Findet Dorie

Am 10. Oktober 2016 in film

Wenn meine Tochter Filme wie „Findet Dorie“ sehen will, dann nehme ich das als Anlass für ein soziales Experiment: Familienkino. Sonntag ist bei uns Kinotag, die Preise im Astor in der Nikolaistraße relativ günstig und die Säle entsprechend voll. Wenn, wie in meinem Fall, das eigene Kind in der Lage ist, einen kompletten Film sitzen zu bleiben, nicht in ruhigeren Dialogszenen einer alternativen Beschäftigung nachgeht und auch nicht alle zwei Minuten „Wo ist denn [Name eines der Protagonisten]?“ fragt, sitzt man als Elternteil einigermaßen entspannt in einem Chaos aus Popcorn, zuckerhaltigen Getränken und (das war auch für mich, ein Veteran des Familienkinos, neu) Nerf-Pfeilen. Das fühlt sich wahrscheinlich so an, wie sich die Sorte Eltern fühlen, deren Kleinkinder einfach so durchschlafen. Ein gewisses Wohlbehagen auf der eigenen und großer Neid auf der anderen Seite.

Ich beobachte aber nicht nur gerne die Kinder, sondern auch deren Eltern. Die durchgestylte Mutter mit der Stubenfliege-Puck-Sonnenbrille im Haar und dem Dolce und Gabbana-Täschchen unterm Arm, die sich fünf Minuten nach Filmbeginn mit ihrem Spross durch die Reihen drängt und diesem dann erst einmal eine Predigt hält, er solle sich doch gefälligst entschuldigen, weil er gerade zwei Besuchern die großen Colas und eine Tüte Popcorn umgetreten hat.

Ich spiele auch gerne Vorfilm-Bingo: Wer sagt wohl dieses mal zuerst „Ist das jetzt schon [Name des Films]?“ Die Kinder oder ein Elternteil? Meistens gewinnen die Eltern. Manchmal ist es für einen kurzen Moment etwas ruhiger im Kino. Vor dem Film, wenn dieser eine eigene Kampagne gegen nervige Telefone während der Vorstellung mitgebracht hat. Ein betretenes Schweigen der Eltern ist das dann, bevor sie zwei Minuten später wieder in einer WhatsApp-Gruppe versinken, weil sie vergessen haben, ob Maximilian-Finn morgen den Turnbeutel mitnehmen muss.

Der Stubenfliege Puck fällt rechts neben mir der Prosecco Piccolo aus der einen und beinahe noch das rosé-goldene iPhone aus der anderen Hand, nachdem sie von einem Nerf-Pfeil unsanft an der Schläfe getroffen wurde. In irgendeiner Ecke rammt ein Vater daraufhin seinen Sohn verbal und unangespitzt in den Kinofußboden. Links von uns hat sich ein Kind in einer nicht ansatzweise angemessen gewürdigten akrobatischen Meisterleistung zuerst die Fanta und dann das Popcorn über das Minion-T-Shirt gekippt. Es klebt und heult. Irgendwo erklingt ein WhatsApp-Nachrichtenton.

Vor mir … oh! Vor mir läuft ja „Findet Dorie“. Ich war irgendwie abgelenkt. Der Humor passt. Die Geschichte wirkt abgedroschen, denn sie ähnelt doch stark der des ersten Films. Irgendwie gelingt er am Ende aber doch noch, der Spagat zwischen Disney-Fortsetzung und Pixar-Kunst. Bonuspunkte gibt es für die anatomisch korrekte Darstellung einer Halbglatze an einem Doktorfisch. Einmal gibt es anstelle von Sigourney Weavers Stimme in der deutschen Version die Stimme von Franziska van Almsick. Joah, kann man machen. Die Kinder tangiert das nicht. Die haben ja auch weder Alien gesehen noch zu den olympischen Sommerspielen 1996 in Atlanta onaniert. Ich schon, verstehe es aber trotzdem oder gerade deswegen nicht.

Vor mir sitzt mit gekreuzten Beinen Maximilian-Finn und müsste jetzt mal ganz dringend aufs Klo. Ich lehne mich entspannt noch ein bisschen weiter zurück. Ganz am Ende des Films, als das Licht schon wieder an ist, sitzen nur noch meine Tochter und ich im Saal. Es ist wunderbar ruhig. Wir lachen noch einmal zusammen mit dem im Anschlag stehenden Putzkommando über den Schlussgag und verlassen dann in aller Ruhe den Saal. Familienkino. Mag ich.