Legion

Am 10. Februar 2017 unter serie

Der Pilot zu „Legion“, der X-Men Serie des „Fargo“ Studios FX, ist unkonventionell, mutig und zuweilen so herrlich bizarr, dass es nicht nur im Kopf des Protagonisten kracht. Das ist schon mal etwas ganz anderes als alles, was sich die Autoren für Netflix, Fox und Disney bisher getraut haben. Kein in Selbstmitleid ertrinkender Peter Parker. Kein Wolverine, der sich isoliert, um der Verantwortung zu entgehen und andere zu schützen. Kein Luke Cage, der eine Identitätskrise überwinden muss. David, der Protagonist in „Legion“, ist nach gesellschaftlichen Standards geistig gestört, gewillt das auch zu glauben und entsprechend medikamentös eingestellt.

Die daraus resultierende erste Folge hat daher auch weit mehr von einem Terry Gilliam „Twelve Monkeys“ als von einem Bryan Singer „X-Men“. Und genau das macht es so gut und wichtig. Ich sage es ganz ehrlich: Ich konnte bisher allen neueren Marvel-Produktionen trotz der generischen Drehbücher irgendwie noch etwas abgewinnen. Sogar Schnarchnase Jessica Jones. Aber zwischen dem Niveau dieser Serien und dem „Legion“ Piloten liegen Welten, so groß wie Asgard. Und ja, das sage ich als Filmfreund mit Hang zum Bizarren und ich bin mir im Klaren darüber, dass die Superheldenfans dies nicht alle so sehen werden. Schließlich kommt die leicht zugängliche (und zuweilen auch naive) Art der anderen Veröffentlichungen nicht von irgendwoher sondern entspringt deren Quelle: den Comics. Da ist es nur legitim, dass Serien und Filme das auch nachahmen. Aber es ist auch verdammt schön eine Serie zu sehen, die sich mal richtig was traut und im Genre neue Wege gehen darf. Ob sie das langfristig kann, wird sich in den nächsten Folgen zeigen.

Fakt ist, dass nur ein Pilot wie der zu „Legion“ verhindern kann, das Superheldenserien aufgrund ihres inflationären Aufkommens in Zukunft nur noch für die Kassen der Studios interessant sind. Etwas, das wir bei Filmen in Zeiten, in denen ein „Suicide Squad“ ohne erkennbares Drehbuch bei den Zuschauern durchfällt und mit doppelt eingespieltem Budget als Erfolg des Studios gilt, doch längst erreicht haben. Und wenn alles, was ich hier in meiner Euphorie schreibe, bereits mit der zweiten Folge am nächsten Donnerstag über den Haufen geworfen wird, bleibt mir immer noch diese erste Episode, die ich als einen der besten (und dann mit einer Stunde und zehn Minuten auch einen der kürzesten) Superheldenfilme im Gedächtnis behalten werden.


The OA

Am 6. Februar 2017 unter serie

Es ist Montag, ich sitze in der Stadtbahn und ich bin hundemüde. Schuld ist „The OA“, die nach „Stranger Things“ nun schon zweite Netflix Serienproduktion, für die meine Frau und ich unsere Schlafgewohnheiten über den Haufen werfen, um sie schnellstmöglich komplett zu schauen. Eigentlich sollten Serien dieser Art, die bloß in Teilen servierte ziemlich lange Filme sind, genau so und nicht anders konsumiert werden. Und so gerne ich zum Beispiel ein „Elementary“ mit dessen Ein-Fall-pro-Folge-Formel sehe, die Drama-Häppchen gefallen mir einfach am besten.

„The OA“ schüttet, verteilt über acht Episoden, einen ganzen Sack voller Fragen über den Köpfen der Zuschauer aus und wie sich das heute so gehört bleiben viele der Antworten am Ende einer Staffel aus. Dafür erhalten andere Fragen auch mal mehrere mögliche Antworten, für die man sich dann irgendwie entscheiden kann. Ich bin mir sicher, dass auf Reddit bereits alles geklärt und haarklein analysiert wurde, nachdem zwei Dutzend Menschen mit unerhört viel Freizeit eine Woche lang in einer Bild-für-Bild-Analyse vertieft in einem Kämmerchen verschwunden waren. Mir ist das ehrlich gesagt herzlich egal und ich kann mit der Ungewissheit sehr gut leben.

Die zwischendurch aufkeimende Angst, das alles könnte doch noch zu religiösem Mumpitz verkommen, erwies sich am Ende glücklicherweise als unbegründet. Stattdessen haftet dem Ganzen einfach eine gesunde Prise Shane Carruth-What-the-Fuck-Charme an. Wobei der damit nichts zu tun hat, denn „The OA“ ist quasi ein Autoren-Werk der Hauptdarstellerin Brit Marling (Another Earth) und Regisseur Zal Batmanglij (The East).

Nach dem großartigen Finale konnte ich mir den einen oder anderen fluchenden Kritiker sehr gut vorstellen, war aber einfach zu sehr damit beschäftigt, meine Kinnlade wieder hochzufahren. Jetzt freue ich mich, dass mein Kopf die nächsten Tage noch einiges an Stoff zu verarbeiten hat. Aber erst nach einer hoffentlich erholsamen … oh, die zweite Staffel von „The Expanse“ ist da. Verdammt!


Assault Suit Leynos

Am 1. Februar 2017 unter spiel

Wenn man im mitunter unübersichtlichen Wust aus millionenschweren Triple A Produktionen der Spieleindustrie mal eine Pause braucht, lohnt es sich, einen Blick in den Katalog des Publishers Rising Star zu werfen. In dessen abwechslungsreichem Portfolio findet sich auch die ein oder andere abenteuerliche Pauschalreise in die Vergangenheit. Zum Beispiel in die schöne Zeit des Mega Drives. Das Mega Drive war die Konsole von Sega, auf der wir Street Fighter und Mortal Kombat mit nur drei Knöpfen spielen sollten. Ha, ha!

Aber es war auch die Konsole, die mit einigen wirklich schönen Spieleperlen aufwarten konnte. Zum Beispiel „Assault Suit Leynos“. Im Westen bekannt unter dem Namen „Target Earth“ und berüchtigt für dessen zensierten Inhalt. In der aufgepeppten Playstation 4-Version könnt ihr das Spiel in kompletter Form bewundern, inklusive in der Atmosphäre verglühender Kameraden und deren markerschütternden Schreien. Ist ja auch Krieg, da muss das so.

Damit das nicht immer so ist, gibt es die Assault Suits, schön große Mechs, die sich am Boden und in der Luft bekämpfen sollen. So wechselt sich schön regelmäßig traditionelles Ballern in der Luft mit rennen, hüpfen und schießen am Boden ab. Dazu gibt es die Möglichkeit, in alle Richtungen zu schießen oder auch eine Richtung für Dauerbeschuss zu halten. Neben freizuspielenden Waffen mit Munitionsknappheit ist die treue Maschinenpistole mit unendlich vielen Schüssen die Hauptwaffe und dank zusätzlichem Equipment wie Rüstung oder Jetpack kann vor jeder Mission individuell auf- beziehungsweise abgerüstet werden. Alles für die damalige Zeit ziemlich eindrucksvoll. Genau wie der hohe Anteil an textlastiger Geschichte, die dem Genre entsprechend glücklicherweise mit japanischer Synchronisation unterlegt wurde.

Heute dürfte „Assault Suit Leynos“ mit seinen trägen Kampfmaschinen und den merklichen Längen im Level-Design wohl nur noch Nostalgiker hinter dem Ofen hervorlocken und die werden, wie ich, beim ersten Anblick der verschlimmbesserten Explosionseffekte gleich ins Options-Menü stürmen und von dort den klassischen Modus anwählen. Um dann in den höheren Leveln höchstwahrscheinlich die Würde gegen den Easy-Modus zu tauschen oder es mit geneigtem Haupt zum Stapel der Schande zu legen.



Manchester by the Sea

Am 18. Januar 2017 unter film

Ich muss das hier so zum Einstieg schreiben: Wenn ihr Casey Affleck, den kleinen Bruder des großen Ben Batfleck, nur in einer synchronisierten Fassung seiner Filme reden hört, dann kennt ihr nur den halben Casey Affleck. Casey Affleck redet nicht, er seufzt auf eine ganz besondere Art und Weise. Man hat das Gefühl, dass die Worte, die sanft aus seinem Mund gleiten, bereits Minuten zuvor entstanden sind. Die nötige Luft, um sie danach auszudrücken, hat auf dem Weg von der Lunge zum Kehlkopf noch einen Zwischenstopp eingelegt, vielleicht für einen Schokoriegel oder eine Tüte Chips an einer Tankstelle, hat dort nochmal schnell den Reifendruck überprüft und ist trotzdem noch rechtzeitig zur Artikulation erschienen. Respekt, Casey Affleck, Respekt. Was dabei rumkommt ist eine Coolness, die ihres gleichen sucht. Der Golden Globe für seine Rolle in „Manchester by the Sea“ ist nicht nur eine verdiente Belohnung für seine überragende Arbeit in diesem Film, sondern auch so etwas wie eine Wiedergutmachung für die sträfliche Ignoranz seines Talents in „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ und „Out of the Furnace“.

„Manchester by the Sea“ erzählt seine Geschichte über einen Hausmeister, der nach dem Tod seines Bruders mit neuen Aufgaben konfrontiert wird, nur bruchstückhaft und in Form von geschickt gesetzten Rückblenden. Als säße man als Zuschauer direkt neben Afflecks Alter-Ego „Lee“ in einer Kneipe in Boston bei viel Bier und müsste ihm jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen. Das Drama, welches sich dabei mit der Zeit herauskristallisiert ist allerdings nicht das Finale sondern der Zenit. Wenn die Vergangenheit von „Lee“ klar ist, werden wir nicht mit unseren Gedanken aus dem Kinosaal entlassen und dürfen sie verarbeiten, sondern müssen mit ihnen im Hinterkopf weiter hingucken. Das ist nicht immer leicht, vor allem nicht in Hinsicht auf den einzigen Kritikpunkt, den ich für mich äußern kann: Der Film verpasst sein perfektes Ende um knapp fünfzehn Minuten, wenn er nach einer unglaublich ausdrucksstarken Szene mit Michelle Williams und Casey Affleck einfach nicht enden will. In den Minuten danach entwickeln sich bloß noch Dinge, die ich mir viel lieber hätte selber denken wollen.

Im Kontrast zu der tragischen Geschichte gibt es noch erstaunlich viel trockenen Humor, der überraschenderweise zur keiner Zeit aufgesetzt oder gar fehl am Platz wirkt, sondern perfekt zum eigenartigen Gesamtbild des Films passt. So ein bisschen wirken diese witzigen Bemerkungen dann wie Treibgut, an dessen Geäst man sich festhalten kann, während einen der Strom aus Tragödien mitreißt. Der kleine Ort Manchester in Massachusetts heißt übrigens tatsächlich „Manchester-by-the-sea“. Mit ganz vielen Bindestrichen. Ebenfalls eher Humor der trockenen Sorte. Oder auch eine Tragödie. Je nach dem.