Guwange

Am 12. November 2010 in spiel

Seit dem Erscheinen Guwanges in den japanischen Spielhallen im Jahr 1999 warte ich geduldig auf eine Konsolenumsetzung des außerordentlichen Shoot’em-Ups. Diesen Monat war es endlich soweit und die Horden von Dämonen und besessenen Kriegern machen sich erneut, dieses mal in der Xbox Live Arcade, wahlweise über einen oder zwei der von uns gesteuerten Monsterjäger her. Endlich!

Das alte Japan ist in Schwierigkeiten. Die Tore der Hölle scheinen sich geöffnet zu haben und allerlei teuflisches Getier kriecht empor um das Land und seine Menschen zu unterjochen. Das mögen unsere drei Helden im Spiel so gar nicht mit ansehen und ziehen gegen die Brut in die Schlacht. Und da man mit Messern und Pfeilen nur schwer gegen Untote und Geister besteht, wird jeder tapfere Recke von einem Shikigami begleitet. Feuer mit Feuer bekämpfen lautet die Devise. Und gefeuert wird richtig. Das steht schon mal fest, wenn das Cave-Logo auf einem Produkt prangt. Aber es müssen nicht immer zwangsläufig Raumschiffe unter Beschuss stehen, es dürfen auch mal Insekten und Drachen oder wie bei “Guwange” Menschen sein. Mit denen spazieren wir hier ausnahmsweise mal zu Fuß durch die sechs Level.

An Firepower fehlt es ihnen deshalb aber nicht und so resultiert daraus fortwährendes Malträtieren des A-Knopfes in den gewohnten Geschosshagel, mit dem wir den sich überwiegend vertikal, ab und an aber auch mal horizontal auf uns zu bewegenden Bildschirm von allem befreien, was nicht bei Drei über den Bildschirmrand hinaus geflohen ist. Halten wir den A-Knopf gedrückt erscheint der eingangs erwähnte Shikigami, den wir wiederum mit unserem Stick bei weiterhin gedrückter Taste frei über den Bildschirm bewegen können. Berühren wir damit Gegner, werden diese angegriffen, feindliche Kugeln werden bei Kontakt verlangsamt. Ist der Feind zerstört, verwandeln sich dessen verlangsamte Geschosse auf dem Bildschirm in Goldmünzen. Doch beim Einsatz des Shikigami ist Obacht geboten. Unsere Figur selbst bewegt sich bei dessen Einsatz nämlich nur noch sehr träge und ein Ausweichen der herannahenden Schussmuster ist somit nur noch eingeschränkt möglich. Es gilt also, den Geist taktisch klug einzusetzen. Offensiv wie auch defensiv, als Schutzschild. Kommt es im Gefecht mal hart auf hart bleibt noch der Einsatz der genretypischen Smartbombe, in diesem Fall dargestellt als Shinto-Gebet. Einmal ausgelöst schießt es geradewegs nach oben alles über den Haufen und verschafft uns genügend Luft um in vertrackten Situationen wieder in den Spielfluss zurück zu gelangen. Haben uns die feindlichen Einheiten einmal eingekesselt, kann der Gebetsstrahl bei gedrückter Taste auch 360° um unseren Helden herum bewegt werden. Interessant: neben der neu arrangierten “Blue” Variante, die in der Vergangenheit bereits auf einem Cave-Event präsentiert wurde, enthält der Xbox Live Arcade Release noch einen speziellen Xbox360 Arrange Modus. Hier feuert unser Dämonenjäger automatisch und wir bewegen den Shikigami mit dem rechten Analog-Stick, während sich im Stil beliebter Maniac-Modi aktueller Shooter, wie Mushihime-sama und Co, der gesamte Bildschirm in goldene Boni zu verwandeln scheint. Eine durchaus nette Dreingabe, die dem über 10 Jahre alten Spiel einen frischen Anstrich verpasst.

Spielerisch macht vor allem die Topologie den feinen Unterschied zum gängigen Shoot’em-Up aus. Auf die gilt es hier nämlich verstärkt zu achten. Mauern und Gebäude versperren uns nicht nur den Weg sondern lassen auch keine normalen Schüsse durch, sodass hier nur der schwebende Shikigami an die Gegner hinter oder auf den Hindernissen herankommen kann. Guwange schreckt auch nicht davor zurück uns in solchen Situationen hinterrücks Gegner von unten oder in sich seitwärts bewegenden Passagen Feinde von links oder rechts auf den Hals zu hetzen. Situationen, in denen ebenfalls nur der Shikigami eingesetzt werden kann. Dank der überschaubaren Anzahl Level sind derartige Stellen, genau wie auf Anhieb nur schwer zu erkennende abgesteckte Wege, etwa auf einem Hausdach, zwar schnell eingeprägt, eine Spazierfahrt ist “Guwange” deshalb aber dennoch nicht. Ab dem dritten Level zieht der Schwierigkeitsgrad enorm an und die Post geht derart ab, dass hier für Spieler, die nicht nur “Core” sondern auch gleichzeitig Shooter-Liebhaber sind, schnell die Glocke zum Münz- beziehungsweise Continue-Grab klingelt. Aber das ist eh nur entscheidend, möchte man das Spiel auf eine angemessene Highscore spielen, womit wir wieder beim Kernspieler wären. Für alle anderen bietet Guwange vor allem ein stimmiges Setting, das uns variantenreich die Artenvielfalt der japanischen Mythologie um die Ohren haut. Zusätzlich zu den gefühlt 500 Schüssen. Vom Tengus mit langen Nasen über mächtige Tausendfüßler bis hin zu Spinnen mit Katzenköpfen war den Designern keine Fratze zu hässlich und keine Gestallt zu krank. Und mittendrin rückt noch schweres Kriegsgerät aus Holz und Metall heran, um uns das Leben und die Jagd auf die Highscore schwer zu machen. Denn erlegte Gegner hinterlassen Goldmünzen, deren Aufnahme in kurzer Abfolge den Münz-Zähler nach oben treibt und so den Wert für jeden weiteren aufgenommenen Bonus erhöht. Aneinander gereihte Abschüsse von Gegnern addieren sich obendrein zum Skull-Zähler, der uns, ist er einmal voll aufgeladen, mit weiteren Goldmünzen prämiert. Nur wer die beiden Zähler im Auge behält, kann auf einen der vordersten Plätze in der Punktetabellen hoffen.

Wie von einem Live Arcade Titel für 800 Microsoft Punkte zu erwarten, hat sich Cave nicht hingesetzt und das Spiel grafisch auf den neuesten Stand gebracht. Guwange sieht aus, wie Spiele vor über 10 Jahren halt aussahen und gewinnt heute sicher keinen Schönheitspreis mehr. Aber weniger ist manchmal mehr und bei Titeln wie diesen zählt es ja auch, das ganze so nah am Spielhallen-Original wie möglich zu spielen. Wer sich allerdings darauf gefreut hat, den alten Tate-TV für das Spiel auf die Seite zu stellen, um das Bild hochkant und im Original-Flair zu genießen, der dürfte enttäuscht werden. Es ist zwar möglich das Bild zu drehen, allerdings hat Cave wohl vorausgesetzt, dass heute nur noch 16:9 Fernseher an der Xbox 360 angeschlossen werden. Wer für Zwecke wie das Tate-Spielen von Vertikalshootern noch eine 4:3 Röhre sein eigen nennt, der guckt in die selbe, wenn er erkennt, dass das Guwange-Bild auf 4:3 nicht komplett dargestellt wird. Das ist schade und wird hoffentlich noch durch ein Update behoben. Schließlich sind aktuelle 16:9 Flachbildschirme oftmals nur umständlich bis gar nicht zu drehen. Da kann man nur hoffen, dass das Heimkino im Wohnzimmer bereits Einzug gehalten hat und eine entsprechende Bildschirmdiagonale vorhanden ist, damit wir Guwange auch noch vom Sofa aus spielen können und nicht auf Knien vor dem TV mit der Nase am Bildschirm klebend.

Dass man Guwange noch mal an einer aktuellen Konsole und mit fordernden Xbox Live Erfolgen spielen kann, ist löblich. Dass die Zielgruppe, die eh schon beim Wort „Umsetzung” skeptisch schaut und mit der Keule im Anschlag steht, durch Fahrlässigkeit bei den für diese Spieler so wichtigen Bildschirmeinstellungen unnötig verärgert wird, ist allerdings mehr als schade (Update: mittlerweile ist das Problem durch einen Patch behoben). Ich spreche dennoch eine Empfehlung aus und der hässliche Guwange-sama am Ende von Level Sechs bekommt gleich noch mal ordentlich eins auf die Mütze!