Kilo Two Bravo

Am 21. Februar 2016 in film

Der nächste Film, der mit “This is a true story” anfängt und nicht in Fargo spielt (also gar keine true story ist), wird von mir einfach ausgemacht. Basta. Mal ehrlich: Es ist weit effektvoller, am Ende eines Films darauf hinzuweisen, das sich all das Gesehene so oder so ähnlich tatsächlich abgespielt hat. Dann ginge ein Raunen durch die Menge, Hände würden vor den Mund gehalten werden, jemand würde schlucken. Aber so?

Kilo Two Bravos wahre Geschichte über eine Einheit der Britischen Streitkräfte in einem Minenfeld in Afghanistan ist hart und sie nachgespielt anzuschauen nicht immer einfach. Die Bilder sind schonungslos und die Perspektive durchgehend ausweglos. Ab und an konnte ich verlegen über frivolen Armeehumor lachen, die meiste Zeit über aber wartete ich angespannt auf detonierende Minen oder starrte zu phonetischen Militär-Codes in offene Wunden. Harte Kost.

Am Ende wird vor allem eins klar: Minen einzusetzen ist die beschissenste Idee seit Agent Orange. Diese Erkenntnis wird vortrefflich vermittelt. Das ist gut, aber nicht gerade die geeignetste Unterhaltung für einen Samstagabend. Außer man guckt danach noch schnell eine Episode Mind of a Chef, in der David Chang in einer Destillerie beim Whiskeytesten vom Stuhl fällt.

True Story, Bro.

Firewatch

Am 17. Februar 2016 in spiel

Als ich zum ersten Mal etwas von Firewatch las, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, um was für ein Spiel es sich dabei handeln soll. Aber ich wusste damals schon, dass ich es haben will. Kurz vor dem Release verdickte sich die Informationslage zu so etwas wie handfesten Berichten über den Spielverlauf. Jetzt, nach dem Durchspielen, bin ich schlauer und weiß, dass Firewatch etwas ganz anderes ist, als ich erwartet hatte.

Das ist gut. Und das, obwohl ich mir das Spielgebiet viel größer und viel interaktiver vorgestellt hatte. Obwohl die Welt in Firewatch gar nicht der Grund war, warum ich mich morgens schon freute, es abends endlich weiterzuspielen. Obwohl eine angedeutete Angel nie zum Einsatz kam.

Keine Frage: Die Umgebung in Firewatch sieht sehr gut aus. Aber sie ist nur ein Statist, eine hübsch bemalte Tapete, die den Wunsch nach Erkundung schon früh durch wenig begehbare Pfade erstickt. Trotz des Reizes, nur mit einer Karte und einem Kompass ausgerüstet und ohne Wegmarken in ihr unterwegs zu sein (schaltet unbedingt die Anzeige eurer Person auf der Karte ab, falls ihr Firewatch noch vor euch habt!). Zudem ruckelt es auf der PS4 auch noch so arg, dass ich weinen wollte.

Was mich wirklich antrieb war einzig und allein die Geschichte und ihre Akteure. Die Dialoge, ihre Sprecher, die Atmosphäre und die Auflösung: All das ist einmalig. Ich habe leider nie Lost gesehen, aber irgendwann im Spiel dachte ich mir: Hey, so muss sich Lost sehen anfühlen. Zu diesem Vergleich passt dann auch das polarisierende Ende, was ich übrigens für ganz großartig und für das Medium absolut untypisch halte. Ich glaube, die Auflösung von Firewatch ist eines der besten Beispiele der jüngsten Zeit für eine über die Grenzen hinauswachsende Entwicklung in Videospielen.

Dass Menschen keine 20€ für fünf Stunden Spiel ausgeben wollen, kann ich verstehen. 20€ für eine Spielerfahrung dieser Größe, die mich auch noch Tage später im Kopf beschäftigt, sind allerdings ein echtes Schnäppchen. Deshalb habe ich noch ein paar Euro obendrauf gepackt und mir noch das wunderschöne dynamische Playstation 4 Thema nachgekauft. Kurzum: Spielt Firewatch!

Ein Angelspiel im Spiel wäre trotzdem toll gewesen!

Die Brücke (Staffel Drei)

Am 14. Februar 2016 in serie
Als ich gelesen habe, dass mein Lieblingsdäne Kim Bodnia nicht mehr bei der dritten Staffel meiner skandinavischen Lieblingsserie *Die Brücke (Bron Broen)* dabei sein würde, war diese erst einmal für mich gestorben. Bis sie in der ZDF-Mediathek auf unserem Apple-TV auftauchte und dort überraschend wahlweise synchronisiert oder als dänisch-schwedische Originalversion mit deutschen Untertiteln zur freien Verfügung stand. Letzteres ist nach Roche/Schulz & Böhmermann jetzt schon das dritte Mal, dass ich das Gefühl hatte, mein GEZ-Beitrag wurde nicht bei irgendeinem öffentlich-rechtlichen Osterfeuer symbolisch als Opfergabe verbrannt.

Und Kim Bodnia? Der ist fast vergessen. Thure Lindhardt, der ganz großartig den neuen dänischen Ermittler mit gehörigem Knacks in der Birne an der Seite der schwedischen Kommissarin Saga spielt, ist tatsächlich das Beste, was dieser dritten Staffel passieren konnte.

Der Schwerpunkt Familie zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die verschiedenen Schicksale aller Parteien. Die werden wieder nach und nach eingeführt und gewohnt gut aufgebaut, um dann ihren Platz im großen Puzzle einzunehmen. Für Sprachfetischisten ist die zweisprachige Serie eh ein Muss, aber auch sonst ist diese Staffel wieder in allen Belangen eine astreine Produktion und ganz oben auf meiner Favoriten-Liste. Vielleicht sogar noch vor Staffel Eins und Zwei. Sorry, Kim. Ich guck auch gleich mal wieder In China essen sie Hunde. Versprochen!

Tearaway Unfolded

Am 13. Februar 2016 in spiel

In Tearaway Unfolded gibt es ein Erdhörnchen, das heißt Liam (Name von der Redaktion geändert). Unsere Tochter hat dem Nager diesen Namen gegeben, nachdem er mit diversen Papierschnipseln von ihr verziert wurde. Liam, weil das der Name eines Jungen in ihrer Schule ist, den sie ganz gern hat, was wohl auch auf Gegenseitigkeit beruht. Das ist total süß.

Ich würde Liam gerne mal ordentlich die Fresse polieren, ihn danach mit dem Kopf dreimal auf den nächsten Tisch hauen und ihn dann an Bord einer nordkoreanischen Trägerrakete im Pazifik versenken. Nicht den echten Liam. Bloß das doofe Erdhörnchen aus Tearaway Unfolded.

Der Grund für diesen Hass ist schnell erklärt: Liam ist wie die Pest am Arsch! Unfoldeds Geschick, qualitativ hochwertiges Gameplay für Gelegenheitsspieler mit optionalen, sehr fordernden Aufgaben für erfahrene Spieler zu vermischen, scheitert spätestens mit der Existenz Liams. Während meine Tochter ihm bloß den Namen und sein erweitertes Aussehen gegeben hat, bin ich der Blöde, der sich der optionalen Aufgabe stellt, ihn immer wieder aus verzwickten Situationen zu befreien und dann zurück nach Hause zu bringen. Weil ich Tearaway Unfolded gerne zu einhundert Prozent durchspielen möchte.

Doof nur, dass Liam dabei unverletzt ankommen muss und sich ebenfalls wieder verzieht, sobald meine Heldin besiegt wird. Das alleine wäre schon fies, aber es kommt noch viel schlimmer. Wenn Liam zum Beispiel beim Ablegen oder Wegwerfen wieder einmal irgendwo reinfällt oder permanent hängenbleibt. Wenn ich ihn aus Versehen in einen Abgrund werfe, weil die Taste dafür die selbe ist, wie die, mit der ich das zum einhundertsten Male gelesene Gequatsche anderer Figuren abkürze. Wenn ihn irgendein Objekt zum Lösen eines Puzzle unglücklich touchiert und er deshalb irgendwo runterstürzt. Wenn die verdammte Kamera meine Sicht versperrt und ich mit ihm zusammen in den temporären Tod stürze. Wenn die Rücksetzpunkte pervers dämlich gesetzt sind und sich bestimmte Zwischensequenzen, die ich deswegen schon gefühlt vierhundert mal gesehen habe, immer noch nicht abbrechen lassen. Wenn, wenn, wenn. Wenn es Liam in Tearaway Unfolded nicht geben würde, wäre mein Kontingent an Fäkal- und Vulgärflüchen nicht längst am Limit des Dispos angekommen.

Ist er aber. Und so bleibt mir nur der Einsatz kaltblütiger, aber zutiefst befriedigender Rache. Ihn irgendwo runter zu schubsen wäre zu schnell. Zu einfach. Zu sauber. Ich habe eine bessere, weit befriedigendere Art und Weise gefunden, mich an dem beschissenen Erdhorn zu rächen: Demütigung. Liams Fehler war, dass er mich, den Spieler (das Wesen, wie es im Spiel heißt) immer mal wieder fragt, ob ich ihm nicht ein neues Aussehen verpassen möchte. Unfoldeds gestalterische Bordmittel sind mächtig und so läuft der kleine Liam fortan mit einem dicken Haufen dunklen Kot auf dem Kopf herum:

Bild

The Hateful 8

Am 2. Februar 2016 in film noir

Quentin Tarantino lädt zu einer Runde Cluedo in der Abgeschiedenheit einer verschneiten Berghütte. Und zwar mit einem Dialogfilm, wie ihn sich nur ein abgebrühter Indie-Regisseur seines Formats leisten kann. Lange Szenen, lange Unterhaltungen, wenig Schauplätze.

Der Motor sind eineinhalb Stunden Dialoge und Monologe, die mir zu keiner Minute langweilig wurden und denen ich gerne noch eine weitere Stunde hätte zuhören können. Das liegt in erster Linie am hervorragendem Ensemble dieses Kammerspiels. Über allem und ganz oben auf der Spitze seiner Karriere thront Samuel L. Jackson, der mir schon lange nicht mehr so gut in einer Rolle gefallen hat. Tim Roth spielt daneben überraschend glaubwürdig den Christoph Waltz und Michael Madsen bloß wieder den Michael Madsen.

Das Drumherum wirkt tatsächlich wie die Western-Variante von John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt, nur halt ohne Ding, dafür aber ebenfalls mit Kurt Russel, tonnenweise Schnee, miesem Wetter und zwei Handvoll Typen, die sich gegenseitig keinen Meter über den Weg trauen.

Bis zur Hälfte des Films malte ich mir noch aus, wie großartig es sei, wenn das hier der erste Tarantino-Film wäre, in dem einfach mal niemand stirbt. Relativ kurze Zeit später wurde ich abrupt aus diesem sehr vielversprechenden, zugegebener Weise aber auch naiven Gedanken wieder herausgerissen.

Mit einer völlig übertriebenen Darstellung stumpfer Gewalt, die für den Film leider mindestens so überflüssig ist wie Michael Madsen. Fast habe ich das Gefühl, dass sich der Meister hier vor der Art Zuschauer verneigen möchte, die er mit seinem Kino über die Jahre so mühevoll großgezogen und desensibilisiert hat, während sie ihn zu einer Kultfigur erhoben. Vielleicht ist das hier die finale Prüfung: Lachen Menschen im Kino auch dann noch lauthals, wenn auf der Bühne eimerweise Blut gekotzt wird? Spoiler: Ja, tun sie.

Eine witzige Beobachtung zu dieser These: Als ich Reservoir Dogs in den Neunzigern im Zuge einer Harvey Keitel-Filmreihe im Kino sah, verließen gut ein halbes Dutzend Zuschauer den Saal, als Kirk Baltz das Ohr abgeschnitten wurde. Jetzt, zwanzig Jahre später in der Vorstellung von The Hateful 8, verließen in den ersten eineinhalb Stunden wieder gut ein halbes Dutzend Zuschauer den Saal. Vielleicht weil bis dahin immer noch kein Ohr abgeschnitten wurde. Faszinierend!

Trotz allem ist The Hateful 8, mit über den Tellerrand gerichtetem Blick, wieder ein komplett anderer Film des Regisseurs, der sich vielleicht noch am ehesten tatsächlich noch mit Reservoir Dogs vergleichen lässt. Acht derart unterschiedliche, aber allesamt unkonventionelle Werke sind eine verdammt große Leistung und ein beachtliches Lebenswerk. Das muss man auch als nicht so großer Fan anerkennen.

Ich sage euch, was ich mache: Zum Erscheinen des Films on demand, werde ich ihn mir noch einmal und zwar in schwarzweiß anschauen! Ich bin mir sicher, das kompensiert den pubertären Einsatz von Kunstblut und ich wette, es schadet diesem Film kein Stück.

Es ist doch möglich, bei modernen TV-Geräten die Farbe herauszudrehen oder etwa nicht?