Ôkamiden

Am 1. Mai 2011 unter spiel

Die Leute, die ich auf jedem Flug kennen lerne, sind portionierte Freunde

– Tyler Durden beim Anblick des portionierten Essens im Flugzeug im Film Fight Club.

Ein ungewöhnlicher erster Satz in einer Ôkamiden Rezension, denkt ihr? Schon, aber nicht ganz unpassend, denn auch Capcoms Nachfolger zu einem der besten Abenteuerspiele sind lediglich kleine Portionen von etwas, das wir in weit größerem Ausmaß bereits bei Ôkami auf der Playstation 2 genießen durften. Und ja, ich habe gerade Fight Club gespoilert, werde das aber nicht bei Ôkamiden tun. Versprochen.

Als ich meinen Nintendo DS Lite letzte Nacht ausgeschaltet hatte, betrug meine Spielzeit bei Ôkamiden 21 Stunden und ein paar Minuten. Ich will niemandem etwas vormachen. Auf Nintendos Handheld habe ich bisher bloß drei Spiele durchgespielt: Hotel Dusk und zwei Teile der Taiko No Tatsujin Reihe. Dieser Handheld ist einfach nichts für mich. Dennoch habe ich mich auf Ôkamiden gefreut. Ich bin großer Fan des Vorgängers und zähle Ôkami zu meinen Allzeit-Lieblings-Videospielen. Nach 21 Stunden habe ich vom Nachfolger allerdings gestrichen die Nase voll. Ich habe keine Lust mehr, ihn zu beenden.

Ich habe keine Lust mehr, Orte zu besuchen, die ich bereits schöner und um einiges belebter gesehen habe. Wenn ich einen Nachfolger von einem Spiel entwickle, sollte dieser doch das, was ich aus dem Vorgänger kenne, erweitern. Bis auf eine Handvoll Orte und Dungeons haben wir bei Ôkamiden aber schon alles einmal gesehen. Gefühlt zehnmal schöner und das auf der Playstation 2. Ohne fusselige Texturen und ohne ausgefranste Riesenpixel. Mit angenehmer Bildrate und flotten Animationen. Mit Tieren an jeder Ecke, dir wir füttern konnten. Adlern über uns, Schweinen, Rehen, Pferden hinter Büschen versteckt. Bei Ôkamiden auf dem DS quälen wir uns träge durch kantige Landschaften und Tiere gibt es bloß noch in versteckten Höhlen. Gefüttert werden wollen sie nicht, können sie nicht. Geangelt werden wie im Vorgänger darf auch nicht mehr. Spielverderber.

Ich habe keine Lust mehr, mit einem Acht-Wege Steuerkreuz durch eine dreidimensionale Landschaft zu holpern. Warum die Entwickler in einem Spiel, bei dem wir zum Kämpfen und Rätsel lösen mit dem Stylus Symbole zeichnen müssen, nicht auf die von den Zelda-Teilen bekannte Touch-Steuerung gesetzt haben, will mir einfach nicht einleuchten. Stattdessen stolpern wir mit dem Steuerkreuz durch die Landschaft, müssen dabei aber den Stylus ebenfalls in der Hand halten und dann auch noch eine Schultertaste (!) drücken, damit das Spielgeschehen träge vom oberen auf den unteren Bildschirm transportiert wird und wir dort herumkritzeln können. Ich bin doch kein Octopus, ich habe nur zwei Hände! Und warum letztendlich das Zeichnen mit dem Stylus nichtmal einfacher ist, als damals mit dem Analog-Stick auf der Playstation 2, will mir auch nicht so recht klar werden. Meistens liegt das wohl an der Spitze des Stifts und deren leicht versetzter Kontakt zum Touchdisplay, der unsere gemalten Befehle oftmals als unleserlich abstempelt.

Ich habe keine Lust mehr, mir von einem Spiel und seinem Speichersystem den Alltag diktieren zu lassen. Wenn ich ein Spiel für einen Handheld mache, dann muss ich dafür sorgen, dass es den vorgegebenen Zweck des Geräts auch erfüllen kann. Ein Handheld ist nun mal für unterwegs. Für mal eben zwischendurch. Dann, wenn ich keine Lust oder keine Zeit habe eine Konsole anzuwerfen. Ôkamiden übernimmt das Speichersystem seines Konsolen-Vorgängers und fährt sich damit schnurstracks gegen die Wand. Gespeichert wird vor Spiegeln, die wir in der Regel am Anfang eines Dungeons und vor dessen Boss finden. Das heißt im Klartext, ich muss einen angefangenen Dungeon zumindest bis zu dessen Endgegner spielen, damit ich meinen Fortschritt speichern kann. Das dauert mitunter sehr lang und ist somit für unterwegs nur dann geeignet, wenn man ebenso lange Strecken zurücklegt. Toll.

Ich habe keine Lust mehr, Ôkamiden zu beenden. Das ist schade. Und auch ein bisschen blöd, denn ich habe nachgeschaut und bin ziemlich nah am Ende. Umso erschreckender ist die Tatsache, dass ich dennoch keine Lust mehr habe, weiterzuspielen. Mein Spaß an Ôkamiden ist ausgebrannt. Selbst die Aussicht auf einen weiteren tollen Bosskampf, für mich die Höhepunkte im Spiel, lässt mich kalt. Eventuell bin ich ja irgendwann wieder soweit, noch einmal ein wenig Zeit zu investieren und spiele es doch noch durch. Dann aber sicher nur der Vollständigkeit halber. Das ist verdammt schade.