The OA

Am 6. Februar 2017 in serie

Es ist Montag, ich sitze in der Stadtbahn und ich bin hundemüde. Schuld ist „The OA“, die nach „Stranger Things“ nun schon zweite Netflix Serienproduktion, für die meine Frau und ich unsere Schlafgewohnheiten über den Haufen werfen, um sie schnellstmöglich komplett zu schauen. Eigentlich sollten Serien dieser Art, die bloß in Teilen servierte ziemlich lange Filme sind, genau so und nicht anders konsumiert werden. Und so gerne ich zum Beispiel ein „Elementary“ mit dessen Ein-Fall-pro-Folge-Formel sehe, die Drama-Häppchen gefallen mir einfach am besten.

„The OA“ schüttet, verteilt über acht Episoden, einen ganzen Sack voller Fragen über den Köpfen der Zuschauer aus und wie sich das heute so gehört bleiben viele der Antworten am Ende einer Staffel aus. Dafür erhalten andere Fragen auch mal mehrere mögliche Antworten, für die man sich dann irgendwie entscheiden kann. Ich bin mir sicher, dass auf Reddit bereits alles geklärt und haarklein analysiert wurde, nachdem zwei Dutzend Menschen mit unerhört viel Freizeit eine Woche lang in einer Bild-für-Bild-Analyse vertieft in einem Kämmerchen verschwunden waren. Mir ist das ehrlich gesagt herzlich egal und ich kann mit der Ungewissheit sehr gut leben.

Die zwischendurch aufkeimende Angst, das alles könnte doch noch zu religiösem Mumpitz verkommen, erwies sich am Ende glücklicherweise als unbegründet. Stattdessen haftet dem Ganzen einfach eine gesunde Prise Shane Carruth-What-the-Fuck-Charme an. Wobei der damit nichts zu tun hat, denn „The OA“ ist quasi ein Autoren-Werk der Hauptdarstellerin Brit Marling (Another Earth) und Regisseur Zal Batmanglij (The East).

Nach dem großartigen Finale konnte ich mir den einen oder anderen fluchenden Kritiker sehr gut vorstellen, war aber einfach zu sehr damit beschäftigt, meine Kinnlade wieder hochzufahren. Jetzt freue ich mich, dass mein Kopf die nächsten Tage noch einiges an Stoff zu verarbeiten hat. Aber erst nach einer hoffentlich erholsamen … oh, die zweite Staffel von „The Expanse“ ist da. Verdammt!

Assault Suit Leynos

Am 1. Februar 2017 in spiel

Wenn man im mitunter unübersichtlichen Wust aus millionenschweren Triple A Produktionen der Spieleindustrie mal eine Pause braucht, lohnt es sich, einen Blick in den Katalog des Publishers Rising Star zu werfen. In dessen abwechslungsreichem Portfolio findet sich auch die ein oder andere abenteuerliche Pauschalreise in die Vergangenheit. Zum Beispiel in die schöne Zeit des Mega Drives. Das Mega Drive war die Konsole von Sega, auf der wir Street Fighter und Mortal Kombat mit nur drei Knöpfen spielen sollten. Ha, ha!

Aber es war auch die Konsole, die mit einigen wirklich schönen Spieleperlen aufwarten konnte. Zum Beispiel „Assault Suit Leynos“. Im Westen bekannt unter dem Namen „Target Earth“ und berüchtigt für dessen zensierten Inhalt. In der aufgepeppten Playstation 4-Version könnt ihr das Spiel in kompletter Form bewundern, inklusive in der Atmosphäre verglühender Kameraden und deren markerschütternden Schreien. Ist ja auch Krieg, da muss das so.

Damit das nicht immer so ist, gibt es die Assault Suits, schön große Mechs, die sich am Boden und in der Luft bekämpfen sollen. So wechselt sich schön regelmäßig traditionelles Ballern in der Luft mit rennen, hüpfen und schießen am Boden ab. Dazu gibt es die Möglichkeit, in alle Richtungen zu schießen oder auch eine Richtung für Dauerbeschuss zu halten. Neben freizuspielenden Waffen mit Munitionsknappheit ist die treue Maschinenpistole mit unendlich vielen Schüssen die Hauptwaffe und dank zusätzlichem Equipment wie Rüstung oder Jetpack kann vor jeder Mission individuell auf- beziehungsweise abgerüstet werden. Alles für die damalige Zeit ziemlich eindrucksvoll. Genau wie der hohe Anteil an textlastiger Geschichte, die dem Genre entsprechend glücklicherweise mit japanischer Synchronisation unterlegt wurde.

Heute dürfte „Assault Suit Leynos“ mit seinen trägen Kampfmaschinen und den merklichen Längen im Level-Design wohl nur noch Nostalgiker hinter dem Ofen hervorlocken und die werden, wie ich, beim ersten Anblick der verschlimmbesserten Explosionseffekte gleich ins Options-Menü stürmen und von dort den klassischen Modus anwählen. Um dann in den höheren Leveln höchstwahrscheinlich die Würde gegen den Easy-Modus zu tauschen oder es mit geneigtem Haupt zum Stapel der Schande zu legen.

Manchester by the Sea

Am 18. Januar 2017 in film

Ich muss das hier so zum Einstieg schreiben: Wenn ihr Casey Affleck, den kleinen Bruder des großen Ben Batfleck, nur in einer synchronisierten Fassung seiner Filme reden hört, dann kennt ihr nur den halben Casey Affleck. Casey Affleck redet nicht, er seufzt auf eine ganz besondere Art und Weise. Man hat das Gefühl, dass die Worte, die sanft aus seinem Mund gleiten, bereits Minuten zuvor entstanden sind. Die nötige Luft, um sie danach auszudrücken, hat auf dem Weg von der Lunge zum Kehlkopf noch einen Zwischenstopp eingelegt, vielleicht für einen Schokoriegel oder eine Tüte Chips an einer Tankstelle, hat dort nochmal schnell den Reifendruck überprüft und ist trotzdem noch rechtzeitig zur Artikulation erschienen. Respekt, Casey Affleck, Respekt. Was dabei rumkommt ist eine Coolness, die ihres gleichen sucht. Der Golden Globe für seine Rolle in „Manchester by the Sea“ ist nicht nur eine verdiente Belohnung für seine überragende Arbeit in diesem Film, sondern auch so etwas wie eine Wiedergutmachung für die sträfliche Ignoranz seines Talents in „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ und „Out of the Furnace“.

„Manchester by the Sea“ erzählt seine Geschichte über einen Hausmeister, der nach dem Tod seines Bruders mit neuen Aufgaben konfrontiert wird, nur bruchstückhaft und in Form von geschickt gesetzten Rückblenden. Als säße man als Zuschauer direkt neben Afflecks Alter-Ego „Lee“ in einer Kneipe in Boston bei viel Bier und müsste ihm jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen. Das Drama, welches sich dabei mit der Zeit herauskristallisiert ist allerdings nicht das Finale sondern der Zenit. Wenn die Vergangenheit von „Lee“ klar ist, werden wir nicht mit unseren Gedanken aus dem Kinosaal entlassen und dürfen sie verarbeiten, sondern müssen mit ihnen im Hinterkopf weiter hingucken. Das ist nicht immer leicht, vor allem nicht in Hinsicht auf den einzigen Kritikpunkt, den ich für mich äußern kann: Der Film verpasst sein perfektes Ende um knapp fünfzehn Minuten, wenn er nach einer unglaublich ausdrucksstarken Szene mit Michelle Williams und Casey Affleck einfach nicht enden will. In den Minuten danach entwickeln sich bloß noch Dinge, die ich mir viel lieber hätte selber denken wollen.

Im Kontrast zu der tragischen Geschichte gibt es noch erstaunlich viel trockenen Humor, der überraschenderweise zur keiner Zeit aufgesetzt oder gar fehl am Platz wirkt, sondern perfekt zum eigenartigen Gesamtbild des Films passt. So ein bisschen wirken diese witzigen Bemerkungen dann wie Treibgut, an dessen Geäst man sich festhalten kann, während einen der Strom aus Tragödien mitreißt. Der kleine Ort Manchester in Massachusetts heißt übrigens tatsächlich „Manchester-by-the-sea“. Mit ganz vielen Bindestrichen. Ebenfalls eher Humor der trockenen Sorte. Oder auch eine Tragödie. Je nach dem.

A Series of Unfortunate Events

Am 16. Januar 2017 in serie

Als ich irgendwann im Jahr 2004 den Film zur Buchreihe „A Series of Unfortunate Events“ mit Jim Carrey sah und danach enttäuscht über einer Tüte Popcorn im Kino saß, wünschte ich mir nichts sehnlicher als dass Jean-Pierre Jeunet (Stadt der Verlorenen Kinder, Fabelhafte Welt der Amélie) ihn hätte machen sollen. Hat er aber nicht und mir war klar, dass dieser Zug nicht nur abgefahren sondern bereits am Horizont verschwunden war. Wahrscheinlich bauten auch schon die ersten Menschen kopfschüttelnd den Bahnhof ab. Es ist 2017, das Jahr ist noch keinen Monat alt und Netflix liefert mit ihrer Version von „A Series of Unfortunate Events“ im Serien-Format trotzdem schon wieder fleißig neues Original-Material ab. Und Jean-Pierre Jeunet hätte es nicht besser machen können!

Skeptisch war ich, aufgrund der Erfahrung mit der alten Verfilmung. Keine Frage: Jim Carrey als widerwärtiger Graf Olaf war super, aber die Hauptattraktion der Bücher war nie der Graf, sondern die eher unkonventionelle Art der Erzählung, gepaart mit burtonesquem Setting und Figuren und den unglücklichen Umständen, die einen Balance-Akt erzwingen, der es nicht einfach macht, zu erkennen, ob die Werke nun für Kinder oder Erwachsene geschrieben wurden. Der Netflix-Serie, die Daniel Handler, den Autor der Bücher als Ausführenden Produzenten listet, gelingt es ganz fabelhaft, das alles auf den heimischen TV-Bildschirm zu übertragen. Fast schon erschreckend gut.

Einzelne Szenen wirken dank überzeichneter Bilder wie eine Pop-Up-Variante der Buchvorlage und bilden die Basis für illustre Figuren und talentierte Künstler, deren Schauspiel passend dazu wie am Theater wirkt. Und was 2004 Jim Carreys typisches Overacting war, ist Neil Patrick Harris’ fast schon gelangweilt wirkende Souveränität, mit der er den genervten Antagonisten in der aktuellen Produktion darstellt: überragend gut. Am Ende kann ich immer noch nicht richtig sagen, ob das nun eher was für Kinder oder eher was für Erwachsene ist und komme zu dem Entschluss, dass es eher was für beide und am besten zusammen ist. Die eine Leiche war allerdings deutlich eher was für Erwachsene, meint meine Tochter. Oha!