AKA to Blue

Am 14. März 2018 unter spiel

Nachdem der japanische Shoot’em-up Spezi Cave den Großteil seiner Apps nicht, wie von Apple gefordert, auf den 64Bit-Standard hochgeschraubt hat, sind diese quasi aus dem App Store verschwunden. Das ist hart, dank Bullet Hell Monday und dem im Herbst letzten Jahres erschienenen AKA to Blue aber gar kein so großer Beinbruch. Letzteres beschert uns Entwickler Tanoshimasu, unter dessen Dach auch einige Ex-Mitglieder von Cave eine neue Heimat gefunden haben, und schlägt mit selbstbewussten 9 Euro für die App zu Buche. Dafür kann es sich aber auch sehen lassen.

Die Neuerfindung des Bullet Hell Shmups, wie sie in Bullet Hell Monday stattfand, fehlt hier zwar, aber die für ein Smartphone Spiel astrein stromlinienförmige Menükontrolle, der hohe technische Standard (es spielt sich auf dem iPhone SE butterweich) und die feinen Optimierungen eines bewährten Systems sprechen für diesen Titel. So wurde zum Beispiel komplett auf die Möglichkeit verzichtet, den Schwierigkeitsgrad einzustellen. Dafür wird die Lebensanzeige vor jedem neuen Level einfach wieder auf drei Versuche hochgesetzt. So straft ein Flüchtigkeitsfehler zu Beginn des Spiels den Spieler nicht ab, wenn später jedes Leben zählt. Die Königsdisziplin, AKA to Blue in einem Durchgang zu beenden, rückt dadurch zwar merklich näher an den Bereich des Möglichen, als es bei anderen Vertretern dieser Gattung Spiele der Fall ist, aber bei einem Smartphone Titel kann ich das nicht wirklich als Kritik gelten lassen.

Optisch wird mit einer raffinierten Präsentation, einem tollen Maschinendesign und abwechslungsreichen wie stimmungsvollen Hintergründen geglänzt. Das Punktesystem, welches für mich bei vielen Shmups ja für ewig ein Geheimnis bleibt, verhält sich auf den ersten Blick durchschaubar und belohnt Abschüsse aus nächster Nähe und vor allem den Einsatz von Smartbomben in feindliche Kugelnebel, was sonst ja eher so ein Zeichen der Schande ist, mit obligatorischen funkelnden Goldmünzen. Bei letzterem gilt der taktisch gut gewählte Zeitpunkt, denn eine erfolgreich eingesetzte Attacke, die genügend Kugeln in Münzen wandelt, erzeugt eine Kettenreaktion, bei der ein großes Projektil entsteht, welches wiederum etliche Kugeln und Gegner in Goldmünzen wandeln kann.

Wer eine gute Hand-Augen-Koordination aufweist, kann neben dem Ausweichen von blauen und rosa Kugeln und dem gezielten Einsatz von Sprengkörpern zusätzlich doch auch noch auf das aus Caves DoDonPachi Reihe bekannte Combo-Meter achten und versuchen, Abschüsse für höhere Boni miteinander zu verketten. Wessen Hand-Augen-Koordination eher so auf meinem Level verweilt, dessen Gesicht knirscht spätesten beim zweiten Boss aufgrund von Panikattacken und vertraut von da an verzweifelt auf Fortuna, um vielleicht irgendwann mal alle fünf Abschnitte irgendwie zu überleben. Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister und den Spielspaß eines Shmups aus.

Die neun Euro sollten also weniger mit der Langzeitmotivation verrechnet werden, als mit der Tatsache, dass ihr hier einen technischen Referenztitel für traditionelle Shmups bekommt, den ihr immer mal wieder zur Überbrückung kleinerer Wartezeiten aufrufen könnt.


The Shape of Water

Am 17. Februar 2018 unter film

The Shape of Water ist einer dieser Filme, die auch dann noch in meinem Kopf verweilten, als der Vorhang im Kinosaal längst wieder zugezogen war. Als ich bereits auf dem Weg nach Hause in der Bahn saß und aus dem Fenster ins Schwarz ‪der Tunnel‬ blickte. Als ich später in der Nacht bereits im Bett lag und im Halbdunkel lediglich an die Decke starren konnte, weil an Einschlafen nicht zu denken war. Weil dieser Film eine wundervoll bewegende Hommage an die Geschichte des Kinos ist. Vorweg an den Klassiker „Der Schrecken des Amazonas“, dessen Kreatur er perfekt und jenseits jedes Uncanny Valleys auf die Leinwand zaubert, aber nicht undeutlich auch an die besseren Zeiten von Caro und Jeunet (traurigerweise der einzige, der das scheinbar nicht verstanden hat). Er hat sogar die Lovecraft-Elemente, die Guillermo del Toros Hellboy-Verfilmungen, aus für mich völlig unverständlichen Gründen, vermissen lassen. Er hat eine Geschichte, die Hauptdarstellerin Sally Hawkins mit Bravour versteht direkt ins Herz der Zuschauer zu transportieren und er hat einen Michael Shannon, dessen Darstellung des bitterbösen Antagonisten im Zusammenhang mit einer ausgebliebenen Nominierung nicht weniger als der erste Oscar-Skandal 2018 sein dürfte.

Habe ich mich letztes Jahr noch geärgert, dass der deutsche Erscheinungstermin volle zwei Monate hinter dem US-Release liegt, freue ich mich jetzt umso mehr auf ein baldiges Erscheinen der US-Streaming-Fassung und eine Zweitsichtung auf dem eigenen Sofa.


Shadow of the Colossus

Am 17. Februar 2018 unter spiel

Mehr als einmal habe ich mich bereits gefragt, warum ich mir eigentlich eine Playstation Pro gekauft habe. Klar, hier und dort lief ein Spiel mal etwas flüssiger und ab und an gab es auch die Option ein Spiel in zukunftsweisender 4K-Bildschirmauflösung zu zocken, aber den Unterschied zwischen 2000 und 4000 Pixeln kann ich als Brillenträger allenfalls erahnen. Als ich am Wochenende dann endlich und ganz aufgeregt das von mir heiß ersehnte Remake vom Remake von Shadow of the Colossus geladen haben, wurde mir schlagartig klar, dass dieses Spiel das bisher beeindruckendste Argument für die Anschaffung einer Playstation Pro ist. Und vielleicht nur halb so spektakulär auf einer normalen Playstation 4 wirkt.

Zwei Probleme des Team ICO Klassikers wurzeln teilweise in dessen Überlastung der Hardware und der daraus resultierenden niedrigen Bildrate: Die schwammige Steuerung und die Kopfschmerzen erzeugende Kamera. Als jemand, der dieses Spiel auf drei verschiedenen Konsolen sprichwörtlich bis zum Erbrechen gespielt hat, fühlt sich der Performance Modus des Remakes, der das Geschehen erstmals geschmeidig sanft auf den Bildschirm zaubert, wie ein realgewordener Traum an.

Hinzu kommt, dass Bluepoint Games dieses Mal nicht nur die Auflösung der Texturen erhöht hat, sondern tatsächlich alle Objekte neu modelliert hat. Felswände, Wiesen, Tempel, Seen, Waldstücke, alles erstrahlt detailliert und in neuem Glanz. Wo vorher eine verwaschene Textur ein Stück Rasen darstellte, ziert jetzt ein animiertes Stück Natur mit sich im Wind wiegenden Grashalmen, Blumen und Schmetterlingen die Landschaft. Wo vorher graue Texturen Felswände imitierten, stehen jetzt Felsen aus unterschiedlichen Gesteinen, mal mit Moos, mal mit Pilzen bedeckt. Wo vorher ein Waldstück hat Herzen höher schlagen lassen, fallen jetzt Laub und Kinnladen herunter. Ein Spiel im mittleren Preissegment ist für mich aktuell die Referenz für ein schönes Videospiel.

Geflucht habe ich trotzdem wieder wie ein Rohrspatz. Über die Kolosse, die sich damals wie heute ab und an einfach nicht triggern lassen wollten, um den Spielverlauf nach vorne zu treiben. Das war auch beim geistigen Nachfolger The Last Guardian so und das wird im nächsten Spiel von Fumito Ueda auch wieder so sein. Find ich doof, spiele ich aber trotzdem. Es gibt auch immer noch diese nervigen Momente, in denen Wander auf einem Koloss einfach nicht zur Ruhe kommt, und damit verbunden keine Möglichkeit für einen Angriff entstehen mag. Und immer noch ist das Freispielen von Waffen, Kostümen und nützlichen Hilfsmitteln ausgerechnet auf den Time Attack-Modus beschränkt, der nach wie vor perfektes Timing und eine genau Kontrolle voraussetzt. Attribute, die Shadow of the Colossus so immer noch fehlen. Daran ändert auch eine optimierte Tastenbelegung nichts.

Aber das macht gar nichts. Es ist trotzdem immer noch ein atemberaubendes Meisterwerk, das ich aktuell schon wieder dreimal durchgespielt habe und es wieder und wieder tun werde. Und zwar nicht auf Zeit, weil es viel zu viel Spaß macht, die Umgebung zu erforschen. Dank überall versteckter (teilweise aber auch fraglich zu erreichenden) Goldmünzen heute mehr denn je.

Und so gerne ich sehen würde, dass Bluepoint Games jetzt ihr ganzes Können in eine spielbares Remake von The Last Guardian stecken, so gerne wünsche ich dem Studio jetzt endlich einmal eigene Ideen verwirklichen zu dürfen. Verdient haben sie es schon lange.


Small Town Crime

Am 30. Januar 2018 unter film

Ich habe einen Faible für Filme und Serien mit John Hawkes. Dessen wurde ich mir erst kürzlich wieder bewusst, als ich ein weiteres Mal Dennis Haucks Too Late sichtete. Wer kann eine 15-Minuten Szene mit mehreren längeren Dialogen, einer Prügelei, einer Tanzszene und einer Gesangsdarbietung mit Gitarre ohne einen einzigen Schnitt und so derart lässig darstellen wie dieser Mann? Wer? Wenn ihr Too Late noch nicht gesehen habt, holt das bitte nach. Es wäre der Film, den ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde, auf der es zufälligerweise Strom, einen Fernseher und einen Blu-ray Spieler gibt. Ihr könntet jetzt natürlich auch Small Town Crime schauen, aber ganz ehrlich wäre das im direkten Vergleich die schlechtere Wahl.

Dabei ist der gescheiterte Ex-Polizisten mit Alkoholsucht, der auf Teufel komm raus ein Verbrechen aufklären will, eigentlich genau die Rolle, die Hawkes so gut steht. Und die spielt er auch gewohnt gut. Am Ende ist es dann auch durchweg gute Unterhaltung, aber leider keine, an die ich mich länger als ein Wochenende erinnern werde. Weil nirgendwo irgendetwas heraussticht. Keine der Figuren in diesem Drama hat eine Tiefe, die über ihren ersten Eindruck hinausgeht, es gibt wenig bis gar keine Überraschungen und alles wirkt oft viel zu sauber und rund. Die Tatsache, dass am Ende zumindest nicht alles ganz so glatt läuft, wie es vorab geplant wurde ist zwar trivial, aber angesichts fehlender kleiner Kanten, die dem Thema stehen würden, und an die man sich erinnern würde, durchaus eine Erwähnung wert.

Natürlich ist es jeder Film mit John Hawkes wert gesehen zu werden, und auch Small Town Crime wird seine Fans haben (wahrscheinlich sogar mehr als es der durchaus künstlerische Too Late je haben wird), aber hier sitzt leider keiner von ihnen.


Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Am 28. Januar 2018 unter film

Die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, deren Tochter einem grausamen Verbrechen zum Opfer gefallen ist, und ihr persönlicher Rachefeldzug gegen die örtliche Polizei hätte Hollywood wahrscheinlich relativ einfach zu einem schwermütigen Drama für die Tränendrüsen produzieren können. Umso interessanter ist es, wenn Martin McDonagh den Stoff mit rabenschwarzem Humor, haarscharf an der Grenze zur Geschmacklosigkeit oder auch mal mit einem Schritt drüber, anreichert, wobei mir das Lachen nicht selten, ob der mit jedem Detail klarer werdenden Tragik der Gesamtsituation, im Halse stecken blieb.

Da finde ich es schon sehr überraschend, dass der Film trotz dieser Tatsache zu keiner Minute anstrengend wirkt. Ganz im Gegenteil: Jede Szene unterhält auf ihre teilweise makabere Weise ganz hervorragend und ich hätte gut und gerne noch dreißig Minuten länger im Kino sitzen können.

Ich halte die Gebrüder McDonagh ja für den heißesten Export der Insel, und wenn ich mir anschaue, wie Frances McDormand, Woody Harrelson und Sam Rockwell hier zur absoluten Höchstform auflaufen, könnt ihr die Oscars 2018, die für mich eh schon kaum mehr von Belang sind, auch einfach gleich absagen. Viel besser als „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ wird es wahrscheinlich eh nicht mehr.