Battlefield 1943

Am 3. Dezember 2010 unter spiel

Liebe Wendy? Ja. Ich beginne diesen Artikel mit dem Titel von Thomas Vinterbergs filmischen Meisterwerk, in dem ein junger Pazifist seine Liebe zu einer Feuerwaffe entdeckt. Das passt ein bisschen, denn in meinem Fall habe ich als Pazifist meine Liebe zu dem im zweiten Weltkrieg angesiedelten Multiplayer-Ego-Shooter Battlefield 1943 entdeckt. Eine echte Schusswaffe und ein Kriegsspiel haben natürlich entgegen der Meinung vieler Politiker, wenig bis gar nichts miteinander gemein und meine Geschichte wird deswegen auch nicht in einem Blutbad enden. Persönlich fühlte ich mich aber dennoch so ein wenig wie der Protagonist in Dear Wendy. Und da es sicher viele Spieler wie mich da draußen gibt, die Battlefield 1943 bis dato ignoriert haben, hier ein kleiner Einblick, warum ich das Spiel so liebe und es mir derart viel Spaß macht.

Eins vorweg: ich mag normalerweise keine Kriegsspiele. Zumindest nicht solche, die versuchen, den Schrecken des Krieges realistisch auf den heimischen Bildschirm zu übertragen. Früher war das anders und wie viele andere hat auch mich das erste Medal of Honor für die Playstation schwer begeistert. Das war aber eher aus technischen und audiovisuellen Gründen. Später habe ich mich von realistischen Kriegsspielen weitgehend distanziert. Metal Slug, mit seinem unvergleichlichen Comic-Charm oder das durchaus unterschätzte Front-Schweine hießen die Kriegsspiele, die ich mir noch gefallen ließ. Für Velvet Assassin warf ich 2009 erstmals alle Zweifel über Bord für ein weiteres virtuelles WW2-Intermezzo. Bei Schleichspielen kann ich einfach nicht anders. Aber warum genau änderte ich nach dem ersten Probespielen von Battlefield 1943 meine Einstellung gegenüber einem Multiplayer-Spiel, das historisch auf einer der blutigsten Schlachten des zweiten Weltkriegs basiert, in der über 20.000 Soldaten ihr Leben ließen?

Weil es Battlefield 1943 nicht schafft oder besser gesagt, gar nicht erst versucht, die Brutalität dieser Kämpfe realistisch rüberzubringen. Auf der einen Seite gibt es zwar authentische Waffen, Gefährte und Gebiete, auf der anderen aber fehlt vor allem eins: Blut. Stattdessen poppt beim tödlichen Schuss auf einen Soldaten dessen Ausrüstung in Form eines dicken Rucksacks auf und fällt an Ort und Stelle zu Boden. Das sieht weniger nach Krieg aus und eher nach einem klassischen Videospiel, das uns mit einem Extra belohnen will. Und natürlich steht in einem Multiplayer Spiel, in dem man sich mit 23 Mitspielern um die vordersten Plätze in der Top 5 der Gesamtwertung bekriegt, der Wettkampfgedanke weit vor dem Versuch, überhaupt am Leben zu bleiben. Klar, denn nach dem eigenen Tod stürzt man sich schließlich einige Sekunden später schon wieder wie neu geboren in den Kampf. Und weil der Schnelleinstieg ins Spiel uns nicht mal die Entscheidung überlässt, für wen wir wo in den Krieg ziehen, verschwimmen die historisch inspirierten Fronten schon nach kürzester Zeit und anstatt US Marines oder kaiserliche japanische Armee gibt es für uns bloß noch die eigene, blau dargestellte Truppe und bekämpft wird einfach alles, was rot auf der Karte dargestellt wird. Egal für welche Streitmacht. Und so traurig die Geschichte der Schlacht um Iwo-Jima und alle anderen Schauplätze des zweiten Weltkriegs auch ist, die weißen Strände (Ist Vulkanstein nicht eigentlich schwarz, Dice?), das herrlich blaue Wasser und die pazifische Faune der drei Karten, wirken auf mich weit weniger bedrückend als graue, kalte Häuserschluchten. Auch ein Punkt, warum ich gerne mit gezücktem Gewehr über die Inseln tobe.

Der Wettkampfgedanke wird weit über das Punktesystem des Spiels hinaus getragen. Trophäen auf der PS3 und Erfolge auf der Xbox360 spornen uns zusätzlich an, erneut einem Spiel beizutreten. Und wenn die volle Punktzahl bei diesen Systemen ergattert wurde, ist es immer noch nicht vorbei, denn Battlefield 1943 vergibt darüber hinaus auch noch Postkarten und Stempel, ein eigenes Belohungssystem, für weitere, teilweise sehr hart zu erspielende Ziele. Ein Paradies also, für Trophäen- und Achievement-Jäger.

Ab und an holt uns dann die Realität dennoch ein. Wenn neben uns zum Beispiel eine Bombe einschlägt und wir mit simulierten Hörsturz in lähmender Stille nach Deckung suchen und links und rechts die Kugeln einschlagen. Ist ja doch noch ein Kriegsspiel. Dann aber erkennt man den Unterschied zwischen alteingesessenen Genre-Profis, die versuchen aus einer solchen Situation mit Geduld zu entkommen und Spielern wie mir, die mit gezückter Panzerfaust oder Granatwerfer auf den nächsten Hügel vor ein herannahendes Flugzeug springen und ihr virtuelles Leben für den kurzen Triumph im Kampf David gegen Goliath geben. Das funktioniert selten, bei Erfolg können wir aber das Knirschen der Zähne des gegnerischen Spielers förmlich hören. Toll!