Neuner Eisen

Am 26. April 2010 in prosa

Irgendwas fühlt sich nicht richtig an. Ist es das Auto, das ohne Bezin hinter der sicheren Tür des Safehouses parkt? Vor meinem inneren Auge bilden Buchstaben diverse Sätze aus dem Zombie Survival Guide von Max Brooks. Hätten wir uns an seine Tipps gehalten, wären wir vier jetzt mit einem Fahrrad unterwegs, hätten kein Benzinproblem und die riesige, hochgefahrene Autobrücke hätten wir einfach links liegen gelassen. Und irgendwie bin ich mir ziemlich sicher, dass das Neuner-Eisen in meiner Hand kein eigenes Kapitel in besagtem Buch als geeignete Waffe gegen Untote bekommen hat. Und als wenn das alles nicht schon schlimm genug wäre, tobt in diesem Moment auch noch ein heulender Sturm durch die schmalen, hohen Gassen der Stadt. Kein guter Tag.

Am Anfang der Epidemie und frisch vom untoten Volk isoliert waren wir noch erfreut, wenn wir auf andere Überlebende stießen. Aber Notlagen dieses Kalibers verbessern die soziale Kompetenz der Menschen nicht gerade und schon bald war jedem klar, dass Leistung nur noch gegen entsprechende Gegenleistung getauscht wird. Zu ziemlich ungleichen Kursen. So wie jetzt gerade. Im Gebäude gegenüber haben sich drei Überlebende aus dem Norden verschanzt und uns angeboten, die Brücke für unseren Wagen herunterzulassen … wenn wir ihnen den Generator vor unserem Versteck volltanken. Eine Hand wäscht die andere, bevor sie dir ein verfaulter Zombie vom Knochen frisst. Yeah. Ursprünglich waren sie auch zu viert, aber einer ihrer Kollegen, ein alter Kriegsveteran, hat es nicht geschafft und blickt uns in diesem Moment durch die weit offen stehende Tür des Nachbargebäudes aus toten Augen an. Er hatte es nicht geschafft, das Gebäude zu verlassen. Seine Eingeweide schon.

Auf Drei, sagt eine wenig optimistische Stimme neben mir. Auf Drei. Klar. Früher oder später werden wir auch nur noch zu dritt sein und ich werde das verdammte Gefühl nicht los, dass der Golfschläger in meiner Hand nicht unbedingt ein Garant für einen Platz auf dem Siegertreppchen ist. Max Brooks empfiehlt in seinem Buch das Brecheisen. Am besten das russisch/europäische Model aus Titanium. Das hält die Kleine neben mir gerade fest umklammert in ihren Händen, wie eine Schultüte am Tag ihrer Einschulung. Unsere Blicke treffen sich und meiner verrät offensichtlich meine Gedanken. Sie bewegt die Brechstange von mir weg und beäugt leicht ungläubig mein Neuner-Eisen. Lass nur Kleine. Wenn wir da draußen einen Golfplatz finden, wirst du noch herausfinden, wer besser vorbereitet ist. Soviel steht fest.

Der Dicke stößt die Tür auf und prescht aus dem Raum nach draußen. Ich habe gar nicht gehört, dass jetzt jemand gezählt hat. Egal. Zählen ist auch irgendwie überbewertet, wenn man von unzähligen angefaulten Untoten umgeben ist. Die ersten Schüsse zerreissen erst die Luft, dann die faulenden Leiber der Monster. Ein beschissener Golf-Schläger. Du alter Vollidiot, denke ich bei mir. Ich bin gespannt ob ich unter Par von diesem Platz gehe. Was solls. Es wird Zeit den Raum zu verlassen und da draußen zu beweisen, zu was Menschen in Extremsituationen fähig sind. Eine dreckige Gestalt mit leeren Augenhöhlen und moderndem Atem versperrt mir die Tür. An seinem Überlebensgürtel baumelt eine Rohrbombe aus vergangenen Tagen seiner Resistenz gegen die Untoten. Ich werfe meinen Kopf mit einem lauten Knacken zur Seite, hole aus und schlage ab. Hole in One, dreckiger Bastard. Also zumindest ein Eagle oder ein Birdie. Der kopflose Körper bricht vor mir zusammen, die Rohrbombe kullert zu meinen Füßen. Ich nehme sie auf, aktiviere den Zünder. Es blinkt und piept. Vor dem Safehouse blicken zwei Dutzend hungrige Zombies in meine Richtung, wie Hunde, die darauf warten, dass Herrchen ihnen das Stöckchen zuwirft. Ich trete einen Schritt hinaus in den Regen. Fühlt sich gut an. Sehr gut.