Gungrave

Am 30. September 2012 in spiel

Mindestens einmal im Jahr setzte ich mich an meine Playstation 2. Ohne Social Network á la Xbox Live oder PSN, ohne HD Grafik. Vor der guten alten 4:3 Röhre. Aber mit einem kalten Getränk, einem Snack und dem Spiel Gungrave. Teil Eins, nicht der verschlimmbesserte Nachfolger. Warum diese Stunde im Jahr mit zu meinen schönsten Spielerfahrungen zählt, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.

Die Handlung ist eigentlich nebensächlich, wird aber dennoch stilecht und sehr gut in Form von Anime-Einspielern zwischen den sechs Leveln präsentiert. Der Spieler schlüpft in die Rolle des Brandon, einem Mitglied des organisierten Verbrechens, dem die Loyalität zu seinem Boss bei einem Putsch der Kollegen zum Verhängnis wird. Mit einer Kugel im Kopf fliegt der gute Mann aus einem Fahrstuhl hundert Meter in die Tiefe. Anstatt danach aber in Frieden zu ruhen, kehrt er lieber mit Hilfe eines mysteriösen Doktor T von den Toten zurück um fortan als zielsicherer Zombie Cowboy “Beyond The Grave” das Leben seiner Ex-Kollegen zur Hölle zu machen. Die haben es nämlich auf die Tochter ihres ehemaligen Bosses abgesehen. Etwas das sich im Nachhinein als grober Fehler entpuppt.

Das Spiel konzentriert sich aufs wesentliche: ballern. Bereits nach wenigen Sekunden wird klar, worum es den Entwicklern ging. Dann nämlich, wenn Beyond the Grave seine Cerberus Pistolen zückt, sie kunstvoll zwischen den Fingern dreht und die Aufforderung „Kick Their Ass!“ auf dem Bildschirm erscheint. Und den Hintern versohlt man den Gegnern. Mit allem was uns zur Verfügung steht. Einzelne gezielte Schüsse, ein tödlicher um die eigene Achse drehbarer Pistolentanz, wenn wir die Knöpfe des Pads im Dauerfeuer bearbeiten, ein Hechtsprung gepaart mit einer Kugelsalve oder der Sarg auf dem Rücken des Heldens, der kurzerhand als Nahkampfwaffe genutzt werden kann. Stilistisch auf hohen Niveau verpackt bringt all das dem Spieler Spaß, dem Punktekonto Plus und den Gegnern den virtuellen Tod. Wer mag, darf durch gedrückt halten von R2 die Zeitlupe aktivieren. Unendlich, solange man will. Style hat Vorrang. Große Angriffswellen und dicke Bosse erledigt man am besten mit einer der vier Superwaffen, die allesamt eingebaute Features des Sarges auf Brandons Rücken sind. Der wird dann kurzerhand zu Raketenwerfer, Minigun oder beidem umfunktioniert und kann, im richtigen Moment bei Bossen kurz vor deren Ableben eingesetzt, auch zu schön dargestellten Todesstössen in Form von kleinen Einspielern führen. Geübte Spieler erfreuen sich am Beat-Zähler, der nach oben schnellt, wenn mehrere Gegner oder auch umherstehende Gegenstände mit nur kurzen Pausen hintereinander durchsiebt werden und versuchen diesen möglichst durch ganze Abschnitte hochzuhalten. Die superbe musikalische Untermalung von Tsuneo Imahori und der tolle Cel-Shading Look tragen ihrerseits zum positiven Gesamteindruck des Spiels bei.

Gungrave ist wie ein guter Actionfilm. Man kann es immer mal wieder zwischendurch einlegen und hat eine Stunde lang einen Heidenspaß. Wenn man am Ende mit ausgestreckter Waffe seinem Widersacher in luftiger Höhe vor blauem Himmel gegenübersteht, hat die Spannung ihren dramatischen Höhepunkt erreicht. Und genau wie ein Actionfilm ist auch Gungrave sicher nicht jedermanns Sache. Der lineare Levelaufbau, gepaart mit der Nonstop Action können je nach Spieler Segen oder Fluch zugleich sein. Wer sich darauf einlassen kann, erlebt hier die Faszination klassischer zweidimensionaler Shoot’em-Ups in der dritten Dimension. Und das alles auch noch extrem stylish verpackt.