Daredevil

Am 26. April 2015 in serie

Manchmal hilft es, wenn das Nostalgie-Gefühl stärker ist als der eigene Geschmack. Den Piloten der Netflix Serie Daredevil fand ich uninspiriert, generisch und irgendwie alles andere als spannend. Aber da war dieser Funken Nostalgie, der die ganze Zeit über mitschwang. Etwas, das mich an meine Kindheit erinnerte. An eine Zeit, in der ich nach der Schule in der Stadt Star Wars und Masters Actionfiguren in einem An- und Verkauf gegen stapelweise Marvel- und DC-Comics getauscht habe, um mir die Busfahrt nach Hause zu verkürzen. Die Geschichten waren oft naiv und auch irgendwie plump, aber es galt, abgelenkt zu werden. Naive Superhelden-Geschichten waren besser als die mitunter frustrierende Realität. Die Spinne, Grüne Leuchte, Bat-Man (sic), Roter Blitz der Erde II und Der Dämon. Was heute mein Nerdbonus ist, war damals schlicht Ablenkung.

Trotzdem waren es die schöneren Stunden und obwohl es mir heute überwiegend gut geht, schwingt immer noch eine zusätzliche Portion Freude mit, wenn ich an die Figuren und Geschichten von damals erinnert werde. Gelegenheit dazu gibt es jetzt, im Zenit der großen Marvel-Verwurstung mehr als genug. Großereignisse der nächsten fünf Jahre können wir fast schon punktgenau in Marvel-Filmpremieren angeben. Fußball-WM? Noch zwei Fantastic Four Filme. Bis zur EM ist es bloß noch einer. Olympische Sommerspiele in Tokio? Noch zwei Avengers oder drei Spider-Man (aktueller Umrechnungskurs). Bis zu den Winterspielen der dreiundzwanzigsten Olympiade sind es auch nur noch eineinhalb X-Men Filme (ein X-Men und ein Wolverine).

Zurück nach Hell’s Kitchen und zu Daredevil. Ich hatte also dieses Der Dämon-Gefühl beim Anschauen des irgendwie öden Piloten (und ja, Daredevil hieß damals Der Dämon), also haben wir weitergeschaut. Zum Glück, denn ab Folge Zwei zieht Daredevil kontinuierlich an. Bis zu Shadows in the Glass, die Origin-Story vom Obermotz, gespielt vom großartigen Private Paula, die intelligent die Verknüpfungen zu vorangegangenen Vorkommnissen in der Serie setzt. Der Höhepunkt, wie sich herausstellte. Keine Episode danach konnte ihr das Wasser reichen. Als hätten sich die Autoren komplett ausgepowert, plätschert plötzlich alles nur noch so vor sich hin, jeder macht nur noch nichtnachvollziehbaren Blödsinn und alle heulen ganze Bäche, als wären die überall auf den Dächern von Hell’s Kitchen stehenden Wassertürme undicht. Da muss der Anwalt Matt Murdock aufpassen, dass er in Staffel Zwei nicht noch von Peter Parker auf Plagiarismus verklagt wird.

Ein Aspekt, den ich an Daredevil mochte, war das fehlende Kostüm. Erwachsene Menschen in bunten Rüstungen sind halt Marvel, ich weiß. Aber Daredevil brach schon mit seinem hohen Gehalt an Brutalität und viel Blut mit deren Tradition. Am Ende schlüpft er dann aber doch noch in den Anzug, den ihr alle schon auf den Bildern zur Serie sehen könnt und dann ist sie wieder da, die Cosplay-Party.