Familien-Mandalorianer

Am 16. Oktober 2016 in starwars ansage

Irgendwann in den Achtzigern besaß ich gefühlt einhundert Star Wars Actionfiguren der Firma Kenner. Meine Lieblingsfigur, obwohl ich „Empire“ noch nicht einmal gesehen hatte: Boba Fett. Ein Raketenrucksack auf dem Rücken schlägt in dem Alter halt eine Schlange um den Hals (Yoda) oder seltsame Plastikstäbe, die Lichtschwerter darstellen sollten (alle Jedi). Ich erinnere mich daran, dass mir Boba Fett einmal für ein paar Tage auf der elterlichen Terrasse abhanden gekommen war. Es waren schreckliche Tage. Als ich ihn endlich unter einer kleinen Holztreppe wiederfand, haben die Strapazen, die er durchgemacht haben muss, deutliche Spuren hinterlassen. An seinem Helm hatte sich offensichtlich ein Nagetier zu schaffen gemacht. Die Bisswunde war nicht zu übersehen. Mir war das egal. Hauptsache Boba Fett war wieder da. Meine Lieblings-Star Wars Actionfigur, die es auch noch Jahre später sein sollte. Übrigens war es dieser Vorfall, aus dem ich die Zuversicht schöpfte, dass kein immobiler Sarlac dieser Welt einen mandalorianischen Kopfgeldjäger töten könnte, der mehrere Tage zusammen mit riesigen, gefräßigen Nagetieren überlebt.

Drei Jahrzehnte später kauft sich meine Tochter ihre erste Star Wars Actionfigur von ihrem Taschengeld. Und wie es der Zufall (oder das Schicksal/die Macht/der Ring/Whatever) so will, ist es ebenfalls eine Mandalorianerin: Sabine Wren aus der „Rebels“-Serie, die mir übrigens um einiges besser gefällt, als „The Clone Wars“. Man darf sich jetzt darüber streiten, wie viele Welten des Outer Rim zwischen Wren und Fett liegen, aber eines steht mal fest: Alles ist besser als Jar Jar Binks. Und so ganz uncool ist eine mandalorianische Ex-Kopfgeldjägerin mit Hang zum Graffiti erstmal nicht. Passt also.

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Findet Dorie

Am 10. Oktober 2016 in film

Wenn meine Tochter Filme wie „Findet Dorie“ sehen will, dann nehme ich das als Anlass für ein soziales Experiment: Familienkino. Sonntag ist bei uns Kinotag, die Preise im Astor in der Nikolaistraße relativ günstig und die Säle entsprechend voll. Wenn, wie in meinem Fall, das eigene Kind in der Lage ist, einen kompletten Film sitzen zu bleiben, nicht in ruhigeren Dialogszenen einer alternativen Beschäftigung nachgeht und auch nicht alle zwei Minuten „Wo ist denn [Name eines der Protagonisten]?“ fragt, sitzt man als Elternteil einigermaßen entspannt in einem Chaos aus Popcorn, zuckerhaltigen Getränken und (das war auch für mich, ein Veteran des Familienkinos, neu) Nerf-Pfeilen. Das fühlt sich wahrscheinlich so an, wie sich die Sorte Eltern fühlen, deren Kleinkinder einfach so durchschlafen. Ein gewisses Wohlbehagen auf der eigenen und großer Neid auf der anderen Seite.

Ich beobachte aber nicht nur gerne die Kinder, sondern auch deren Eltern. Die durchgestylte Mutter mit der Stubenfliege-Puck-Sonnenbrille im Haar und dem Dolce und Gabbana-Täschchen unterm Arm, die sich fünf Minuten nach Filmbeginn mit ihrem Spross durch die Reihen drängt und diesem dann erst einmal eine Predigt hält, er solle sich doch gefälligst entschuldigen, weil er gerade zwei Besuchern die großen Colas und eine Tüte Popcorn umgetreten hat.

Ich spiele auch gerne Vorfilm-Bingo: Wer sagt wohl dieses mal zuerst „Ist das jetzt schon [Name des Films]?“ Die Kinder oder ein Elternteil? Meistens gewinnen die Eltern. Manchmal ist es für einen kurzen Moment etwas ruhiger im Kino. Vor dem Film, wenn dieser eine eigene Kampagne gegen nervige Telefone während der Vorstellung mitgebracht hat. Ein betretenes Schweigen der Eltern ist das dann, bevor sie zwei Minuten später wieder in einer WhatsApp-Gruppe versinken, weil sie vergessen haben, ob Maximilian-Finn morgen den Turnbeutel mitnehmen muss.

Der Stubenfliege Puck fällt rechts neben mir der Prosecco Piccolo aus der einen und beinahe noch das rosé-goldene iPhone aus der anderen Hand, nachdem sie von einem Nerf-Pfeil unsanft an der Schläfe getroffen wurde. In irgendeiner Ecke rammt ein Vater daraufhin seinen Sohn verbal und unangespitzt in den Kinofußboden. Links von uns hat sich ein Kind in einer nicht ansatzweise angemessen gewürdigten akrobatischen Meisterleistung zuerst die Fanta und dann das Popcorn über das Minion-T-Shirt gekippt. Es klebt und heult. Irgendwo erklingt ein WhatsApp-Nachrichtenton.

Vor mir … oh! Vor mir läuft ja „Findet Dorie“. Ich war irgendwie abgelenkt. Der Humor passt. Die Geschichte wirkt abgedroschen, denn sie ähnelt doch stark der des ersten Films. Irgendwie gelingt er am Ende aber doch noch, der Spagat zwischen Disney-Fortsetzung und Pixar-Kunst. Bonuspunkte gibt es für die anatomisch korrekte Darstellung einer Halbglatze an einem Doktorfisch. Einmal gibt es anstelle von Sigourney Weavers Stimme in der deutschen Version die Stimme von Franziska van Almsick. Joah, kann man machen. Die Kinder tangiert das nicht. Die haben ja auch weder Alien gesehen noch zu den olympischen Sommerspielen 1996 in Atlanta onaniert. Ich schon, verstehe es aber trotzdem oder gerade deswegen nicht.

Vor mir sitzt mit gekreuzten Beinen Maximilian-Finn und müsste jetzt mal ganz dringend aufs Klo. Ich lehne mich entspannt noch ein bisschen weiter zurück. Ganz am Ende des Films, als das Licht schon wieder an ist, sitzen nur noch meine Tochter und ich im Saal. Es ist wunderbar ruhig. Wir lachen noch einmal zusammen mit dem im Anschlag stehenden Putzkommando über den Schlussgag und verlassen dann in aller Ruhe den Saal. Familienkino. Mag ich.

Goodbye, My Love!

Am 9. Oktober 2016 in prosa

Falls ihr zufällig gerade Lust habt, irgendwas über Weltuntergang und Krapfen zu lesen, dann habt ihr Glück! Ich habe die Rohfassung einer neuen Geschichte von mir hochgeladen. Und wie es der Zufall will geht es da, unter anderem, um Weltuntergang und Krapfen. Für eine Kurzgeschichte ist sie zu lang, für ein Buch zu kurz. Sagen wir also einfach, es ist eine Novelle. Wer mag, kann sie sich auch als .epub laden. Ach ja: Sie spielt in Hannover. Das tut mir leid. Wirklich. Ich hoffe, ihr habt trotzdem Spaß beim Lesen.

Regungslos sitzt sie mit dem Rücken zum exquisiten Mahagoni-Schreibtisch da. Draußen, hinter den Fenstern des Büros, hoch oben über der Stadt, leuchtet orangefarben ein Sonnenuntergang und wirft bedrohlich anmutendes Licht in den spärlich eingerichteten Raum. An drei Wänden hängen jeweils zwei Bilder, die, so versicherte man ihr, Kunst seien. Auf dem Fußboden in der Mitte des Raumes liegt ein runder Teppich, der, auch das versicherte man ihr, kunstvoll gewebt sei. Sie stutzt. Ihr schneeweißes Haar schimmert orangefarben im Licht der Sonne und wirkt dabei so ein wenig wie die billige Perücke einer Prostituierten im Film „Pretty Woman“. In kurzen Abständen wandert ihr schmollender Mund von links nach rechts, als kaue sie ein Bonbon, dessen Geschmack nicht eindeutig zu definieren ist. Sie wirkt nachdenklich, tatsächlich aber ist sie sauer. Sehr sauer. All die Jahre, die nötig waren, um endlich hinter diesem exquisiten Schreibtisch, vor dem kunstvoll gewebten Teppich, umringt von noch mehr Kunst auf diesem exquisiten Schreibtisch-Stuhl zu sitzen, drohen nichtig gewesen zu sein. All die Jahre. Für sie war es immer eine Frage des „Wann“, nie des „Ob“. Zuversicht ist auf Seiten derer, die es wagen über Leichen zu gehen. Das war schon immer ihre Devise.

Auf donswelt.gitbooks.io/goodbye-my-love weiterlesen oder herunterladen.

Aragami

Am 8. Oktober 2016 in spiel

Vor mir auf dem großen Fernseher (nennt man das noch so?) sitzt gebeugt ein Aragami. Ein Geist, der heraufbeschworen wurde, um an irgendwem Rache zu üben. Natürlich sitzt er nicht wirklich oben auf dem Fernseher, sondern nur auf dem Bildschirm. Im Titelbild des Playstation-Spiels „Aragami“. Ich bilde mir ein, dass er verlegen guckt. Vielleicht weil ihm etwas sehr, sehr peinlich ist. Ihm sollte nämlich etwas sehr, sehr peinlich sein. Ich für meinen Teil habe vor einigen Minuten aufgehört „Aragami“ zu spielen, obwohl ich noch nicht einmal die Hälfte aller Kapitel gespielt habe. Ich will nicht mehr.

Dass der Aragami und ich uns irgendwann schweigend anstarren anstatt miteinander zu spielen, war anfangs nicht abzusehen. Okay, dass dieses Spiel kein technisches Wunderwerk ist, war mir bereits nach einigen Spielminuten klar, aber damit kann ich gut leben. Ich ziehe es zwar vor mit geschmeidigen sechzig Bildern pro Sekunde und einer präzisen Steuerung zu spielen, aber ich kann auch unter semi-optimalen Bedingungen viel Spaß mit Spielen haben. Da muss halt der Rest stimmen.

Bei „Aragami“ stimmte der Rest zumindest so weit, dass ich mich vorerst nicht vom Ruckeln und der unpräzisen Bedienung habe abschrecken lassen. Denn seine Grundmechanik, die Kontrolle über den Schatten, ist eine wunderbare Weiterentwicklung gegenüber dem Kletterhaken des spirituellen Urahns: „Tenchu“. Vieles an „Aragami“ lässt mich in Erinnerungen an Aquires Ninja-Spiel schwelgen. Leider auch die Technik. Die bittere Wahrheit ist, dass „Tenchu“ erst technisch auf der Höhe war, als K-2 die Entwicklung der Reihe übernommen hat. Grafisch gab es auch dann keine Höhenflüge, aber fortan ließ sich die Hauptfigur endlich flink wie ein Wiesel lenken. Dann gab es K-2 irgendwann nicht mehr. Irgendwas mit „Capcom“ und „eingekauft“ besiegelte wohl deren Schicksal. „Tenchu 4“ wurde danach wieder von Acquire entwickelt. Mit Einbußen in Sachen Technik und Spielmechanik. Ich wünschte, „Aragami“ würde mich nicht an diesen Tenchu-Teil erinnern, sondern an einen von K-2. Tut es aber leider nicht.

Zurück zu den Schatten, sozusagen das neue Schwarz in Sachen Kletterhaken! Sofern ich sie nicht in der Sonne oder in anderem hell beleuchteten Ecken entladen habe, kann ich meine Spielfigur jederzeit in ein schattiges Plätzchen in unmittelbarer Nähe teleportieren. Dabei ist es egal, ob sich dieser Schatten auf dem Boden, an einer Wand, einer Ebene über mir oder hinter einem Gitter befindet. Zusätzlich kann ich, ebenfalls solange die Energie es zulässt, Schatten an Wände und auf Fußböden zaubern. Sind die Kräfte aufgebraucht, reicht ein kurzes Verweilen im Dunkeln, um sie wieder aufzuladen. Das ist in der Basis das Spielprinzip von „Aragami“, um voranzukommen. Gegner, die für das Genre obligatorische, leicht zu analysierende Schleifen durch die Spielwelt laufen, müssen auf diese Weise umgangen oder, wenn man mag, aus dem Dunkeln heraus erledigt werden. Möglichst leise, denn einen offenen Kampf gibt es in diesem Spiel nicht. Das ist lobenswert, denn bis auf wenige Ausnahmen gibt es kaum Spiele, die eine gute Balance zwischen Schleichen und dem direkten Kampf zufriedenstellend hinbekommen. Kämpfe wären bei diesem Spiel so oder so eine echte Zumutung gewesen. Die Kameraführung erinnert gerade in engen Gängen oder dicht an Wände gedrückt (soll in Schleichspielen ja vorkommen) nämlich eher an Videospielzeiten, die eigentlich längst vorbei sind.

Aber auch das konnte mich nicht davon abhalten dieses Spiel weiterzuspielen. Auch nicht die Rücksetz-Punkte, die mich viele Passagen immer und immer wieder haben spielen lassen. Und solche Relikte, wie sterben, wenn man ins Wasser fällt sind schon irgendwie peinlich, aber ebenfalls nicht ausschlaggebend für eine Totalaufgabe des Titels. Und auch, als wir grafisch im sechsten Kapitel auf dem Niveau einer Playstation 2 angekommen sind und die zahlreichen Wachen (die von mir in der Absicht eines pazifistischen Durchgangs allesamt in Ruhe gelassen wurden) die Bildrate in den gefühlt einstelligen Bereich gedrückt haben, waren der Aragami und ich zu einem gewissen Grad immer noch befreundet. Wenn auch mit dem Beziehungsstatus „Kompliziert“.

Gegen Ende dieses Kapitels wurde es dann aber leider zu viel. Eine kurze aber schmerzhafte Passage, in der ich den Aragami über sich drehende Öffnungen durch fünf Zwischendecken nach oben manövrieren sollte und dabei tödlichen Lichtstrahlen ausweichen musste (ein Treffer bedeutet bei Aragami immer den sofortigen Tod), machte dank der Kameraführung, die wie ein Tischtennisball beim Bier-Pong durch die Gegend hüpfte und einer Playstation, die ob der niedrigen Bildrate aus dem letzten Loch pfiff, ungefähr soviel Spaß, wie ein Best of Five beim Blinde Kuh-Spielen im Kakteenkeller oder das Lesen dieses wirklich elendig langen Satzes.

Und ja, ich hätte diese Stelle früher oder später sicherlich geschafft, aber darum geht es mir gar nicht mehr. Ich habe ehrlich gesagt überhaupt keine Lust, noch einmal auf einen Design-Patzer dieser Art zu treffen. Dafür ist mir meine Zeit wichtiger als die ausgegeben 20 Euro, die in diesem Fall noch meine letzte Motivation wären.

Die durchaus sehr schöne Titel-Melodie von „Aragami“ läuft gerade zum vierten Mal aus. Und der Aragami selbst guckt immer noch irgendwie peinlich berührt. Ich glaube, er möchte, dass wir wieder Freunde sind.

Sorry, aber ich brauche erst einmal etwas Abstand.