Densha de Go! Ryojōhen

Am 29. Februar 2016 in spiel

Beim Ausmisten des Dachbodens fiel mir die Tage unsere alte, gemoddete Playstation 2 und eine handvoll Importspiele in die Hände. Eines davon war Densha de Go! Ryojōhen, die Tram- und Straßenbahn-Version von Taitos langläufiger Serie an Zugsimulationen. Von allen Densha de Go-Teilen, die ich gespielt habe, gefiel mir dieser Teil immer am besten. Eine Fahrt mit der Tram ist etwas, was ich auch im realen Leben als Passagier sehr schätze, wohingegen Fernverkehr-Züge in meinem Fall entweder gar nicht ankommen, sich irgendwie immer verspäten oder mir sonst irgendeine Schweinerei reinwürgen.

Ein von mir über die Jahre hinweg in höchsten Ehren gehaltener, spezieller Controller ist leider nicht über die Playstation Eins hinaus kompatibel und das Pendant für die Playstation 2 mittlerweile schlicht unbezahlbar. So war es am Dualshock 2, mich und meinen Zug durch die Straßen Japans zu geleiten. Das ist zwar ein bisschen gegen die Densha de Go-Ideologie, ist aber immer noch besser als nichts. Bereits vier Trainingseinheiten später legte ich jedenfalls eine fast fehlerfreie Fahrt hin und war glücklich, nach über zehn Jahren noch einen neuen Zug freigespielt zu haben. Lediglich ein japanischer Möchtegern-SUV hat mir die Vorfahrt genommen, was ich wohl durch den beherzten Einsatz der Hupe hätte verhindern können.

Warum macht Densha de Go nun Spaß? Wohl aus dem gleichen Grund, warum der Landwirtschaftssimulator oder ein amerikanischer Trucksimulator Spaß machen: Ich habe keine Ahnung. Es ist vielleicht die Mischung aus Reaktionsspiel und gefordertem Multitasking, der das Gefühl eines Spiels ergibt. Gepaart mit einer stinknormalen Alltags-Situation, einer fremden, aber liebenswerten Kultur und einem alten, fast verblichenen Kindheitstraum, einmal Zugführer zu werden. Zusammen wirkt das dann frischer als der nächste Ego-Shooter.

Ich mache mir nichts vor: In der Freizeit „japanische Straßenbahn-Simulationen spielen“ dürfte bei den meisten Menschen kategorisch zwischen Modelleisenbahn und Fußfetischismus abgelegt sein und wahrscheinlich ist das nicht einmal unfair. In der Realität ist Densha de Go aber eine der härtesten und unnachgiebigsten Spieleserien überhaupt. Die Bahn, die nur indirekt mit einen Balance-Akt aus Antriebs- und Bremskraft gesteuert werden kann, auf einen Meter genau an der Haltestelle pünktlich zum Stehen zu bekommen, gleicht pixelgenauen Sprungpassagen in alten Megaman-Spielen: Es ist zum Haareraufen.

Außer in diesem Teil, in dem es um bloß um Straßenbahnen geht. Wie im echten Leben ist es hier (fast) egal, wann die Tram ankommt. Die nächste kommt ja eh in spätestens zehn Minuten. Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad darf die Bahn außerdem auch mal bis zu drei Meter vor oder hinter der Haltelinie zum Stehen kommen. Da meckert niemand. Also genau das Richtige für graue Spieler wie mich.

Optisch ist dieser Playstation 2-Titel mit Kantenflimmern aus der Hölle und grob pixeligen Objekten übrigens eine Mischung aus Autounfall und Grauem Star. Umso erstaunlicher finde ich es, dass es mich nicht mehr loslässt. Es ist scheinbar egal, was sich da bewegt. Ich achte wohl eh hauptsächlich auf die Instrumente, die über all dem urbanen Drama schweben.

Blöderweise machen sie diese Spiele heute nicht mehr, und so richtig verstehe ich das in Zeiten, in denen Alltags-Simulationen derart florieren, nicht. Die aktuellste Möglichkeit einen Teil der Serie zu spielen, ist ein Download aus dem japanischen iTunes Store für das iPhone. Naja.

Falls doch noch einmal ein neues Spiel dieser Art für eine Konsole erscheinen sollte, hätte ich gerne eine Sonderedition mit beiliegender Lokführer-Kappe und einer Möglichkeit, den entgegenkommenden Fahrer samt Straßenbahn via Tastendruck für Bonuspunkte grüßen zu können. So wie ich es mit einem leichten Nicken und dem Ausruf „Bahn!“ immer dann tue, wenn mir bei Ryojōhen eine andere Tram entgegenkommt.

Ihr wisst schon: Modelleisenbahn und Fußfetischismus.