schultertasten geregelt wird, einer klassischen Flugzeugsteuerung vorzuziehen ist dabei zwar blöd, nach einer gewissen Einarbeitungszeit aber ohne Zweifel zu meistern.

So ist Oure für mich ein Spiel, das ich unglaublich gerne spiele und aktuell oft gegenüber Freunden lobend erwähne, nur um im gleichen Atemzug darüber herzuziehen, weil es mich immer wieder aus der Reserve lockt und übel aufregt. Genau wie Shadow of the Colossus damals. Aber das halte ich ja trotzdem auch immer noch für eines der besten Spiele, die je gemacht wurden. Davon ist Oure zwar weit entfernt, ein ungeschliffener Diamant, dessen einmalige Spielelemente die unbearbeiteten Kanten wieder ausgleichen, ist es aber trotzdem.


The Deuce

Am 31. Oktober 2017 unter serie

David Simon ist euch ein Begriff. Der steht unter anderem für The Wire, Tremé und Generation Kill. Drei Pflichtserien in der Kategorie anspruchsvoller Unterhaltung. Aktuell läuft seine Produktion „The Deuce“ und gewährt einen Einblick in die Entwicklung der Sexindustrie der Siebziger Jahre in New York. Viel Verkehr, die doppelte Ladung an James Franco und Penissen, sowie drei Handvoll weitere, wunderbar geschriebene und gespielte Rollen machen diese Serie aus. The Deuce ist körnig, kontrastreich und sieht wirklich so aus, als wäre es in den Siebzigern gedreht worden. Mein derzeitiger Serien-Highlight diesen Jahres. Das Finale ist gelaufen, also schnappt euch hierzulande einen Monat Sky. Wir haben bei der OmU im deutschen iTunes zugeschlagen. Es lohnt sich.