Sea of Thieves

Am 17. April 2018 unter spiel

In dem Moment, in dem mir klar wurde, dass Sea of Thieves eigentlich Elite Dangerous auf hoher See ist, hatte ich bereits mehrere Tage damit verbracht das Meer zu erkunden, Schätze zu suchen, Hühner und Schweine zu jagen, die Schiffe anderer Spieler vorsichtig zu umsegeln und Stürme mit beachtlicher Trefferquote Volley zu nehmen. Das deckt sich mit meinem Tagesablauf in Elite Dangerous, wo ich die Galaxis erkunde, seltene Materialien berge, Handel betreibe, anderen Spielern davon fliege und ab und an einem Stern dabei so nahe komme, dass mein Bordcomputer mir die Leviten liest. Das Internet sagt, das ist nicht genug und das Sea of Thieves Reddit-Forum wird mit Verbesserungsvorschlägen überschwemmt, die allesamt ein komplett anderes Spiel ergeben würden. Alles was ich mir für die Zukunft wünsche ist, dass es von allem ein wenig mehr gibt.

Der Grind ist das neue Schwarz. Zumindest bei Spielen wie Sea of Thieves und Elite Dangerous. Der Grind ist, wenn man bei einem Spiel, das auf eine lange Halbwertzeit ausgelegt ist, für die Spielwährung oder die Erfahrungsstufe eigentlich immer das gleiche macht. Games as a Service heißt das bei der Marketing Heuschrecke, die beim Klang dieses Anglizismus eine feuchte Hose bekommt, während der Blogveteran bei solchen Wörtern gar nicht weiß in welche Richtung er zuerst kotzen soll. Aber ich mag den Grind. Ich mag es, bei Sea of Thieves los zu segeln, mit dem Fernglas nach Vogelschwärmen Ausschau zu halten, um Schiffwracks zu entdecken und dort eventuell Schätze zu bergen. Ich mag es, dass das Spiel dabei meine tiefste und innerste Angst herausfordert, indem es mir einen Hai auf den Hals oder das Bein hetzt, wenn ich zu lange tauche. Ich mag es, mit der völlig komplizierten, aber sehr realistischen Segel-Mechanik Inseln anzusteuern, und ich mag es, dass ich, bis auf die Güter, die sich gerade auf meinem Schiff befinden, im Falle eins Angriffs nichts zu verlieren habe. Wenn ich sterbe oder kentere kehre ich nach einem kurzen Aufenthalt auf der Fähre der Verdammten wieder in die Welt der Lebenden zurück. Mit den selben starken Waffen und dem selben Schiff. Bei Sea of Thieves gibt es zum Glück keine Upgrades, die erst gefunden oder freigespielt werden müssen.

Klar tut es trotzdem weh, wenn ich Schätze geborgen habe und ich dann zusehen muss, wie diese von Bord getragen werden, während ich verzweifelt versuche wenigstens einen der Piraten zu Davy Jones in die Umkleide zu schicken. Aber das ist das Schicksal des Einzelspielers. Ich muss zusehen, dass ich Gefahren möglichst früh erkenne und dann umsegele. Ich muss öfter schwimmen und gehen, um Güter auf mein Schiff, und genau so oft schwimmen und gehen, um diese wieder von Bord zu bekommen. Das artet schon mal in Arbeit aus. Das „Alte Mann und das Meer” Feeling aber macht es unterm Strich mehr als wett. Oder die Spieler, die man trifft und die einem nicht sofort an die Gurgel wollen (Bei Piraten ergibt sich diese Situation erfahrungsgemäß dann, wenn beide Seiten keine Güter oder Gold dabei und somit nichts zu verlieren haben). Dann wird schonmal zusammen getanzt, gesoffen, musiziert und anderer Blödsinn gemacht. Ich kann euch jetzt zum Beispiel mit Gewissheit mitteilen, dass eine Stunde nicht ausreicht, um sich über eine Bordkanone direkt vor den Tresen einer Taverne an Land zu feuern (Ich habe, was das angeht, aber noch nicht aufgegeben).

Und so kam mir nach einer Woche Sea of Thieves vor allem eine Erkenntnis: Elite Dangerous braucht auch ein Akkordion! Oder eine Konzertina, die man wie Kapitän Janek in Prometheus auf einer langen Reise durchs All spielen kann.

Und ja, auch ich bescheinige euch hiermit, dass es kein schöneres Meer in einem Videospielen gibt, als das von Sea of Thieves.


Pastinaken

Am 12. April 2018 unter prosa jasonstatham

Rosie und Jason Statham wollen es sich gerade mit einem Sechserträger Piccolosekt und ihrem ein Jahr alten Sohn Jack Oscar am Strand von Venice Beach gemütlich machen, als ein erboster Aufschrei die Ruhe jäh zerreißt. Eine aufgebrachte Mutter echauffiert sich einige Minuten später bei Rosie, dass Jack Oscar ihren zehnjährigen Sohn mit dem Gesicht in einer Sandburg fixiert hat und aktuell versucht dessen Hände hinter dem Rücken mit einem abgerissenen Stück Jeans seines modischen Einteilers zu fesseln. Während Rosie mit ruhiger Stimme und einer Flasche Sekt versucht, die Situation zu entschärfen, starrt Jason Statham hinter seine Sonnenbrille regungslos auf das offene Meer hinaus. Er seufzt.

Es ist ruhig geworden um die durchtrainierte Killermaschine. Man sagt, dass Kinder den Charakter der Eltern verändern, und tatsächlich hat Jason Statham letztens erst Brötchen geholt, ohne dabei Kollateralschäden im sechsstelligen Bereich zu verursachen. Sogar die Bäckerei selbst konnte nach einwöchiger Pause für den Wiederaufbau wieder ihren Betrieb aufnehmen. Quasi reibungslos. Irgendetwas fehlt Jason Statham. Er ertappt sich immer wieder bei Handlungen, die ihn stutzig machen. Eine Zwiebel wird von ihm plötzlich gewürfelt, ohne sie vorher fachmännisch an mindestens drei vitalen Punkten mit dem gerußten Santoku zu durchbohren. Oder das abgekochte Wasser zur Reinigung von Jack Oscars Babyflasche, das er letztens einfach in den Ausguss goss, ohne vorher damit noch schnell einem Verbrecher das Gesicht zu verbrühen. Dass mit ihm wirklich irgendetwas nicht stimmte wurde ihm allerdings erst klar, als er neulich mit Liam Neeson am Kamin eine Flasche Bier geöffnet hatte, indem er ihren Kronkorken mit einem Flaschenöffner entfernte und nicht, wie eigentlich üblich, den Flaschenboden an einer harten Oberfläche zerschlug. Dieses Mitleid in Liam Neesons Blick tat mehr weh, als das zerborstene Paddel, das er sich selbst beim Angelausflug mit Jack Oscar ein Wochenende vorher aus dem Oberarm operieren musste.

Der leichte Wellengang des Meeres hypnotisiert Jason Statham in seinem Kummer. Während links von ihm seine Frau Rosie bereits die dritte Flasche Piccolo mit der inzwischen ruhig gestellten fremden Mutter öffnet, meldet sich Jason Stathams Spinnensinn zu Wort. Am Horizont des kalifornischen Meeres erscheint glitzernd die Rückenflosse eines Hais! Auf halber Distanz zwischen dem marinen Killer und Jason Stathams stählernen Blick paddelt der kleine Jack Oscar auf einer roten Luftmatratze durch die seichten Wellen. Nur wenige Sekunden später ertönt die Warnung der Küstenwache aus dem 60 Jahre alten Propagandalautsprecher, aber da hat sich Jason Statham bereits nackt bis auf die Gucci-Unterhose (ohne Eingriff) in die Wellen gestürzt.

Jack Oscar, der sich gerade mit den Zähnen eine Dose Pastinaken aufgemacht hat und im Begriff ist, diese über einem Campingkocher auf der Luftmatratze heiß zu machen, merkt von der herannahenden Katastrophe natürlich nichts. Er ist ja noch klein. Der riesige Hai hingegen freut sich auf einen Happen zwischendurch und hat jetzt deutlich Fahrt aufgenommen. Wie ein Delfin springt Jason Statham auf dem Weg zu seinem Sohn immer wieder aus dem Wasser, als er mehre Boote der Küstenwache überholt und eines davon beinahe zum Kentern bringt. Er weiß, dass jede Sekunde zählt, um die drohende Katastrophe zu verhindern.

Als Jason Statham sich versehentlich in der Schiffsschraube eines zufällig vorbeikommenden Containerschiffes verfängt und dieses daraufhin innerhalb von Sekunden und mit rund 90 Containern voll Samsung Galaxy S9 Mobiltelefonen untergeht, ist es bereits zu spät. Der Angriff dauert nur Sekunden, die darauf folgende Stille aber ist unerträglich lang. Die Boote der Küstenwache haben Jason Statham, der wie gelähmt vor sich auf das Meer starrt, nun erreicht und ein Mitglied der Besatzung übergibt sich beim Anblick der Katastrophe ins Meer. Im größeren Umkreis der Luftmatratze hat sich das Wasser vom Blut rot gefärbt. Überall schwimmen kleinere Fetzen ehemaligen Lebens. Auf der Luftmatratze blickt der hungrige Jack Oscar, dessen Mundpartie blutverschmiert ist, fröhlich in die Dose Pastinaken in denen jetzt auch Teile eines fachmännisch zerteilten Haifischs schwimmen.

Es kommt die Zeit im Leben eines Helden, da werden die Zeichen, in den Ruhestand zu treten, deutlicher. Jason Statham, dessen Zeichen einer majestätischen Kreatur, die Millionen von Jahren überdauert hat, nicht aber Jack Oscar Statham gewachsen war, das Leben gekostet hat, schwimmt sichtlich gebrochen mit einer Luftmatratze und seinem Sohn im Schlepptau und an einem Schwarm Samsung Galaxy Telefonen vorbei, zurück an den Strand. Er braucht jetzt dringend einen Piccolosekt. Und von Haien möchte er am liebsten erst einmal gar nichts mehr hören.


The Outsider

Am 28. März 2018 unter film

Die Netflix Produktion The Outsider ist ein Yakuza Genre Film unter dänischer Regie mit Jared Leto in der Hauptrolle. Leider ist er bei weitem nicht so abstrakt, wie der vorangegangene Satz vielversprechend vermuten lässt. Ich glaube, The Outsider ist nicht einmal ein guter Film, aber es gibt Dinge, die machen solche Feinheiten zur Nebensächlichkeit. Zum Beispiel der japanische Schauspieler Tadanobu Asano oder sich permanent anschreiende Yakuza per se.

Während Asano der westlichen Hemisphäre wohl am ehesten als Hogun der Grimmige an der Seite von Marvels Thor bekannt ist, stellt er meine Heterosexualität bereits seit den späten Neunzigern in Shark Skin Man and Peach Hip Girl auf eine harte Probe. Da bin ich dann halt auch nicht so, wenn es um kantige Details geht. Etwa die vorhersehbaren Momente, die unlogischen Verhaltensweisen der Pro- und Antagonisten oder das gute Dutzend Figuren, so flach sind wie die Sake-Schälchen aus denen sie trinken.

Ich habe auch prinzipiell nichts gegen die von James Clavell romantisierte Figur des Gaijin, in diesem Falle Jared Leto als Ex-G.I., aber an dessen Rolle gibt es wirklich gar nichts, was nicht komplett austauschbar gewesen wäre und unbedingt hätte amerikanisch sein müssen. So wirkt er halt hauptsächlich wie die westliche Galionsfigur, die dem Film schlicht mehr Zuschauer bringen soll.

Davon abgesehen hält der Titel, was das Yakuza Genre verspricht und ausmacht: Ehre, Verrat, schreiende Gangster in Anzügen, brutale Morde und abgetrennte Finger. Und als Bonus gibt es noch die bemerkenswerteste Schädelform seit David Lynchs Elefantenmensch obendrauf. Handwerklich sticht vor allem die hervorragend umgesetzte Sumo-Szene heraus. Ich hätte mir mehr Momente dieser Art gewünscht, dann wären wohl auch mehr hängengeblieben. So hat mir der Film vor allem die Zeit bis zur einer mir zugänglichen Veröffentlichung von Takeshi Kitanos letztem Outrage verkürzt.


AKA to Blue

Am 14. März 2018 unter spiel

Nachdem der japanische Shoot’em-up Spezi Cave den Großteil seiner Apps nicht, wie von Apple gefordert, auf den 64Bit-Standard hochgeschraubt hat, sind diese quasi aus dem App Store verschwunden. Das ist hart, dank Bullet Hell Monday und dem im Herbst letzten Jahres erschienenen AKA to Blue aber gar kein so großer Beinbruch. Letzteres beschert uns Entwickler Tanoshimasu, unter dessen Dach auch einige Ex-Mitglieder von Cave eine neue Heimat gefunden haben, und schlägt mit selbstbewussten 9 Euro für die App zu Buche. Dafür kann es sich aber auch sehen lassen.

Die Neuerfindung des Bullet Hell Shmups, wie sie in Bullet Hell Monday stattfand, fehlt hier zwar, aber die für ein Smartphone Spiel astrein stromlinienförmige Menükontrolle, der hohe technische Standard (es spielt sich auf dem iPhone SE butterweich) und die feinen Optimierungen eines bewährten Systems sprechen für diesen Titel. So wurde zum Beispiel komplett auf die Möglichkeit verzichtet, den Schwierigkeitsgrad einzustellen. Dafür wird die Lebensanzeige vor jedem neuen Level einfach wieder auf drei Versuche hochgesetzt. So straft ein Flüchtigkeitsfehler zu Beginn des Spiels den Spieler nicht ab, wenn später jedes Leben zählt. Die Königsdisziplin, AKA to Blue in einem Durchgang zu beenden, rückt dadurch zwar merklich näher an den Bereich des Möglichen, als es bei anderen Vertretern dieser Gattung Spiele der Fall ist, aber bei einem Smartphone Titel kann ich das nicht wirklich als Kritik gelten lassen.

Optisch wird mit einer raffinierten Präsentation, einem tollen Maschinendesign und abwechslungsreichen wie stimmungsvollen Hintergründen geglänzt. Das Punktesystem, welches für mich bei vielen Shmups ja für ewig ein Geheimnis bleibt, verhält sich auf den ersten Blick durchschaubar und belohnt Abschüsse aus nächster Nähe und vor allem den Einsatz von Smartbomben in feindliche Kugelnebel, was sonst ja eher so ein Zeichen der Schande ist, mit obligatorischen funkelnden Goldmünzen. Bei letzterem gilt der taktisch gut gewählte Zeitpunkt, denn eine erfolgreich eingesetzte Attacke, die genügend Kugeln in Münzen wandelt, erzeugt eine Kettenreaktion, bei der ein großes Projektil entsteht, welches wiederum etliche Kugeln und Gegner in Goldmünzen wandeln kann.

Wer eine gute Hand-Augen-Koordination aufweist, kann neben dem Ausweichen von blauen und rosa Kugeln und dem gezielten Einsatz von Sprengkörpern zusätzlich doch auch noch auf das aus Caves DoDonPachi Reihe bekannte Combo-Meter achten und versuchen, Abschüsse für höhere Boni miteinander zu verketten. Wessen Hand-Augen-Koordination eher so auf meinem Level verweilt, dessen Gesicht knirscht spätesten beim zweiten Boss aufgrund von Panikattacken und vertraut von da an verzweifelt auf Fortuna, um vielleicht irgendwann mal alle fünf Abschnitte irgendwie zu überleben. Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister und den Spielspaß eines Shmups aus.

Die neun Euro sollten also weniger mit der Langzeitmotivation verrechnet werden, als mit der Tatsache, dass ihr hier einen technischen Referenztitel für traditionelle Shmups bekommt, den ihr immer mal wieder zur Überbrückung kleinerer Wartezeiten aufrufen könnt.


The Shape of Water

Am 17. Februar 2018 unter film

The Shape of Water ist einer dieser Filme, die auch dann noch in meinem Kopf verweilten, als der Vorhang im Kinosaal längst wieder zugezogen war. Als ich bereits auf dem Weg nach Hause in der Bahn saß und aus dem Fenster ins Schwarz ‪der Tunnel‬ blickte. Als ich später in der Nacht bereits im Bett lag und im Halbdunkel lediglich an die Decke starren konnte, weil an Einschlafen nicht zu denken war. Weil dieser Film eine wundervoll bewegende Hommage an die Geschichte des Kinos ist. Vorweg an den Klassiker „Der Schrecken des Amazonas“, dessen Kreatur er perfekt und jenseits jedes Uncanny Valleys auf die Leinwand zaubert, aber nicht undeutlich auch an die besseren Zeiten von Caro und Jeunet (traurigerweise der einzige, der das scheinbar nicht verstanden hat). Er hat sogar die Lovecraft-Elemente, die Guillermo del Toros Hellboy-Verfilmungen, aus für mich völlig unverständlichen Gründen, vermissen lassen. Er hat eine Geschichte, die Hauptdarstellerin Sally Hawkins mit Bravour versteht direkt ins Herz der Zuschauer zu transportieren und er hat einen Michael Shannon, dessen Darstellung des bitterbösen Antagonisten im Zusammenhang mit einer ausgebliebenen Nominierung nicht weniger als der erste Oscar-Skandal 2018 sein dürfte.

Habe ich mich letztes Jahr noch geärgert, dass der deutsche Erscheinungstermin volle zwei Monate hinter dem US-Release liegt, freue ich mich jetzt umso mehr auf ein baldiges Erscheinen der US-Streaming-Fassung und eine Zweitsichtung auf dem eigenen Sofa.