Rübensuppe

Am 10. Januar 2016 in prosa

Es hat aufgehört zu schneien. Endlich. Die letzten drei Tage hat es fast durchgehend geschneit. Alles ist weiß. Das bremst die Bastarde aus, aber Feuer machen und die Kälte sind einfach nur eine Qual. Ich stochere mit einem Stock in der viel zu dünnen Suppe, die ich mir in einer alten Konservendose über einem mickrigen Feuer aufgewärmt habe. Suppe ist gut. Rübe im lauwarmen Tauwasser trifft es wohl eher. Ich zittere und ziehe mir die Decke, in die ich mich eingewickelt habe, fester zusammen. Es ist richtig scheiße kalt. Aber es ist ruhig. Kein Stöhnen, kein klägliches Jammern, keine Schreie. Als wäre es auch diesen schlurfenden Kreaturen viel zu kalt. Ich starre an die Wand der halb zerstörten Lagerhalle, in der ich mich verschanzt habe. Da liegt ein großer Haufen Schnee und ich frage mich, wo der hier drinnen hergekommen ist. Wohl ein Loch im Dach. Dann muss ich etwas lachen. Weil ich daran denken muss, wie ich vor einiger Zeit in einen solchen Schneehaufen gepinkelt habe, anstatt Trinkwasser daraus zu tauen. Da ist die Brünette ganz schön ausgeflippt. Schnee tauen für Trinkwasser, ey. Ich wollte da viel lieber meinen Spaß haben, solange es noch ging. Die Brünette nicht. Die hat da nur gemeckert. Überleben und so. Kann man es Menschen in extremen Situationen eigentlich verdenken zickig zu sein? Angeschissen vom Leben, verfolgt vom Tod? Wow, das ist ein richtig gutes Epitaph! Ich sollte es mir auf eine Pappe schreiben und mir um den Hals hängen. Wenn ich dann sterbe, steht auf meinen Überresten: „Angeschissen vom Leben, verfolgt vom Tod.“ Ich muss stark husten. Mein Hals tut etwas weh. Der Dicke hat auch lange gehustet. Hat gepfiffen wie eine Lokomotive. Und er hat immer den Kopf geschüttelt, wenn er mich ansah. Der Dicke und die Zicke. Als ihm die Viecher beide Unterschenkel weggefressen haben, hat er nicht gepfiffen. Da hat er so laut und deutlich geschrien wie nie zuvor. Ich wache nachts auf, weil ich seinen Schrei im Traum höre. Und dann sehe ich diesen angsterfüllten Blick, das zuckende Gesicht und seine ausgestreckte Hand wieder vor mir. Immer wieder. Fuck! Ich trinke den Rest meiner lauwarmen Rübensuppe und kämpfe gegen das Verlangen, sie gleich wieder auszukotzen. Ich bemerke, dass meine Finger echt eiskalt sind und reibe mir die Hände. Die Brünette … die hat nur kurz geschrien. Die war viel zu überrascht, weil die Bastarde sie im Schlaf überwältigt haben. Bei ihr haben sie am Kopf angefangen, nicht an den Beinen. Das ging schneller und ihr Schrei war dumpfer. Aber aufgewacht bin ich davon immerhin noch. Ich dachte da noch, ich hätte Glück gehabt. Jetzt frage ich mich ernsthaft, was mir die Zeit seither denn gebracht hat? Außer Hunger, Kälte und Schmerzen am ganzen Körper, meine ich. Ich bin echt müde. Ich stehe auf und hunderte Stellen meines Körpers fangen gleichzeitig an zu knacken, knirschen oder schreien. Steifgefroren wanke ich hinüber zum Schneehaufen und fange an, mir etwas davon in die Konservendose zu füllen, in der eben noch die eklige Suppe schwamm. Zurück am Feuer stelle ich die Dose ab. Schnee tauen für Trinkwasser, ey. Das hätte ihr gefallen. Ich muss noch einmal lachen.

Dann wird es Nacht.

Ray Donovan

Am 4. Januar 2016 in serie

Ray Donovan ist eine Serie, die immer noch oft dicke Fragezeichen im Gesicht meiner Gesprächspartner entstehen lässt, wenn ich den Titel in einem dieser typischen TV-Serien-Gespräche erwähne. Aber Ray Donovan sollte unbedingt jeder kennen und natürlich auch jeder sehen. Gerade fügte Netflix Deutschland noch die zweite Staffel zum eigenen Katalog hinzu. Eine dritte ist zum Beispiel im US-iTunes-Store käuflich zu erwerben. Staffel Eins und Zwei fanden wir so dermaßen gut, dass wir uns entschieden haben, das Geld in die dritte Staffel zu investieren, damit es endlich weitergehen kann.

Liev ‘Backenhörnchen’ Schreiber ist Ray Donovan, ein Fixer in Hollywood, der für eine Anwaltskanzlei der Schönen und Reichen jenen aus jeder noch so erdenklich misslichen Lage hilft. Sein Privatleben hat da allerdings das Nachsehen und es wird auch nicht besser, als sein ungeliebter Vater Mickey, frisch aus dem Knast entlassen, in der Stadt auftaucht. Der ist nicht unbedingt Vater des Jahres und auch sonst immer für eine neue Katastrophe in Rays Leben zu haben. Und noch eine und noch eine. Ich mag solche Abwärtsspiralen und das daraus resultierende Eskalationsdrama, welches mich bei Ray Donovan zu den Staffelfinals immer mit den Händen über dem Kopf und abgekauten Nägeln dasitzen lässt.

Ray Donovan hat großartige Figuren, die alle ganz viele Probleme haben und nur ganz wenige von ihnen können mich richtig nerven. Die Serie ist außerdem knallhart, schreckt offenbar vor kaum etwas zurück und Mickey Donovan kennt obendrein noch den besten Pädophilen-Witz. Und er hat das beste Timing, diesen zu erzählen. Jetzt freue ich mich auf die dritte Staffel mit noch mehr Katastrophen, noch mehr Eskalation und noch mehr “We have to talk!” am Telefon.

Zweitausendundsechzehn

Am 3. Januar 2016 in ansage

2015 war kein schlechtes Jahr für mich. Für unsere Welt irgendwie schon. Manchmal habe ich das Gefühl, außerhalb meiner kleinen Familie und dem Freundeskreis nur noch von verblendeten Idioten umgeben zu sein. Dann will ich eigentlich nur noch schreien. Aber immer, wenn ich denke, jetzt gehts nicht mehr schlimmer, geben mir meine Frau, meine Kinder oder tatsächlich jemand da draußen doch wieder den Glauben an unsere Menschheit zurück. Und das kann im Falle von “da draußen” auch mal ein Katzenbild auf Instagram sein. Jede liebevoll fotografierte Katze ist so viel mehr wert als Krieg, Terror, Fremdenhass, etc.. Ich weiß, dass mich das auch 2016 oben hält. Dann, wenn die Nachrichten wieder schlimmer werden und ich wieder nichts weiter tun kann, als hier und dort den Spendenknopf zu drücken und zu hoffen, dass das Geld die richtigen erreicht.

Die der Weihnachtszeit geschuldete Durststrecke der letzten Wochen hier im Blog sollte bald überwunden sein. Dahingehend hoffe ich, 2016 mal wieder etwas mehr Filme zu sehen. Das ist ja gar nicht so einfach, wenn man wie wir hier alle Medien nur auf legalem Weg erwirbt, diese dann auch nur in der Originalsprache mit optionalen Untertiteln konsumieren möchte und die Zeit diese zu schauen sehr knapp bemessen ist. Und dann gibt es da noch so viele gute Serien, die wir ja auch noch alle sehen wollen.

Ich freue mich auf eure tollen Bilder von Katzen, von gutem Essen und von fröhlichen Menschen. Und ich freue mich auf eure tollen Texte in meinem Feed-Reader, falls ihr dort vertreten seid. Ich freue mich auf neues von Better Call Saul, auf The Hateful 8, The Revenant und auf zweimal Tom Hardy in Legend. Und vorher holen wir hier noch die dritte Staffel Ray Donovan nach. Hach!

Ich kann mich auf all diese Dinge freuen, weil ich bei der Geburt Glück hatte und viele der Arschlöcher da draußen entweder (noch) weit genug von mir weg sind oder mich äußerlich nicht als Gefahr für sich und ihre verblendete Weltanschauung ansehen. Meine Gedanken und Wünsche sind deshalb bei all denen, die dieses Glück nicht hatten.

Dann mal los, 2016.

Schöne Feiertage!

Am 24. Dezember 2015 in ansage

Egal, ob ihr an irgendwelche Götter glaubt oder wie ich ein Atheist vor dem Herrn (höhö) seid: Ich wünsche euch ein paar schöne freie Tage!

Star Wars: The Force Awakens

Am 21. Dezember 2015 in film starwars

Ich spare mir an dieser Stelle nicht den Hinweis, dass meine Texthäppchen auf Donswelt eh immer spoilerfrei sind. Außer bei persönlichen Details aus meiner Kindheit.

Vor 32 Jahren habe ich Star Wars das erste Mal im Kino gesehen. Und ich ärgerte mich sehr, als mich meine kindliche Blase ausgerechnet mitten in der Schlacht von Yavin hinaus aus dem Saal und rauf auf’s Klo zwang. Heute habe ich Return of the Jedi mindestens drei Dutzend Male in gefühlt drei verschiedenen Versionen gesehen. Kein einziges Mal davon war so intensiv, wie mein erstes Mal im zarten Alter von zehn Jahren. Bis Samstag durfte ich danach noch drei neue Star Wars-Filme im Kino bewundern (Karawane der Tapferen nicht mitgezählt, aber ja, auch den habe ich im Kino gesehen) und jedes Mal hatte ich dieses wahnsinnig aufregende Gefühl im Bauch, wenn zu Beginn die 20th Century Fox Fanfare ertönte. Diese Fanfare ist nun Geschichte, denn die Star Wars Milliarden liegen heutzutage im Entenhausener Geldspeicher von Disney. Und trotzdem war das Gefühl bei mir noch nie so emotional großartig, wie Sonntag im Kino bei The Force Awakens. Als das Star Wars-Thema zum siebten Mal ertönte und gelber Text über schwarzes Firmament flimmerte, standen mir die Haare auf den Armen vor Aufregung sprichwörtlich zu Berge (Haartyp: Sean Connery/Wolverine, also halber Wookie).

Was dann kam, und ich denke, das kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, war das maximal Mögliche, was in Sachen Star Wars aktuell machbar ist, um alle Seiten irgendwie zufrieden zu stellen. Das ist nicht immer perfekt, aber auch nichts, was die Extraportion Franchise-Bonus nicht wettmachen könnte. Fanservice wird am Stück und fast ohne Ende geliefert, fühlt sich letztendlich aber selten so unausbalanciert an, wie etwa bei Peter Jacksons The Hobbit. Ein, zwei Aussetzer mal ausgenommen.

Der Anteil an Humor ist zwar irritierend hoch, steht aber deutlich im Kontrast zu einem ansonsten sehr, sehr düsteren Film. Ich kann mir vorstellen, dass der Antagonist in nächster Zeit die Lager spalten wird, wie zuvor keine andere Star Wars Figur. Ich für meinen Teil halte ihn für einen sehr interessanten Charakter, finde ihn gut durchdacht, perfekt besetzt und bezeichne ihn zusammen mit der großartigen Eingangsszene des Films als mein persönliches Highlight. Die neuen Protagonisten sind teilweise zwar nicht immer ganz so glaubwürdig, machen aber allesamt großen Spaß und Schauspielerin Daisy Ridley, wie auch ihr Alter Ego sind das wahrscheinlich beste, was dieser Saga und überhaupt der Rolle von Frauen in dieser Art Film, passieren konnte.

Ich mag außerdem, dass sich der Film zu keiner Zeit genötigt fühlt, groß zu erklären, wie es denn nun zu all den Ereignissen in Episode VII überhaupt gekommen ist. Der Eingangstext und ein paar Gesprächsfetzen hier und da müssen reichen. Wie damals bei Episode IV. Eben auch ein bekanntes Star Wars Element, was zukünftigen Drehbuchautoren sicherlich noch zu gute kommt, wenn die Prequels zu den Sequels kommen und wir alle schon nicht mehr können.

Eine große Rolle und ebenfalls eine beliebte Formel der alten Teile ist der Zufall. Eigentlich geschieht alles zufällig und dann seltsamerweise auch immer gleich am richtigen Ort. Das wird zuweilen arg strapaziert und an gewissen Punkten hatte ich das Gefühl, dass die Galaxis wohl doch nur ein Dorf sein kann. Was in anderen Filmen undenkbar ist, stört in einem eh schon naiven Weltraummärchen unterm Strich aber erstaunlich wenig.

Dafür sorgt letztendlich auch das Setting mit seinen beeindruckenden Schauplätzen. Das hier der hohe Einsatz von mechanischen Puppen und von Hand gebauter Sets die vielleicht beste Entscheidung im Vorfeld der Produktion war, wird klar, wenn diese wunderbar nostalgische Star Wars-Ästhetik zu wirken beginnt. Ich reagiere, was generische Computeranimationen angeht, mittlerweile eh arg überempfindlich. Ein Zustand, an dem die Episoden I bis III nicht ganz unschuldig sind. Bei Episode VII hält sich das glücklicherweise in Grenzen.

J.J. Abrams bewies bereits mit Super 8, dass er die Filmmagie einer Ära, die er selbst nur als Kind erlebt hat, problemlos zurück auf die Leinwand bringen kann. Mit The Force Awakens ist ihm das wieder gelungen. Auch wenn für das Drehbuch einige Male zu oft auf bekannte Muster der alten Trilogie zurückgegriffen wurde. Aber wem kann man es verdenken auf Nummer sicher zu gehen, wenn es um einen Film mit derart hohen Erwartungen geht? Vom wahrscheinlich unmenschlichen Erfolgsdruck mal abgesehen.

Möge die Macht mit den Verantwortlichen der zukünftigen Filme sein und hoffen wir, dass die Angst vor zu wenig Umsatz nicht all zu groß sein wird. Denn Furcht führt ja bekanntlich zu Wut, Wut zu Hass und Hass zur dunklen Seite. In diesem Fall wäre das dann wohl ein völlig überbesetzter Film voller seelenloser Computeranimationen und schmalzigen Streichern zu denen hilflose Frauen in Zeitlupe vor dem sicheren Tod bewahrt werden. Während der Hulk irgendein Rancor alles kaputt macht. Bitte nicht.