Everybody's Gone To The Rapture

Am 18. August 2015 in spiel

Meine Tochter und ich stehen, mit aufgeklappten Regenschirmen bewaffnet, in einem Park in Hannover. Es regnet. Es regnet bereits seit gestern Nacht und es hat noch nicht ein einziges Mal aufgehört. Über uns hören wir das Geräusch der Regentropfen auf unsere Schirme prasseln. Im gespenstisch leeren Basketballkäfig, wie wir die eingezäunten Sportanlagen nennen, kommen die einzigen Geräusche ebenfalls vom Regen, der rhythmisch in die Pfützen platscht. Die Ringe, die dabei entstehen, sind die einzige auszumachenden Bewegungen weit und breit. Der Park ist wie ausgestorben. Genau so habe ich meine letzten Nächte verbracht. Allerdings nicht in Hannover, sondern in Shropshire, einer Gegend irgendwo in England und Schauplatz des Spiels Everybody’s Gone To The Rapture auf der Playstation 4.

Der spirituelle Nachfolger von Dear Esther, ebenfalls vom Entwickler The Chinese Room, lädt ein zum Ent- und Aufdecken. Und zwar der Vergangenheit. In Shropshire ist nämlich keiner mehr da. Irgendwas hat sämtliche Einwohner mit Kind, Kegel, Nutz- und Haustier ausgelöscht (Vögel zwitschern aber noch). Das wirft natürlich Fragen auf. Vor allem, weil ich als Spieler jetzt mitten in diesem Kaff stehe und auch nicht mehr rauskomme. Antworten auf meine Fragen soll mir das Licht geben. Ein Licht entspricht in Rapture einem Geschichtsstrang einer maßgeblich am Untergang beteiligten Person. Deren finale Momente im Leben vor der Apokalypse kann ich, bruchstückhaft, Revue passieren lassen, wenn ich dem entsprechenden Licht von Ereignis zu Ereignis folge. So erfahre ich Stück für Stück, was hier zur Katastrophe geführt hat. In bester Akte X Manier wirft dabei jede Antwort mindestens zwei neue Fragen auf, woraufhin ich einen Blick auf den Abspann des Spiels, unter einem Berg von Fragezeichen begraben, gerade noch so durch einen kleinen Spalt heraus erhaschen konnte.

Aber genau so soll das ja sein. Schließlich will ich über diese Dinge in meinem Kopf noch ein paar Tage grübeln. Das macht ein Spiel wie Everybody´s Gone To The Rapture ja aus und die Atmosphäre, die sich auf dem Weg zur Auflösung aufbaut, ist dafür auch eimalig. Bereits nach wenigen Ereignissen und den ersten Häppchen der Geschichte wollte ich wissen, was hier passiert ist und es fiel mir schwer, das Pad für eine Pause wegzulegen.

Allerdings sind auch noch Dinge hängengeblieben, die ich dann doch gar nicht so prickelnd fand. Zum Beispiel der Fakt, dass Rapture auf der Playstation 4 zwar unheimlich gut aussieht, es aber trotzdem nicht schafft, diese Pracht in ruckelfreien sechzig Bildern pro Sekunde zu zeigen. Obwohl hier ja wirklich nur die Umgebung dargestellt werden muss. Es bewegt sich ja sonst fast gar nichts. Außer der Spielfigur selbst, wenn es denn eine ist, und die ist nicht gerade gut zu Fuss und lahmt eher so ein bisschen gelangweilt hinter den Lichtern her. Das wirkt weniger wie jemand, der unbedingt Antworten auf all die Fragen haben will, sondern eher wie jemand im Enschede Urlaub, mit fünf Sportzigaretten und einem Küchlein intus. Da hilft auch die ominöse Lauftaste (R2) nicht viel, deren Effekt mindestens genau so mysteriös ist, wie das Verschwinden der Bewohner im Land selbst. Bei einem Spiel, in dem ich nur umherwandern kann, sollte sich das Umherwandern schon ein wenig besser, irgendwie dynamischer, anfühlen.

Das Schlimmste an Rapture aber ist die verbockte Speicherpolitik. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das 2015 noch schreiben muss, aber das Spiel speichert den eigenen Fortschritt nur automatisch und das nur bei bestimmten Ereignissen im Verlauf der Story. Das wäre eigentlich kein Problem, wenn es nicht überall in der Umgebung Dinge zu entdecken gäbe, die diverse Trophäen freischalten. Bewege ich mich abseits der Lichtpfade, um Radionachrichten oder Telefongesprächen zu lauschen, muss ich danach erst wieder ein neues Ereignis finden und auslösen, damit die Geschichte weitergeht und somit mein Fortschritt gesichert wird. Das ist so blöd, dass ich mich fragen muss, ob die Entwickler selbst überhaupt Spiele spielen und wenn ja, ob ihr eigenes in finaler Fassung denn auch mal dabei war.

Ich hätte so eine Lust alle Trophäen in Rapture zu erspielen, habe aber einfach nicht die Zeit zwei, drei Stunden ohne einen Speicherpunkt umherzuirren. Warum die überall anzutreffenden Telefone zum Beispiel nicht als solche funktionieren, weiß wohl auch nur das Licht und ist eine weitere Frage, die nicht beantwortet wird. Zu allem Überfluss bietet das Spiel außerdem auch kein Zurück mehr, wenn ihr das Finale erreicht habt. Euer Speicherstand ist dann ein Schleife, die euch lediglich immer wieder das Ende des Spiels vorsetzt. Eine Chance, dann noch einmal auf Entdeckungstour zu gehen, wird euch, wie mir, verweigert. Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal so viel Potential gesehen habe, das einfach so ins Klo gespült wurde.

Nichtsdestotrotz ist Everybody’s Gone To The Rapture ein Spiel, das, wie bereits erwähnt, auch mit positiven Erinnerungen hängen bleibt. Es ist aber noch deutlich Luft nach oben und es wäre schön, wenn beim nächsten Spiel dieser Art einfach mal die Basis perfektioniert und dann eine tolle, mysteriöse Geschichte drumherum gestrickt wird.