Die Unerträglichkeit der Unendlichkeit

Am 6. Mai 2013 in prosa

Er blinzelt, schließt die Augen und läuft los. Mit geschlossenen Augen, blind, aber sehr genau wissend wohin. Er schreit. Er schreit für sie. Für sein Pferd. Für das, was er durchgemacht hat. Immer und immer wieder. Und plötzlich trifft ihn die Wahrheit wie ein Blitz, mitten ins Mark. Es wird wieder nicht das letzte Mal sein. Er wird sich wieder abschuften, wird fluchen, weinen und er wird sich vor Schmerzen und vor Wut übergeben. Wie er es schon unzählige Male tat und wie er es noch unzählige Male wieder tun wird. Er bremst ab. Staub, Erde und Dreck fliegen durch die Luft. Seine Augen schlagen ruckartig auf und schweres Atmen ist aus seiner Lunge zu hören. Plötzlich erschrickt er, als wäre er aus einem Tagtraum erwacht. Ein Blitz trifft ihn an der Schulter und sein schmächtiger Körper wird meterweit durch die Luft geschleudert. Verdammt denkt er, noch während ihn der Schmerz in seinem Körper zu zerreißen droht. Mit einem schweren Krachen schlägt seine Hüfte auf den Boden. Sein Körper dreht sich fünf, sechs mal um die eigene Achse. In einer Wolke aus Staub und Gras kommt der kleine Körper zur Ruhe. In exakt diesem Moment tritt der richtige Schmerz ein. Nicht gedämpft durch die Überraschung, von etwas getroffen worden zu sein. Zehn-, fünfzehn-, zwanzigfach stärker als das, was er vor Sekunden noch in der Luft wahrgenommen hat. Mit schmerzverzerrtem Gesicht stützt er sich auf beide Arme. Der Blitz schlägt erneut ein. Vor ihm in einen kleinen Fels. Er analysiert die Lage. Der Stein schützt ihn. Gönnt ihm eine kleine Pause. Er schmeisst sich auf den Rücken, verzieht erneut das Gesicht und schließt wieder die Augen. Stille. Donner. Stille. Donner. Stille. Eine Träne.

Ist der Koloss böse, Papa? fragt mich meine kleine Tochter. Ja, sage ich. So, wie ich es immer tue, wenn sie mir diese Frage stellt. Weil ich ihn angreife, sage ich. Wie immer. Es fasziniert sie sehr, dass etwas so Großes, Unheimliches (Nur die Augen, Papa. Nur die Augen finde ich unheimlich) nicht automatisch böse ist, sondern sich schlicht verteidigen will. Es ist ein bisschen schade, dass man gegen die Kolosse kämpfen muss, findet sie. Genau das finde ich auch. Die meisten Hardcore-Fans von Shadow of the Colossus finden das. Wenn ich zum unzähligsten Mal zu einem Koloss reite, während meine Tochter mir dabei zuguckt, kann ich ihre Fantasie förmlich arbeiten hören. Pass auf, Papa, der Koloss könnte schon hinter dem Berg da sein. Papa, ich glaube der Berg ist ein Koloss! Sie versucht auch zu erraten, welchen Koloss wir zum wiederholten Male aufsuchen. Anhand der Umgebung. Oft hat sie Recht. Wenn ich aufgrund der schwammigen Steuerung oder der mäßig bis katastrophalen Kamera fluche, wie ich es bei dem Spiel immer tue, versucht sie mich aufzumuntern. Papa, du schaffst das! Natürlich schaffe ich es und immer wenn ich mich auf einem der Kolosse einem leuchtenden Siegel nähere, gräbt meine Tochter ihr Gesicht in ein Kissen. Darf ich wieder gucken, Papa? Nein. Darf ich jetzt gucken, Papa? Nein. Jetzt? Gleich. Gleich? Ja. Jetzt? Ja. Der Koloss bricht zusammen. Du hast es geschafft, Papa. Jetzt musst du schnell zurück zu deiner Freundin in den Tempel! Während Wanda im Spiel zum gefühlt hundertsten Mal von einem Teil der Seele Dormins getroffen wird, rät meine Tochter schon, welcher Koloss als nächstes kommt. Einen noch, Papa, ja? Es ist noch nicht lange her, dass wir angefangen haben, zusammen ein Videospiel zu spielen. Oder besser, dass sie mir dabei zusieht. Mit Ôkami fing es an. Danach kam Shadow of the Colossus dran. Dabei blieben wir hängen. Ein Koloss, Papa. Bitte ein Koloss. Zweimal habe ich es jetzt in ihrem Beisein durchgespielt. Es reicht ihr nicht. Es übt auf sie die gleich Faszination aus, wie der alte Playstation 2 Titel bei ihrem Bruder damals. Mein Geschenk an die neuen Generationen: mit Shadow of the Colossus die Faszination Videospiel zu begreifen. Jetzt gerade wieder. Beim sechzehnten Koloss. Bis du verletzt, Papa? Ja, sage ich. Der blöde Blitz hat mich getroffen. Wir müssen besser aufpassen, sage ich. Pass besser auf, Papa. Sonst verletzt du dich zu doll. Ja, sage ich. Papa? fragt sie. Ist der Koloss böse? Ja, sage ich. Weil er genau weiß, dass ich ihn jetzt gleich wieder angreife und er weiß auch, dass er nicht gewinnen und ich nicht verlieren kann.

Er reißt die Augen auf. Eine Träne läuft an seiner Wange herunter. Sie fällt in den Staub und bindet ihn zu einem kleinen Klumpen Tragik. Schweratmend rafft er sich auf, das Schwert an seiner Seite nach unten gerichtet. Wütend blickt er in Richtung des Koloss. Er schreit. Er rennt. Er wird gewinnen. Wie immer. Er weiß das und er weiß auch, dass jedes einzelne Mal ein Teil von ihm sterben wird. Immer und immer wieder.