Der Dritte Koloss auf Zeit

Am 17. Mai 2015 in film

tl;tr: Nach vorne laufen, bis zum hellen Fleck auf dem Boden. Den Koloss mit einem Pfeil in den Bauch anpissen (vielleicht optional). Zur Seite springen, wenn er nach einem schlägt. Auf das Schwert laufen und hinknien. Im Zenith (haha!) abspringen und Glück haben, dass man oben an der Schulter landet. Vom Nacken her das Siegel auf dem Kopf kaputtstechen. Dann runter zum Bauch und mit kurzen Stichen stetig auf das Siegel dort einstechen. Gelegentlich auf den Vorsprung fallen lassen und ausruhen. Man muss viel Glück haben.

Zwölf Jahre nach Shadow of the Colossus spiele ich es immer noch. Mit Freude. Letzte Woche habe ich mir überlegt, dass dieses Spiel doch der ideale Kandidat für meine erste Playstation Platin Trophäe wäre. Was für eine dumme Idee!

Mir fehlten noch sieben Trophäen, um dieses Ziel zu erlangen: Alle Früchte essen, alle Echsen erlegen, den Tempel erklimmen, maximale Stamina erreichen, alle Time Attacken auf Normal meistern, auf Hard durchspielen und alle Time Attacken auf Hard meistern.

Der Tempel war schnell bestiegen, die Echsen aufzuspüren und zu jagen war ein Riesenspaß (mit der freigespielten Karte versteht sich) und die Früchte haben auch Spaß gemacht, auch wenn die 48 Stück auf dem Dach des Tempels zu finden eine kleine Qual waren. Die Stamina ist in den nächsten Tagen erledigt, weil es nur Fleißarbeit ist. Auf Hard spiele ich auch demnächst durch. Vorher kann ich das Zeitspiel auf diesem Schwierigkeitsgrad gar nicht starten. Blieb der Zeitmodus auf Normal. Was für ein Mist! Shadow of the Colossus hat viele Fehler. Es ist nicht mehr das jüngste Spiel, die Kamera ist wie damals üblich mies, die Steuerung ist unpräzise, die Bildrate ist eine einzige Katastrophe. Die HD-Umsetzung hat nichts davon verbessert. Und es ist egal, denn Shadow of the Colossus ist und bleibt die Definition des Epischen in Sachen Videospiel. Wenn ich in hundert Metern Höhe von einem Riesen falle, weil das Spiel mich irritierte oder ich in einer Kombination aus gedrückten Knöpfen, einem Bildrateneinbruch und/oder einem ungünstigen Kamerawinkel die Nerven verlor, dann klettere ich eben wieder nach oben. Es verstärkt bloß die Begierde den Koloss zu besiegen.

Jetzt kommt der Time Attack Modus. Hier gilt es eine vorgegebene Zeit zu schlagen und genau da liegt der Fehler. Plötzlich muss alles perfekt klappen. Jeder Handgriff muss sitzen, es dürfen kaum Fehler gemacht werden. Nun, dafür ist das Spiel leider nicht gemacht. Es macht am laufenden Band Fehler und wir baden sie in diesem Modus aus. Da krieg ich so’n Hals, ey! Beim dritten Koloss ist es besonders nervig. Um den in der vorgegebenen Zeit zu schlagen, bedarf es zwei Dinge: Glück und Glück.

Folge ich dort dem normalen Prozedere, würde ich ihn am Rand der Plattform zu mir locken, weil er dort nicht nach mir schlägt. Wenn er mich erreicht hat, würde ich ihn tunneln und zu dem runden Stein in der Mitte laufen. Wenn er dort nach mir schlägt, würde ich zur Seite springen, dabei zusehen, wie seine Rüstung beim Schlag auf den Stein zerschellt und mich etwas von dem Stein wegbewegen. Beim nächsten Schlag würde sein Schwert im weichen Boden versinken und ich erklimme darüber den Koloss. Das ganze dauert auf Normal schon fast zwei Minuten von den sechs erlaubten. Oben angekommen benötige ich aber vor allem Zeit und Geduld, den dieser nervige Gegner schüttelt mich in einer Tour durch, so dass ich kaum dazu komme, mit meinem Schwert zuzustoßen. Mehrmals habe ich es versucht, aber mir fehlte am Ende immer mindestens eine Minute.

Also muss ich schummeln. Ich verzichte auf das zeitaufwendige Zerstören der Rüstung, klettere gleich auf das Schwert und nutze im schönsten Aikido-Stil die Kraft des Gegners, indem ich vom Schwert auf den Koloss springe, wenn dieser es aus dem Matsch zieht. Von zwanzig Versuchen klappte das drei Mal. Zweimal fehlte mir am Ende wieder Zeit, weil er nicht stillgehalten hat, was ich nicht beeinflussen kann. Beim dritten Mal hatte ich Glück und wurde nicht in Richtung seines Bauchs geschleudert, wo sich ein verletzbares Siegel befindet, sondern direkt oben auf seine Schulter. Zum schwierigeren Siegel hin: das auf seinem Kopf. Und ich hatte wieder Glück: Ich fand eine Stelle, etwas weiter hinten am Nacken, wo er zwei, drei Stiche lang stillhielt. Ich kletterte also zurück zum Bauch und hatte plötzlich vier Minuten über, fast drei habe ich für das letzte Siegel gebraucht. Mein Gott! Ohne die beiden glücklichen Zufälle hätte ich es wieder nicht geschafft. Das ist ein Design-Fehler und zwar ein ganz großer!

Die Trophäe poppte auf. Immerhin. Das war aber der normale Modus. Als nächstes kommt dann der auf Hard. Das ist kein gutes Gefühl. Aber Agro, das tolle Pferd ist jetzt braun. Süß. Wenn ich den harten Modus auf Zeit schaffe, ist er weiß. Das will ich, würde meine Tochter sagen. Und ich auch.

Das schlimmste aber ist, dass ich das alles schon einmal geschafft habe. Damals, auf der Playstation 2.