Niemals tot

Am 2. Februar 2012 in prosa spiel

Er dachte nach. Über sich. Sein Leben. Seine Karriere. Er hatte sich einen Namen gemacht. Einen guten? Sicher. Irgendwann. Aber Zeiten ändern sich. Karrieren ändern sich. Namen werden vergessen. Haben sie seinen bereits vergessen, fragte er sich. Wer weiß. Er nicht. Er fühlte sich kopflos. Seine Arme und Beine waren schwach. Er blinzelte. Kopflos? Arme, Beine? Aufgeregt sprang er aus dem Bett, in dem er seit Tagen vor sich hingrübelnd lag. Nervös suchte er in einem Haufen Papier auf dem verwüsteten Schreibtisch nach etwas. Wo hatte er es bloß hingelegt? Es war ewig her, als er es zuletzt benutzte. Dort, unter einem Stapel Schnellhefter, bedeckt mit Krümeln von Essensresten hatte er es entdeckt. Sein Notizbuch. Speckig. Abgegriffen. Aber voll mit Ideen. Seinen Ideen. Zwei oder drei haben es in die Produktion geschafft. Die anderen 200 Ideen nicht. Ein Blatt war noch frei.

Er nahm einen Stift und schrieb: Held unsterblich. Kann Arme, Beine und Kopf verlieren und auf diese Weis Rätsel lösen. Perfekt. In seinem Kopf malte er sich Bilder aus. Wunderschöne Szenarien, die man nach Herzenslust zerstören könnte. Er erdachte dem Helden einen miesen Charakter, Marke raue Schale, weicher Kern. Dann einen Sidekick. Eine selbstbewusste Frau. Das passt immer. Er schrieb und malte das letzte Blatt in seinem Notizbuch voll, so klein, wie es ihm nur möglich war, um noch mehr Details darauf unterbringen zu können. Er blickte auf. Lebte auf. Zum ersten Mal seit Jahren wieder. Er senkte den Kopf und blickte verstohlen zum Telefon hinüber. Seit einer Woche ging es wieder. Frau Hiroki, die Nachbarin, hatte ihn überredet mit ihr zur Fernmeldestelle zu gehen und dort das Problem zu melden. Frau Hiroki kümmerte sich immer um ihn. Wenn er jetzt aus dieser Krise kommen sollte, würde er sich revanchieren. Ganz sicher. Er wählte die Nummer des Konzerns. Die hatte er noch immer im Kopf. Jemand nahm ab. Er holte tief Luft und sprach.

Es war geschafft. Vier Wochen später erhielt er den entscheidenden Anruf. Sie würden es finanzieren. Nicht übermäßig großzügig, aber imnerhin. Kein großes Team, aber immerhin. Sie müssten sich aber auch beeilen. Man könne nicht mehr zahlen, wenn es länger als den vorgegebenen Produktionszeitraum dauern würde. Zu riskant. Es wäre ja schließlich ein Experiment. Das mochte er. Immerhin. Er hatte sich gefreut, die alten Kollegen wiederzusehen. Aber die waren längst nicht mehr da. Und sein Arbeitsplatz war auch gar nicht auf dem Konzerngelände. Er musste ins Ausland. Dort wäre sein Team, sagten sie. Irgendwo in Europa. Das kannte er aus dem Fernsehen. Immerhin.

Am Ende ging alles sehr schnell. Zu schnell für ihn. Alle waren komplett überfordert. Die Technik war schwach. Über die Hälfte der Produktion wurde von externen Dienstleistern im Auftrag des Konzerns entwickelt. Meist ohne sein Wissen. Irgendwo hatte er den Überblick verloren. Hatte versucht zu retten, was noch zu retten war. Dann der Anruf. Es musste fertig werden. Egal, wie. Mehr Zeit und Geld gab es nicht mehr. Er reiste ab. Zurück nach Japan. Zurück in sein altes Zimmer. Dort, wo nun ein Plakat seines von ihm erdachten Helden hing. Kopflos. Er hatte an ihn geglaubt. Jeden einzelnen Tag der letzten zwei Jahre. Auf seinem Schreibtisch herrschte wieder Unordnung. Das volle Notizbuch hatte er bereits vor Tagen weggeschmissen, nachdem er die ersten Rezensionen seines Spiels gelesen hatte. Er blickte regungslos an die Decke. Von seinem Bett, in dem er seitdem vor sich hingrübelnd lag. Dann weinte er.