Marvel's The Punisher

Am 26. November 2017 in serie

Jahrelang fristete Marvels Frank Castle alias der Punisher sein Dasein außerhalb der Comicbücher in eher dunklen Gefilden: Als Direct-to-video oder indiziertes Playstation 2 Spiel (gar nicht mal übel. Habe ich sogar durchgespielt). Mit dem Kurzfilm Dirty Laundry und dem großartigen Thomas Jane, der bereits 2004 in die Rolle Castles schlüpfte, erhielt der Bekenner zur gnadenlosen Selbstjustiz dann endlich die Aufmerksamkeit des Internets, die er verdient hat. Heute, im neuen Standard von Gewalt und Sexualität im Onlinefernsehen, empfanden Marvel und Netflix endlich, dass die Zeit für eine Serie rund um den Vigilante reif sei. Recht hatten sie.

Als Nebenfigur in der zweiten Staffel von Daredevil war er daraufhin verantwortlich dafür, dass Matt Murdock plötzlich als zurückhaltend dastand. Der hat mittlerweile andere Probleme und so spielt Marvel’s The Punisher in seiner ersten Staffel zwar schon irgendwo im Marvel Serien Universum, allerdings ohne die Wege der Defenders oder deren Widersacher zu kreuzen. Und das ist wahrscheinlich der Grund, warum The Punisher die erste Netflix Marvel-Serie ist, für die ich außerhalb eines Streaming-Dienstes Geld ausgegeben hätte. Keine Claire Tempel, keine Hand, lediglich ab und an mal eine Karen Page um irgendwie noch die Verbindung zum Marvel Serien Universum zu halten. Man will sich ja alle Türen offen halten.

In Daredevil durfte Frank Castle nur Antiheld und Gegenpol zu Matt Murdock sein. Wieviel Potential diese Beschneidung der Figur unterdrückt, wird erst jetzt in The Punisher klar. Die immer wieder aufkommenden Rückblicke an den Mord an seiner Familie bilden dabei die Basis seiner Persönlichkeit: Eine kaputte Tötungsmaschine, die stetig an den tragischsten Punkt ihres Lebens denkt, sobald ihre Augen geschlossen sind und die diese Gewalt reflektieren muss, wenn sie sie offen hält. Die Glanzmomente machen dabei die Momente aus, in denen seine Figur im Dialog mit potentiellen Mitstreitern steht. Momente, in denen er die Reflexion der Gewalt im Zaum halten muss. Im Schutz seines Kapuzenpullis kaschiert Jon Bernthal Castles Hilflosigkeit dann oft durch verbittertes Lachen, angestrengte Gleichgültigkeit oder Seufzern, so tief wie Schläge in die Magengrube. Jon Bernthal spielt die Rolle als Frank Castle schlicht perfekt.

Natürlich mit mal mehr und mal weniger ausgefallenen Methoden, um Widersacher aus dem Leben ins Jenseits zu befördern. Egal ob er sich dabei die gefühlt siebenundachtzigste Kugel einer klein- bis großkalibrigen Waffe einfängt oder den zweiundvierzigsten Schnitt durch ein taktisches Messer. Normalerweise gibt es in Marvel-Serien ja immer diesen einen Moment, in dem der Held völlig zerstört am Boden liegt, um dann von Claire Temple wieder zusammengeflickt zu werden. Der Punisher erlebt diesen Moment in gefühlt jeder Episode und Miss Temple ist wahrscheinlich nur deshalb nicht dabei, weil die Serie aufgrund ihrer ständigen Präsenz ihren Namen hätte tragen müssen: Marvel’s Claire Temple to the Rescue. Das Castle nur Stunden später, egal ob wieder verarztet oder nicht, schon wieder aus dem nächsten Fenster springt, in die nächste Höhle des Löwen läuft oder eine weitere Kugel mit den Zähnen fängt, würde mich bei jeder anderen Marvel-Figur tierisch nerven. Hier aber passt es zum stetig aufrecht gehaltenen Image der Maschine. Das rechtfertigt für mich dann auch die sehr übertriebene Gewalt. Ein Stilmittel auf das ich normalerweise sehr gut verzichten kann.

Dass jetzt ausgerechnet in einer Marvel-Serie über den Punisher auf Basis dessen fiktiver Biografie wildwestliche US-Waffengesetze und der Umgang der US-Regierung mit Kriegsveteranen thematisiert werden, wirkt angesichts des hohen Bodycounts natürlich erst einmal drei Nummern zu hoch. Ich rechne es Marvel aber trotzdem hoch an. Wenn dann am Ende nicht die Moralkeule zuschlägt, sondern nur eine weitere Kerbe in der geschundenen Seele Frank Castles entsteht, passt es auch wieder gut ins Konzept.

Mit all dem ist The Punisher über seine dreizehn Folgen gradewegs und in Akimbo-Position in den oberen Bereich meiner diesjährigen Serienfavoriten eingezogen. Gleich neben Marvel’s Legion.