Child of Eden

Am 22. Juni 2011 unter spiel

Wenn man wie Microsoft zwei Jahre zu spät auf den Joypad-war-gestern-Zug aufspringt, bleibt nur eins: entweder einsehen, dass man Mist gebaut hat oder so tun als wäre nix gewesen und den Karren knallhart gegen die nächste Wand fahren. Letzterem durften wir alle bei der E3 Pressekonferenz von Microsoft eindrucksvoll beiwohnen: Große Namen wie Tim Schafer und Peter Molyneux durften sich mit Kinect blamieren. Das einzige Spiel, dessen Trailer je Potential für die Kinect-Steuerung zeigte, wurde bereits lange vor der E3 angekündigt und ist diese Woche erschienen: Der Rez Nachfolger Child of Eden. Lest jetzt und hier von meiner unheimlichen Begegnung der dritten Art mit mir als Controller.

Ich bin Optimist, also hatte ich, obwohl Child of Eden und Kinect immer in einem Satz erwähnt wurden, nie Bedenken, das Spiel auch super mit dem Pad spielen zu können. Schließlich war Rez ja auch ein Pad Spiel. Und was für eins. Stundenlang, tagelang, wochenlang habe ich die HD-Neuauflage auf dem großen Fernseher genossen und schwebte mit Dauerfeuer durch die atmosphärischen Klangwelten. Rez war anders. Es sah alt aus, war aber neu. Rez war der Retro-Filmabend mit Tron in den Neunzigern.

Nach dem Einlegen der DVD in meine Xbox 360 begrüßt mich ein eigenartiger Mix aus Computeranimation und Realfilm. Das erinnert mich auch an die Neunziger, allerdings an Dinge, die ich damals schon schnell wieder vergessen wollte. Auch im ersten Level fühle ich mich optisch wie musikalisch in die frühen Neunziger und deren überladene Techno-Musikvideos versetzt. Etwas, was mich persönlich damals extrem genervt hat. Heute bin ich bei so etwas toleranter. Ich kann nach wie vor nichts mit dieser Musik anfangen, stempele aber Menschen, die das tun, nicht mehr wie damals gleich als Banausen ab. Man wird ja reifer. Tanzen würde ich heute wie damals nicht dazu. Ein Problem, wie sich noch herausstellen wird.

Während ich mit der Primärwaffe Rez-esque maximal acht Gegner anvisiere und für höheren Bonus möglichst im Takt abschieße, zieren in regelmäßigen Abständen lila Raketen den Schirm bei Child of Eden. In wunderschön spiralförmigen Mustern kommen sie mir näher und wollen mit der Sekundärwaffe abgeschossen werden, bevor sie mir die kostbare Lebensenergie stehlen. Das Spiel findet dabei nicht in einem statischen Spielausschnitt statt, sondern schwenkt darüber hinaus in alle vier Richtungen, wodurch das Spielfeld etwa der doppelten Fläche des Bildschirms entspricht. Über diese Distanz mühe ich mich mit dem Pad ab, kreisförmig die Raketen einzuholen und abzuschießen. Wer jemals Ôkami auf der Playstation 2 gespielt hat weiß, wieviel Spaß Kreise ziehen mit einem Analogstick macht und so hatte ich weit vor dem Marathon der recycelten Bosse im letzten Level bereits keine Lust mehr weiterzuspielen.

Klar ist auch Child of Eden mit Pad zu bezwingen. Während ich aber ständig den Raketen hinterher fliegen muss, macht sich ein leicht träges Gefühl breit, denn während der Coursor via Kinect oder Move sicherlich binnen eines Bruchteils einer Sekunde von einer Ecke des Spielfelds zur gegenüberliegenden Seite huscht, brauche ich mit dem Pad deutlich länger. Das ist dann eher angestrengtes Reißen als lauschiges Chillen. Zwar gibt es noch den Dive-Modus, in dem ich einmal geschaffte Level ohne Schaden zu nehmen nochmals durchspielen kann, Punkte oder gar Freizuspielendes suche ich dort allerdings vergebens.

In der Theorie funktioniert das Spiel in meinem Kopf also besser mit Kinect und so entscheide ich mich kurzer Hand das Satanswerkzeug aus der Videothek zu leihen. Vor gut drei Monaten noch zierte eine große, überwiegend leere Fläche den Platz vor unserem Fernseher. Leider konnte ich da aber nur die Hälfte der Texte auf dem Bildschirm erkennen und so wurde zu der Zeit kurzer Hand das Wohnzimmer umgestellt. Texte waren nun sehr gut zu lesen, Full HD-Grafik gestochen scharf zu erkennen, dem Kinect-Spaß aber scheint das Sofa in zwei Meter Abstand zum TV eher nicht förderlich zu sein. Das Einrichten des Sensor gerät zur Qual, das Spielen ebenfalls. Letztendlich klappt es halbwegs, indem ich mich auf die Lehne des Sofas setzte (nachdem ich mich vor jedem Spielbeginn stehend zu erkennen geben muss … hallo?!). Das darauf folgende Gelächter und die Häme ertrage ich wie ein gestandener Mann.

Alles in allem ist das Experiment Kinect in unserem Wohnzimmer gescheitert. Selbst wenn wir genügend Raum hätten, sodass es einwandfrei funktionieren würde, bliebe der Spielspaß für mich auf der Strecke. Ein zehnminütiges Level bei Child of Eden mit ausgestreckten Armen ist echter Sport. Wer zu der Musik des Spiels eine Nacht lang im Club tanzen kann, der hält das auch locker vor der Dreisechzig durch. Ich aber habe nie zu dieser Musik tanzen wollen und werde das auch jetzt nicht tun.

Und so glaube ich fast, dass mit dem Erscheinen der Playstation 3 Version inklusive Move-Steuerung vielleicht die optimalste Variante des Spiels erscheint. Oh, Gott! Für diesen Satz werde ich mich eine ganze Weile nicht mehr im Spiegel anschauen können. Ich hasse mich. Und ich hasse Kinect und Move. Und ich hasse Child of Eden dafür, dass mir erst im Bonus-Level ein kolossaler Track auf dem Niveau von Adam Freelands Fear aus Rez HD geboten wird. Leider.

Ihr werdet es bemerkt haben, ich schreibe es abschließend aber dennoch einmal explizit aus: ich habe von Child of Eden etwas anderes erwartet. Andere Musik und eine bessere Pad-Steuerung. Wer damit leben kann oder sich mit den Armen fuchtelnd und in Trance vor dem Schirm stehen sieht, der bekommt mehr für sein Geld, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Neben der ständigen Jagd nach der Highscore in der Freundesliste gilt es jeden Level auf 100% zu spielen, Wesen für den Garten (das Hauptmenü) freizuschalten und eine umfangreiche Kunstgalerie zu füllen. Sogar ein kleines Effekte-Gerät könnt ihr euch erspielen, mit dem ihr live die Musik im Spiel verändern könnt. Das ist doch was. Oder nicht?