Faults

Am 16. Mai 2015 unter film oberlippenbarthouse

Am Ende des Films Faults musste ich erst einmal schlucken. Neunzig Minuten spielt Leland Orser den Sektengegner Ansel so gekonnt gut auf dem schmalen Grat zwischen mitleidserregend und in jede Richtung unsäglich, dass man ihn in seinem braunen Anzug, mit dem borstigen Powerschnauzer und dieser selbstverschuldeten Aussichtslosigkeit im Leben am liebsten mit der Schaufel erschlagen und im Garten vergraben möchte. Aus Mitleid und reiner Nächstenliebe versteht sich.

Spielen können sie in diesem Film zum Glück alle. Und das ist auch nötig, denn abseits von den Figuren gibt es bei Faults nicht wirklich viel zu sehen oder zu hören. Auf musikalische Untermalung wird gänzlich verzichtet und die wenigen Schauplätze des Geschehens sind mindestens so hässlich wie Ansels Sakko. Oder Ansel.

Am Ende, wenn der Twist abgesackt ist und man schweigend dasitzt, wird ein Schuh draus. Ich war zu diesem Zeitpunkt zufrieden. Bis dahin mutete mir die Figur Ansels aber so einiges zu und es fühlte sich an, wie bei meinem Problem mit Lou Bloom in Nightcrawler. Den konnte ich auch nicht so richtig ertragen. Aus anderen Gründen aber mit dem selben Ergebnis.

Empfehlen möchte ich Faults trotzdem, denn am Ende ist es ein besonderer Film, der sich so gar nicht in irgendwelche Schubladen stecken lässt. Und das ist es doch, was Arthouse ausmacht. Entschuldigung: Oberlippenbarthouse, wie ich Filmkunst mit dicken Schnurrbärten in Zukunft an dieser Stelle im Netz nennen werde.


What We Do In The Shadows

Am 7. Mai 2015 unter film oberlippenbarthouse

Ich mag Hype, weil ich ihn genießen kann und weil er mir die Vorfreude auf einen Film, ein Spiel oder eine Serie noch verstärkt. Ich mag Vorfreude und riskiere es deswegen gerne auch mal, so richtig enttäuscht zu werden, weil meine Erwartungen durch die Decke gingen. Gefühlt schaute ich das erste Halbjahr 2015 nur Filme, die drei bis vier Ehrenrunden in der Hype Maschine gedreht haben. Wie gesagt: Ich mag das. Dennoch freue ich mich ebenso sehr, wenn ich hin und wieder mal eine richtige Überraschung sehe.

The Drop mit Gandolfini und Hardy war solch eine Überraschung. Da hätte ich so schnell gar nicht mit einer weiteren gerechnet. What We Do In The Shadows hatte ich weder auf dem Radar, noch war ich wirklich interessiert, als ich diese Mockumentary vorgestern Abend in den Neuerscheinungen des nordamerikanischen iTunes-Kanal unseres Apple-TVs entdeckte. Wären da nicht die Namen Jemaine Clement und Flight of the Conchords gewesen.

Als großer Fan dieser Serie und heimlicher Verehrer Clements professionellem Dilettantismus schlug ich daraufhin zu … und kicherte von der ersten bis zur letzten Minute fast pausenlos vor mich hin, wie eine Konfirmantenfreizeit im Isländischen Penismuseum.

Der bitterböse und zum Glück gnadenlose Humor, der gut umgesetzte Mockumentar Stil und immer mal wieder ein Lieblingsneuseeländer machen What We Do In The Shadows für mich zu der Überraschung, für deren Einleitung ich hier eingangs einen ganzen Absatz lang um den heißen Brei schrieb. Vor Only Lovers Left Alive dachte ich noch, Vampire könnten mir im Kino ein für alle mal gestohlen bleiben und jetzt wurde ich bereits ein zweites Mal eines besseren belehrt.


The Voices

Am 2. Mai 2015 unter film

Sprechende Tiere in Filmen sind ja grundsätzlich erst einmal so eine Sache. Bei The Voices ist es dank Ryan Reynolds Sprachtalent aber in der Tat sehr gut umgesetzt und sowieso nur das Sahnehäubchen des schlechten Geschmacks und damit Programm. Alles an The Voices wirkt abschreckend: Die sehr prominente Farbe Pink, der über beide Ohren grinsende Jerry (Reynolds), die sauber und verstörend aufgeräumte Ausstattung. Der Twist ist kurz und genial. Ich will nicht ausschließen, dass das der einen oder anderen Person vielleicht nicht genug sein mag, mich aber hat er wunderbar makaber unterhalten. Die fiese Katze und der dümmlichste Hund seit Bingo, sozusagen die extremen Versionen von Garfield und Odie, gibt es als Bonus oben drauf. Get my money, buy my medicine, buy my medicine, buy my medicine.


Teenage Mutant Ninja Turtles

Am 2. Mai 2015 unter film ninja

Alles fing damit an, dass ich morgens die Comic Book Day Ausgabe eines Turtle-Comics im iBooks Store sah. Ich mochte den ersten, in Schwarzweiß gehaltenen Band damals sehr, denn da gab es noch keinen total witzigen Michelangelo. Ich lud den Band auf das iPhone und stöberte etwas darin. Wenig später spuckte mein Feed Reader dann ein erstes Foto von Casey Jones in Michael Bays zweitem Turtlefilm aus. Abends entdeckte ich, dass es den ersten Teil aus dem letzten Jahr gerade für 99 Cent Leihgebühr im nordamerikanischen iTunes Store gab. Das irgendwie so etwas wie ein Turtletag war, hatte ich im Kalender wohl übersehen.

Für 99 Cent wollte ich also nicht so sein und gab dem Film eine Chance. Und weil ich so ein Sparfuchs bin, spare ich es mir auch, hier näher auf das Drehbuch einzugehen. Lediglich die Rolle der April O’Neil darin ist noch naiver als es selbst. Das hat der Animationsfilm aus dem Jahre 2007, den ich im Übrigen gar nicht so schlecht finde, doch weit besser im Griff gehabt. Während ich also mit dem Verlangen kämpfe, den Film gleich wieder abzuschalten, um Megan Fox nicht noch weiter in meinem Ansehen sinken zu lassen, ist es die schönste Stimme Hollywoods, die mich oben hält: Bojack Horseman, also äh, Will Arnett. Da kann die Figur noch so flach und öde sein, wenn der sprechen darf, sehe ich bloß das Pferd und grinse blöd. Passt doch zum Film!

Positiv überrascht hat mich dann doch noch das Design der Turtles. Wie bereits erwähnt ist Michelangelo wie gewohnt nur für den sprühenden Witz da, guckt dabei aber auch leicht dämlich und wird lediglich von Donatello überboten, der hier augenscheinlich nur im ersten Schritt zu einer menschlichen Schildkröte und im zweiten noch zu Dr. Egon Spengler mutiert ist. So richtig für Kinder ist der Film ja nichts, der Humor aber leider schon. Richtig gut haben mir Raphael und Leonardo gefallen. Das sich ausgerechnet Letzterer eher im Hintergrund hält, möchte ich gerne auf Zurückhaltung beim Umgang mit der Figur schieben, denke aber, vier Protagonisten überstiegen einfach die Fähigkeiten der Verantwortlichen. Bleibt nur Raphael, der dafür aber auch richtig, richtig gut rüberkommt.

Damit einher geht dann aber auch leider das vertane Potential, mal einen besonderen Turtlefilm zu machen. Das liegt aber wohl auch am Basismaterial. Also warte ich weiter auf ein Reboot mit düsterer Geschichte und ernsten Figuren. Ich kann so naiv sein.


Werckmeister Harmóniák

Am 30. April 2015 unter film

Ein Strohwitwer-Abend: Ich sitze im Schneidersitz auf meiner Seite des Bettes, das MacBook auf dem Schoß. Vor gut zwanzig Minuten habe ich Béla Tarrs Film Die Werckmeisterschen Harmonien zu Ende geschaut, bin deutlich angeschlagen ins Bett gegangen und wurde dann per Mail benachrichtigt, dass einer meiner favorisierten Künstler, D-Sisive, ein neues Album auf Bandcamp hat, welches ich mir daraufhin sofort anhörte. Ich bin mit dem Album halb durch, als mich meine Gefühle einmal komplett übermannen. Ich bin emotional irgendwo nah am Wasser. Béla Tarrs kalte, trost- und hoffnungslose, in Schwarz und Weiß gehaltene Momentaufnahme eines kaputten Dorfes, irgendwo in Ungarn, dessen unglaublich großartiger Soundtrack von Mihály Vigh und dann noch die melancholischen Reime des Kanadiers Derek Christoff auf dessen neuem und fantastischem Album Let the Children Die haben mich umgehauen. Und ich fühle mich gut dabei. Als hätte jemand alle Türen und Fenster in meinem Kopf weit aufgerissen.

Die Werckmeisterschen Harmonien ist kein einfacher Film. Lange Szenen, mit oft langen Kameraeinstellungen können über 145 Minuten zu einer Tortur werden, keine Frage. Aber da war immer etwas interessantes, etwas sonderbares, gar hypnotisches in den Handlungen der Figuren, das mich stetig bei der Stange hielt, um mich dann, in regelmäßigen Abständen, mit einer wunderschönen Komposition aus Bild und ganz großartiger Musik zu belohnen. All das mit einer Optik, die aussieht, als wäre dieser Film mit Nachkriegs-Equipment gedreht und nicht, wie tatsächlich, im Jahr Zweitausend.

Und dann ist da dieser fette, faulende, aufgeblähte Wal-Kadaver, der wohl eine Metapher auf wer-weiß-was ist und alles durcheinander bringt. Was wohl wieder eine Metapher ist. Ich würde es nicht erkennen. Nein, besser: Ich hatte nie das Gefühl, das ich irgendwie irgendetwas vom dem, was dort geschieht, verstehen will. Ich wollte nicht abgelenkt werden. Nicht aufgeschreckt werden aus der Hypnose.

Ich bin immer wieder beim Stöbern in Letterboxd-Profilen auf diesen Film gestoßen, wo er als Favorit angegeben wurde. Das hat mich neugierig gemacht und zu seiner Bestellung aus Großbritannien geführt. Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass er zu meinen absoluten Favoriten gehört, etwas besonderes ist er aber ganz sicher.

Ich sitze auf dem Sofa. Auf dem Schoß ruht wieder das MacBook. Ich schreibe diese Zeilen zu den Klängen des Werckmeister Harmóniák Soundtracks auf YouTube und gleich, gleich gebe ich mir den Rest mit der zweiten Hälfte des Let the Children Die Albums. Emotionen und so. Herrlich.