Calvary

Am 24. Oktober 2014 in film

Kommen zwei Iren in eine Bar.

Und dann drei und dann vier. Und plötzlich sitzt die Irish Cream de la Crème bei einem frisch gezapften dunklen Bier an einem Tisch und es ist das Filmset von Calvary, dem ein verkrampfter und gescheiterter BWL-Student zwischen zwei Soja-Latte den dämlichen Namen „Am Sonntag bist du tot” gegeben hat.

Gut, der Name ist Programm. Aber nur weil der Hauptfigur genau das bereits nach fünf Minuten im Film angedroht wird, ist das noch lange kein guter Filmtitel. Aber ein guter Film. Denn Calvary gleicht einem Theaterstück, mit einer Handvoll sauguter Schauspieler und bissigen Dialogen, die mich immer wieder aus der Lethargie rissen, die von der Idylle und der Ödnis des verschlafenen Örtchens ausgeht.

Hier will man nicht wohnen. Auch die Bewohner wollen hier nicht wohnen. Sie hassen es und sich und gerade deswegen ist der Film immer dann am stärksten, wenn sie trotzdem alle abends im selben Pub aufschlagen. Und weil Brendan Gleeson hier keinen Alleingang hinlegt, sondern mit Chris O’Dowd, Aidan Gillen und Dylan Moran auf einer Linie und zwar auf verdammt hohem Niveau spielt.

Calvary ist bitterer Stoff, bei dem einem das Lachen auch mal im Hals stecken bleibt. Ein Film, der sich nicht bemüht, alle Fragen, die er aufwirft, letzten Endes auch zu beantworten, aber einer, der es schafft, in diesen Momenten trotzdem überzeugend stark zu sein. Großes Arthouse-Kino.

Styx: Master of Shadows

Am 13. Oktober 2014 in spiel

Es ist Gegenteiltag in einem kleinen, unscheinbaren Dörfchen, irgendwo in der Provinz. Schon den ganzen Tag necken sich die Bewohner mit witzigen kleinen Späßen: Ein Mann weckt seine Frau mit den Worten „Schatz, bleib einfach liegen, du musst heute nicht zur Arbeit muwahahaha!“. Irgendwo lässt ein Heranwachsender ein frisches Toastbrot fallen und schreit „Autsch, ist das kalt! HAHAHAH!“. An der einzigen Kreuzung im Dorf stehen und hupen Menschen bei Grün an den Ampeln und einer hat sich vor Lachen sogar ein bisschen nass gemacht.

Die Menschen im Dorf lieben diesen Tag. Allerdings gibt es Regeln, die gerade an diesem besagten Tag unbedingt eingehalten werden sollten: Wichtige Projekte und Entscheidungen müssen auf morgen warten! „Können wir heute das Dach decken oder wird es noch regnen, Chef?“ (Der Chef gnickert). „Sollte mir dieser dunkle Strich, von meinem Handgelenk bis zur Brust, Sorgen bereiten, Herr Doktor?“ (Der Doktor presst die Lippen zusammen und verkneift sich das Lachen). „Darf ich hier rauchen?“ (Der Tankwart kichert schelmisch). Das sind No-gos. Da ist man sich eigentlich einig.

Das Schicksal aber ist eine kleine lästige Ratte

Ein kleines Entwicklerteam hatte sich erst vor kurzem in eben diesem Dorf niedergelassen. Der Brauch des Gegenteiltags war etwas Neues für sie. Etwas Spannendes. Das Schicksal aber ist eine kleine, lästige Ratte und so begab es sich, dass ein wichtiger Abschnitt auf der Roadmap zum fertigen Spiel ausgerechnet auf den Gegenteiltag fiel. In diesem Moment klingelte das Telefon. Am Apparat war die Zentrale. Jan K. ist dort Auszubildender im ersten Lehrjahr und sein Chef hat ihn heute mit einer besonderen Aufgabe betraut. Er soll mit den Entwicklern die als kritisch markierten Punkte bezüglich eines Betatests durchsprechen. Wir lauschen mal rein:

„… Thema Speichern: das muss man bei unserem Spiel ja oft. Wäre es nicht gut, der Konsolenvariante eine Schnellspeicher-Funktion zu spendieren? … Nein? Okay. Was ist mit besseren Rücksetzpunkten? Sollten wir die nicht umsetzen? … Nein? Hm, okay aber meinen Sie, die Spieler haben wirklich noch Lust andauernd ins Menü zu wechseln, um dort die Speicherfunktion … Ja? Oh. Was anderes: Ich finde, es spielt sich nicht wirklich rund. Sollten wir nicht noch etwas an der Steuerung feilen? … Nein? Okay, aber die Kamera, wenn ich aus der Deckung heraus operiere ist schon recht nervig. Und der offene Kampf ist gelinde gesagt eine Zumutung. Einmal wollte ich einen Schlag parieren und griff mir stattdessen gemächlich eine vor mir herumliegende Leiche, weil das die selbe Taste ist und bevor ich geschlagen wurde, rief auch noch wer, dass da eine Leiche liegt und … meinen Sie das ist alles so okay? Hm. Ja. Gut, wenn Sie das sagen. Dann würde ich abschließend gerne noch auf den Gesamteindruck eingehen. Finden Sie nicht, dass es eher nach einem, ich sage mal semi-optimierten, Playstation 3-Titel aussieht, als nach einem Playstation 4-Spiel? Ich meine ja … tatsächlich? Okay. Dann … tja, dann würde ich sagen, ist ja alles gut! Wissen Sie, ich mache sowas zum ersten mal und ich bin ein bisschen nervös, aber vielen Dank für die Hilfe und die gute Mitarbeit … ja … okay. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und hoffe, wir telefonieren nochmal nach dem Release … Bitte? … Also, äh, das ist jetzt aber nicht besonders nett!“

Eine kleine, lästige Ratte.

Einen Podcast zum Spiel Styx mit mir zu Gast könnt ihr drüben bei Insertmoin.de hören.

X-Men: Days Of Future Past

Am 5. Oktober 2014 in film

If I could save time in a bottle, The first thing that I’d like to do, Is to save every day, ‘Til eternity passes away, Just to spend them with you.

Bloodborne Alpha

Am 2. Oktober 2014 in spiel

Spoiler (ausnahmsweise)!

Vor ein paar Wochen erreichte mich eine Mail von Sony, deren Inhalt ich mit einer gewissen Skepsis vernahm: Mein Können wurde erkannt, hieß es dort. Zur Belohnung, hieß es dort, könnte ich am Bloodborne Alpha Test teilnehmen. Hamse gesagt. Nun, ich habe nach fünf Jahren PSN immer noch keine einzige Platin-Trophäe. Der Verdacht kam auf, diese Mail wurde wahllos und wahrscheinlich auch zahllos verschickt.

Jetzt, gut zwei Wochen später und nach einem vier Gigabyte großen Download bestätigt ein Blick in meine PSN-Freundesliste eben diesen vorher noch sehr leisen Verdacht. Knapp die Hälfte meiner imaginären Freunde zockt dort den Bloodborne Alpha Test. Bloodborne, das ist dieses Spiel von diesen Leuten, die Dark Souls und Demon’s Souls gemacht haben. Da gibt es Leute, die schwören auf diese Spiele, weil sie so unbarmherzig und belohnend zugleich sind. Ja, kann man machen.

Ich starte die Alpha und wähle mir einen von vier schwarz gekleideten Dämonenjägern aus. Ich entscheide mich für Schwarz und wähle den “agilen” mit den Messern. Wenn ich nämlich eins nicht mag, ist es träges Schlurfen in Videospielen. Ich materialisiere mich in einer düsteren Welt, die gleichermaßen verkommen und abschreckend wirkt. Herrlich. Ich schlurfe träge drauf los. Menno.

Heike (Name von der Redaktion geändert) sagt mir per Whatsapp, das müsse so sein. Ist ja eine Alpha. Heike hat, wenn ich mich nicht irre, alle Dark- und Demon’s-Spiele auf Platin gezockt. Ich habe nur einmal dreißig Minuten Dark Souls gespielt und bin, so sagt Heike, dummerweise „oben lang gelaufen”. Das war wohl ein Fehler. Für mich hatte es gereicht, diese Spiele nicht mehr anzufassen.

Die Bloodborne-Alpha schweigt sich genau wie diese anderen Spiele komplett darüber aus, wo ich hingehen muss und was ich machen soll, wenn ich dort angekommen bin. Sie macht mir aber unmissverständlich und mit Schaufeln, Schwertern, Musketen und Mistgabeln klar, dass ich hier nicht willkommen bin. Ich irre durch diese dunkle, kaputte Welt, die aus Pflastersteinen und Särgen zu bestehen scheint. An einer Kutsche wartet ein gebückt stehender Mann. Ich möchte ihm zu Hilfe eilen. Er will mir lieber den Schädel einschlagen. Mit Pistole und Messer überzeuge ich ihn, dass er doch Hilfe braucht.

Es folgen weitere Gestalten, die ich ähnlich zu Kleinholz verarbeite, bis ich einem fetten Metzger mit Axt begegne. Er scheint seiner Zunft abtrünnig geworden zu sein und frönt wohl seit neuestem der Dezimierung sogenannter Dämonenjäger. Ich schleiche mich vorsichtig an ihn heran und bekomme besagte Axt sogleich und überaus geschickt in den Schädel gerammt. Ich bin erstmal tot. Tot bedeutet in dieser Alpha, dass ich gefühlt zwei Minuten dem Bloodborne-Logo beim Laden zuschaue. Von einem entfernten Rücksetzpunkt mache ich mich erneut auf, den Metzger mit empor gestreckten Zeigefinger zur Rede zu stellen.

Tot. Ladebildschirm. Rücksetzpunkt. Metzger. Tot. Ladebildschirm. Rücksetzpunkt. Axt? Welche Axt? Tot. Ladebildschirm.

Mein Blutdruck ist mittlerweile im mittleren dreistelligen Bereich und mein Hausarzt weiß nicht, warum er gerade schweißgebadet von einem seltsamen Gefühl aus seinem Schlaf gerissen wurde. Er legt sich wieder hin.

Ich fluche. Und ich merke ein weiteres Mal, dass diese Art Spiel überhaupt nichts für mich ist. Sie haben mein Können erkannt, hamse gesagt. Sorry, da müssen mein Können und ich euch leider enttäuschen, Sony. Wir sind die, die als Wind Blumen sammeln, die durch die Wüste hinter einem Lichtstrahl herlaufen und die, die ganz traditionell auf Raumschiffe und Soldaten schießen. Ihr müsst mein Können und mich verwechselt haben. Dumm gelaufen, kann aber mal passieren.

Dieser Text sagt rein gar nichts über den Zustand der Bloodborne Alpha aus. Wohl aber einiges über mich.

The Rover

Am 21. September 2014 in film

Ein Mann, Guy Pearce, sitzt in seinem Auto und starrt. Keine Musik, keinen Mucks, keine Bewegung. Nur Guy Pearce. Mit Bart. Während den ersten Kinobesuchern bereits hier bei Minute Eins seufzend der Kopf in den Schoß gefallen sein dürfte, starre ich nur auf den Bart. Alles ist besser mit Bart. Außerdem gefallen mir Filme, die meiner Aufmerksamkeitsspanne noch etwas zutrauen.

David Michôds Werk ist eine staubtrockene Momentaufnahme des postapokalyptischen australischen Outbacks, die nur noch Bruchstücke dessen aufweist, was einmal eine funktionierende Gesellschaft war. Wie der Rest der Welt aussieht kann ich nur anhand der Bilder in meinem Kopf erahnen. Schön ist es da jedenfalls nicht, sage ich euch.

The Rover sind Wüsten, Autos und Hackfressen.

Ein Arthouse-Madmax, an dessen derben Kontrast von karger, lähmender Ödnis und kaltblütiger Brutalität das kommende George Miller Reboot der Max-Reihe erst einmal rankommen muss.

Vor allem wegen Robert Pattinson. Den mag ich. Die Twilight-Fans dürften mittlerweile alle erwachsen sein und die, die es bereits waren, haben längst auf Frauentausch im TV umgesattelt. So bleibt mehr für das Arthouse Publikum und da macht das neueste Mitglied des Cronenberg Ensembles eine richtig gute Figur. Seine Darstellung des geistig etwas zurückgebliebenen Rey dürfte mit das beeindruckendste Schauspiel sein, welches ich dieses Jahr in einem Film erleben durfte.

Am Ende zeigt mir The Rover sogar noch eine Erklärung für das Handeln zumindest einer Figur auf. Keine Selbstverständlichkeit bei dieser Art Film, der gerne mal einfach so zu Ende geht und den danach im Dunkeln sitzenden Zuschauer mit ratlosem Blick als festen Bestandteil seines Programms in Kauf nimmt.

Und selbst dann hätte ich den Film gemocht, denn hier zählt das Kopfkino und das hatte die nächsten Tage definitiv durchgehend geöffnet.