Show Me A Hero

Am 29. Januar 2016 unter serie

Spätestens seit The Wire wissen wir, dass es gut ist, wenn David Simon Fernsehserien macht. Egal, was es ist, sei es Treme, Generation Kill oder wie jetzt Show Me A Hero, es passiert irgendwie immer wenig Aufregendes, aber die Art, wie die authentisch wirkenden Figuren sich über diese Ereignisse unterhalten, ist trotzdem immer fesselnd. Show Me A Hero treibt diese Masche auf die Spitze und erhebt die trockenen, politischen Teile aus The Wire zum Hauptthema. Ohne die gelegentliche Auflockerung durch Morde, Erpressung oder ein gewagtes Techtelmechtel. Und es funktioniert erstaunlicherweise sehr gut. Weil die glaubhaften Figuren eben nicht aussehen, als hätte man sie als charismatische Schönheitsideale gecastet, sondern als Politiker und Bürger.

Thematisch könnte Show Me A Hero in keiner passenderen Zeit existieren. Die Problematik “Mir ist egal, was fremde Minderheiten machen, solange sie es nicht vor meiner Haustür tun” in Bezug auf ein soziales Wohnungsbauprojekt in einer Siedlung der Mittelschicht, passt aufgrund der aktuellen Flüchtlingssituation wie die Faust aufs Auge. Ich neige in der aktuellen Situation auf Grund der hohen Dichte von Fremdenhass, Idiotie und Egoismus ja schon zur Resignation und habe mir daraus resultierend selbst eine Nachrichten-Lesesperre auferlegt. Das Show Me A Hero auf einer wahren Geschichte basiert, die irgendwann mal ein halbwegs gutes Ende gefunden hat (wenn auch bei weitem nicht optimal für alle Beteiligten) tat mir da jedenfalls ganz gut.

Wie schon bei den geistigen Serien-Vorgängern schmerzt aber vor allem auch bei Show Me A Hero der hohe Grad an Realismus. Reale Missstände in Politik und Gesellschaft mit dem Werkzeug der Unterhaltung anzuklagen hat sich David Simon zur Aufgabe gemacht und das zieht er durch: bürokratischer Irrsinn, politischer Wahnsinn, menschlicher Starrsinn. Dinge, die begreifbarer und nachvollziehbarer sind, als Mord und Intrigen und die deshalb auch viel länger in unseren Köpfen verweilen.

Und das alles mit meinem Lieblings-Chamäleon Oscar Isaac, der einen Schnauzbart zum Schütteln trägt. Da steht nur noch Alfred Molinas Soulglow im Haar drüber. Am Ende sind sechs Folgen aber deutlich zu wenig, obwohl ich bei meinem Zeitkontingent Miniserien eigentlich sehr gern habe. Ich hoffe sehr, dass die nächste David Simon Serie wieder mehr Sendeplatz im HBO-Programm bekommt.

Derzeit gibt es den Staffelpass noch für schmale 25 US-Taler im US-iTunes zu kaufen.


Jason Stathurday: Redemption

Am 27. Januar 2016 unter film jasonstatham

Wenn irgendwann mal den richten Personen auffällt, dass christliche Feiertage so gar nicht mehr zeitgemäß sind, ist hierzulande guter Rat teuer. Was feiern wir denn dann? Ideen gibt es im Netz zuhauf und in Zeiten, in denen man zwar Angst vor den eigenen Nachbarn, nicht aber mehr vor der bösen Hexe im Wald hat, machen sie so viel mehr Sinn, als alle noch christlichen Feiertage: Burgernacht, Erster Burgertag, Zweiter Burgertag, Veganes Fest, Katzentag, Hundetag (beides nicht kulinarisch), Autofreier Sonntag oder Fahrradfreier Montag (für Autofahrer).

Eine Idee meinerseits, die ich unheimlich gut fände, wäre der Jason Stathurday: Ein Samstag mit Filmen von Jason Statham. Zum Beispiel anstelle des Buß- und Bettags. Ein Jason Stathurday ergibt ganz furchtbar wenig Sinn und passt daher ganz wunderbar ins klassische Muster des deutschen Feiertags. Es ist wohl die viel zitierte Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet in unserer ganz persönlichen Testphase dieses aufstrebenden Feiertags der Jason Statham-Film unserer Wahl mit einer Nonne in einer Kirche beginnt.

Auch im weiteren Verlauf des Films steht diese Person viel zu oft im Mittelpunkt und trägt durch ihre schwer zu ertragene Unschlüssigkeit zwischen lammfromm und scheinheilig nicht gerade zur Erträglichkeit dieses Streifens bei. Es mag nicht für jeden nachzuvollziehen sein, aber je weniger Jason Statham in seinen Filmen redet, desto schlechter sind sie.

Das liegt natürlich an seiner unglaublichen Stimme, und die hat auf mich einen ähnlichen Effekt wie Alkohol. Da werden selbst durchschnittlich gute Veranstaltungen einigermaßen erträglich. Redet er allerdings wenig, erlebe ich den Effekt von alkoholfreiem Bier, das zwar ähnlich schmeckt, aufgrund des ausbleibenden Betäubungseffekt aber nach einiger Zeit bloß noch Bauchschmerzen verursacht und keine Veranstaltung wirklich retten kann. Jason Statham redet in Redemption leider sehr wenig. Das ist doof, vor allem, weil ich gar kein Bier mag.

Meine Hoffnung ruht jetzt auf einen der nächsten Samstage, die wir zum Jason Stathurday erklären. Vielleicht dann eher mit einem seiner Klassiker: Snatch, Revolver oder der sträflich unterschätzte London. Mal sehen.

Morgen ist in einer besseren Welt übrigens Tag des chinesischen Essens zum Mitnehmen und somit ganztägig frei.


Worms: Battlegrounds

Am 18. Januar 2016 unter spiel

Es kommt der Tag im Leben aller Eltern, da müssen gewisse Themen einfach angesprochen werden. Egal, wie brisant diese sind. Und so begab es sich am vergangenen Sonntag, nach einem ausgiebigen Spaziergang im tiefen Schnee, dass wir im Kreise der Familie gemütlich beisammen saßen und ich das frisch erworbene Worms: Battlegrounds auf der Playstation 4 startete. Unsere fast achtjährige Tochter durfte sich nicht mehr länger vor der Realität verstecken und sollte sich endlich ihrer größten Angst stellen: Papa gewinnt immer! Zumindest bei Worms.

Wie bei allen Spielen, an die Kinder eher behutsam herangeführt werden sollten, gilt auch hier: Darüber reden! Gerade bei Worms kann man ja ganz wunderbar jeden Zug ansagen: “Ich schieße dich jetzt mit der Schrotflinte über den Haufen, Krümel!”, “Schatz, ich liebe dich, aber auf dieser heiligen Handgranate steht dein Name!” oder “Manchmal muss man eben auch mal einen Bauern opfern … oder auch drei oder vier mit dieser Bananenbombe!”.

Gewisse Dinge sollten für Kinderohren natürlich vorsichtig kommuniziert werden, ohne dass ein Einsatz des frisch erweiterten Wortschatzes, zum Beispiel in der Schule, zu auffälligem Verhalten führt. “Ich schieße dir jetzt den Kopf zwischen den Ohren weg” kann ein unangehmes Eltern-Lehrergespräch nach sich ziehen. “Ich schieße dir die Murmel weg” hingegen, lässt gerade auf dem Schulhof durchaus noch Raum für Interpretationen.

Niemals werde ich den Moment vergessen, in dem meine Tochter mir nach einem erfolglosen Angriff mit einem explosiven Schaf die Worte “Dieses Loch wird dein Grab werden, Papa!” zuwarf. Sie werden ja so schnell groß!

Und so warfem wir uns allerlei Dinge an die Köpfe, pardon, an die Murmeln, sprengten uns im hohen Bogen in Abgründe hinein und lachten einander schadenfroh aus, wenn der Einsatz mit dem Jetpack, beziehungsweise dem Ninjaseil fatal für einen oder mehrere eigene Würmer im Spiel endete. Ich bin ja immer noch ein wenig sauer, dass es die atmosphärisch dichten NAM-Landschaften des Ur-Worms nicht mehr in den neuen Teilen gibt. Aber das lernt unsere Tochter dann eben mit ausgewählten Gästen bei einer Übernachtungsparty mit dem Film Apocalypse Now im Schlafi.

Alles in allem geht doch nichts über einen gemeinsamen Nachmittag mit der Familie. Nächsten Sonntag spielen wir dann Outlast. Das dürfte spannend werden. Vor allem hinsichtlich der Entwicklung des Schlafverhaltens unserer Tochter.

Worms: Battlegrounds ist übrigens kein gutes Worms. Schade. Dank unübersichtlicher Hintergrundgrafiken, träger Kamera und vieler technischer Mängel sehne ich mich jetzt nach einem Worms 2: Armageddon für die aktuellen Konsolen. Oder für das Apple TV.


The Revenant

Am 12. Januar 2016 unter film

Bereits das letzte Kinojahr startete für mich mit einem Film von Alejandro González Iñárritu, und ähnlich wie bei Birdman saß ich auch bei The Revenant überwältigt da, als am Ende des Films die Namen der Mitwirkenden über die Leinwand flimmerten.

Die Erwartungshaltung von Seiten der Medien, dass Leonardo DiCaprio mit dieser Rolle nun endlich Hollywoods höchste Auszeichnung erhalten wird, ist hoch. So hoch, dass man sich fragen muss ob eine auf Überraschungen allergisch reagierende Veranstaltung wie die Verleihung der Oscars eine ist, es tatsächlich nicht tun könnte, wenn sie es denn wollte.

Verdient hätte er ihn, wie sicherlich zuvor auch schon. DiCaprio spielt ganz ohne Frage großartig und ist unangefochten das Herzstück dieses Films, aber auch Tom Hardy mit fiesem Dialekt, Domhnall Gleeson in Nordstaaten-Uniform und Will Poulter als junger Trapper sind wichtige Teile dieser leicht wahnsinnigen Inszenierung.

Sehr gefreut habe ich mich über die leider viel zu kleine Rolle von Joshua Burge, den ich nach Buzzard so ins Herz geschlossen habe und bereits darauf wartete, ihn endlich wieder spielen zu sehen. Ich hoffe inständig, dass ihm das Mitwirken in diesem Film Türen für größere Rollen öffnen wird.

The Revenant wirkt so ein kleines bisschen wie ein Valhalla Rising, allerdings mit mehr Dialogen als bloß einer Seite DIN A4, mit einer begreifbaren Handlung und als außergewöhnliches Revenge Movie inszeniert. Die wunderschönen Aufnahmen, die dank gedrosseltem Filmtempo stark auf den Zuschauer einwirken, wechseln sich mit Szenen bestialischer Brutalität und ganz viel Leid seitens DiCaprios Figur ab. Für meinen Geschmack auch schon mal einen Tick zu intensiv, obgleich ich gestehen muss, dass auch diese Abschnitte wirklich beeindruckend auf mich wirkten.

Ich konnte mich aber auch sehr gut in den Protagonisten hineinversetzen, denn auch ich erlitt, dank der miesen Kinosessel im CinemaxX Hannover, für mein Empfinden schier unermessliche Qualen. Mittendrin statt nur dabei.

Am Ende sind es überraschenderweise nicht die wirklich umwerfenden Landschaftsaufnahmen, die das Kinoerlebnis für mich ausmachen. Es sind die symbolischen Szenen, in denen Themen wie Verwandlung oder Wiedergeburt in Bildern mitschwingen, die oft nur aus ganz viel Schnee und Blut zu bestehen scheinen.

Bleibt die Frage, ob sich die zweienhalb Stunden nun wegen der Lethargie der Kameraführung oder der ollen Kinositze wie volle vier Stunden angefühlt haben? Ich tippe auf beides, aber ersteres war doch deutlich angenehmer.


Sherlock The Abominable Bride

Am 10. Januar 2016 unter

layout: post title: “Sherlock: The Abominable Bride” tags:

  • film
  • serie
  • oberlippenbarthouse

Denise trifft den Nagel auf den Kopf, wenn sie in der ersten Staffel der großartigen Netflix Serie Master of None ganz richtig bemerkt, dass es grundsätzlich erst einmal völlig egal ist, welche Rolle Benedict Cumberbatch spielt. Der könnte auch das Telefonbuch vorlesen und ich würde es mir immer noch mit einem leckeren Getränk vor ihm gemütlich machen und verträumt dabei zuhören, wie er Zahlenreihen aufsagt. Stimmung: still totally Cumberbatched, sozusagen. Manchmal frage ich mich wirklich, wie ein Sherlock überhaupt ohne die wahnsinnig guten Originalstimmen funktionieren soll? Frage ich mich ernsthaft, ganz ohne die leidige „Synchronisation Ja/Nein“ Debatte befeuern zu wollen.

Natürlich funktioniert es auch dann noch, weil die gesamte Produktion astrein umgesetzt ist. The Abominable Bride, zum Beispiel, hat wieder ganz großartige Momente: Drogen, schön viel What the Fuck, feinster Oberlippenbarthaus bei Martin Freeman und ein, wie ich finde, ganz wunderbar gelungener Twist.

Letzterer polarisiert im Netz. Die einen fühlen sich da vom Trailer im Vorfeld aufs Glatteis geführt, die anderen loben die Serie aufs Neue für ihre mutige Andersartigkeit. So wie ich. Ich könnte mir gut eine eigene Serie vorstellen, deren Dreh- und Angelpunkt Sherlocks Ermittlungsmethode aus dem Bride-Special ist.

Gestört hat mich lediglich, dass niemand dem Mycroft ein hauchdünnes Minzblättchen angeboten hat.

Das Jahr mit Sherlock anzufangen bleibt für mich eine ganz wunderbare, unregelmäßige Tradition, die ich gerne noch ein paar Jahre weiter pflegen möchte. Ich hoffe, die Autoren haben noch Stoff genug für weitere Folgen. Und ich hoffe, sie hören auf, bevor er ihnen komplett ausgeht.

Und nein, ich weiß nicht wirklich mehr, was ein Telefonbuch ist.