Gungrave Od

Am 4. März 2012 unter

Title: Gungrave OD

Date: 2012/03/04 — layout: post title: “” tags:Tags: spiel —- Text:Ihr kennt das. Ihr sitzt total übermüdet vor der Konsole und wisst nicht so recht, wie es jetzt weitergeht. Für den aktuellen Triple-A Titel seid ihr zu müde, für eine Highscore in einem eurer Arcade-Klassiker auch. Was also tun? Etwa ins Bett gehen? Nee. Gut, wenn man in solch einem Fall einen No-Brainer auf der Platte der Konsole hat. In meinem Fall: Gungrave OD.

Warum, fragt ihr? Nun ja, ich gehöre zu dem kleinen Teil der Spielergemeinschaft, die den Glanz des ersten Gungrave Spiels voll erkannt haben. Es ist perfekt. Nö, sagt ihr. Ist mir egal. OD fand ich damals dann allerdings richtig schlecht. Manchmal heilt die Zeit aber solche Wunden. Deswegen präsentiere ich mit Lange nicht gesehen, Gungrave OD den ersten Teil meiner neuen Serie auf Dons Welt: Spiele, denen ich nach langer Abstinenz mal wieder ein wenig Zeit widme.

In froher Erwartung des potentiellen Überknallers “Journey” habe ich mir vor einigen Tagen etwas Geld auf das PSN Konto geladen. Auch das habe ich lange nicht mehr gemacht. Zuletzt bei “Flower”, welch Ironie, von den selben Entwicklern. Ich hatte ein paar Euro über und wollte diese sinnlos im PSN, SEN oder WTF das Teil jetzt auch heißt ausgeben. Aber wofür? Ein dynamisches Thema? Meh. PSP-Klassiker? Klar, würde es die richtigen Klassiker im deutschen Store geben bestimmt. Minis? Warum nicht. Aber halt! PS2-Klassiker? Wie gerne würde ich meine Lieblingsspiele von der Playstation 2 auf der Dreier wieder neu erleben. Super Idee. Aber auch hier wartet nur ein dünnes Angebot. Nur wenige meiner persönlichen Klassiker haben es in den Store geschafft. Lust hatte ich auf diese aber nicht. Dann fand ich Gungrave OD. Meine Hassliebe. Ich wusste noch zwei Dinge: es war Mist und ich habe es zigmal durchgespielt. Der Knoten in meinem Kopf schmerzte. Warum habe ich es mehrmals durchgespielt, wenn es Mist war? Denjenigen, die mich länger kennen, werden jetzt spitze Bemerkungen auf der Zunge liegen. Aber nein, ich habe früher nicht grundsätzlich alle schlechten Spiele gezockt. Ich habe viele von ihnen nur anders interpretiert und hatte damit sehr viel Spaß. Aber bei Gungrave OD war das nicht so. Das weiß ich noch. Hm.

Ich gab also blind die 5 Euro aus, installierte den Schmu eine halbe Ewigkeit und vergaß, was ich überhaupt gekauft hatte. Tage später, also jetzt, sehe ich mich mit dem Spiel konfrontiert. Ich bin müde und brauche etwas, wo ich mein Hirn nicht einschalten muss. Gungrave OD? Perfekt. Meine PS3 kann Hardware-seitig keine PS2 Spiele emulieren. Ich weiß nicht ob es also an der Software-Emulation liegt, dass ich mein Spiel mit einer Handvoll Bilder pro Sekunde starte. Alles ruckelt, alles zappelt. Aber Grave schießt, was das Zeug hält. Ich erkenne in der verwaschenen Grafik mit ihren armen Texturen nicht viel, aber ich höre Schreie. Das ist gut, denke ich. Ich erinnere mich an Teil Eins und ziehe Vergleiche. Schöne Cel-Shading Grafik (1) zu verwaschenen Texturen (2). 30 Bilder pro Sekunde mit gelegentlichen aber für Shoot’em-Ups obligatorischen Einbrüchen (1) zu durchgehend, ich schätze mal 10 Bildern pro Sekunde (2). Durchdachtes Level-Design mit vielen Kombo-Möglichkeiten für geübte Spieler (1) zu immer wieder neuen Gegnermassen, die einfach nach und nach auf mich losgelassen werden (2). Schön gestaltete Umgebungen (1) zu richtig öden Levels, deren wenige Tilesets sich immer und immer wieder wiederholen (2). Originaler Soundtrack, der wunderbar zur tollen Atmosphäre und der klasse Präsentation beiträgt (1) zu Recycle-Musik, die nur noch sporadisch ertönt und einer Waschsalon-Atmosphäre (2). Wow, das Ding ist richtig mies. Overdose steht hier wirklich für eine Überdosis an Design-Fehlern.

Aber ich mashe wie ein Bekloppter auf dem Square-Button herum und habe dennoch Spaß. Mehr geht heute eh nicht, denke ich. Stage 1, Stage 2, Stage 3. Hui! Zumindest die Umgebung der Dark City sieht gar nicht mal schlecht aus. Auf einem öden Hausdach wird meine kurz aufkeimende Euphorie durch gefühlt 500 Gegner, die immer wieder, scheinbar aus einem Sack im Himmel, auf mich herabgelassen werden, arg gedämpft. Ich fühle mich an NeverDead erinnert. Ich erinnere mich, wie ich beim Anblick eines der ersten Videos zu dem Spiel dachte, hey, dass könnte der geistige Nachfolger zu Gungrave Teil Eins werden. Es wurde aber leider die geistige Nachgeburt des Gungrave Nachfolgers. Verdammt! In einem Supermarkt blühe ich wieder auf. Bei Gungrave konnte man immer schon ALLES kaputt schießen. Auch in OD. Meinen Augen entweicht ein leichtes Glühen, als ich Regale, Dosen, Kisten, Flaschen und Menschen zu Staub schieße. Der Rauch legt sich, das Level ist leer. Ich kann aber noch nicht fortfahren, weil ich scheinbar den unsichtbaren Trigger im Raum nicht berührt habe! Ich laufe die große zerschossene Halle von einer Ecke in die andere ab und erwische tatsächlich den Trigger, woraufhin, wer hätte das gedacht, neue Gegner erscheinen. Ich fange wieder an zu schießen und wiederhole die Prozedur noch zweimal. Puh.

Der fünfte oder sechste Endgegner sieht aus wie eine schlechtes Plagiat eines Fujikoma aus Ghost in the Shell. Er ist schon bissiger und verlangt das erste Mal so etwas wie den Einsatz von Taktik (sprich: ich muss mich ab und an hinter einer Säule verstecken. Das ist fast zu viel für mich in dieser Nacht …). Als ich ihn erledigt habe, wirft mir das Spiel direkt im Anschluss und im gleichen Raum zwei von ihnen vor. Ich bin ob der offensichtlichen Ratlosigkeit der Entwickler so fassungslos, dass ich sofort erschossen werde. Game Over. Continue? Ne. Ich kehre zurück ins Hauptmenü und da trifft es mich, wie ein Blitz. Ich starte schnell ein neues Spiel, wähle aber nicht Grave als Charakter sondern … ROCKET BILLY RED CADILLAC! Ein in roter Lederkombi gekleideter Rockstar mit blonder Tolle und einer Gitarre, die zielsuchende Blitze schießt. Das Raiden-Laser-Feature in Gungrave OD. Ich spiele das erste Level erneut, brate hunderte von Gegnern zu geshredderten Gitarren-Riffs, rutsche auf Knien in Gegnermassen, spiele mein Instrument zu Tod und Zerstörung. Es gibt kein Spiel, in dem eine elektrische Gitarre so schön eingesetzt wird. Keins! Ich freue mich, lache, nicke kurz ein. Zu müde. Beim Gedanken an das, was ich vor Billy im Spiel durchmachen musste, verlässt mich dann auch die Lust. Die angesprochenen Fehler werden ja auch trotz ihm nicht besser. Schade. Ich schalte die Playstation 3 ab, falle ins Bett und träume von Gungrave Eins mit Rocket Billy Red Cadillac. Himmel, wäre das schön!