Drive

Am 5. Februar 2012 in film

Letztes Jahr hat meine Frau im Kino Drive mit Originalton in einer Sneak erleben dürfen. Leider ohne mich. Ich war ein gebrochener Mensch. Der Moment, in dem sie mir erklärte, Sie hätte gerade meinen Film des Jahres gesehen, hatte es nicht besser gemacht. Jetzt, Monate später, ist die Blu-ray in England endlich erschienen und bei uns als Import angekommen. Aber was, wenn mir der Film nicht gefallen hat? Sollte ich dann meine Ehe überdenken? Nun, zum Glück muss ich mir darüber keine Gedanken machen.

Ryan Gosling ist ein wertvoller Schauspieler. Wenn in einem Film wenig gesprochen wird und der Protagonist in einer gewissen Weise abwesend wirken soll wie in Drive, dann ist die Hauptrolle allzu oft ein Gesichts-Frodo, also jemand, der in jeder Szene gleich guckt. Der Gosling als Driver kann zum Glück mehr. Schaut immer abwesend, ist immer in Gedanken, schaut aber selten gleich und schon gar nicht aus der Wäsche. Nicolas Winding Refn ist ein wertvoller Regisseur. Seine Karriere makellos. Zumindest für mich. Die Pusher Trilogie, Bronson, Valhalla Rising. Alles Filme, die mich auf der ganzen Linie überzeugt haben. Wenn ich mir meine anderen Lieblings-Regisseure so ansehe, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten, wie er dieser Karriere einen Knacks verpassen kann: Er müsste einen Alien-Teil oder einen Film mit Madonna drehen. Beides sehr unwahrscheinlich.

Wir können also durchatmen. In einem Interview erklärte Refn, er habe das Script und die weibliche Hauptrolle im Vergleich zur Buchvorlage geändert, nachdem er Carey Mulligan als Irene gecastet hat. Das hat er gut gemacht. Denn mal ehrlich, wollen wir das sehen? Eine punktgenaue Verfilmung, bei der die Schauspieler nicht alles geben können? Da hat der Refn bewiesen, dass er Eier hat und opfert eine Handvoll Bauern. Mir recht. Denn das Ergebnis ist atemberaubend gut. Zumindest, wenn man auf kontrastreiches Art House Kino steht. Alle anderen gehören zu denen, die sich bei Drive langweilen, gar das Kino verlassen. Oder zu denen, die aufwachen, um dann erbost das Kino zu verlassen, wenn in der zweiten Hälfte die Ruhe zerrissen und die Gewalt zelebriert wird, als hieße der Regisseur Takeshi Kitano.

Diese Menschen tun mir ein wenig leid. Denn ihnen entgeht vielleicht mein großartigstes Filmerlebnis dieses Jahres und das ist ja noch nicht besonders alt. Ich bin aber bereit, meine Hand dafür ins Feuer zu legen. Weil jede Szene in Drive ein Kunstwerk, jeder Schauspieler auf dem Peak seiner Performance und jeder Ton perfekt auf das aktuelle Bild abgestimmt ist. Und auch wenn man, wie ich, mit den Gesangsspuren des Soundtracks wenig bis gar nichts anfangen kann, ist ihre Wirkung doch verständlich und immer treffend. Meine Ohren waren dafür immer dann hellauf begeistert, wenn Cliff Martinez mit seinen gewaltigen Instrumentalen versuchte, mich in musikalischer Melancholie zu ertränken. Ein schöner Tod.

Ich denke nicht, dass es schwer zu erkennen ist, wie sehr ich beim Schreiben dieser Zeilen durch eine rosa (hier wohl eher passender: pinke) Brille schaue. Diese Freiheit nehme ich mir an dieser Stelle im Netz. Ich gebe euch jetzt einfach noch dieses knappe, wie ich finde aber sehr passende Fazit mit auf den Weg: Drive ist in meinen Augen schlicht großartig. Und großartig schlicht. Kaufen. Die englische Blu-ray oder meinetwegen auch die deutsche Kinokarte.