Manchester by the Sea

Am 18. Januar 2017 in film

Ich muss das hier so zum Einstieg schreiben: Wenn ihr Casey Affleck, den kleinen Bruder des großen Ben Batfleck, nur in einer synchronisierten Fassung seiner Filme reden hört, dann kennt ihr nur den halben Casey Affleck. Casey Affleck redet nicht, er seufzt auf eine ganz besondere Art und Weise. Man hat das Gefühl, dass die Worte, die sanft aus seinem Mund gleiten, bereits Minuten zuvor entstanden sind. Die nötige Luft, um sie danach auszudrücken, hat auf dem Weg von der Lunge zum Kehlkopf noch einen Zwischenstopp eingelegt, vielleicht für einen Schokoriegel oder eine Tüte Chips an einer Tankstelle, hat dort nochmal schnell den Reifendruck überprüft und ist trotzdem noch rechtzeitig zur Artikulation erschienen. Respekt, Casey Affleck, Respekt. Was dabei rumkommt ist eine Coolness, die ihres gleichen sucht. Der Golden Globe für seine Rolle in „Manchester by the Sea“ ist nicht nur eine verdiente Belohnung für seine überragende Arbeit in diesem Film, sondern auch so etwas wie eine Wiedergutmachung für die sträfliche Ignoranz seines Talents in „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ und „Out of the Furnace“.

„Manchester by the Sea“ erzählt seine Geschichte über einen Hausmeister, der nach dem Tod seines Bruders mit neuen Aufgaben konfrontiert wird, nur bruchstückhaft und in Form von geschickt gesetzten Rückblenden. Als säße man als Zuschauer direkt neben Afflecks Alter-Ego „Lee“ in einer Kneipe in Boston bei viel Bier und müsste ihm jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen. Das Drama, welches sich dabei mit der Zeit herauskristallisiert ist allerdings nicht das Finale sondern der Zenit. Wenn die Vergangenheit von „Lee“ klar ist, werden wir nicht mit unseren Gedanken aus dem Kinosaal entlassen und dürfen sie verarbeiten, sondern müssen mit ihnen im Hinterkopf weiter hingucken. Das ist nicht immer leicht, vor allem nicht in Hinsicht auf den einzigen Kritikpunkt, den ich für mich äußern kann: Der Film verpasst sein perfektes Ende um knapp fünfzehn Minuten, wenn er nach einer unglaublich ausdrucksstarken Szene mit Michelle Williams und Casey Affleck einfach nicht enden will. In den Minuten danach entwickeln sich bloß noch Dinge, die ich mir viel lieber hätte selber denken wollen.

Im Kontrast zu der tragischen Geschichte gibt es noch erstaunlich viel trockenen Humor, der überraschenderweise zur keiner Zeit aufgesetzt oder gar fehl am Platz wirkt, sondern perfekt zum eigenartigen Gesamtbild des Films passt. So ein bisschen wirken diese witzigen Bemerkungen dann wie Treibgut, an dessen Geäst man sich festhalten kann, während einen der Strom aus Tragödien mitreißt. Der kleine Ort Manchester in Massachusetts heißt übrigens tatsächlich „Manchester-by-the-sea“. Mit ganz vielen Bindestrichen. Ebenfalls eher Humor der trockenen Sorte. Oder auch eine Tragödie. Je nach dem.