Grand Theft Auto V

Am 30. September 2013 in prosa spiel

Mein kleines Boot legt vom Anleger ab und bewegt sich hinaus auf das Meer. Wellen brechen, die Sonne scheint. Es dauert nicht lange, da sehe ich den ersten Hai. Relativ groß. Prüfend schwimmt er dicht am Boot vorbei um dann wieder Abstand zu gewinnen. Immer und immer wieder. Ich springe vom Boot und beobachte ihn unter Wasser. Nun umkreist er mich. Bevor er sich vielleicht doch noch entscheidet, von mir zu kosten, klettere ich wieder ins Boot und beobachte den Sonnenuntergang. Die Nacht fällt und es wird Zeit für meine immer wiederkehrende Prozedur.

Wie der Hai umkreise ich in meinem Stallion V8 die Blocks der Stadt auf der Suche nach Opfern. Fahre immer dicht an Geschäftsfronten heran, lote aus, ob noch Licht brennt, entferne mich wieder. Bereits nach wenigen Minuten werde ich an einer Tankstelle fündig. Ich parke den Wagen an einer Zapfsäule. Anstelle zu tanken betrete ich aber direkt den kleinen angeschlossenen 24-Stunden Supermarkt. In meiner Hand eine automatische Shotgun. Beim Auslösen der Klingel über der Eingangstür blickt mich ein Pärchen an, das vor den Spirituosen steht. Beim Anblick meiner Waffe ducken sich beide mit den Händen über dem Kopf hinter ein Regal. Ich richte die Waffe auf den Kassierer, der daraufhin eiligst die Kasse leer räumt.

Einige Sekunden später verlasse ich, unter den ängstlichen Blicken des Angestellten und mit einer Tüte voller Geldscheine die Tankstelle, steige in den Wagen und fahre mit Vollgas in die Nacht. Ungleich dem Hai bin ich nicht die Spitze der Nahrungskette. Sirenen machen mir klar, dass jetzt ich der Gejagte bin. Ich trete den Stallion bis zum Anschlag und steuere ihn in ein kleines Wohngebiet. Unter einer Brücke bringe ich den Wagen zum Stehen, um den Scheinwerfern eines Helikopters zu entkommen. Vor mir an der Kreuzung biegt einige Minuten später ein von links kommender Polizeiwagen mit Suchscheinwerfern ab. Ich folge ihm vorsichtig.

Das ist der Moment in dem ich die Playliste mit dem Drive-Soundtrack starte. Bässe wippen. Die Spannung steigt. Zu den Chromatics überhole ich den Polizeiwagen an einer Kreuzung und gebe Vollgas. Drei, maximal fünf Minuten dauert es normalerweise, bis ich wieder clean bin. Die, die zehn Minuten und länger dauern sind aber die Besten. Danach bin ich wieder der Hai. Fahre wieder dicht an den Fronten von Häuserblocks vorbei. Immer auf der Suche, um diesen einen Moment zu erleben.

Nach dem dritten Überfall und der dritten Verfolgungsjagd frage ich mich kurz, ob das, was ich hier mache, vielleicht moralisch verwerflich ist. Soweit habt ihr mich schon. Ich denke an den sechzehnjährigen Sohn, der Grand Theft Auto V spielt, nachdem er uns mit dem Argument kaltgestellt hat, warum er denn ein Spiel mit fiktiver Handlung erst in zwei Jahren spielen darf, wo doch die Nachrichten aus der Realität so viel grausamer und vor allem auch für ihn bereits allgegenwärtig sind.

Ich musste dann an mich denken, wie ich mit vierzehn Jahren Commando Lybia auf dem Commodore 64 zockte und wie mitgenommen ich war, als dieses Spiel im Jahre 2011 in Teilen plötzlich Wirklichkeit wurde. Nicht, weil mein 1987er Ich bei einem Spiel in Bonusrunden begeistert auf die Kinder eines Diktators geschossen hat. Denn das war nur ein Spiel. Eine Handvoll Bits und Bytes. Mit einem Skript, bestehend aus drei, vier Zeilen. Entstanden als Reflexion der damaligen Realität. 2011 war sie wieder da, diese Realität. Eine, die wieder in unzähligen Büchern, Filmen und sicher auch in Spielen reflektiert wurde.

Nein, ich halte Grand Theft Auto nicht für moralisch verwerflich. Es ist nur ein Spiel, das durch seine Ästhetik in der Erzählung Reize in mir weckt, die ich sonst nur aus Filmen und Büchern kenne. Es ist aber vor allem auch ein Spiel, das es mir überlässt, wie ich es abseits der Story zu spielen habe. Ohne Nutten. Ohne Status-Symbole und sogar ohne Blutvergießen. Das ist gut. Sehr gut.

Die Sonne geht auf. Ich parke den Stallion am Pier und genieße den Anblick des riesigen Feuerballs, der aus dem Meer aufzusteigen scheint. Zeit für mein Boot. Zeit, die Haie zu beobachten. Der alte Mann und das Meer.