Birdman

Am 27. Januar 2015 unter film

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal dermaßen hohe Erwartungen an einen Film hatte, wie es bei Birdman der Fall war. Das lag weniger an Alejandro González Iñárritu, dem Autor dieses Werkes als an dessen Hauptdarsteller: Michael Keaton hat meine Jugend in den Achtzigern geprägt, meist unter der Regie von Tim Burton, und er war somit Teil der Wegbereitung für meinen Zugang zum Arthouse-Kino. Jetzt ist der Batman-Darsteller wieder da und Teil einer, hoffentlich überwiegend fiktiven, Reflektion seiner eigenen Geschichte.

Es geht um Erfolg, es geht darum was dieser aus einem macht, wenn er zu Kopf steigt, und was so passieren kann, wenn er irgendwann ausbleibt. Alles auf einmal. Und es geht um Theater. Durch die einmalige, innovative Postproduktion des Films, die Schnitte zwischen den extrem langen einzelnen Szenen so gut wie unsichtbar macht, wirkt das ganze auch wie Theater. Keine Angst, das ist positiv gemeint.

Beim Cast übertrifft sich jeder Einzelne selbst. Michael Keaton und Edward Norton spielen sich gegenseitig hoch, Emma Stone hält einen richtig starken Monolog mit Gänsehaut-Garantie und Zach Galifianakis glänzt in einer Rolle abseits vom Stoner/Soziopathen. Alles richtig gemacht.

Der Beobachter dieser famosen Vorführung darf einem gewissen Grad an Surrealität gegenüber nicht abgeneigt sein und sollte ausgedehntes, jazzig angehauchtes Schlagzeugspiel ertragen können. Der gewinselte Seufzer, den ihr beim Lesen dieser Zeile gehört habt, entfuhr meiner Frau.

So oder so habe ich etwas Vergleichbares in diesem Ausmaß bisher noch nicht in einem Film gesehen. Und das ist ein Prädikat, was so einfach gar nicht mehr zu erreichen ist. Da ist ein “Wow!”, denke ich, angebracht.


Frank

Am 18. Januar 2015 unter film

Ein Indie-Film über eine Band, die experimentelle Musik macht, der junge Gleeson aus Harry Potter und - Wartet, wartet - Michael Fassbender … der aber immer eine Maske trägt, die so ein wenig an Graf Zahl erinnert. Also ich zähle mal kurz durch … Oh, zwei oder drei von euch sind ja noch hier. Gut, dann versuche ich mal etwas über diesen Film zu erzählen.

Robert de Niro mag einmal gesagt haben, er könne eine Pizza spielen, da haben wir aber alle nur nickend gelacht und es trotzdem nicht geglaubt. Der Fassbender kann aus irgendeinem Grund mit einem Haufen Pappmachee auf dem Schädel umherlaufen und sein Schauspiel trotzdem, auch ohne Mimik erstklassig durchziehen. Da ist eine Pizza nicht mehr ganz so weit weg, möchte ich meinen.

Der Gleeson hat keine Maske auf. Der hat nur seine rote Matte, den kreidebleichen Dublin-Teint und spielt so augenscheinlich die einzige Figur in diesem Theater, der nicht irgendwann mal die Sicherung durchgebrannt ist. Zusammen mit Scoot McNairy, meinem Lieblings Indie-Texaner habe ich hier ein Trio, dem ich eh jeden Film abnehmen würde. Egal was.

Auch Musik, die teilweise in Sphären spielt, die ich mit den mir noch zur Verfügung stehenden Drogen (Koffein, Aspartam und Vitamalz) niemals erreichen könnte, mich aber ein, zweimal fast so weit hatte, dass ich es hätte darauf ankommen lassen. Fast, denn Frank ist ein Film über Dinge, die man mit viel Einsatz aufbaut und über Hinterteile, mit denen man diese wieder einreisst. Das ist Programm und wird konstant durchgezogen. Eben auch bei der Musik, die so zum Beispiel nie den hypnotischen Höhepunkt eines vergleichbar experimentellen “Only Lovers Left Alive” Soundtracks erreicht, was dann aber eben auch Absicht ist und unterm Strich wieder passt.

Kurzweiliges, aber deutliches Arthouse Kino mit richtig schrägen Figuren und einem ganz großartigen Ensemble. Traut euch!


Boyhood

Am 11. Januar 2015 unter film oberlippenbarthouse

Richard Linklaters Film ist ein Richard Linklater Film. Ein Dialogfilm in seiner reinsten Form, ohne größere Störungen oder gar so etwas wie einen Twist. Aber er ist auch ein Projekt, dessen erfolgreiche Durchführung nach zwölf Jahren Drehzeit alleine schon jeden Respekt verdient hat, den man als Zuschauer aufbringen kann. Und nebenbei bemerkt ist Boyhood nicht etwa langweilig, wie meine Einleitung es hätte vermuten lassen können. Er zeigt schlicht zwölf Jahre im Leben von Mason und seiner Familie, mit dessen Höhen und Tiefen. Jede Epoche in sich als Momentaufnahme. Ein (sehr) amerikanisches Before “Before” sozusagen, um mal auf Linklaters bekannte Trilogie anzuspielen. Auf seine Einzigart zeigt Boyhood aber eben auch zwölf Jahre im Leben Ellar Coltranes, Patricia Arquettes, Etahn Hawkes und all seiner anderen Schauspieler und das ist für mich als Zuschauer eine ganz wunderbare Erfahrung und für das Filmteam eine herausragende Errungenschaft. Apropos Ethan Hawke: Den mag ich in Rollen, in denen er bloß redet immer noch am liebsten und finde ihn auch hier wieder ganz großartig, aber wenn ich auch nur noch einen Film sehen muss, für den sich eine tragende Rolle einen Schnurrbart hat stehen lassen, laufe ich Amok mit einem Rasiermesser!


Zurück zu: Prince of Persia

Am 4. Januar 2015 unter spiel

Mir war langweilig. Aus Ermangelung eines Stapels der Schande lud ich mir daher bereits vor Wochen die letzten beiden Prince of Persia Teile für die Playstation 3 aus Sonys Online Store herunter. Einen, den feigen aber dennoch sehr guten Rückschritt zur Original-Serie, habe ich gleich darauf durchgespielt. Zum wiederholten Male. Auch den Vorgänger, ein mutiger Reboot der Serie, die schon damals so an die Wand gefahren wirkte, wie Assassin’s Creed aus dem selben Hause heute, habe ich bereits mehr als einmal auf der Xbox 360 durchgespielt. Trotzdem beendete ich es soeben noch ein weiteres mal.

Und erneut komme ich zum Fazit, dass dieses Prince of Persia, der Cel Shade Prinz, wie er in meinen Kreisen aufgrund seiner Optik genannt wird, eines der schönsten und großartigsten Videospiele ist, die ich kenne. Ja, da scheucht der Realist die Superlative mit angehobenem Zeigefinger wieder in den Stall, aber das ist bei mir eben so. Punkt.

Der Cel Shade Prinz vereint für mich alle Vorzüge eines Shadow of the Colossus: Die Isolation in einer wunderschönen Welt und das große Klettern in dieser, kann dann aber noch mit einem weiteren sehr attraktivem Pluspunkt aufwarten. Und zwar einem, der gleichzeitig das Defizit von Sonys Kolossi-Jagd ist: Technische Finesse. Das Spiel ist verdammt noch einmal sieben Jahre alt und spielt sich immer noch gut.

Auf die Kritik vieler Spieler bezüglich der Rücksetz-Punkte, die hier in einer Spieldesign-Meisterleistung als Rettungsaktion seitens der virtuellen Begleiterin Elika dargestellt werden, aber eben trotzdem immer noch die alten Rücksetz-Punkte sind, gehe ich außer mit diesem Satz einfach gar nicht weiter ein. Ha!

Der Cel Shade Prinz ist ein Reboot, wie ein James Bond. Der fuhr irgendwann plötzlich keinen Aston Martin mehr und es war ihm schnurzpiepegal, ob sein Martini nun gerührt, geschüttelt oder aus den Tränensäcken des großen Oleg Popov extrahiert wurde. Ähnlich frech springt dieser Prince of Persia-Teil mit seinen Vorgängern um. Sein im Sandsturm abhanden gekommener Esel mit Unmengen an Reichtümern auf dem Rücken trägt hier zum Beispiel schlicht den Namen Farah. Eben wie die weibliche Hauptfigur vergangener Teile der Serie. Schöner Humor, den der Prinz dann auch regelmäßig in seinen Dialogen beweist.

James Bond fuhr dann irgendwann wieder einen Aston Martin, aber natürlich nur, wenn er nicht gerade den geschüttelten und nicht etwa gerührten Martini zu sich genommen hatte. Und auch der Prinz war im nächsten Teil wieder der alte, die Optik und der Rest ebenfalls. Das ist zwar arg langweilig und zeugt von kleinen Eiern, macht aber deutlich mehr Kasse.

Egal, denn wenn immer ich den Cel Shade Prinz spiele, sehe ich dieses tolle, wunderschöne Spiel vor mir, das mich erneut dazu animiert, stundenlang Licht-Samen für die digitale Begleiterin einzusammeln, ohne Unterbrechung des Flows, kletternd und an Wänden entlang laufend von einem Ort zum anderen zu gelangen oder einfach mal das Pad beiseite zu legen und abzuwarten, bis der Bildschirmschoner mit fantastischen Bildern der Spielwelt anspringt.

Und um am Ende erneut zu sehen, was Liebe doch für Dummheiten auch in die Köpfe von Videospiel-Figuren pflanzen kann. Alles natürlich für mich völlig nachvollziehbar, denn schließlich ist dieser Teil eh nur ein einziges langes Date. Zwischen Elika und dem namenlosen Prinzen. Zwischen mir und diesem wunderschönen Spiel.

Hier geht es zu meinem Orginal-Review aus dem Jahr 2009.


Wish I Was Here

Am 2. Januar 2015 unter film

Zach Braff erntete für seine Aktion “Wish I Was Here” über Kickstarter zu finanzieren viel Kritik, begründete diesen Schritt aber damit, dass er nur auf diese Weise in der Lage sei, den Film genau so zu machen, wie er es für richtig halten würde und nicht irgendein Produzent aus Hollywood. Klingt plausibel. Ich persönlich hielt die Kritik für im höchsten Maße unangebracht und eh nur von Menschen initiiert, die mal wieder ihre Geldmaschine Filmindustrie in Gefahr sahen.

„Wish I Was Here“ wirkt dann aber gar nicht mal so frech oder gar mutig wie ich es nach Braffs Erklärung erwartet hätte. Ganz im Gegenteil: Ich wüsste gar nicht, was ein Produzent von Außen da noch hätte ändern wollen, was nicht eh schon total typisch und risikoarm ist. Interessant, wie der Film das Ausbrechen aus der Gewohnheit thematisiert, ohne auch nur im geringsten Gebrauch von seiner eigenen Lehre zu machen.

Das bedeutet jetzt nicht, dass „Wish I Was Here“ kein guter Film ist. Es bedeutet bloß, dass ich kaum noch Nerven habe, diese seichten mit Humor angereicherten Dramen, die absolut frei von irgendwelchen Überraschungen sind, bis zum Ende durchzustehen. Stattdessen resigniere ich irgendwann seufzend, sitze es aus und vergesse das Gesehene einfach ganz schnell wieder.