Muramasa: The Demon Blade

Am 19. November 2009 in spiel ninja

Was man nicht alles tut. Um Vanilla Wares geistigen Odin Sphere Nachfolger spielen zu können, habe ich mir die Wii meines Stiefsohnes aus dessen Zimmer geklaut. Unter lautem Protest seinerseits verbrachte ich die letzten Tage hypnotisiert von der wunderschönen Grafik im mittelalterlichen Japan, um Dämonen ihrer Seelen zu berauben.

Und dieses Japan ist in Aufruhr. Ein dämonisches Schwert wurde gestohlen, überall mobilisieren sich Armeen abscheulicher Kreaturen und Geister bekunden den nahenden Untergang. Da hilft es auch nicht, wenn man als junger Ninja Kisuke des Verrats bezichtigt von anderen Ninja gejagt oder in der Haut der Prinzessin Momohime von einem hartnäckigen Mönch und dessen spirituellen Kumpanen verfolgt wird. Das Leben ist aber eben kein Ponyhof und schon gar nicht im alten Japan, also nehme ich in der Haut eines dieser beiden Protagonisten meinen ganzen Mut zusammen und ziehe mit dem Geist des Schmiedes Muramasa in den Kampf. Der unterstützt mich dabei mit allerhand tödlichen Schwertern, die er mir im Tausch gegen die im Kampf erlangten Seelen fertigt.

Wie schon bei Odin Sphere laufe ich durch zwei bis drei bildschirmgroße Areale, die sich über Ausgänge an den Seiten zu großen Kartenteilen zusammensetzen. Die 2D Grafik, die mit einem entsprechenden Kabel auch in 480p bewundert werden kann und sollte, besticht mich dabei mit herrlicher Optik. Ich springe durch knorrige Bäume, dichte Wälder, Bambus-Haine, felsige Abgründe und dringe sogar in die Tiefen der Hölle oder die luftigen Höhen des Himmels vor. Für Abwechslung in den sich wiederholenden Hintergründen sorgen verschiedene Wettereffekte wie Nebel, Schnee oder Regen. Und wenn ich im Sonnenuntergang durch ein Viel-Ebenen Parallax-scrollendes Getreidefeld pirschen, wird mir jedesmal klar: das hier muss eines der schönsten, wenn nicht sogar das aller schönste Videospiel sein. Und das ist der Punkt wo mir auch immer klar wird, dass ich schon wieder einige Minuten in die falsche Richtung gelaufen bin, weil die etwas unübersichtliche Karte nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie die bezaubernde Hintergrundgrafik erhielt.

Betrete ich einen neuen Bildschirm vergehen meist einige Sekunden, bevor sich Gegner von allen Seiten auf mich stürzen. Hier kommen meine Schwerter ins Spiel. Mit Wii Mote und Nunchuk (Oh, Gott!), beziehungsweise mit dem Klassik- oder Gamecube Controller (Um Himmels Willen!) stelle ich mich den Angreifern. Und sehe mich mit dem größten Problem Muramasas konfrontiert: keine dieser Eingabemethoden ist optimal. Das ist vor allem deswegen schade, weil das Kampfsystem relativ durchdacht ist und sich die Kämpfe trotz der nicht hundertprozentigen Kontrolle sehr gut anfühlen. Mit dem A-Knopf schwinge ich das jeweilige Schwert und verknüpfe Kombos, B löst eine für jedes Schwert individuelle Superattacke aus und mit der C-Taste wechsele ich zwischen den drei ausgerüsteten Waffen und führe dabei eine Idaido-Attacke aus, die allen Gegnern auf dem Schirm Schaden zufügt. Halte ich die A-Taste gedrückt, blocke ich und initiiere aus dieser Stellung heraus Spezialattacken, wie seitliches Preschen, einen Uppercut oder gar schwertzerbrechende Angriffe. Letzteres kann allerdings auch meiner Waffe widerfahren. Dann heißt es Schwert wechseln und warten bis die zerbrochene Klinge wieder geheilt ist.

Mit der Zeit, beziehungsweise mit steigendem Erfahrungslevel, kann ich mir immer stärkere Schwerter schmieden lassen. Das ist auch nötig, denn Gegner und vor allem Bosse schlafen in Muramasa nicht auf dem Baum und fordern mich schon mal zum Durchhalte-Marathon heraus. Sie sind auf dem normalen Schwierigkeitsgrad immer gut schaffbar, erfordern aufgrund ihrer Fähigkeit meiner Schläge wegzustecken aber oftmals etwas Geduld. Da tue ich gut daran, mich bei fahrenden Händlern in den wenigen friedlichen Plätzen des Spiels mit allerlei Speisen, Tränken und Mittelchen einzudecken. In Teehäusern darf außerdem ordentlich gegessen und getrunken werden. Jede Mahlzeit wird dabei wunderschön angerichtet und darf, Bissen für Bissen, per Knopfdruck vertilgt werden. Das ist zwar für das Spiel komplett irrelevant, gibt mir aber das Gefühl zwischen zwei Kämpfen ein verdientes Mahl eingenommen zu haben und erinnert mich an schöne Stunden mit Usagi Yojimbo auf dem Commodore 64. Wenn ich mich bei den Händlern mit Rezepten eindecke und die nötigen Zutaten besitze, darf ich unterwegs sogar ein Feuer machen und mir die Zubereitung der Mahlzeiten anschauen. Glücklicherweise gestaltet sich die Suche nach den entsprechenden Zutaten nicht ansatzweise so kompliziert wie bei Odin Sphere. Bei Muramasa finde ich alles was ich brauche bei Händlern, versteckt auf dem Boden oder bei besiegten Gegnern.

Ebenfalls besser als im Vorgänger sind die Geschichtsstränge. Derer gibt es nun nur noch zwei und doppelte Endgegner kommen glücklicherweise gar nicht mehr vor. Leider fallen die dann auch nicht mehr ganz so imposant aus, wie etwa die haushohen Drachen in Odin Sphere. Eine große Karte von der einzelne Gebiete in der Spielwelt betreten werden können, gibt es auch nicht mehr. In Muramasa wird stetig und viel gelaufen. Ist ein größerer Gegner besiegt, müssen ich immer erst einmal den ganzen Weg zurück in eine andere Provinz laufen. Hier und da warten allerdings auch Sänften-Träger, die mich gegen Geld schneller zum angestrebten Ziel bringen. Nach dem Sieg über den finalen Boss, darf ich mich, auf der Suche nach den restlichen Schwertern, aber komfortabel von einem Speicher-Schrein zum anderen teleportieren.

So ein wenig erinnert Muramasa mit der liebevollen zweidimensionalen Grafik und dem feudal-japanischen Setting an die alten Samurai Shodown Teile auf dem Neo-Geo. Überhaupt fragt man sich jetzt, wieso SNK nie auf die Idee kam, ein solches Spiel zu machen. Die Serie und ihre Charaktere wären prädestiniert für diese Art Spiel gewesen und hätten eine durchaus bessere Figur gemacht als deren durchschnittlicher Ausritt ins traditionelle RPG-Genre.

Freunde traditionell gezeichneter Grafik kommen um Muramasa nicht herum. Und auch, wenn ein aus mehreren Ebenen bestehendes Getreidefeld vielleicht nur von Spielern geschätzt werden kann, denen beim Anblick dieser Effekte vor zwei Jahrzehnten in lediglich 16 Farben einen Aufschrei der Verzückung entfuhr, sage ich es nochmal: Muramasa ist eines der schönsten, wenn nicht das schönste Videospiel. Warum aber ausgerechnet auf der Wii, wo es keine Möglichkeit der vernünftigen Steuerung des Spiels gibt? Gemein.