Werckmeister Harmóniák

Am 30. April 2015 in film

Ein Strohwitwer-Abend: Ich sitze im Schneidersitz auf meiner Seite des Bettes, das MacBook auf dem Schoß. Vor gut zwanzig Minuten habe ich Béla Tarrs Film Die Werckmeisterschen Harmonien zu Ende geschaut, bin deutlich angeschlagen ins Bett gegangen und wurde dann per Mail benachrichtigt, dass einer meiner favorisierten Künstler, D-Sisive, ein neues Album auf Bandcamp hat, welches ich mir daraufhin sofort anhörte. Ich bin mit dem Album halb durch, als mich meine Gefühle einmal komplett übermannen. Ich bin emotional irgendwo nah am Wasser. Béla Tarrs kalte, trost- und hoffnungslose, in Schwarz und Weiß gehaltene Momentaufnahme eines kaputten Dorfes, irgendwo in Ungarn, dessen unglaublich großartiger Soundtrack von Mihály Vigh und dann noch die melancholischen Reime des Kanadiers Derek Christoff auf dessen neuem und fantastischem Album Let the Children Die haben mich umgehauen. Und ich fühle mich gut dabei. Als hätte jemand alle Türen und Fenster in meinem Kopf weit aufgerissen.

Die Werckmeisterschen Harmonien ist kein einfacher Film. Lange Szenen, mit oft langen Kameraeinstellungen können über 145 Minuten zu einer Tortur werden, keine Frage. Aber da war immer etwas interessantes, etwas sonderbares, gar hypnotisches in den Handlungen der Figuren, das mich stetig bei der Stange hielt, um mich dann, in regelmäßigen Abständen, mit einer wunderschönen Komposition aus Bild und ganz großartiger Musik zu belohnen. All das mit einer Optik, die aussieht, als wäre dieser Film mit Nachkriegs-Equipment gedreht und nicht, wie tatsächlich, im Jahr Zweitausend.

Und dann ist da dieser fette, faulende, aufgeblähte Wal-Kadaver, der wohl eine Metapher auf wer-weiß-was ist und alles durcheinander bringt. Was wohl wieder eine Metapher ist. Ich würde es nicht erkennen. Nein, besser: Ich hatte nie das Gefühl, das ich irgendwie irgendetwas vom dem, was dort geschieht, verstehen will. Ich wollte nicht abgelenkt werden. Nicht aufgeschreckt werden aus der Hypnose.

Ich bin immer wieder beim Stöbern in Letterboxd-Profilen auf diesen Film gestoßen, wo er als Favorit angegeben wurde. Das hat mich neugierig gemacht und zu seiner Bestellung aus Großbritannien geführt. Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass er zu meinen absoluten Favoriten gehört, etwas besonderes ist er aber ganz sicher.

Ich sitze auf dem Sofa. Auf dem Schoß ruht wieder das MacBook. Ich schreibe diese Zeilen zu den Klängen des Werckmeister Harmóniák Soundtracks auf YouTube und gleich, gleich gebe ich mir den Rest mit der zweiten Hälfte des Let the Children Die Albums. Emotionen und so. Herrlich.

Daredevil

Am 26. April 2015 in serie

Manchmal hilft es, wenn das Nostalgie-Gefühl stärker ist als der eigene Geschmack. Den Piloten der Netflix Serie Daredevil fand ich uninspiriert, generisch und irgendwie alles andere als spannend. Aber da war dieser Funken Nostalgie, der die ganze Zeit über mitschwang. Etwas, das mich an meine Kindheit erinnerte. An eine Zeit, in der ich nach der Schule in der Stadt Star Wars und Masters Actionfiguren in einem An- und Verkauf gegen stapelweise Marvel- und DC-Comics getauscht habe, um mir die Busfahrt nach Hause zu verkürzen. Die Geschichten waren oft naiv und auch irgendwie plump, aber es galt, abgelenkt zu werden. Naive Superhelden-Geschichten waren besser als die mitunter frustrierende Realität. Die Spinne, Grüne Leuchte, Bat-Man (sic), Roter Blitz der Erde II und Der Dämon. Was heute mein Nerdbonus ist, war damals schlicht Ablenkung.

Trotzdem waren es die schöneren Stunden und obwohl es mir heute überwiegend gut geht, schwingt immer noch eine zusätzliche Portion Freude mit, wenn ich an die Figuren und Geschichten von damals erinnert werde. Gelegenheit dazu gibt es jetzt, im Zenit der großen Marvel-Verwurstung mehr als genug. Großereignisse der nächsten fünf Jahre können wir fast schon punktgenau in Marvel-Filmpremieren angeben. Fußball-WM? Noch zwei Fantastic Four Filme. Bis zur EM ist es bloß noch einer. Olympische Sommerspiele in Tokio? Noch zwei Avengers oder drei Spider-Man (aktueller Umrechnungskurs). Bis zu den Winterspielen der dreiundzwanzigsten Olympiade sind es auch nur noch eineinhalb X-Men Filme (ein X-Men und ein Wolverine).

Zurück nach Hell’s Kitchen und zu Daredevil. Ich hatte also dieses Der Dämon-Gefühl beim Anschauen des irgendwie öden Piloten (und ja, Daredevil hieß damals Der Dämon), also haben wir weitergeschaut. Zum Glück, denn ab Folge Zwei zieht Daredevil kontinuierlich an. Bis zu Shadows in the Glass, die Origin-Story vom Obermotz, gespielt vom großartigen Private Paula, die intelligent die Verknüpfungen zu vorangegangenen Vorkommnissen in der Serie setzt. Der Höhepunkt, wie sich herausstellte. Keine Episode danach konnte ihr das Wasser reichen. Als hätten sich die Autoren komplett ausgepowert, plätschert plötzlich alles nur noch so vor sich hin, jeder macht nur noch nichtnachvollziehbaren Blödsinn und alle heulen ganze Bäche, als wären die überall auf den Dächern von Hell’s Kitchen stehenden Wassertürme undicht. Da muss der Anwalt Matt Murdock aufpassen, dass er in Staffel Zwei nicht noch von Peter Parker auf Plagiarismus verklagt wird.

Ein Aspekt, den ich an Daredevil mochte, war das fehlende Kostüm. Erwachsene Menschen in bunten Rüstungen sind halt Marvel, ich weiß. Aber Daredevil brach schon mit seinem hohen Gehalt an Brutalität und viel Blut mit deren Tradition. Am Ende schlüpft er dann aber doch noch in den Anzug, den ihr alle schon auf den Bildern zur Serie sehen könnt und dann ist sie wieder da, die Cosplay-Party.

Avengers: Age Of Ultron

Am 24. April 2015 in film

Die kurze Version:

Wenn ich einen Transformers Film gucken will, gucke ich einen Transformers Film. Und für’s Protokoll: Will ich nicht.

Die lange Version:

Ich bin kein großer Joss Whedon Fan. Ich bin mir aber dessen bewusst, dass dieser Mensch eine große Fangemeinde hat, die ihn für das, was er tut, liebt. Weil er es auf eine ganz besondere Art tut. Avengers Age of Ultron ist kein Film, der mir in irgendeiner Weise besonders vorkam. Es ist auch kein Film, den ich diesem Joss Whedon zuschreiben würde. Alles, was Age of Ultron für mich darstellt, ist, um jeden Preis größer, schneller und lauter zu sein, als alle Marvel-Filme vor ihm. Das klingt nicht nach Joss Whedon, das klingt nach einem Menschen, der unter viel Druck irgendwann resigniert hat. In einem Interview scherzte Whedon, er hätte nach dem Erfolg von Guardians of the Galaxy auf einen Anruf gewartet, der ihm befehlen würde ein sprechendes CGI Tier einzubauen. Im fertigen Film wäre mir ein weiteres computeranimiertes Wesen ehrlich gesagt kaum noch aufgefallen, so vollgestopft mit alten und neuen Figuren aus dem Marvel-Film-Universum ist er. Da bleibt für Einzelne nicht viel Zeit. Außer für Hawkeye, der endlich ein bisschen mehr sein darf. Das sind dann auch die ruhigeren zehn Minuten des Films, in denen die Schauspieler einmal nicht bloß animierte Drahtgittermodelle mit Texturen sind, und prompt fing ein Kinogast neben mir an zu schnarchen.

Was ich hier schreibe ist nicht fair. Ich mochte Teil Eins ja auch nicht, ihr aber schon. Ich mochte Thor 2, Captain America 2 und Iron Man 3. Weil die teilweise weiter gingen, als bloß Superheldenfilme zu sein. Sie bedienten zusätzlich Subgenres, wie klassische Fantasy oder Spionage. Age of Ultron ist wieder bloß klassisches Superheldenkino und davon bin ich leider etwas enttäuscht.

Titan Souls

Am 19. April 2015 in spiel

Als ich Titan Souls vor ein paar Tagen blind kaufte und es mir am ersten Abend nicht gelang, den ersten Titanen, kurz nach dem Tutorial, zur Strecke zu bringen, war mir eigentlich klar, dass ich dieses Spiel nicht beenden würde. Sag niemals nie, James. Manchmal bin ich doch echt erstaunt, wie viel Motivation ein paar hübsche Pixel auf mich ausüben können. So viel, dass ich Titan Souls gefühlt im Handumdrehen beendet habe. Eine präzisere Angabe verrät der Blick auf die Spielstatistik: 18 erlegte Titanen, 248 mal gestorben, in viereinhalb Stunden Spielzeit. Nur 248 mal gestorben, weil ich zwei Strategien in Videos nachschauen musste, um nicht den Spaß am Spiel zu verlieren. Hinzu kommen noch einmal circa 20 Tode, die ich während einer Bahnfahrt auf der Playstation Vita erlitt und später auf der Playstation 4 nachspielen musste, weil das Cross-Spielstand speichern bei mir nicht funktioniert und ich meinen Speicherstand nach wie vor nur laden kann, wenn die entsprechende Konsole nicht mit dem Internet verbunden ist.

Wenn ihr euch jetzt fragt, ob Titan Souls denn auch etwas für euch ist, fragt euch doch folgendes selbst: Habe ich gute Reflexe? Kann ich in Extremsituationen noch mit Geschicklichkeit punkten? Stört es mich nicht, etwas immer und immer wieder zu probieren? Mag ich ungeschickt gesetzte Rücksetzpunkte? Oder, alternativ zu den ersten drei Fragen: Habe ich viel Glück? Glück ist der Grund, der mir die Statistik oben beschert hat. Glück ist der Faktor, auf den ich bei vielen Kämpfen in Titan Souls gesetzt habe. Zu viel benötigtes Glück ist der Grund, warum ich Titan Souls nicht noch einmal spielen möchte. Na gut. Die seltsame Art des Spiels, mich für das Durchspielen zu belohnen ist auch ein Grund. Ein schwierigerer Spielmodus war für mich noch nie eine Belohnung. Spielmodi, die mich nach einem Treffer sterben lassen (In diesem Fall bedeutet das, ihr fangt wieder vor dem Tutorial an) sind nicht meine Liga und im Falle von Titan Souls auch ganz irrsinniger Quatsch.

Titan Souls, das habt ihr mittlerweile längst mitbekommen, ist eine Hommage an Dark Souls (Mimimimi) und Shadow of the Colossus. Es mischt das strafende Spielprinzip des einen mit der miesen Steuerung, äh, den Titanen des anderen. Freudscher Verschreiber, ha! Ich frage mich aber wirklich, warum ich bei einem Spiel noch die ganze Zeit über eine Taste zum Laufen gedrückt halten muss, wenn ich tatsächlich nicht einmal normal gehen muss. Das ist doch ein Relikt, wenn nicht sogar langsam mal ein Designfehler. Bei einem Spiel wie Titan Souls ruft es bei mir zumindest ganz schnell kleine Krämpfe in der Hand hervor. Mein Tipp: Die Schultertasten benutzen. Links fürs rennen und rollen, rechts fürs schießen und Pfeil zurückschlürfen.

Mehr könnt ihr übrigens auch nicht und das ist das tollste am Spiel! Keine neuen Spezialmanöver, keine neuen Waffen, nichts. Nur ihr und ein Pfeil und ein Boss. Hinzu kommt diese wunderschöne Welt mit wunderschöner Musik, von der ich so hoffe, dass sie noch das ein oder andere Geheimnis birgt, denn ich würde gerne noch weiter in ihr umherlaufen. Aber damit hält sie sich, wenn es sie denn geben sollte, sehr bedeckt. Dahingehend bin ich sehr gespannt. Einige Bosse haben mir wirklich Spaß gemacht. Vielleicht versuche ich mich ja doch noch einmal an einem zweiten Durchgang. Nur mal so, um zu sehen wie weit ich es schaffe, bevor der Dual Shock 4 im Affekt auf dem Fußboden zwischen Fernseher und Sofa in seine Einzelteile zerschellt.

Force Majeure

Am 19. April 2015 in film

Ich habe keine Ahnung von Skifahren und habe auch nicht vor, das zu ändern. Schnee ist nach drei Tagen doof. Ruben Östlund aber bastelt hier aus einem Skiurlaub im modular aufgebauten Nobelhotel eine zweifelsohne interessante, mitunter sogar surreal wirkende Szenerie. Das Problem, welches ich mit seinem Film Force Majeure habe, ist der ganze Rest. Eine Stunde passiert nicht wirklich irgendwas, dann baut sich plötzlich doch irgendwie ein gewisses Interesse an den Figuren auf, bevor das Ende alles mit seinem dicken Hintern wieder einreißt. Dann spielt das Drehbuch jeder Figur, die vorher irgendwie ein Problem hatte, eine Möglichkeit zu, sich doch noch zu beweisen. Es gab zig Stellen im letzten Drittel, an denen der Film einfach hätte aufhören können und ich dann sogar zufrieden gewesen wäre. Weil ich dann etwas hätte mitnehmen können. Etwas, über das ich jetzt noch hätte nachdenken können. So gibt es da nichts, außer dieses seltsame neue Bild von einem Skiurlaub, welches jetzt in meinem Kopf herumschwirrt.